Liegt es an Verwandtenehen?

Rätselhaftes Säuglingssterben in Neukölln

In Neukölln sterben fast doppelt so viele Säuglinge wie im Berliner Durchschnitt. Woran könnte es liegen? Etwa an den in Neukölln auffallend häufig anzutreffenden Verwandtenehen? Nun ist darüber ein heftiger Streit entbrannt – nicht nur darüber, ob es tatsächlich daran liegen könne, sondern auch darüber, ob es bereits »rassistisch« ist, so etwas anzunehmen und zur Diskussion zu stellen.

Falko Liecke von der CDU ist seit neun Jahren Stadtrat in Neukölln und seit sieben Jahren für Jugend und Gesundheit zuständig. Seit zwei Jahren ist er stellvertretender Bürgermeister. Er hatte eine Pressemitteilung herausgegeben, in der er ankündigte, das Problem der auffallend hohe Säuglingssterblichkeit in Neukölln anzugehen und »ins Visier« zu nehmen. Dazu müssten natürlich zunächst die Ursachen erforscht werden. In seiner Presseerklärung wurde bereits über verschiedene Möglichkeiten spekuliert.

Vielleicht liege es an ärztlicher Unterversorgung, hieß es. Dann folgte ein Nebensatz, der, wie die Berliner Morgenpost schreibt, ein »politisches Erdbeben« auslöste. Es könnte, so hieß es weiter, an ärztlicher Unterversorgung liegen, oder an einer »Häufung von Verwandtenehen«.

Liecke wurde daraufhin mit parlamentarischen Anfragen von Grünen, Linken und von der SPD überhäuft. Ihm wurde vorgeworfen, »voreilige Schlüsse« zu ziehen und sogleich wurde die Rassismus-Keule geschwungen, so dass sich Liecke zu der Antwort genötigt sah: »Politikern Rassismus vorzuwerfen ist einfach. Das Problem zu lösen nicht.«

Das kritische Stichwort lautet: »konsanguin«. Was bedeutet das? Als konsanguin werden Ehen von blutsverwandten Paaren bezeichnet, beispielsweise Cousins und Cousinen. Im Gegensatz zu Inzest ist das in den meisten Rechtssystemen erlaubt. Jedoch in einer Studie, auf die sich Liecke in dem Zusammenhang bezog, heißt es: » … bei konsanguinen Partnern verdoppelt sich die Gefahr, dass Kinder behindert auf die Welt kommen.«

Der Tagesspiegel sieht das nicht so. Er spricht von einer »These ohne Grundlage«, von einer »rassistischen Hypothese« und verweist auf die Nähe zu einer Anfrage der AfD, die schon im April nach einer Verbindung zwischen Behinderung, Inzest und Migration gefragt hatte – und so heißt es im Tagesspiegel zusammenfassend: »Die Diskussion um die Verwandtenehe ist rassistisch und antimuslimisch«.

Der Chefarzt Rainer Rossi, der seit 22 Jahren die Kindermedizin in Neukölln leitet, sorgt sich um die vielen toten Säuglinge. »Wir sind erschrocken und müssen dem nachgehen«, sagt er. Den Einfluss von Verwandtenehen auf die Säuglingssterblichkeit hält er für vergleichsweise gering. Viel stärker, so meint er, wirke sich der soziale und finanzielle Status der Eltern auf die Gesundheit der Babys aus. Der ist in Neukölln bekanntermaßen vergleichsweise niedrig. Häufig gehe dies mit Stress, schlechter Ernährung, Übergewicht und anderen negativen Faktoren einher.

Die Ursachen sind also – da sind sich alle einig – »komplex«. Es spricht nichts dagegen, sich um die vielen Faktoren zu kümmern und die Probleme offen anzusprechen. Nur eins nichts. Die von Liecke angedeutete Möglichkeit, dass Verwandtenehen eine Rolle spielen könnten, gilt in der angespannten Lage als »pauschaler Anwurf« – so etwas »diffamiere Ausländer«.

Neu ist das nicht. Schon 2011 hatte Adorján Kovács das Thema in der freien welt ausgeführt und hatte dabei auf entsprechende Studien hingewiesen, sowie auf »Tatsachen«, die mit »mangelnder Integration« zu tun haben und hatte dazu ganz richtig bemerkt: »Es gibt Dinge, über die man in Deutschland nicht gern spricht.«

 

 

Sven von Storch

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