Der diesjährige Siegertitel ‚Toy‘ der Sängerin Netta kam aus Israel. Das Votum des Publikums und der Jury kann durchaus als Sympathiekundgebung für den Staat Israel gesehen werden. Israel gehört nur am Rande zu Europa und rückt nun in den Mittelpunkt: Israel wird der Austragungsort für den nächsten Wettbewerb werden. Allein schon die Worte »Nächstes Jahr in Jerusalem« - eine feststehende Redewendung -, derer sich Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sofort bediente, sieht der stern als Provokation und findet, dass Tel Aviv der bessere Austragungsort wäre – »eigentlich spricht vieles gegen Jerusalem«, meint der stern.
Von Israel-Gegnern wurde das sogleich mit hässlichen Cartoons kommentiert. Israel-Freunde wiederum feiern die Einbindung Israels in den Westen. Der Bürgermeister Nir Barkat erklärte begeistert, dass »die Stadt Jerusalem die Veranstaltung von Eurovision 2019 in der israelischen Hauptstadt in jeder erdenklichen Weise unterstützen wird. Gemeinsam werden wir der ganzen Welt das herrliche Gesicht Jerusalems zeigen«.
Auch der zweitplatzierte Beitrag aus Cypern orientiert sich nach Westen. Beide Lieder können als Sieger-Titel gelten. Beide verkörpern die äußersten Vorposten einer westlichen, nicht muslimischen europäischen Lebensart im Orient.
In Hinblick auf die Frage, wie Geschlechterrollen in den Liedern dargestellt werden, könnten beide Beiträge kaum unterschiedlicher sein: In dem Song aus Israel spiegelt sich die aktuelle #Me-too-Aufregung wider, da klingt sogar etwas von der Fatshaming-Kampagne an (Was ist das? Kurz gesagt: Von Fatshaming spricht man, wenn Männer keine fetten Frauen mögen).
Die Textzeile »I am not your toy« kritisiert – ganz im Sinne der Feministen – die Objektifizierung der Frau. Beklagt wird ein »stupid boy«, der die Sängerin offenbar als Spielzeug betrachten will. Womöglich ist die mollige Netta bei der Männerwelt nicht ganz so begehrt, wie sie meint.
Die griechische Sängerin Eleni Foureira wiederum, die für Cypern »durchs Feuer ging«, wie die Presse schreibt, trat in einem Kostüm auf, von dem man nicht einmal sagen kann, dass es »eng anliegend« gewesen wäre, es war eigentlich gar nicht vorhanden. Sie sah aus, als hätte sie überhaupt nichts an und wäre nur bemalt gewesen. Sie war sexy im traditionellen Sinne des Wortes.
Und das Männerbild? Wie sieht es damit aus? Es ist heute das Bild vom sanften, vom traurigen Mann. »Jammerton A«, wird gespottet. Die empfindsamen Männer, die neuerdings schüchtern ins Rampenlicht treten, verkörpern genau das Gegenteil der Muskelprotze, die vor kurzem mit dem ‚Echo‘-Preis ausgezeichnet wurden.
Der deutsche Beitrag ist mit einem vierten Platz sensationell gut weggekommen. Normalerweise finden wir die deutschen Beiträge zuverlässig auf den hintersten Plätzen. Die Sangeskunst ist offenbar nicht des Deutschen Sache. Bemerkenswert war das Lied von Michael Schulte in verschiedener Hinsicht: Es ist seinem verstorbenen Vater gewidmet und kommt ganz ohne Männer-Bashing und ganz ohne Kritik am Patriarchat aus. Worum ging es? Eins, zwei, drei: eine Liebe, zwei Menschen (Vater und Mutter), drei Kinder. So geht der Refrain von ‚You Let Me Walk Alone‘. Im August wird Schulte selber Vater. Es besang also ein klassisch, traditionelles Familienbild und verkörpert es auch. Und das im Jahre 2018. Hört, hört!
Man könnte meinen, dass in dem diesjährigen Liederwettbewerb eine gewisse Rückbesinnung auf traditionelle Werte ablesbar war. Dafür spricht auch, dass diesmal mehr Lieder in der Landessprache gesungen wurden als in den Vorjahren. Der deutsche Beitrag gehörte allerdings nicht dazu. Michael Schulte sang (leider) englisch.
Seit 1999 ist es nach den Regeln erlaubt, in einer anderen Sprache als in der Landessprache zu singen. ‚Wadde hadde dudde da‘ (falls sich jemand erinnert) markiert in Fantasie-Sprache diese Wende im Reglement. Damit wurde eine problematische Entwicklung eingeleitet, die schon bald dazu führte, dass sie meisten Beiträge englische Texte hatten und es nicht mehr erkennbar war, welches Land sie eigentlich repräsentieren sollten. Es klang alles nach dem Einheitsbrei der bunten Vielfalt.
Portugal war stets eine erfreuliche Ausnahme gewesen. Die Texte waren in der Landessprache. Die Musik war vergleichsweise originell. Portugal stand für ein Europa der eigenständigen Nationen mit erkennbarer Besonderheit. Die Platzierung war meist »unter ferner liefen«. Beim letzten Mal nicht. 2017 hatte Portugal mit dem sympathischen Sänger Cláudia Pascoal* gewonnen, der ganz ohne Mätzchen und ohne Verrenkungen den meisten Zuspruch erhalten hatte und den Preis nach Lissabon holte.
Der ESC ist natürlich eine Kommerz-Show, an der es viel zu kritisieren gibt. Da ist viel Blendwerk im Spiel. Der Siegertitel aus Israel ist albern. Dennoch muss man zugestehen, dass immer noch viel an handwerklicher Qualität aufgeboten wird und dass sich der künstlerische Impuls, der nach Wahrhaftigkeit und Aktualität strebt, offenbar nicht gänzlich korrumpieren lässt.
Eine gute Note, die trotz alledem eine optimistische Stimmung verbreitet, war da schon noch herauszuhören.
*Korrektur: Cláudia Pascoal stellte den diesjährigen Beitrag vor. Der sympathische Vorjahressieger hieß Salvator Sobral


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