Jedes Jahr aufs Neue spielt sich eine angeblich unabhängige Jury zur moralisch-linguistische Sittenwächterin auf und erhebt mahnend den Zeigefinger. Sie nennen sich Sprachexperten und wollen nach eigenem Bekunden die »Sensibilität für Sprache« fördern. Man sollte sie eher Propaganda-Experten nennen. Denn es geht ihnen nicht um Sprache, sondern um politisch korrektes Sprechen. Mit der Sensibilität für Sprache ist es nicht weit her.
Zum Unwort wurde diesmal der Begriff »alternative Fakten« gekürt. Die Mainstream-Medien berichten in der Regel unkritisch davon – u.a. Zeit, Süddeutsche, taz. Was steckt dahinter?
Kellyanne Conway, die Beraterin von Donald Trump hatte den Begriff verwendet, um – wie die Berichte einhellig melden – eine Lüge zu kaschieren. Es ging seinerzeit um eine relativ unwichtige Affäre. Es ging die Menge der Besucher, die zur Amtseinführung von Trump gekommen waren. Dazu gab es unterschiedliche Meldungen, die sich auf unterschiedliche Luftaufnahmen bezogen, die zu unterschiedlichen Tageszeiten aufgenommen waren und deshalb unterschiedliche Mengenangaben nahelegten.
Der Begriff »alternative Fakten« mag in dem Zusammenhang ungeschickt oder vielleicht sogar besonders raffiniert sein – gänzlich daneben ist er nicht. Daneben ist jedoch die Begründung der Jury.
Sie gibt bekannt: »Der Ausdruck ist seitdem aber auch in Deutschland zum Synonym und Sinnbild für eine der besorgniserregendsten Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch – vor allem auch in den sozialen Medien – geworden«. Der Ausdruck sei »der verschleiernde und irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen«.
Die Jury sollte ihrerseits sensibel mit Sprache umgehen. In Deutschland ist der Begriff so gut wie unbekannt, er ist nicht in die Sprache eingegangen, weder in die deutsche, noch in die englische. Doch die Jury sieht darin nicht nur eine »besorgniserregende Tendenz« (dass ein einzelner Ausdruck eine »Tendenz« bildet, ist schon bemerkenswert), sie erkennt sogar einen Superlativ und sagt, es wäre »eine der besorgniserregendsten Tendenzen«, als hätte sie verschiedene besorgniserregende Tendenzen miteinander verglichen, um dann festzustellen, welche von denen den Vogel abschießt und die besorgniserregendste ist.
Das haben sie bestimmt nicht getan. Sie schlagen einfach nur Alarm. Und das möglichst laut. Auf den ersten Blick wirkt »alternative Fakten« selbstwidersprüchlich (auch wenn es nicht weit entfernt ist von dem, was wir unter einem »Gegengutachten« verstehen), doch gerade das spricht eher für den Begriff.
Auf eine Alternative hinzuweisen, ist etwas anderes als eine Falschbehauptung in die Welt zu setzen: eine Falschbehauptung enthält einen Alleinvertretungsanspruch, sie verdeckt eine richtige Sache, eine Alternative wiederum stellt sich neben eine richtige Sache als eine mögliche zweite richtige Sache, die sich zum Vergleich anbietet.
Die Jury urteilt sowieso leichtfertig über soziale Medien. Sie tun auch hier so, als hätten sie die sozialen Medien untersucht und hätten da besorgniserregende Tendenzen beobachtet. Sie täuschen das nur vor. Wie wollen sie das denn gemacht haben? Haben sie etwa Suchbegriffe eingegeben und die dann ausgewertet? Aber die Suchmaschinen trennen nicht zwischen sozialen Medien und Mainstream-Medien. Es ist gar nicht leicht – vielleicht sogar unmöglich –, über soziale Medien pauschale Aussagen zu machen.
Das gilt auch für jeden, der – wie etwa Heiko Maas – behauptet, dass Hassrede in den sozialen Medien zugenommen hätte. Wie will man das messen? Gibt es da neuerdings einen Hass-O-Meter? Oder ein Messgerät für alternative Fakten? Natürlich nicht.
Die Jury wird von der Sorge umgetrieben, dass in den sozialen Medien etwas »salonfähig« werden könnte. Die Sorge ist unbegründet. Sie erklärt sich daraus, dass sie die sozialen Medien nicht richtig verstehen und nun einer Begriffsverwirrung erliegen, die sie selber heraufbeschworen haben: Die sozialen Medien sind kein Salon. Ob in den sozialen Medien etwas salonfähig wird oder nicht, ist ganz egal.
Die FAZ schreibt: »Das Unwort des Jahres 2017 steht fest. Es hat viel mit Donald Trump zu tun.« Da kommen wir der Sache schon näher. Die ganze Propaganda-Aktion hat vor allem mit besinnungslosem Trump-Bashing zu tun.
Auf wallstreet.online finden wir eine gute Zusammenfassung. Demnach wird das Unwort »alternative Fakten« » ... allenfalls von politisch Korrekten verwendet, um Andersdenkende lächerlich zu machen und als Lügner und Idioten darzustellen – nach dem Motto: Jeder Andersdenkende ist ein kleiner Trump. Die Behauptung der Jury, 'alternative Fakten' sie auch in Deutschland zum Sinnbild für besorgniserregende Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch geworden, ist abwegig.«


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