Linke System-Kritikerin als Opfer der »Cancel Culture«

Ulrike Guérot_ Thomas Mann wurde 1936 von der Uni Bonn auch gecancelt

Die Politologin Ulrike Guérot war jahrelang Teil des linken NGO-Netzwerks, bis sie sich 2021 mit Kritik an den Corona-Zwangsmaßnahmen und 2022 mit Kritik an der Ukraine-Politk zu weit aus dem Overton-Fenster lehnte. Sie verlor Ende 2022 ihren Posten an der Uni Bonn wegen mutmaßlich konstruierter Plagiatsvorwürfe. In München präsentierte sie ihr neues Buch »Endspiel Europa« – und erntete auch Kritik.

Der Vortrag fand am 1.6. in München im »Café Weitblick« statt, der Event-Location der Münchener Maßnahmen-Kritiker. Das Publikum war älter, reifer, freigeistig, vermutlich eher links-grün, hat jedoch in den letzten drei Jahren von »Linken« und »Grünen« Dinge erlebt, von denen die meisten sagen, dass sie sie nie in Deutschland für möglich gehalten hätten.

Ulrike Guérot hat gestern, am 5.6., auf den »Nachdenkseiten« einen Text zur medialen Diffamierung durch den »Spiegel« mit Dr. Sucharit Bhakdi veröffentlicht. Seit ihrem Corona-Buch »Wer schweigt, stimmt zu« wird sie von der »Schwurbler-Szene«, wie man sich mittlerweile stolz bezeichnet, verehrt und gefeiert – aber auch kritisch in die Mangel genommen. Das sektenhafte Mitläufertum, das den »Schwurblern« von systemtreuen Schreiberlingen oft angedichtet wird, fehlt hier gänzlich.

Am 25.10. finde die Gerichtsverhandlung gegen die Uni Bonn aufgrund ihrer (mutmaßlich politisch motivierten) Kündigung statt, so Guérot zum Applaus des systemkritischen Publikums. Ein Archivar habe ihr verraten, dass Thomas Mann 1936 unter den Nazis ebenfalls aufgrund konstruierter Plagiatsvorwürfe von der Uni Bonn ausgeschlossen worden sei. »Ich will mich natürlich nicht mit dem großen Thomas Mann vergleichen«, so Guérot, »aber das fand ich dann doch interessant.«

Mit Erstaunen habe Guérot verfolgt, wie sie nach ihrer Kritik am »Stellvertreter-Krieg« Washingtons in der Ukraine endgültig gecancelt wurde. Jahrelange Bekannte und Freunde hätten sie öffentlich an den Pranger gestellt, ohne auch nur ein Wort mit ihr darüber zu wechseln. Selbst mehrere Jahre alte Papiere von ihr seien von Webseiten renommierter Institutionen gelöscht worden, so Guérot, »die kann man jetzt nur noch im Archiv finden.«

Der Bruch mit der Uni Bonn sei jedoch nicht ihr erstes Erlebnis mit der Cancel Culture. Schon 2013 habe Guérot beim European Council on Foreign Relations gekündigt, da sie die Euro-Rettungspolitik zu Lasten der angeblich so «‚faulen‘ Griechen« abgelehnt habe: »Eigentlich war die Europa-Krise ja eine Krise der deutschen Banken.« Der Bankenkrise könne man jedoch auch Gutes abgewinnen, so Guérot. Der UN-Diplomat Stéphane Hessel habe als Reaktion das Buch »Empört euch!« geschrieben, »frei nach Tucholsky: Alle Souveränität geht vom Volke aus – und kommt so schnell nicht wieder«, so Guérot.

Wie in ihrem Buch mit dem Philosophen Hauke Ritz »Endspiel Europa: Warum das politische Projekt Europa gescheitert ist und wie wir wieder davon träumen können« schildert Guérot in München, warum die EU ihrer Meinung nach gescheitert ist und wie man den Traum von einem geeinten Europa wiederbeleben könne. Dem souveränen Nationalstaat als Hort der Demokratie und Garant der Bürgerrechte kann Guérot nichts abgewinnen. »Ich komme aus dem System«, gibt sie freimütig zu. Und wie so viele Europa-Enthusiasten scheint sie die Lösung aller Probleme stets in noch mehr Staat, noch mehr Europa und noch mehr System zu sehen.

Die strukturellen Defizite der zahnlosen Demokratiesimulation EU-Parlament, die die Briten zum Brexit bewegt haben, sind ihr durchaus bewusst. Die Antwort sieht Guérot jedoch in einer nebulösen »europäischen Bürgerschaft«, einer »europäischen Republik«, die sich verdächtig nach EU-Superstaat anhört. Während sie vor den »LePens und Orbáns« warnt, die in Europa »die Macht zu übernehmen« drohen, wünscht sie sich scheinbar nichts sehnlicher, als von eben diesen Nachbarstaaten regiert zu werden.

Spätestens als Guérot eine »Digitale Europäische Identitätskarte« fordert, mit der man digital zahlen und per Zug von Stockholm nach Barcelona reisen könne, beginnt die Stimmung der von drei Jahren Lockdown und 2G-Regeln gezeichneten, ungeimpften Freigeister im Publikum zu kippen. Vor einigen Tagen sei Guérot in der Pariser Métro die Geldbörse gestohlen worden, erzählt sie, und sie habe sich gewundert, dass sie die Anzeige zweimal habe aufgeben müssen – einmal in Paris, und dann wieder in Frankfurt. Warum die deutschen und französischen Sicherheitsbehörden nicht reibungslos in Kontakt stünden, wundert sich die überzeugte Europäerin Guérot.

Der Widerspruch der »Schwurbler-Szene« folgt auf dem Fuß. »Vor drei Jahren hätte ich Ihnen noch total Recht gegeben«, so ein Fragesteller. »Aber ich habe in den letzten drei Jahren Dinge erlebt, die mich froh machen, wenn die Sicherheitsbehörden nicht alles über mich wissen.«

Guérot nimmt die Kritik aus dem Publikum wohlwollend zur Kenntnis. Die Antwort auf die Frage erhofft sie sich in »technischen Lösungen« und »Blockchain«, die niemand so richtig zufriedenstellen. Es zeigt sich: Bei allem bewundernswerten intellektuellen Mut ist Ulrike Guérot eher eine »System-Kritikerin« als eine »Systemkritikerin«.

Guérot bleibt in der Tiefe ihres Herzens eine staatsgläubige Linke – aber eine, die auch das Establishment kritisiert und der »Gegenseite« zuhört. Und das ist in diesen Tagen wertvoll genug.

 

Ulrike Guérot: »Endspiel Europa: Warum das politische Projekt Europa gescheitert ist und wie wir wieder davon träumen können«

 

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Sven von Storch

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