»Wir wurden beim Sturm aufs Kapitol im Stich gelassen«

Chef der Kapitolpolizei_ Wir haben 5 Stunden auf die Nationalgarde gewartet

Der ehemalige Fox-Moderator Tucker Carlson wiederholte am 11.8. ein Interview mit dem Chef der Kapitolpolizei über den »Sturm aufs Kapitol« am 6.1.2021, das Carlson bei Fox nicht mehr hat ausstrahlen können. Der ehemalige Polizeichef Steven Sund erhebt darin schwere Vorwürfe gegen die politische Führung des Kapitols und des Pentagons.

Den Geheimdiensten hätten Hinweise auf eine terroristische Bedrohung vorgelegen, die sie aber nicht an die Kapitolpolizei übermittelt hätten, so Steven Sund, der am 8.1.2021 als Chef der Kapitolpolizei zurückgetreten war. Daher sei Sund davon ausgegangen, dass die angemeldete Demonstration ähnlich friedlich ablaufen würde wie vorherige Trump-Demos zum mutmaßlichen Wahlbetrug im Herbst 2020.

»Ich war bei vielen sicherheitsrelevanten Veranstaltungen zuständig, aber diese eine wurde sehr anders gehandhabt... Es wirkte fast so, als ob sie wollten, dass die Informationen der Geheimdienste aus irgendeinem Grund nicht durchdrangen«, sagte Sund.

»Es war nicht in Ordnung, wie sie mit diesen Informationen umgegangen sind und wie wir am Kapitol im Stich gelassen waren.«

»Mir wurde zweimal im Vorfeld die Genehmigung verweigert, Unterstützung des Bundes zu bekommen: wegen der ‚Optik‘ und weil die Geheimdienstinformationen es angeblich nicht hergaben«, so Sund, dabei habe eine konkrete Bedrohungslage existiert.

Um 12:53 Uhr am 6. Januar begann der Angriff auf das Kapitol, so Sund. Um 12:55 Uhr rief er den stellvertretenden Polizeichef von Washington, DC, Jeff Carroll, an und bat um Unterstützung.

Um 12:58 Uhr rief er zum ersten Mal den Sicherheitsoffizier des Repräsentantenhauses Paul Irving an und sagte: »Hier ist die Hölle ausgebrochen, wir brauchen Hilfe! Wir müssen sofort das Militär anfordern.«  Irving habe ihm daraufhin gesagt: »Ich werde es (an die Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi) weiterleiten, ich melde mich.«

»Er hätte das nicht tun müssen«, sagte Sund. »Das Gesetz besagt, dass er mir in einem Notfall die Genehmigung erteilen könnte. Aber das hat er nicht getan... Mein nächster Anruf ging an (den Sicherheitsoffizier des Senats) Mike Stinger. Ich sagte ihm: 'Wir werden auf der Westseite überrannt.' Er antwortete: Warten wir, was Paul sagt.'«

In den nächsten 71 Minuten führte Sund laut eigener Aussage trotz fehlender Genehmigung 32 Anrufe bei anderen Behörden. »Mein erster Gedanke war: 'Scheiß drauf, ich werde die Konsequenzen tragen. Schickt mir alles, was ihr habt.' Das ist die einzige Textnachricht, die der Secret Service aufgehoben hat. Sie wissen, dass der Secret Service angeblich alle Textnachrichten verloren hat? Doch es gibt Gott sei Dank noch diese SMS zwischen mir und ihrem Chef (Thomas) Sullivan.«

Um 14:09 Uhr erhielt Sund endlich die erste Genehmigung, Bundestruppen anzufordern. »Ich war so sauer, ich habe meinen Wachhabenden John Wisham angeschrieen: ‚Notieren Sie die Uhrzeit. Es ist 14:10 Uhr. Ich habe erst jetzt die Genehmigung bekommen, die Nationalgarde anzufordern.«

Tucker Carlson wies darauf hin, dass die damalige Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi den 6. Januar später mit dem Angriff auf Pearl Harbor verglichen und als »den schlimmsten Aufstand, der jemals auf US-amerikanischem Boden stattgefunden habe« bezeichnte hat. Dabei hat sie Sund 71 Minuten lang nicht erlaubt, die Nationalgarde anzufordern.

»Sie müssen gewusst haben, was los war«, sagte Sund. »Die Krawalle fanden direkt vor dem Büro von Mike Stinger statt.«

»Es scheint, als würde man dem ganzen nicht wirklich auf den Grund gehen wollen«, sagte Sund. »Es ist schockierend.«

Der Sicherheitsoffizier des Repräsentantenhauses Paul Irving hatte das Amt am 7. Januar verlassen und seit seitdem weitgehend im Hintergrund geblieben, so Sund, war jedoch gegenüber Nancy Pelosi »außerordentlich loyal«.

Um die Nationalgarde anzufordern, musste Sund um 14:34 Uhr mit dem Chef des Generalstabs der Armee, Generalleutnant Walter Piatt, und General Charles Flynn, stellvertretender Chef des Stabes für Operationen, telefonierern. »Piatt sagte: Mir gefällt die Optik der Nationalgarde auf dem Kapitol nicht.«

»Ich sagte: 'Sir, es geht hier um Leben und Tod.' Er sagte: 'Meine Empfehlung ist, diesen Einsatz nicht zu genehmigen.' Ich weiß noch, wie der Polizeichef von Washington, D.C., Robert Conte, daraufhin sagte: 'Sie verweigern dem Chef der Capitol Police die Anforderung der Nationalgarde?'«

»Wir waren immer noch am Telefon, als (die Armeeveteranin) Ashlii Babbitt (vom Kapitolpolizisten Michael Byrd) erschossen wurde. Ich sagte: 'Im US-Kapitol wird geschossen, ist das jetzt dringend genug?' Wissen Sie, wann die Nationalgarde endlich eintraf? Um 18 Uhr.«

Die 180 Soldaten der Nationalgarde, die in Sichtweite des Kapitols waren, wurden zurückgezogen. Stattdessen wurde die Spätschicht geschickt, so Sund.

»Das Pentagon hat Kräfte abgestellt, um die Häuser der Generäle zu schützen, aber nicht das Kapitol... Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, aber da muss man sich nicht wundern, wenn Leute in den Kaninchenbau abtauchen«, sagte Sund.

Als die Nationalgarde endlich um 18 Uhr am Kapitol eintraf, »stellten sie sich mit ihren Schilden auf und machten Fotos mit dem Kapitol im Hintergrund, für die Military Times – genau die Optik, wegen der sie sich angeblich so Sorgen machten.«

Polizeieinheiten des 320 Kilometer entfernten Bundesstaates New Jersey trafen vor der Washingtoner Nationalgarde am Kapitol ein, so Sund. »Viele Angehörige der Nationalgarde, waren sehr wütend, dass sie nichts machen durften«, sagte Sund. »Sie waren stinksauer.«

»Der General der Nationalgarde, William Walker, rief mich an und sagte: 'Steve, es tut mir so leid.' Er sagte, ihm wurde der Einsatz nicht gestattet. Das Pentagon hat es nicht erlaubt."

Auf Carlsons Frage, ob am 6. Januar verdeckte Bundesagenten am Kapitol im Einsatz gewesen seien, sagte Sund: »Das wäre nicht ungewöhnlich.« Er sei jedoch nicht über die Anwesenheit solcher verdeckten Beamten informiert worden - was schon ungewöhnlich gewesen sei.

Am 6. Januar verfolgte das FBI 18 oder 19 Verdächtige im Inlandsterrorismus, die über ihre Teilnahme an den Ereignissen am 6. Januar in Washington, D.C. sprachen. »Natürlich würden sie Ressourcen haben, und nicht nur einen Agenten. Das wäre Standard-Polizeiarbeit. Das würde mich nicht überraschen. Aber diese Information nicht zu teilen? Das ist bedenklich.«

Tucker fragte Sund nach Demonstranten, die andere dazu angestiftet hätten, »das Gesetz zu brechen, die aber nicht verhaftet wurden«, wie zum Beispiel den mutmaßlichen IM Ray Epps. Sund bemerkte, dass Epps am 6. Januar am Kapitol gesehen wurde, wie er einer Person etwas zuflüsterte, kurz bevor diese Person begann, Polizisten anzugreifen.

Am 7. Januar warf Nancy Pelosi Steven Sund »Führungsversagen« vor, woraufhin dieser am 8. Januar zurücktrat. Er wurde von der Geheimdienstbeamtin der Kapitolpolizei Yogananda Pittmann ersetzt, die eigentlich für mögliche Geheimdienstversäumnisse an diesem Tag verantwortlich gewesen wäre.

Am 15. Februar 2021 erlitt Pittmann eine 92%ige Misstrauensvotum der Beamten der Kapitolpolizei. Sie wechselte daraufhin in einen gut bezahlten Job als Chefin der Universitätspolizei Berkele auf den anderen Seite der USA, direkt bei Nancy Pelosis Wahlkreis, bemerkte Sund betonte. Pittmann begann am 1. 2. 2023 bei der Uni Berkeley bezog aber weiterhin monatelang Gehalt und Leistungen von der Kapitolpolizei, bemerkte Sund. Dies »scheint gegen die Richtlinien der Kapitolpolizei zu verstoßen«, so Sund.

»Ich weiß, dass die Einheit erhebliche Geheimdienstinformationen hatte, und viele Menschen haben diese Informationen an die Leitung weitergegeben«, sagte Sund. »Viele von ihnen wurden zu Whistleblowern, von denen viele gezwungen wurden, zurückzutreten.«

»Es sieht wie ein abgekartetes Spiel aus«, so Tucker Carlson.

»Ich habe bald gemerkt, dass etwas ziemlich Merkwürdiges vor sich ging, als sie nicht wollten, dass ich (vor dem anti-Trump-Untersuchungsausschuss zum 6. Januar) aussage«, so Sund. »Dann habe ich mit Beamten gesprochen, die mir die E-Mails der Geheimdienstinformationen gezeigt haben, die sie an ihre Vorgesetzten weitergeleitet haben, die aber die bei mir angekommen sind. Da wusste ich, dass da etwas faul ist. Wie kann jemand all das sehen und nicht denken, dass da etwas seltsam ist?«

Sven von Storch

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