Die Zivilisation hängt immer am seidenen Faden. Heute scheint einer dieser Fäden zerfranst, sogar zerrissen worden zu sein. Man kann sich die Bilder aus Paris nicht ansehen, man kann sich nur stöhnend abwenden. Man kann sich den Einsturz der Turmspitze nicht ansehen. Man kann nicht mit ansehen, wie die großartige Kathedrale in Flammen aufgeht.
Evelyn Waugh hat einmal gesagt, bei einem Hausbrand würde er lieber seine Bücher als seine Kinder retten, wenn er vor die Wahl gestellt würde, denn Bücher sind einzigartig. Nur an einem Tag wie heute kann man in dieser Spitze wenigstens ein Fünkchen Wahrheit erkennen. Beinahe alles wäre leichter zu ertragen als der Verlust dieses Bauwerks.
Nun wird es natürlich die allfälligen Schuldzuweisungen geben, das Gezänk wegen Renovierungskosten, Überstunden und Brandschutzrichtlinien. Bereits vor zwei Jahren schrieb Michael Brendan Dougherty im National Review diesen lesenswerten Aufsatz über die stiefmütterliche Behandlung von Notre Dame.
Aber wenn Notre Dame brennen kann, dann ist das alles Nebensache, denn es sagt uns etwas so Tiefgreifendes, dass es schier unerträglich ist. Wie ich vor einigen Jahren in »Der Selbstmord Europas« schrieb, hängt die Zukunft Europas auf gewisse Weise von unserem Umgang mit den großen Kirchen und Denkmälern ab, die uns umgeben. Werden wir mit ihnen hadern, sie ignorieren, uns mit ihnen befassen oder sie verehren? Werden wir sie erhalten?
Die Politiker bilden sich vielleicht ein, dass unser Zeitalter aufgrund ordnungspolitischer Spitzfindigkeiten beurteilt werden wird. Es wird vielmehr anhand dessen beurteilt, was wir hinterlassen: Vor allem, wie wir mit dem Erbe umgehen, das uns anvertraut wurde. Selbst wenn der heutige Brand sich als Unwahrscheinlichster aller Unfälle erweist, bleiben wir immer noch die Generation, die Notre Dame hat brennen lassen. Wir werden künftigen Generationen vom Schatz erzählen müssen, den wir verloren haben.
Zu Beginn dieses Jahrzehnts wohnte ich welchselweise in Paris, und verbrachte einen Teil jeder Woche in einer kleinen Wohnung am Rande von Le Marais. Jedes Mal, wenn ich in der Früh aufbrach, um den ersten Eurostar zu nehmen, sah ich beim Verlassen der Wohnung als erstes die große Kathedrale vor mir. Eines Wintermorgens fiel dichter Schnee, und als ich mich zum Bahnhof aufmachte, blieb ich wie angewurzelt mitten auf der Straße stehen, nur ich und der Dom, und saugte den Anblick dieses Gebäudes ein, das ich schon hundert Mal gesehen hatte. Noch in London sah man mir mein Freudestrahlen an, wie ein Freund bemerkte, denn ich strahlte viel zu sehr für solch einen trüben Wochentag. Er fragte mich was los war. »Heute Morgen habe ich Notre Dame im Schnee gesehen,« war meine einzige Antwort.
So war das.
Douglas Murray ist Autor von »Der Selbstmord Europas« und »Der Wahnsinn der Massen«. Dieser Aufsatz erschien am 20.4.2019 im Spectator.
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