»Bis zu 70% der Iraner lehnen den Islam ab«

Das christliche Erwachen im Iran

Im Iran, das seit 1979 von einer islamistischen Regierung dominiert wird, findet eine erstaunliche religiöse Erweckung statt: das Christentum boomt - möglicherweise mit tiefgreifenden Folgen.

 

Von Dr. Daniel Pipes

2018 sagte David Yeghnazar von Elam Ministries, »Die Iraner sind von allen Völkern derzeit am aufgeschlossensten für die Botschaft der Heiligen Schrift.« Ebenfalls 2018 befand das Christian Broadcast Network: »Das Christentum wächst im Iran schneller als in jedem anderen Land der Welt.« Vergangenes Jahr schrieb Shay Khatiri  der Johns-Hopkins-Universität über den Iran: »Der Islam ist dort rapide auf dem Rückzug, das Christentum nimmt dramatisch zu.«

Dieser Trend ist das Resultat des islamischen Extremismus des theokratischen Regimes. 2019 sagte ein iranischer Geistlicher: »Was wäre, wenn ich Ihnen sagen würde, dass der Islam tot ist? Dass die Moscheen im Iran leer stehen? Dass im Iran niemand mehr an den Islam glaubt? Und dass der Ayatollah Khomeni (Gründer der Islamischen Republik) der beste Missionar Jesu war?« Schon 2008 befand ein evangelikaler Pastor, ein iranischer Ex-Moslem: »Wir haben es nicht nur mit einer Bekehrung zum Christentum zu tun. Es ist ein Massenexodus vom Islam.«

Das verschwiegene Phänomen der heimlichen christlichen Konvertiten (Muslim-Background Believers - MBBs) im Iran ist eines ohne Kirchenhierarchie oder Kirchengebäuden. Es besteht vielmehr aus selbstgemachten Gläubigen in winzigen Hauskirchen von vier oder fünf Mitgliedern, die ihre Stimmen  entweder sehr leise oder gar nicht zum Gesang erheben. Seine Laienprediger sind – im Gegensatz zu den Mullahs in der Regierung – überwiegend Frauen.

Iranische christliche Konvertiten sind – ebenfalls entgegen der Regierungslinie – begeisterte Anhänger Israels. Wie ein Dokumentarfilm erklärt, »knien sie vor dem jüdischen Messias, mit großer Liebe für das jüdische Volk.« »Wir lieben die  Juden«, sagte ein Konvertit. Konvertiten wollen sogar eine »Widerstandskirche« einrichten, um die Drohungen des Regimes zu konterkarieren.

Aufgrund der heimlichen Natur des iranischen Christentums sind Schätzungen seiner Größe naturgemäß schwierig. 2013 fand Open Doors 370.000 Konvertiten, 2020 waren es 720.000. Duane Alexander Miller schätzt die Zahl auf 500.000, Hormoz Shariat mindestens 1.000.000, und GAMAAN noch mehr. 2019 schrieb Todd Nettleton, dass nach einigen Schätzungen "70 Prozent der Iraner den Islam" ablehnen.

Die Mullahs antworten darauf erwartungsgemäß mit Repressionen, u.a. dem Verbot christlicher Missionarstätigkeit und Predigten. 2012 berichtete das US-Außenministerium, dass die iranische Regierung »häufig christliche Bibeln konfisziert und Bibeldruckereien schließt.« Christliche Versammlungsstätten werden videoüberwacht, so Teilnehmer.

Konvertiten werden regelmäßig verhaftet und oft für lange Haftstrafen eingesperrt - 2013 berichteten die Vereinten Nationen von »über 300 Christen«, die in den vorangegangenen drei Jahren wegen schwammigen sicherheitsbezogenen Vergehen verhaftet wurden. Die Untersuchung stellte fest, dass die Verhafteten »intensiven Verhören ausgesetzt und oft misshandelt wurden.«

Die Strafen sind oft drakonisch: 1990 wurde Pater Hossein Soodman wegen Apostasie hingerichtet. 2008 verhängte die Regierung die Todesstrafe für Konvertiten aus muslimischem Elternhaus. »Je mehr Iraner sich bekehren, desto schlimmer wird ihre Lage«, so Khatiri.

»Sie verursachen Probleme in unserem Land«, wurde einem Konvertiten im Polizeiverhör 2018 gesagt. 2019 sprach der iranische Geheimdienstminister Mahmoud Alavi von der Überwachung des Christentums, der Befragung von normalen Bürgern wie Brotzeitverkäufern, und den Bemühungen, »den Vorkämpfern des Christentums zu entgegnen.« Das führende islamische Priesterseminar im Iran nennt den Kampf gegen das Christentum im Inland »eines der obersten Prioritäten«. Der ehemalige Präsident Mahmoud Ahmadinejad hatte sich vorgenommen, »das Christentum in diesem Land aufzuhalten.« Für den obersten Ayatollah Ali Khamenei sind die christlichen Hauskirchen das Werk von »Zionisten und anderen Feinden.«

Lela Gilbert und Arielle Del Turco argumentieren, dass das Regime im Christentum eine »existentielle Bedrohung« für die Islamische Republik sieht. Zu Recht, so der iranisch-stämmige Gründer von Nejat TV (»Die frohe Botschaft für Farsi-sprachige Moslems«) Reza Sefa, Autor von Der kommende Niedergang des Islams im Iran. Er sieht in den iranischen Christen »eine Gottesarmee«, die den Iran »an den Rand einer neuen Revolution führen werden«, diesmal unter christlichem Vorzeichen.

Wenn diese Analyse nur halbwegs zutrifft, könnten die Auswirkungen enorm sein. Ein Zusammenbruch des Khomeini-Regimes würde nicht nur die Machtkonstellation im Nahen Osten grundlegend ändern, es würde möglicherweise auch ein Ende der Welle des Islamismus bedeuten, die die iranischen Revolutionäre seit 1979 befeuern, und diesem gefährlichen historischen Zyklus ein Ende setzen, der ursprünglich vom Iran ausgeht.

 

Dr. Daniel Pipes ist Vorsitzender des Middle East Forums. Dieser Aufsatz erschien zuerst in Newsweek und erscheint hier in deutscher Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autoren.

 

 

Sven von Storch

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