Roman eines »radikalisierten alten weißen Mannes«

Mathias Matussek liest aus Armageddon

Ein ehemaliger Starjournalist, der als »rechts« gilt, sich an die Ostsee zurückgezogen hat und nun von der Antifa gejagt wird - Mathias Matusseks Roman »Armageddon« könnte man durchaus autobiographische Elemente nachsagen. Am 11.10. liest Matussek in der »Bibliothek des Konservativismus« - die Einführung hält Michael Klonovsky.

Rezension von Artur Abramovych

Unter deutschen Journalisten verdient der Weltwoche-Autor Matthias Matussek wohl am ehesten das Etikett des Egon Erwin Kisch unserer Zeit. Nach seiner stürmisch-drängerischen 68er-Phase inklusive obligatorischen Drogenmissbrauchs arbeitete er als rasender Reporter und schrieb wohl die flottesten Reportagen im Deutschland der ausgehenden Bonner und jungen Berliner Republik, berichtete aus Ostberlin über die Wiedervereinigung, später als Auslandskorrespondent aus New York, London und Rio.

Was seine Reportagen und Interviews auszeichnet, ist nicht nur die bloße Unvoreingenommenheit, mit der er seinen Gesprächspartnern begegnet (und die unter Journalisten, obwohl ursprünglich selbstverständlich in diesem Handwerk, zunehmend seltener wird), sondern die geradezu kindliche Neugierde und Begeisterungsfähigkeit, mit der er seinen Gesprächspartnern lauscht und sie zu Redseligkeit animiert.

Auch belletristisch ist Matussek bereits reüssiert. Ein liebevolles Denkmal hat er seinem Vater, dem katholischen, gutbürgerlichen CDU-Politiker und Thomas-Mann-Liebhaber, mit der rührenden, abgeklärten Weihnachtsgeschichte Apokalypse nach Richard (2012) gewidmet. Dass Matussek nach seinem pubertären Flirt mit dem Maoismus umso leidenschaftlicher zur Religion des Vaters zurückfand, hat allerdings kaum etwas an seiner Vorurteilslosigkeit geändert.

Sein Lieblingsdichter ist seit jeher der jüdische Freigeist Heinrich Heine gewesen; und auch als sich Matussek mit seinem Bestseller Wir Deutschen gegen den neudeutschen Selbsthass wandte, blieb er Heine treu. Das Bild des radikalisierten alten weißen Mannes, das die Mainstreammedien von ihm zeichnen, seit sie ihn aus ihren Reihen verstoßen haben, könnte daher unzutreffender kaum sein. Und davon handelt Matusseks neuer Roman nicht zuletzt.

Der Roman setzt ein mit einer veritablen, rund 100-seitigen Pöbelei, die selbst unter rechten Rezensenten Unverständnis auslöste (vgl. sezession 115); doch kann man sie dem Autor, angesichts dessen, was er erlebt hat, umstandslos verzeihen. Und schließlich hat auch Heine von Zeit zu Zeit gerne gepöbelt; man denke nur an seine Invektiven gegen Börne und Platen.

Matusseks Protagonisten Rico Hausmann – wie sein Schöpfer ehemaliger SPIEGEL-Starjournalist, der sich vor dem linken Kulturbetrieb an die Dünen der Ostsee gerettet hat – ereilt die Vergangenheit, als er von einem Antifanten im Supermarkt bei sich um die Ecke erkannt und bedroht wird. Und so erzählt denn Matussek im ersten Teil des Romans anhand seiner Figur Hausmann getreulich, was ihm selbst widerfahren ist. Sowohl Freunde als auch Antagonisten Hausmanns erscheinen unter Klarnamen: unter den Freunden vor allem Michael Klonovsky, »der intellektuelle Kopf der Verfemten«; unter den Antagonisten der schmierige Kai Diekmann, der Aufpeitscher Böhmermann, der Verräter Stuckrad-Barre und viele andere.

Hausmann kannte sie alle und hat einiges zu berichten: Wie die völlig korrumpierte Medienelite seine »Geburtsstagsparty zum Naziparteitag hochskandalisierte«; wie eine linksradikale Musikgruppe sich anschließend in Mordphantasien an ihm erging; oder wie der Staatsschutz sich weigerte, tätig zu werden, obwohl die Mordwaffe im dazugehörigen Musikvideo laut Einschätzung eines Waffenspezialisten keineswegs Attrappe, sondern ein echtes Gewehr war…

Nachdem er jahrelang als Kosmopolit gegolten hat, soll er nun zum Nazi mutiert sein, stellt Hausmann fest und klagt über die »Lüsternheit am Herumwühlen in einer geradezu herbeigesehnten braunen Scheiße«. Doch gerät diese Tirade trotz aller Kraftausdrücke hochamüsant; Matussek lässt Hausmann etwa erzählen, mit welchen Lügen man Julian Reichelt zu Fall gebracht hat, und als er auf Noch wach?, das »Hinrichtungsbuch« Stuckrad-Barres, zu sprechen kommt, das Reichelt eines vermeintlichen Frauenmissbrauchs überführen will, parodiert er dabei Stuckrad-Barres exzessive Verwendung von Majuskeln.

Natürlich haben sich die Mainstreammedien, in denen Armageddon bislang besprochen wurde, umgehend auf diesen ersten Teil des Romans gestürzt, um den Autor als »engstirnig, gestrig und gehässig« (Tagesspiegel) zu diffamieren. Allerdings erschöpft sich der Roman keineswegs in der Abrechnung mit dem deutschen Medienbetrieb. Die Überleitung zum eigentlichen Leitmotiv des Romans bietet nämlich der schon im ersten Teil immer wieder thematisierte Klimawahn.

Der Konservative Roger Scruton stellte schon vor rund fünfzehn Jahren fest, dass die passionierten Klimawandelbekämpfer wohl selbst nicht recht an den nahenden Hitzetod glauben; denn wenn sie es täten, so Scruton, »würden sie ihren Standpunkt in wissenschaftlichen Begriffen formulieren und nicht quasi religiös argumentieren.« Der Klimawahn als Ersatzreligion: Diese pseudeschatologische »Angstlust« (Matussek) mit all ihren Begleiterscheinungen widerspricht völlig dem Selbstbild der Klima-, Klimaflüchtlings- und überhaupt Lebensretter; denn es zeugt allein die Vorstellung davon, wir könnten das Klima »retten«, von der charakteristischen grünen »Gottgleichheit«, die die biblische „Gottähnlichkeit“ in unseren Tagen zu ersetzen droht. Diese »Stümperei der Selbstvergottung« nennt der Katholik Hausmann unter Berufung auf die Enzyklika des Papstes Johannes Paul II., Evangelium vitae, eine »Kultur des Todes«, gekennzeichnet durch die Epidemie des Kindsmords (in Form von Abtreibung, oder gar, in der grün verschärften Variante: als Aufruf dazu, überhaupt keine Kinder in die Welt zu setzen, weil es dem »Klima« schade) sowie der Euthanasie.

Der zweite Teil des Romans beginnt denn auch mit der erschütternden Nachricht einer alten Pariser Freundin: Natalie wolle ihrem Leben ein Ende setzen, teilt sie Hausmann mit. Im Anschluss an einen Trip nach Israel (wo sich Hausmann alias Matussek mitunter mit dem Verfasser dieser Rezension aufhielt, vgl. Weltwoche 11/2022), macht er sich umgehend nach Paris auf, um Natalies Leben zu retten. Sie gehört wie Hausmann zur 68er-, oder in seinen Worten: zur »Peter-Pan-Generation, die nie erwachsen werden musste«. Da sie geschieden ist und von Männern altersbedingt nicht mehr beachtet wird, ist sie des Lebens überdrüssig. Aber sie sei doch weder krank noch allein, sie habe Kinder und Enkel, wirft Hausmann verzweifelt ein. Sie sei zwar, entgegnet sie, noch nicht krank, werde es aber früher oder später werden und wolle ihren Kindern nicht zur Last fallen. Zudem könne sie sich den Luxus nicht länger leisten, den sie gewohnt ist; auf Dauer müsste sie ihre geräumige, helle Wohnung im 7. Arrondissement aufgeben. Hausmann ist schockiert von einer derart utilitaristischen Haltung zum Leben. Auch seine religiösen Einwände perlen an der alten Freundin ab, wo es sich bei ihr doch um eine atheistische Jüdin handelt, die – anders als Hausmann – nie zur Religion ihrer Väter zurückgefunden hat. Am Ende scheitert Hausmann; Natalie wählt wenige Tage nach seinem Abflug aus Paris den Freitod.

Parallel zu alldem spinnt Matussek die Geschichte des erwähnten Antifanten weiter. Putzer – so sein Szenename, da er bei den G20-Protesten in Hamburg besonders viele »Bullen weggeputzt« habe – ist für die Romanhandlung insofern von Bedeutung, als er an jenem Mordphantasie-Musikvideo mitgewirkt hat und noch immer im Besitz des Gewehrs ist, bei dem es sich keineswegs um eine Attrappe handelt… Allerdings steht Putzer vor einer ganz ähnlichen Herausforderung wie der ihm verhasste »Fascho« Hausmann; denn Putzers Freundin ist drogensüchtig. Er – bloß Kiffer – liebt sie aufrichtig und inständig und versucht, sie hier im hohen Norden, fernab der Stadt, von der Nadel abzubringen; doch vergeblich. Sie stirbt an einer Überdosis. So fallen der »Kultur des Todes« nicht zuletzt ihre eigenen Träger zum Opfer.

Das Cover des Romans ziert ein Bild vom berüchtigten »Mönch von Lützerath«, jenem fanatischen Klimaaktivisten, der, in Mönchskutte, auf Klima-Demonstrationen auftauchte und Polizisten in den Schlamm stieß. Eine passendere Illustration ließ sich schwerlich finden: Denn die Savonarolas unserer Zeit sind, anders als man uns glauben machen will, keineswegs die gottgläubigen Katholiken, sondern im Gegenteil die sich selbst vergottenden Grünen.

Matthias Matussek liest aus »Armageddon«
Mittwoch, 11. Oktober 2023, 19 Uhr

Bibliothek des Konservativismus, Berlin

 

 

Sven von Storch

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