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Tag 1: Independence Day

04. Juli 2012, 08:27 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte:

Diese Medienkonferenz gestern in Zürich war vorläufig die letzte. Heute ist Tag 1 meines neuen Daseins. Ich feiere meinen ganz persönlichen Independence Day.

Es hat sich sehr glücklich eines zum anderen gefügt, sodass die schon vor zwei Jahren auf den 4. Juli 2012 anvisierte grosse Pause  in Angriff genommen werden kann.

Ich bin jetzt 63 also im besten Alter mich auf die den Babyboomer geschenkten 10 bis 15 Jahre mit Lust und Neugierde einzulassen. Denn Alt im Sinne unserer Grossväter ist man heute, wenn’s gut geht, mit Mitte siebzig.

Ich habe in den letzten Monaten mit einigen Leuten geredet,die schon seit zwei, drei Jahren in Pension sind, habe vieles dazu gelesen, auch Bücher. Mich interessiert, welche Entwürfe gelebt werden. Man könnte ja die Erfahrungen anderer ausbeuten.

Doch was mich bei all diesen Gesprächen erstaunt hat, ist die depressive Stimmung, die sich bei vielen wie Schimmel um die Pensionierung legt. Die ersten drei Jahre waren ganz schlimm, sagte mir kürzlich ein Radiojournalist, der mit 62 in SRF-Zwangspension ging – bei vollen Bezügen. Für einen Freischaffenden wie mich sind das geradezu paradiesische Verhältnisse.

Und ein anderer, früher Leiter einer mittelständischen Unternehmung, ebenfalls mit 62, allerdings freiwillig frühpensioniert und jetzt 69: Eigentlich geht es mir erst jetzt so langsam gut.

Obwohl ich es nicht verstehe, habe ich ein gewisses Verständnis für dessen Situation. Da ist man gestern noch der grosse Zampano und schon heute kräht kein Hahn mehr nach einem. Was mich übrigens auch immer wieder amüsiert, ist dieser Begriff “Ferien”, welche die Pensionierten noch immer gebrauchen. “Wir waren in den Ferien auf einem Kreuzfahrtschiff.”

Das ist das Elend des zeitgenössischen Pensionistenbildes in einem Satz auf den Punkt gebracht.

Ich denke, man muss die Sache anders angehen. Man muss sich auf eine völlig neue Sache einlassen. Was mir dabei gefällt, weil es meinem bisherigen Lebensweg entspricht: Es gibt für die Babyboomer kein Vorbild. Wir müssen das Alter neu erfinden.

Ich bin es gewohnt, in neuen Bahnen zu denken. Ich habe in den letzten 27 Berufsjahren nichts anderes getan, habe mich Tag für Tag mit Dingen auseinandergesetzt. Von den meisten Themena hatte ich zuvor keine Ahnung, dass es sie überhaupt gibt.

Heute ist Independence Day.

All die teuren Anzüge, Jacketts, Hemden und Hosen sind in die Kleidersammlung gewandert. Die Bürokampfklamotten haben ausgedient.

Stattdessen habe ich mir kürzlich drei Hemden bei H&M gekauft, für unglaubliche 17 Franken das Stück. Das ist so eine Art private Deflation, schliesslich habe ich bisher keine Hemden unter hundert Franken getragen. Und für Anzüge und dergleichen ging in den letzten zwanzig Jahren ein kleines Vermögen drauf.

Kürzlich, an einer Carte-Blanche-Diskussion mit Nachwuchsjournalisten, habe ich nebenbei bemerkt, dass meine beste Entscheidung gewesen sei, mit 36, (oh – die Zahl passt zur obigen); aus dem Journalismus auszusteigen. So rein einkommensmässig. In der Public Relations wird journalistisches Know-how und Schreibtalent einfach viel besser bezahlt.

Heute ist Independence Day.

Ich nehme den Faden dort wieder auf, wo ich ihn liegen liess, als wir eine Familie gründeten und uns später in die Selbstständigkeit verabschiedeten: Vier Kinder, viele Mitarbeiter, tolle Mandate, manchmal finanziell dicht am Abgrund – welch ereignisreiche Jahre!

Ich knüpfe an diese gut zehn Jahre zwischen 19 und 30 an, diese Zeit des staunenden Entdeckens. Um einen Begriff aus jener fernen Zeit neu aufleben zu lassen: Ich steige aus.

Ja, heute ist Tag 1 der neuen Zeitrechnung, heute ist Independence Day.

PS: Der Blog wird weitergeführt – ich kann ja nichts ausser ein wenig schreiben. Allerdings werden die Themen anders werden. Weniger verballmert, mehr aus dem richtigen Leben (eines Müssiggängers).

arlesheimreloaded.ch

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