„Wo ist Gott in Afghanistan?” – Ein Diskussionsabend

14. Dezember 2009, 02:09 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: | von
Fabian Heinzel

Friedenseinsatz?  Kriegsähnliche Zustände?  Krieg?  Die Soldaten der deutschen Bundeswehr, die im Rahmen der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe, kurz ISAF, in Afghanistan stationiert sind, hätten gerne Klarheit in dieser Frage.  Denn ohne Klarheit und Rechtssicherheit wird es für sie umso schwieriger, Entscheidungen über Leben und Tod zu fällen.

Allzuoft haben sie das Gefühl, dass Ihnen die Rückendeckung aus der Heimat verweigert wird.  Das wollten der Pressesprecher des deutschen ISAF-Kontingentes, Oberstleutnant Markus Werther, und Militärpfarrer Jonathan Göllner, dem Publikum der Diskussionsveranstaltung zum Thema „Wo ist Gott in Afghanistan?“ verdeutlichen.  Die Benedictus Stiftung hatte den von SWR-Chefreporter Professor Dr. Thomas Leif moderierten Diskussionabend am 9. Dezember 2009 im exklusiven Ambiente des China Clubs organisiert.

Freedom of Movement

Dabei legte Oberstleutnant Werther im Rahmen seines Eingangsvortrags großen Wert darauf, den Zuhörern einen Eindruck des Soldatenlebens zu vermitteln.  Der Eindruck, den die afghanische Bevölkerung ihrerseits von den Soldaten hat, ist auch durch das Satellitenfernsehen und durch das Internet geprägt – durch die Zeitverschiebung sind Sendungen, die selbst in Deutschland erst nach 22 Uhr laufen dürfen, in Afghanistan am Nachmittag zu sehen. Die tatsächlichen Lebensverhältnisse der Soldaten haben jedoch wenig mit dieser Seite des „dekadenten Westens“ zu tun.  Ihre  Wirklichkeit besteht aus einer kleinen Stube, die sie sich zu dritt teilen müssen mitten in einem Lager, das immer wieder mit Raketen und Mörsergranaten beschossen wird – und aus dem Räumen von Minen.  Denn die Sicherstellung der Bewegungsfreiheit, des „Freedom of Movement“, ist mittlerweile eine der wichtigsten Aufgaben der Bundeswehr.  Besonders in Flussübergängen und Bächen werden mit Vorliebe Minen und Sprengsätze versteckt.  Die Soldaten müssen sie in einer Umgebung bergen, in der alles eine Bombe sein kann – vom Esel, der auf einen zukommt bis zum randvoll mit Mehlsäcken beladenen Auto, das man kontrollieren muss.  Manchmal detonieren 100 oder noch mehr Kilo Sprengstoff – dann ist die Detonation noch kilometerweit zu spüren.  

Manche wollen beichten

Die Afghanen wissen, dass sich von den Konvois der ISAF fernhalten sollen.  Auf den Fahrzeugen sind unmissverständliche Schilder angebracht und laufend wird im Fernsehen und im Radio davor gewarnt, sich den Konvois zu nähern.  Aber manche halten sich nicht fern.  Und werden beschossen.  Einige von denen, die geschossen haben, wenden sich anschließend an Pfarrer Göllner.  Sie stellen Fragen wie „Ich habe heute auf jemanden geschossen.  Ich weiß nicht, ob er tot ist, aber er ist zu Boden gegangen und ich fühle mich nicht schlecht.  Ist das normal?“.  Andere wollen einfach beichten oder suchen Trost, weil sie mitten im Einsatz von ihrer Freundin verlassen werden.  Auch Oberstleutnant Werther betont die Belastung, die ein Auslandseinsatz für Beziehungen bedeutet.  „Sie müssen sich vorstellen, vier Monate lang weiß ich zwar, dass es mir gut geht, denn mir geht es ja gut, meine Frau aber weiß praktisch nie, wie es mir geht.  Jeder Telefonanruf könnte eine unheilvolle Nachricht mit sich bringen“.

Keine pauschalen Antworten

Ob die Soldaten zu Gott finden oder vom Glauben abfallen, wollen einige Zuhörer von Pfarrer Göllner wissen.  Er kann darauf keine pauschale Antwort geben.  Doch er kann sich an den Fall eines polnischstämmigen Bundeswehrsoldaten erinnern, der sich in Afghanistan von ihm hat firmen lassen.  Erinnern kann er sich auch daran, wie sehr Afghanistan ein bisschen christliche Nächstenliebe nötig hätte.  Er erzählt von zwei afghanischen Soldaten, die Treibstoff gestohlen und weiterverkauft hatten.  Die von ihrem Kommandeur angedachte Strafe, die nur durch das Einschreiten von ISAF-Soldaten verhindert werden konnte, war, die beiden Männer mit Treibstoff zu übergießen und anzuzünden.  
Dabei ist die Existenz einer professionellen Polizei und eines professionellen Militärs in Afghanistan eines der Hauptanliegen der ISAF und der Nato.  Auch von deutscher Seite aus werden Polizisten ausgebildet.  Oft ist einer der ersten Bestandteile ihrer Ausbildung, den Männern Lesen und Schreiben beizubringen.

(Foto: timotheos/pixelio.de)

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