Tage mit Ewigkeitscharakter

06. Dezember 2009, 11:19 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , , , | von
Constantin Graf von Hoensbroech

Monika Gräfin Metternich hat ein „Lob des Sonntags“ geschrieben - Von Constantin Graf von Hoensbroech

In Berlin sollten die Geschäfte an den vier Adventssonntagen sowie an sechs weiteren Sonn- und Feiertagen geöffnet werden. Das Berliner Ladenöffnungsgesetz ist das liberalste in Deutschland. Dagegen haben die Kirchen Klage beim Bundesverfassungsgericht eingereicht - und teilweise Recht bekommen.

Natürlich sollen und müssen die acht Richter des Ersten Senats, der über die Klage zu befinden hatte, in ihrer Entscheidung unabhängig sein. Gleichwohl sei nicht nur ihnen die Lektüre zum „Lob des Sonntags“ empfohlen. Ein Buch, das in der seit Jahren wogenden Debatte über die Sonntagskultur einen besonderen Akzent setzt.

„Gäbe es den Sonntag nicht, man müsste ihn erfinden“, steht etwas plakativ auf der Rückseite des lesenswerten Buches, in dem die Religionspädagogin und Journalistin Monika Gräfin Metternich dem Sinn des Sonntags und seinen kulturellen Wurzeln nachspürt. Dabei macht die Autorin gleich zu Beginn deutlich, auf welcher Seite der Debatte sie über den Tag steht, der schon immer von wirtschaftlichen und politischen Interessen bedroht war. „Erwarten Sie kein Expertentum und keine Objektivität“, warnt die Mutter von fünf Kindern im Vorwort. Ihre Position ist klar: „Der Sonntag hat seine Wurzeln im Kult, der Sonntag ist das Geschenk der Christen an die Welt.“ Wie sie das meint, beschreibt Metternich in zwei Teilen.

Zunächst widmet sie sich in sehr persönlichen Worten und mit teilweise wunderbaren Sprachbildern ihren eigenen Sonntagserfahrungen und -prägungen, die sie als Kind und Jugendliche in einem wohlbehüteten Elternhaus erfahren durfte. Mit dem sonnabendlichen Glockenläuten wurde damals nicht nur der Sonntag, sondern auch die Badezeit eingeläutet, „denn am Sonntag sollten nicht nur Haus und Hof blitzsauber sein, sondern auch die Menschen“. Metternich berichtet vom Anlegen der Sonntagskleidung, vom Kirchenbesuch, vom Spiel und von der Gemeinschaft in der Familie. Es sind leichte, amüsante und sehr warmherzige Beschreibungen, die die Autorin den Lesern vorstellt und dabei doch auch immer wieder einen bemerkenswerten Bezug zur eigenen familiären sowie der allgemein aktuellen Gegenwart herstellt. „Der für eine Gesellschaft unersetzliche praktische Grundvollzug von Gemeinschaft wird (…) nur möglich, weil manche Menschen sonntags beidem entsagen (…).“

Metternich vertritt indes keineswegs einen Absolutheitsanspruch, wie ihn manche Vertreter ökonomischer Sichtweisen sowie freier Marktwirtschaft mitunter beanspruchen. Schließlich hat die Autorin buchstäblich am eigenen Leibe erfahren, wie segensreich Sonntagsarbeit sein kann, als sie seinerzeit an einem Sonntag in einer Klinik zur Welt gekommen ist. Und mit ihren Darstellungen der Sonntagsarbeit einer Krankenschwester sowie einer Bäckereiverkäuferin zeigt sie ebenfalls deutlich, wie segensreich einerseits und für manchen eben auch existenziell notwendig andererseits die Arbeit am Sonntag sein kann und ist.

Ihr Plädoyer für einen Sonntag, der für möglichst viele Menschen ein freier Tag bleiben sollte, breitet Metternich im zweiten Teil ihres Buches aus. Sie stellt dar, warum der Sonntag Kult statt Event ist, warum Weihrauch eben vor Toast und Honig kommt, und welche religiösen und kulturellen Wurzeln es sind, die den Sonntag zu einem „Tag mit Ewigkeitscharakter“ machen. Die Autorin arbeitet in ebenso dichter wie dennoch leicht verständlicher Weise die gemeinsamen Wurzeln der christlichen (Sonntags)kultur aus dem Judentum heraus und betont den Sabbat als den Tag, an dem „alle gemeinsam teilhaben am Glück des geschenkten Tages“.

Um das ganz praktisch und anschaulich zu illustrieren, entwirft Metternich ein höchst lebendiges Bild des „weltanschaulichen Getümmels“ in Israel, vor dessen Folie dann Jesus Christus in die Öffentlichkeit tritt. Wesentliche Kapitel von Jesu Lebensgeschichte erzählt Metternich nach, und weil sie als Religionspädagogin die notwendige wissenschaftliche sowie als Journalistin die entsprechende sprachliche Qualifikation vereint, mag diese Darstellung eines der herausragendsten und eingängigsten Kapitel des Buches sein – etwas ärgerlich nur, dass das Manuskript an manchen Stellen einem offenbar sehr nachlässigem Korrektorat unterzogen worden ist.
Gleichwohl macht die bildreiche und unterhaltsame Lektüre das Buch eben auch für die dem Christlichen kritisch oder ahnungslos gegenüberstehenden Leser so ungemein unterhaltend. Das gilt übrigens auch für die weiteren Darstellungen, in denen Metternich den weiteren Fortgang und die Entwicklungen rund um den Sonntag durch die Jahrhunderte bis zum heutigen Tage beleuchtet. Dabei bereichert sie ihren Text durch sehr geschickt platzierte Anleihen und Zitate verschiedenster Denker, Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler – ein kurzes Personenregister sowie ein Quellenverweis wären ein befriedigenderer Anhang als nur die knappe Übersicht über die verwendete Fachliteratur. Darüber hinaus erinnert die Autorin an eine Reihe von bekannten und weniger bekannten Bräuchen und Gepflogenheiten, Traditionen und liebgewonnene Riten, die Teil einer über Jahrhunderte gewachsenen Sonntagskultur sind.

Drastisch schildert Metternich die letztlich gescheiterten Versuche der Französischen Revolution sowie des russischen Revolutionskalenders, der christlichen Glaubenspraxis den Boden zu entziehen. Das Gegenmodell ist eben seit 1 700 Jahren bis heute gültig, der von den christlichen Sonntagen geprägte Jahreslauf mit dem Ostersonntag als „Sonntag aller Sonntage“ als Höhepunkt. Ob das so bleibt? „Alle Versuche, den Sonntag abzuschaffen, sind bisher gescheitert. Die Bewahrung des Sonntags hängt aber von denen ab, die ihn feiern“, stellt Metternich am Ende ihrer Ausführungen fest. Eine deutliche Aufforderung nicht nur an die Vertreter der Amtskirche, sondern vielmehr an jeden einzelnen Christen, sich seiner Verantwortung für die Wahrung des Sonntags als Tag des Herrn einzusetzen.

 

Foto: geralt/photoopia

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