Spirituelle Erneuerung mit Pater Jose

22. Juni 2010, 09:32 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: | von
Fabian Heinzel

Die Hinterhöfe von Berlin-Kreuzberg sind eine Welt für sich.  Von der Straße aus hat man keinerlei Einblick.  Nie kann man deshalb wissen, was dort zu finden ist.  Jeder Hof birgt seine eigene kleine Welt.  In dem Hof in der Stresemannstraße, den ich betrete, hoffe ich Pater Jose Vettiyankal zu finden.  Einen katholischen Priester aus Indien mitten im Bezirk der besetzten Häuser und schicken Lofts, der grauen Hochhäuser und grünen Parks, der Mai-Krawalle und der Medienunternehmen, in einem Bezirk, der für viele Gegensätze steht, aber ganz sicher nicht für Katholizismus.  Wenn jemand Kreuzberg mit einer Religion in Verbindung bringt, dann mit dem Islam.

Katholiken leben hier in der Diaspora inmitten von Moscheen, Dönerbuden und deutsch-türkischen Kulturzentren.

Zunächst versuche ich es in der Kirche selbst, der St.-Clemens-Kirche, die ebenfalls in diesem Hinterhof zu finden ist.  Von außen kaum als solche zu erkennen, steht man plötzlich mitten zwischen den aus Kirchen wohlbekannten Bänken, Säulen und Bildern.  Ein freundlicher Mann, offensichtlich Inder, erklärt mir, wie ich zu Pater Joses Büro komme.  Auf dem Weg dorthin treffe ich noch eine Mitarbeiterin der St.-Clemens-Gemeinde, die mich ebenfalls freundlich empfängt.

Kurz darauf sitze ich zusammen mit Pater Jose in seinem bescheiden eingerichteten Büro.  Ob es ihm auch als Schlafraum dient?  Zumindest gehört neben einem Schreibtisch auch ein schlicht wirkendes Bett zu den Möbelstücken.  Schließlich ist die Unterstützung der Armen eine der Hauptaufgaben des Vinzentinerordens, zu dem Pater Jose Vettiyankal gehört, da ergibt es Sinn, wenn sich die Ordensmänner ihrerseits in Bescheidenheit üben.

Weitere Hauptaufgaben sind die Verkündigung des Evangeliums und die Durchführung von Exerzitien.  Darunter versteht man geistliche Übungen, in denen sich Menschen mehr als für sie selbst üblich dem Gebet oder der Besinnung widmen.  Pater Jose verwendet das englische Wort „Retreat“ – Rückzug für die in St. Clemens durchgeführten Exerzitien.  Eine spirituelle Ruhepause, die auch in Religionen wie dem Buddhismus bekannt ist.  „Was vor allem ist der Zweck solch eines Rückzugs?“, frage ich ihn.  „Erneuerung.“  „Und der Nutzen?“

Pater Jose sieht in den Exerzitien die Chance für einen Jeden, über den Heiligen Geist zum Kern der eigenen Probleme vorzudringen.  Die Vinzentiner arbeiten unter anderem mit Drogenabhängigen, mit Depressiven, mit Menschen in schweren Lebenskrisen.  Die materielle Armut, die er in den Elendsvierteln seiner Heimat Indien gesehen hat, gibt es in Deutschland nicht – auch nicht in der „arm, aber sexy“-Stadt Berlin.  Aber vielen fehlt etwas.  Für Pater Jose ist es eine Art geistige, oder besser gesagt spirituelle Armut, unter der hier gelitten wird.     

Exerzitien sollen helfen, das eigene Leben zu erneuern.  Die Vinzentiner berufen sich dabei auf die Tradition der Alten Kirche.  Dabei ist die Vinzentiner Kongregation von Malabar, deren Hauptsitz in der indischen Provinz Kerala liegt, in ihrer heutigen Form verhältnismäßig jung: Sie wurde 1904 ins Leben gerufen.  Die christliche Tradition in Indien ist dafür alt.  Laut der Überlieferung kam der Apostel Thomas bereits während des 1. Jahrhunderts nach Indien und etablierte dort das Christentum.  Seit 2006 versuchen die Vinzentiner nun das Christentum im stark atheistisch geprägten Berlin zu re-etablieren.  Auch die Exerzitien sind Bestandteil ihrer Missionsarbeit. Pater Jose ist überzeugt, dass der Weg zu Frieden und Freude über Jesus Christus, über ein Leben nach dem Wort Gottes führt. 

In Indien ist das Predigen einfacher, erzählt er mir.  Zwar seien die meisten Inder keine Christen, doch der Glaube an einen oder mehrere Götter sei verbreitet.  Menschen würden an etwas glauben.  In Deutschland dagegen würde oft jeglicher Glaube fehlen.  Gewalttätige Ausschreitungen gegen Christen in Indien, wären das Werk einer kleinen Minderheit, betont Pater Jose.  Diese Gruppen aus dem moslemischen oder hinduistischen Spektrum würden allerdings sehr brutal vorgehen.  Im Großen und Ganzen würden die Angehörigen der verschiedenen Religionen in dem riesigen Land jedoch in Frieden zusammen leben. „Leben und leben lassen“ gehört zu den Prinzipien der Bevölkerung.

Auch in Deutschland herrscht Frieden, doch seinen Glauben zurückzufinden, kann in anderer Hinsicht helfen, so Pater Jose.  Vor allem emotionaler Stress lässt oft sehr nach, berichtet er.   Die Entfremdung, das Fehlen echter Freundschaft, der Mangel an Orientierung ist es, was Menschen zu schaffen macht und zum Beispiel in die Abhängigkeit führt.             

In Indien dagegen vergrößert sich die Anzahl der Gläubigen und die Anzahl der Kirchen.  Der ökonomische Aufschwung des Landes scheint dem Christentum entweder zu helfen oder in keinem Zusammenhang zu stehen, ein negativer Effekt konnte jedenfalls nicht beobachtet werden. 

Der Aufschwung im Glauben hält sich in Deutschland in Grenzen.  Das würde ein Priester sich natürlich anders wünschen.  Was aber gefällt Pater Jose in seinem Gastland am Besten?  „Die Liebe zur Wahrheit und zur harten Arbeit“, sagt er.  Was wünscht er sich, hier zu erreichen?  Zu den wichtigsten Zielen der Vinzentiner gehört die Erneuerung der Kirche auf Grundlage der Lehren der Alten Kirche und der Kirchenväter, sie wollen das Evangelium verkünden und Menschen mit Hilfe der Exerzitien eine neue Perspektive in ihrem Leben bitten.  Gelegenheit dazu wird er zum Beispiel bei der 1. Berliner Bibel-Tagung haben, die vom 23.06 bis zum 27.06 diesen Jahres stattfindet. 

Die Tagung wird im Zeichen der Erneuerung stehen so wie auch das von Pater Jose favorisierte Bibelzitat:

„Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ (Evangelium nach Johannes, Kapitel 3, Vers 3)

www.st-clemens-berlin.de

(Bild: Redaktion)

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