Seid Ihr selbst: gelassen, souverän und heiter!

16. März 2010, 06:52 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: | von
Albrecht Prinz von C r o ÿ

Vom durchaus beunruhigenden Zustand der katholischen Kirche und wie man ihn überwindet. Von Albrecht Prinz von C r o ÿ
Es gibt einen alten journalistischen Grundsatz: schreibe möglichst nicht oder nur mit großem Abstand über Dinge, die Dir sehr am Herzen liegen. Da der Autor dieser Zeilen auch hier schon öfters (und gern) gegen diese Maxime verstoßen hat, fasst er Mut, es nun mit einem durchaus heiklen Thema abermals zu versuchen. Doch zuvor ein Bekenntnis: ich liebe und verehre meine Kirche, ich bin mit Leib und Seele katholisch und lasse mich davon nicht abbringen. Ich verteidige sie gegen unfaire Angriffe und leide wie ein Hund an ihren immer wiederkehrenden Schwächephasen. Und also darf ich sie auch kritisieren, ohne von ihr abzufallen

Denn da liegt der erste neuralgische Punkt: wer ihr aus den eigenen Reihen entgegentritt, wird von den Kirchenoberen schnell in den immer größer werdenden Topf der üblichen Verdächtigen geworfen. Aber ernsthaft: wer möchte sich in der Gemeinschaft der „ich-habs-ja-immer-schon-gewusst-“ Besserwisser wiederfinden, denen seit Jahren schon die ganze Innung nicht passt und die wie die Trüffelschweine nach Gelegenheiten suchen, dies einer mehr oder weniger interessierten Öffentlichkeit kund zu tun. Nein, mit den nach pawlowschem Gesetzen agierenden Geißlers, Drewermanns, Leutheuser-Schnarrenbergers etc. möchte man nichts gemeinhaben. Aber man möchte von seiner Kirche eben auch ungern denen gleichgesetzt werden. Ein wenig mehr Differenzierung darf schon sein!
Woher rührt nun die kreuzzugartige Mentalität einer Verleumdungs- und Vernichtungskampagne, die mit schöner Regelmäßigkeit vor allem die katholische Kirche heimsucht? Und die ebenso regelmäßig oben beschriebenen Abwehrmechanismus erzeugt? Antwort: an der Kirche selbst. Es ist diese nun jahrzehntelange Übung der Defensive, die abfärbt. Wer sich ständig verteidigt, glaubt irgendwann selbst an seine Minderwertigkeit, ist ständig in verspannter Lauerstellung und springt seinen gutmeinenden Kritikern ins Gesicht. Er wird hart und fundamentalistisch, schlägt um sich und trifft zwangsläufig die Falschen.
Betrachten wir diese fatale Reaktion an der aktuellen Debatte. Es mag zynisch klingen, ist aber durchaus nicht so gemeint: das nach den Missbrauchsfällen in Amerika und Irland, bei den Legionären Christi und anderswo auch die deutsche katholische Kirche über kurz oder lang mit diesem Thema konfrontiert würde, war absehbar. Wo aber war die lang geplante Abwehrstrategie? Wo waren die Pläne, die nur aus der Schublade der Deutschen Bischofskonferenz gezogen werden mussten? Wo der ernannte und vorher feststehende „Troubleshooter“? Dieses einfach geschehen und auf sich zukommen zulassen, hat nichts mit Gottvertrauen, sehr viel aber mit schlechter Organisation und mangelndem Selbstvertrauen zu tun. Und also lag das Kind schon im Brunnen, bevor überhaupt eine Kampagne daraus werden konnte. Warum liefert die katholische Kirche ihren Kritikern auch immer gleich noch die Munition? An einem Missbrauch Abhängiger gibt’s es nichts zu deuteln, da gibt es auch nichts zu verhandeln, da darf nicht vertuscht werden, weil es ohnehin ans Licht kommt. Ein aktiver, selbstgewählter, wohl überlegter und -kommunizierter Schritt an die Öffentlichkeit  hätte die Katholiken in die Offensive gebracht: „Ja, wir haben schwarze Schafe in unseren Reihen, wir haben sie benannt und aus dem Schutz der Kirche entlassen. Wer ohne Fehler ist, der werfe den ersten Stein“. Es ist nicht ausgemacht, dass es dann nicht zu einer ähnlichen Kampagne gekommen wäre (die üblichen Verdächtigen machen solche Unterschiede nicht); aber die Verantwortlichen wären auf gleicher Augenhöhe gewesen. Sie hätten sich der Angriffe einer wildgewordenen Justizministerin gelassener stellen und diese parieren können. So hatte der Auftritt des Vorsitzenden der Bischofskonferenz etwas Atemloses, Gehetztes, Gestelztes.
Es ist diese fehlende Gelassenheit, diese mangelnde Souveränität, dieser vorherrschende Kleingeist, der der Kirche immer wieder im Weg steht. Wer sich klein und gemein macht, wird auf dem Niveau auch gehandelt. Das Gegenteil zu tun hat nichts gleich mit Geltungs- oder Großmannsucht, das hat etwas mit der unerschütterlichen Überzeugung an eine wunderbare, immer treffende, sehr emotionale und also zeitlose Botschaft zu tun. Das hat etwas mit dem berühmten USP, vulgo dem Alleinstellungsmerkmal, zu tun. Wofür stehe ich und kein anderer? Wer dieses offensiv und begeistert nach draußen trägt statt selbstzweiflerisch und verzagt, der wird attraktiv für Zweifler und Verzagte. Der muss nicht gebetsmühlenhaft deklamieren, dass Missbrauch kein Ergebnis des Zölibats sein kann, dass die Kirche eben nicht „lustfeindlich“ ist oder ihr eine „verlogene Sexualmoral und Körperfeindlichkeit“ eigen ist. Und ein solches Selbstbekenntnis und -verständnis bedarf eben auch der ständigen Überprüfung, der Anpassung an veränderte gesellschaftliche Strömungen oder Prozesse.
Wer dem Zeitgeist hinterherläuft, wird immer Letzter sein, wohl wahr! Wer ihn aber ignoriert oder verleugnet, wird Letzter bleiben! Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2009 im Rahmen der Reihe „Zukunftsperspektive Christentum“  trägt den Titel „Kirchliche Strukturen vor den Herausforderungen gesellschaftlichen Wandels“.  Der Rektor der Theologischen Fakultät Paderborn, Prof. Dr. Günter Wilhelms, äußert zum Abschluss seiner Arbeit zwei „Wünsche“. Erstes Zitat: „Die Kirche sollte der Sinnlichkeit besondere Beachtung schenken: Die religiöse Symbolwelt in ihrer sinnlichen Fülle und Erlebnisqualität vermag auf besondere Weise das Andere der Gesellschaft wachzuhalten, das Andere gegenüber den ausdifferenzierten Sachzwängen, gegenüber dem Zwang zur Flexibilität und Mobilität, gegenüber Informationsflut und Erlebnissucht – ohne selbst wieder zwingen zu wollen.“ Zitat Ende.
Darin liegt ein gewichtiger Grund für die Defensivhaltung der katholischen Kirche: sie hat sich ihrer grandiosen Formel- und Symbolsprache weitgehend entledigt. Es ist kaum Erhabenes und Mystisches übriggeblieben. Wer heute lieber von einem Gottesdienst spricht als von einer „heiligen Messe“, legt beredtes Zeugnis für diesen Sinneswandel ab. Wer heute lieber Bongos, eine zart gezupfte Gitarre oder die dünne Vorsänger-Stimme der Pastoralreferentin erklingen lässt statt brausender Orgel und fröhlich-kräftigem Gemeindegesang, der hat sich aus Angst vor dem „Anderssein“ vom „Anderen“ in der Gesellschaft verabschiedet, der möchte lieber sein wie alle. Wer seine Hochämter zu Vorlesestunden aus mehr oder weniger gelungenen Predigtbüchern verkommen lässt, der schafft eben keine Erlebnisqualität. Die katholische Kirche lässt eines ihrer größten Trümpfe, die starke emotionale Bindung an ihre Riten und Symbole, brach liegen. Es war deswegen durchaus folgerichtig, dass Benedikt XVI. in der im Juli 2007 veröffentlichten „Motu proprio Summorum Pontificum“ den sogenannten  tridentinische Ritus als „forma extraordinaria“ der liturgischen Feier wiederzugelassen hat. Es mag nicht jedermanns Sache sein, aber hier kann sich die religiöse Symbolwelt auch für die wieder öffnen, die sich von anderem eben nicht angesprochen fühlen. Das Geschrei der üblichen Verdächtigen, so absehbar es war, wonach ein rückschrittlicher Papst nun endlich seine Maske habe fallen lassen, lässt doch in Wahrheit nur einen Schluss zu: wie groß die Intoleranz der angeblich so Toleranten ist!
Das zweite Zitat aus der Bertelsmann-Studie: „Sie (die Kirche, d. Verf.) sollte sich verpflichtet fühlen, sich als Teil der Gesellschaft zu begreifen, sich verantwortlich zu wissen für die Zukunft der Gesellschaft insgesamt. Ihr Handlungsfeld ist die Öffentlichkeit der Zivilgesellschaft, überzeugen kann sie nur als Vorbild. Die Kirche ist für die Menschen da, nicht die Menschen für die Kirche“. Zitat Ende.
Eine weitere Erkenntnis auf dem Weg in die Defensive: die Kirche ist nicht bei ihren Schafen. Es ist mindestens kontraproduktiv, Sonntag für Sonntag den vermeintlichen Niedergang einer säkularisierten Gesellschaft wortreich zu beklagen. Zu bejammern, dass uns Werte und Ethik abhanden gekommen sind, dass Kreuze in Schulen und Gerichtsgebäuden abgehängt werden, dass die Jugend nur noch aus kommunikationsgestörten Egoisten bestehe und dass dies von den katholischen Amtsträgern doch schon seit Jahren prophezeit worden sei. Gelassene Offensive sieht anders aus: warum entwerfen sie nicht mit den wesentlichen Meinungsführern einer modernen Zivilgesellschaft die Vision einer Gesellschaft von morgen, in der die Kirche eo ibso und aus vollem Recht einen festen, unbedrängten Platz hat. In der die Kirche selbstbewusst und offensiv Themen setzt und zur Diskussion stellt. In der die Kirche die Menschen lehrt, dass ein Staatswesen Rahmenbedingungen setzt und das Gewaltmonopol verteidigt, aber nicht der alles kontrollierende, alles regelnde Überwachungsapparat ist, der er gerade zu werden droht. Warum versteckt die Kirche in diesem Zusammenhang eine ihrer größten Erfolgsgeschichten: die wahre Caritas? Die Liebe und Fürsorge, die sich in vielen kirchlich geprägten oder kirchlich getragenen Hilfsorganisationen und Initiativen zeigt, ist ein großartiges Argument für die Schaffung einer sich selbst tragenden modernen Bürgergesellschaft. So stark dieser Staat auch noch werden will, die „Liebestätigkeit“, wie sie Papst Benedikt XVI. in seiner ersten Enzyklika „Deus Caritas est“ bezeichnet, „wird nie überflüssig, es wird nie eine Situation geben, in der man der praktischen Nächstenliebe jedes einzelnen Christen nicht bedürfte, weil der Mensch über die Gerechtigkeit hinaus immer Liebe braucht und brauchen wird.“ Was für ein wunderbares Alleinstellungsmerkmal! Wenn diese Gesellschaft eine christlich zivile, von Liebe getragene ist, wird sie keine Kreuze in ihren  Schulen und Gerichtssälen mehr abhängen wollen.
Professor Günter Wilhelms findet am Ende seiner Studie zur folgenden Quintessens. Zitat: „Es hätte wohl eine noch viel größere Anzahl von Mitgliedern der Kirche den Rücken gekehrt, gäbe es nicht noch immer so viele verschiedene Identifikationsmöglichkeiten mit den kirchlich-religiösen Vollzügen, so dass auch massive Enttäuschungserfahrungen oder auch intellektuelle Zumutungen noch kompensiert werden können. Dabei spielen zweifellos ein ausgeprägtes Krisenbewusstsein des modernen Menschen und die rituelle Monopolstellung die Kirche eine entscheidende Rolle… Passte sich die Kirche der Gesellschaft an, würde sie über kurz oder lang bedeutungslos werden. Ignorierte sie die Bedürfnisse der Menschen, zöge sie sich zurück auf den heiligen und mit sich selbst zufriedenen Rest, verkäme sie zur Sekte. Die Kirche muss sich entscheiden, auch wenn natürlich bei weitem nicht alles von ihr abhängt. Lässt sie alles beim Alten, wird sie über kurz oder lang sprichwörtlich zum auslaufenden Modell. Versucht sie die Identifikationsmöglichkeiten des Christlichen einzuschränken, wird sie wohl zur stabilen aber marginalen gesellschaftlichen Gruppe. Letztlich muss sie sich, will sie ihrer Botschaft treu bleiben, von der Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen, um mit dem letzten Konzil zu sprechen, herausfordern lassen. Man vergesse nicht, dass die Gnade Gottes immer schon beim Menschen ist, noch bevor der Verkünder der Gegenwart Gottes seine Stimme erhebt. Das ist die richtige Perspektive und nicht die zwanghafte Sorge ums eigene Überleben“. Zitat Ende.
Der Mensch, den die Kirche sucht, lebt mehr denn je in einem Kokon von Problemen, Ablenkungen und Selbstzweifeln. Nicht diesen Umstand larmoyant zu beklagen, sondern den Panzer zu durchdringen, um an den wahren Kern und die wahren Bedürfnisse zu kommen, ist die Aufgabe der katholischen Kirche. Selbstbewusst, gelassen, heiter und zielorientiert. Die Gnade Gottes ist schon da!

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