Rezension: Krause Landt und Bauer über Entwurf zum § 217 StGB

31. Januar 2013, 12:45 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , , | von Redaktion
Redaktion (oe)

Der Gesetzentwurf der Bundesjustizministerin zum § 217 StGB hat großen Aufruhr ausgelöst. Nicht nur die Kirchen, sondern auch die Ärzteschaft wehrt sich gegen die sich aus ihm ergebenden Folgen. In dem Buch von Andreas Krause Landt und Axel W. Bauer werden die kulturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einer Kultur ausgeleuchtet, die den Selbstmord gesellschaftsfähig machen will.

Wie wollen wir sterben? lautet eine immer wieder aufgeworfene Frage, die aber doch falsch gestellt ist, denn die Umstände unseres Todes sind völlig unbekannt und entziehen sich unserer Gewalt. Es sei denn, man nimmt das eigene Ende selbst in die Hand. Und genau darum geht es vermutlich auch bei der nicht gegebenen Antwort: Selbsttötung ist die einzige Möglichkeit, die Umstände des Todes zu kontrollieren. Andreas Krause Landt bringt mit dem genial gewählten Titel seines Essays den Sachverhalt auf den Punkt: Wer danach fragt, wie man sterben will, erwartet zugleich, dass man aktiv nachhilft.

In seinem kulturwissenschaftlichen Essay durchmisst Krause Landt die verschiedensten Facetten der Kultur des Todes, die in unseren Breiten entstanden ist und die Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger mit ihrem Gesetzentwurf zur Regelung der Beihilfe zur Selbsttötung verrechtlichen will. Ärzten will sie sie straffrei ermöglichen, weil es Suizide ohnehin schon gibt, und kehrt damit das Jahrtausende alte Selbstverständnis um in sein Gegenteil. »Das Datum müssen wir uns merken, denn es war der Tag, an dem die Katze aus dem Sack gelassen wurde. Deutlicher hätte man kaum darauf hinweisen können, dass es nicht um Selbstbestimmung, sondern um objektive Bedingungen geht.«

Sehr deutlich umreißt Krause Landt den Kulturbruch, der drohen würde, wenn der Entwurf Gesetzeskraft erlangen würde. Beihilfe zum Suizid, Töten auf Verlangen oder Mord aus Mitleid hat es immer gegeben und wird es immer geben. Sie unter Strafe zu stellen kann daran nichts ändern, aber – und das ist die große Kulturleistung derartiger strafrechtlicher Regeln – die Strafandrohung zwingt alle Beteiligten, ihr Gewissen zu erforschen. »Was einer tun zu müssen glaubt, das soll er tun. Es gibt keine andere Möglichkeit, die Lauterkeit seiner Motive zu prüfen als die Strafandrohung. Der selbsternannte Sterbehelfer muss bereit sein, die Konsequenzen zu tragen, damit nicht jedermann in beliebigen Situationen ungestraft zum Mörder wird.«

Axel W. Bauer kommt in seinem Aufsatz zum selben Ergebnis, setzt aber andere Schwerpunkte. Er analysiert die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen die von Krause Landt vermessene Kultur des Todes gedeiht. Der Untertitel seines Textes ist schmerzhaft und provokativ, und was er schreibt, hält man zunächst für starken Tobak. Nur warum eigentlich? Er beschreibt die Wirklichkeit und zieht seine Schlüsse, die nachvollziehbar sind, mehr nicht. Dabei geht er auch in der Medizingeschichte zurück und rekonstruiert die Herkunft des Gedankens vom vermeintlich freiwillig gewählten Tod im Alter. Der Euthanasiegedanke entstand im 19. Jahrhundert und hat bis heute überlebt; dass er in Deutschland erst in den letzten Jahren, nach einer schamhaften Pause, wieder en vogue zu werden beginnt, ist der Erinnerung an die systematischen Ermordung von Behinderten im Nationalsozialismus geschuldet.

Da die Schamfrist jedoch vorüber zu sein scheint, stellt Bauer grundsätzliche Fragen; er spricht der »Beihilfe zum Selbstmord«, wie er es unverblümt nennt, grundsätzlich jede Legitimität ab. Deshalb kritisiert er auch die feinsinnige Unterscheidung von gewerbsmäßig und nicht gewerbsmäßig betriebener Beihilfe zur Selbsttötung im Gesetzentwurf der Justizministerin. Bauer sagt: »Eine an sich gute oder moralisch neutrale Handlung wird nicht dadurch schlecht, dass sie Geld kostet.« Und: »Eine schlechte Handlung wird nicht dadurch gut, dass sie gratis zu haben ist.« Doch genau das will der Gesetzentwurf uns weismachen, weshalb Bauer ihn »Gesetzestrojaner« nennt: »Organisierte Suizidhelfer, die offiziell nicht mit Gewinnerzielungsabsicht handeln, können sich in ihrem Tun dadurch sogar bestätigt fühlen. Viel interessanter als das, was der Entwurf regelt, ist also das, was er nicht regelt und somit durch Schweigen geradezu privilegiert.«

In seinem Essay reißt Bauer noch viele andere wichtige Themen an und bringt Informationen, die zeigen wohin der Hase läuft: Der demographische Wandel erzeugt einen massiven Druck auf das Gesundheits- und Pflegesystem Deutschlands, der den »freiwilligen« Abgang von »unnützen« Alten und Kranken befördert. Die Rolle des Arztes droht sich in sein Gegenteil zu verkehren, der Begriff der Patientenautonomie wird weiter verzerrt werden als das Recht und sogar die Pflicht, von eigener Hand zu sterben. Angesichts derartig beunruhigender Tendenzen lautet Bauers Forderung – oder vielmehr sein Wunsch, seine Hoffnung –: »Dem Suizid als solchem muss die soziale Anerkennung versagt werden und versagt bleiben.« Ob das freilich gelingt, ist ungewiss. Bauer hat jedenfalls das Seine dazu getan, dass sie in Erfüllung geht.

Das Buch, das neben den Aufsätzen Krause Landts und Bauers auch noch einen älteren Text von Reinhold Schneider aus dem Jahr 1947 über den Selbstmord enthält, liegt angenehm in der Hand und ist in seiner puristischen Gestaltung schön anzuschauen. Die Lektüre erfordert eine gewisse Aufmerksamkeit, die aber durch den Erkenntnisgewinn belohnt wird. Man kann die Publikation eine Gelegenheitsschrift nennen, da sie anlässlich der Diskussion über das Gesetzesvorhaben der Bundesregierung auf den Markt gebracht wurde. Wenn sie in dieser Eigenschaft Wirkung entfalten würde, könnte man sich glücklich schätzen. In jedem Fall bietet sie eine Momentaufnahme, die uns davor bewahren wird zu sagen, wir hätten nicht gewusst, was auf uns zu kommt.

Andreas Krause Landt: Wir sollen sterben wollen. Warum die Mitwirkung am Suizid verboten werden muss, Axel W. Bauer: Todes Helfer. Warum der Staat mit dem neuen Paragraphen 217 StGB die Mitwirkung am Suizid fördern will, Edition Sonderwege bei Manuscriptum: Waltrop/Leipzig 2013, 199 Seiten, 14,90 Euro.

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