M. Moshiri: Wir waren gegen den Schah, aber nicht für Khomeini

18. Januar 2010, 03:33 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: | von
Redaktion

Der deutsch-exiliranische Schriftsteller Mohammad Moshiri hat am 13.01.2010 im Bernhard Lichtenberg-Haus in Berlin einen Vortrag zur Menschenrechtssituation im Iran gehalten.  Mit seiner Erlaubnis veröffentlicht FreieWelt.net den Text seines Vortrages.

Vortragstext   M.Moshiri  im Haus Bernhard Lichtenberg- Berlin
Kathedralforum. 13.01.2010 Kath. Dom

Es wurde zuerst einen Film über den neuen Demonstrationen im Iran gezeigt.

Vortragstext

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde!
    
Es ist  eine Ehre für mich, dass ich zu Ihnen über die Verletzung der Menschenrechte in meiner Heimat, dem Iran, sprechen kann; zumal in diesem Haus, das den Namen Bernhard Lichtenbergs trägt.
Dass ich  als ein Moslem hier sprechen darf, ist ein Beweis für den guten und freundlichen Umgang der großen Religionen miteinander und das gemeinsame Anliegen, sich für die Menschenrechte einzusetzen.
Ich danke  Herrn Dompfarrer  Kluck und Frau Birkner dafür, dass sie mir die Gelegenheit gegeben haben, an diesem Ort zu Ihnen zu sprechen.
    
Aber jetzt über das Thema Menschenrechte und Demokratie  im Iran.

Bestimmt wissen viele von Ihnen etwas über den Iran  und seine Geschichte.  Eine Kultur mit mehr als 3000 jähriger Geschichte. Das Land der Wissenschaftler und Dichter.  Ein  Lieblingsland  von Goethe.

Ich bin seit mehr als 40 Jahren für die Menschenrechte aktiv.   Ich war noch jung als Khomeini nach Iran kam. Die Geschichte der Menschenrechtsverletzungen  im Iran begann direkt nach der Machtübernahme  durch Khomeini vor 30 Jahren. Schah Reza Pahlevi war ein Diktator und es gab Folterungen und politische Hinrichtungen unter seiner Herrschaft, aber was die Mullahs im Iran angerichtet haben, ist überhaupt nicht vorstellbar. Die letzten 30 Jahre der Geschichte des Iran ist die Geschichte der Menschenrechtsverletzungen und brutalen Unterdrückung, von Mord und Gewalt unter der Maske der Religion. Aber wir wissen alle, dass  Religion nirgendwo  mit Gewalt und Unterdrückung  zu tun haben darf. Auch nicht im Iran.
 Damals veröffentlichte ich  eine Zeitschrift für die Schüler in Teheran. Wir waren gegen den Schah aber nicht für Khomeini. Meine erste Begegnung mit den Leuten Khomeinis war mein Protest im Justizministerium in Teheran. Eine Woche nach der Revolution gegen den Schah  haben die Khomeinianhänger die weiblichen Angestellten  in diesem Ministerium angegriffen und sie mit Gewalt aufgefordert sich zu verschleiern oder nach Hause zu gehen und nicht zurückzukommen.   Sie schrieen die Frauen an:
„Kopftuch, oder passt auf euren Kopf auf. Ihr könnt dazwischen wählen“.
 Die Frauen leisteten Widerstand.
Als die Frauen dagegen protestiert hatten, wurden sie angegriffen und geschlagen. Wir hatten uns eingesetzt, um diesen Frauen  zu helfen. Damit begann mein Widerstand gegen die Mullahs.

Als junger Künstler hatte ich damals 3 Möglichkeiten.

1-    Mit dem Regime arbeiten. Einige meiner Freunde haben diesen Weg gewählt und sind sehr reich geworden, aber sie sind nicht mehr meine Freunde. Sie haben sich der Verbrechen des Regimes schuldig gemacht.
2-    Im Iran oder im Ausland leben, ohne sich mit den Ereignissen im Lande zu befassen. Als Auslandsiraner, dann jedes Jahr in den Iran reisen und schöne Teppiche kaufen; oder
3-     den Weg des Widerstandes gegen die Unfreiheit und Menschenrechtsverletzungen wählen und dafür den Preis zahlen.

      Diesen Weg habe ich gewählt und den Preis dafür gezahlt.   Seit 30 Jahren sah ich keine     Mitglieder meiner Familie und als letztes Jahr mein Vater  gestorben ist, konnte man meinen     Namen als sein Sohn nicht nennen. Die Familie bekäme dann überall Probleme, weil wir zu dem Kreis von Menschen gehören, die das Regime nicht mag.  Ich möchte Sie aber nicht mit meiner Geschichte langweilen. Die ist sehr lang. 30 Jahre sind vorbei. Dieses Leben haben wir nicht selbst gewählt. Wir mussten uns für Veränderungen in unserer Heimat einsetzen.
Gedicht  „Kinder von morgen…“

     Ich weiß, dass der Kampf für die Menschenrechte nicht einfach ist, aber ich weiß auch, dass ein menschenwürdiges Leben ohne diesen Kampf  nicht möglich ist.  
Heute möchten wir über Iran sprechen. Wo die Menschenrechte brutal verletzt,  besser gesagt vernichtet werden. Gott sei Dank, dass nach 30 dunklen Jahren, das schöne Licht  der Freiheit im Iran jetzt auch zu sehen ist. Und wir hoffen alle, dass endlich im Iran die menschenwürdigen Verhältnisse in Politik und Gesellschaft hergestellt werden.
Wenn wir diese 30 Jahre einer religiösen  Diktatur im Iran betrachten, werden wir sehr schnell feststellen, wie die Religion benutzt wurde, um teuflische und unmenschliche Taten zu rechtfertigen.  Die Mullahs  haben in diesen 30 Jahren mehr als 120 000 Menschen hingerichtet, weil sie zum Beispiel die Meinungsfreiheit für sich beansprucht haben. Diese Verbrechen geschahen und geschehen noch heute in einem Land, in dem die erste Charta der Menschenrechte vor mehr als 2500 Jahren geschrieben worden ist.
Die Vereinten Nationen haben 1971 die Erklärung des persischen Reichsgründers Kyros II. in Babylon aus dem Jahr 539 vor Christus gefeiert. Sie ist eine der frühesten Quellen des Völkerrechts und gilt als die älteste Menschenrechtserklärung der Geschichte.

 Einige Sätze aus der Charta lesen:  

Ich setze heute die Krone auf und schwöre bei Masda, dass ich niemals meine Führung einem Land aufzwingen werde. Jedes Land ist frei zu entscheiden, ob es meine Führung möchte oder nicht, und wenn nicht, versichere ich, dass ich niemals dies mit Krieg aufzwingen werde.

Solange ich der König bin, werde ich nicht zulassen, dass sich jemand ohne einen Gegenwert oder ohne Zufriedenheit oder Zustimmung des Besitzers sich sein Eigentum aneignet. Solange ich am Leben bin, werde ich nicht zulassen, dass jemand einen Menschen zu einer Arbeit zwingt oder die Arbeit nicht gerecht vergütet.

Ich verkünde heute, dass jeder Mensch frei ist, jede Religion auszuüben, die er möchte, und dort zu leben, wo er möchte, unter der Bedingung, dass er das Besitztum anderer nicht verletzt. Jeder hat das Recht, den Beruf auszuüben, den er möchte, und sein Geld so auszugeben, wie er möchte, unter der Bedingung, dass er dabei kein Unrecht begeht.

Ich verkünde, dass jeder Mensch verantwortlich für seine eigene Taten ist, und niemals seine Verwandten für seine Vergehen büßen müssen und niemand aus einer Sippe für das Vergehen eines Verwandten bestraft werden darf.

Ich möchte hier auch einige Sätze der Resolution 217 A (III) der Generalversammlung vom
10. Dezember 1948 lesen:

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
da es notwendig ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechtes zu schützen, damit der Mensch nicht gezwungen wird, als letztes Mittel zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung zu greifen,
Artikel 3
Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.
Artikel 5
Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.
Artikel 9
Niemand darf willkürlich festgenommen, in Haft gehalten oder des Landes verwiesen werden.
Artikel 12
Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.
Artikel 18
Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder seine Weltanschauung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen.
Artikel 19
Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.
Artikel 20
1. Alle Menschen haben das Recht, sich friedlich zu versammeln und zu Vereinigungen zusammenzuschließen.
2. Niemand darf gezwungen werden, einer Vereinigung anzugehören.

Im August 2008 hat das Parlament des Regimes das so genannte islamische Strafgesetz verabschiedet.
Diese Gesetze rechtfertigen nur die Barbarei. Ich lese einige Gesetze vor. Sie können sich vorstellen, was für Gesetze das sind. Ich möchte darauf hinweisen, dass die Unterdrückungsorgane diese Gesetze auch nicht achten und was sie selbst nicht wollen, gegen Festgenommene anwenden.
Paragraf 90: Die Strafe einer Frau nach 3 Mal nicht erlaubter sexueller Beziehung ist die Todesstrafe.                 

Paragraf 179:
Die Strafe für die Weinherstellung, nach dem 2. Mal ist die Todesstrafe
Paragraf 190:
Die Strafen für die Personen, die auf der Erde Sünde verbreiten sind wie folgt:
1- Getötet werden   2- Gehängt werden 3- Die rechte Hand und den linken Fuß abgetrennt und gehängt werden 4-  Von der Zivilisation entfernt werden, so dass die Person an einem Ort durch Hunger und Durst stirbt.
Paragraf 225:
Wenn ein Moslem von Islam abfällt und einer anderen Religion beitritt wird er getötet.  Frauen werden lebenslang in Haft genommen.
Die anderen Gesetze sind  so ähnlich
Am 20. Nov. 2009  hat eine Kommission der Vereinten Nationen dem Iran “schwere und wiederholte” Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Vor allem in Folge der Präsidentschaftswahlen am 12. Juni habe es Einschüchterungen und Verfolgungen sowie willkürliche Verhaftungen gegeben.
Beklagt wurde in der Resolution der UNO-Menschenrechtskommission ferner das Verschwinden von Oppositionellen, Journalisten, Anwälten oder geistlichen Würdenträgern. Den Behörden werden Folter sowie grausame oder erniedrigende Behandlungen vorgehalten  

Das Regime der Mullahs wurde 56 mal wegen Menschenrechtsverletzungen durch die UNO verurteilt.
In dieser Tabelle wird die Verurteilung des Mullahregimes seit 1980 angezeigt.   Das heißt, bereits nach einem Jahr waren die schweren Menschenrechtsverletzungen der Mullahs bei der UNO bekannt.

Khomeini ist zuerst gegen  Frauen  und Studenten vorgegangen und hat die Universitäten geschlossen. Khomeini hatte die Universitäten  als Ort des Teufels bezeichnet und im Fernsehen Wissenschaft für Esel genannt.     Die Frauen  wurden aus den Ämtern geworfen. Meine Schwester war auch eine von diesen Frauen. Sie galt als eine der besten Wirtschaftexpertinnen des Landes.
Vom 19. Februar 1979 bis zum 20. Juni 1981  wurden 50 Menschen durch Khomeinigardisten  entweder auf den Straßen oder in den Gefängnissen  getötet.
Die Welle der Hinrichtungen  Andersdenkender begann am 20. Juni 1981 als die Organisation der Volksmojahedin eine friedliche Demonstration angekündigt hatte. Sie protestierten gegen den Abbau der demokratischen Freiheiten im Iran. Eine halbe Million Menschen nahmen daran teil. Auf Befehl des Großayatollas Khomeini haben die Gardisten auf die Demonstranten geschossen.  Festgenommene wurden hingerichtet und dann Ihre Fotos in den Zeitungen veröffentlicht, damit die Familien die Leichen abholen konnten. Auf diese Weise konnte man die Familienangehörigen auch identifizieren  und sie auf  die Schwarze Liste setzen.  Bis heute wurden 120 000 Menschen hingerichtet oder getötet. Allein im  Sommer 1988 wurden auf Befehl  Khomeinis 30 000 politische Gefangene  hingerichtet.  Ayatollah  Montazierie, der als Nachfolger vor Khomeini galt, hatte gegen diese Hinrichtungen protestiert. Er wurde abgesetzt  und unter Hausarrest gestellt.  Weil Khomeini behauptete, dass  Sie als Jungfrauen  nicht in die Hölle kommen, wurden junge Mädchen von Gardisten vor der Hinrichtung vergewaltigt.
Die Welt hat kaum erfahren, was der iranischen Bevölkerung in diesen 30 Jahren passiert ist. Und  wegen der wirtschaftlichen  Interessen hat man die Schreie der Bevölkerung im Iran überhört.
Ich möchte auch darauf hinweisen, dass Khomeini schon vor 70 Jahren  in seinem Buch über das Islamische Imperium und die Weltführung  geschrieben hat. Das Atom-Programm des Regimes soll den Weg  hierzu freimachen.
 

Die neue Phase:  Die Welt bewundert die mutigen Iraner

Seit Anfang des Sommers haben wir eine ganz neue Situation im  Iran. Nach  der Scheinwahl im Iran  und als  der Flügel von Khamenaei, dem religiösen Herrscher im Iran,  die anderen Flügel abschaffen wollte,  kam es zu einem sehr tiefen Bruch in der Führung des Regimes.  Das Volk und besonders die Jugendlichen, haben diese  Situation benutzt,  um   gegen die Gesamtheit des Regimes aufzustehen. Das Regime konnte die Bewegung nicht niederschlagen und verhindern.  Diese Bewegung  wurde immer größer. Seit 6 Monaten ist das Regime immer aggressiver geworden. Es hat alles getan, um die Proteste zu verhindern. Hinrichtungen haben wieder zugenommen, Folterungen wurden  brutaler und  durch Vergewaltigungen  der Frauen  und Männer sollte eine Angstatmosphäre erzeugt werden, damit sich niemand mehr auf die Straße wagt. Aber die Bewegung wurde immer größer, obwohl jeder Mensch, der heute im Iran an den Prosteten teilnimmt mit Tod und Folterung rechnen muss.

Ich möchte darauf hinweisen, dass Gardisten des Regimes seit Beginn dieser neuen Welle des Protests  nicht nur die einfache Bevölkerung, sondern auch die Kinder ihre Freunde und Mitarbeiter, die nicht mit dem Ergebnis der Wahl einverstanden waren, festgenommen,  gefoltert, vergewaltigt und getötet  hatten.  
Teile des Regimes haben sich vom Regime abgewendet und sich der Bewegung der Bevölkerung angeschlossen. Jetzt wird  nicht mehr eine neue Wahl, sondern Sturz des Regimes gefordert.

Hier möchte ich einen Teil der Berichte vorlesen. Sie handeln von Menschen, die festgenommen worden sind. Von Hunderten hat es nur einer gewagt über die Greueltaten  in den Gefängnissen zu sprechen. Hier lese ich 2 Texte
Guardian, 8 Juli 2009-
Sein Gesicht war völlig zerstört. Seine Zähne waren rausgeschlagen und er konnte kaum seine Augen öffnen.
Er war nicht einmal politisch aktiv. Er war nur ein einfacher 18 Jahre alter Mann im letzten Schuljahr. Vor der Wahl kam er zu mir und fragte mich, wen er wählen soll. Er sah mich ratsuchend an. Sein Vater unterstützte Ahmadinejad.

Er ging direkt nach seiner Entlassung nach Hause, aber sein Vater lies ihn nicht in das Haus. Er erwähnte mir gegenüber nicht, dass er vergewaltigt wurde. Er erzählte mir zu Anfang gar nichts. Es war der Arzt, der es zuerst bemerkte und es mir erzählte.

Als er zu mir in den Laden kam, brach er auf dem Stuhl zusammen. Er sagte, er könne nirgendwo hin gehen und fragte mich, ob er bei mir bleiben könnte. Ich rief einen Freund von mir an, er ist Arzt und er sagte, dass er zu mir nach Hause kommt und ihn untersucht. Dann brachte ich ihn nach Hause.

Seine Schulterblätter und Arme waren verwundet. Es gab einige Schnittwunden auf seinem Gesicht. Es waren keine Knochenbrüche, aber sein ganzes Gesicht war zerschnitten. Ich wollte einige Fotos von ihm machen, doch er lehnte ab. Der Arzt sagte, dass nur noch vier Zähne intakt wären der Rest sei kaputt.
Dann sagte der Arzt mir, was geschehen ist. Er hat einen gebrochenen Mastdarm und der Arzt befürchtet innere Blutungen. Er schlug vor, ihn sofort in ein Krankenhaus zu bringen.

Wir ließen ihn unter falschem Namen und unter der Versicherung eines anderen einliefern. Zwei Mitarbeiter fragten mich, welch abartige Kreatur ihn so geschlagen hat. Er war ein gebrochener Mann. Er sagte uns, wir sollen das Geld für ihn nicht verschwenden, lieber würde er sich selbst töten.

Er wurde am 15. Juni in Shiraz, dem Montag nach der Wahl, verhaftet. Einige Männer bildeten einen menschlichen Schild um die Demonstranten. Er war unter ihnen.

“ Ich wurde in einen Lastwagen bis zum späten Abend gesperrt und dann in eine Einzelzelle gebracht, wo ich zwei Tage lang war”, sagte er. “Dann wurde ich wiederholt verhört, geschlagen und unter der Zellendecke aufgehängt. Sie nannten es Chicken Kebab. Sie banden unsere Hände und Füße zusammen und hängten uns dann von der Zellendecke herab und schlugen uns von allen Seiten mit Kabeln.

“Sie gaben uns warmes Wasser und eine Mahlzeit am Tag. Das wiederholte Schlagen gehörte zur normalen Bestrafung. Bei den Verhören fragten sie uns, wer aus dem Ausland uns die Befehle gab. Ich glaubte, dass ich von der Arrestzelle in das Gefängnis verlegt würde. Aber sie brachten mich an einen Ort, den sie “Raufbold-Raum“ nannten. Dort waren noch einige Jugendliche in meinem Alter. Ich fragte eine Wache, warum ich nicht in das Gefängnis verlegt werde und er sagte: “Du bist für eine Weile unser Gast””

“Ich lehnte es ab, während der Verhöre zu gestehen. Sie sagten:” Frag deine Freunde was wir ihnen antun, wenn du nicht kooperierst.” Die anderen in dem Raum waren seit dem 15. Juni verhaftet. Ich überlegte zu diesem Zeitpunkt, ob ich gestehen sollte, doch ich tat es nicht. Am dritten und vierten Tag begannen sie mich wieder zu schlagen. Sie beharrten darauf, dass wir vom Ausland instruiert wurden. Ich fuhr weiter fort zu sagen, dass wir nur wegen unserer verlorenen Stimmen protestieren.”

“Es war am Samstag oder Sonntag, als sie mich das erste Mal vergewaltigten. Es waren drei oder vier sehr große Männer, die ich zuvor nicht gesehen hatte. Sie kamen und rissen mir die Kleider vom Leib. Ich wehrte mich, aber zwei von ihnen schmissen mich zu Boden und der dritte vergewaltigte mich. Sie taten es vor vier anderen Gefangenen.

“Meine Zellengenossen, besonders die älteren, versuchten mich zu trösten. Sie sagten, niemand würde seine Würde dadurch verlieren. Das gleiche taten sie dann mit zwei anderen Zellenkameraden in den nächsten Tagen. Dann wurde es Routine. Sie waren so schwach und wurden so oft geschlagen, dass sie nichts mehr tun konnten.

“Dann führten sie die Verhöre weiter durch. Sie sagten: “Wenn du nicht in unserem Sinne handelst, dann werden wir dich nach Adel Abad (ein anderes Gefängnis in Shiraz) in die “Knabenliebe” Abteilung schicken, dann hast du diese Behandlung jeden Tag. Ich war so schwach und wusste nicht, was ich sagen sollte. Dann fragten sie mich nach Kontakten, die ich habe. Ich sagte ihnen, ich habe keine Kontakte und dass ich über die Demonstrationen im Internet erfahren habe.”

“Dieselbe Routine ging weiter, bis ich eines Morgens entlassen wurde. In der letzten Woche gab es keine Verhöre und Schlagen mehr. Nur noch Vergewaltigungen und Einzelhaft.”
 
Das war es, was er mir erzählte. Er konnte sich nur nicht so gut artikulieren. Er war in einem grauenvollen physischen und psychischen Zustand, als er mit mir sprach. Ich fragte ihn, ob ich diese Geschichte erzählen darf, in der Hoffnung es würde denen helfen, die noch in Gefangenschaft sind.

Frankfurter Allgemeine Zeitung 23.11.2009
Die Knüppeleien der Basitschi, der Volksmilizen, waren von groben sexuellen Beschimpfungen begleitet. Verhaftete in den Gefängnissen wurden vergewaltigt. „Du wolltest deine Stimme zurück? Hier hast du sie!“, hätten ihre Peiniger dabei zu ihr gesagt, berichtet eine junge Frau in ihrem Blog. Auch das ist Teil der Revolution: dass zum ersten Mal offen über die Vergewaltigungen gesprochen wird, dass einige Opfer die Scham überwunden und es gewagt haben, ihre Verletzungen öffentlich zu machen…

Die Menschenrechtaktivisten im Iran  haben die Zahl der festgenommenen seit Anfang des Sommers  mit mehr als 20 000 angegeben.
Die Festgenommenen wurden brutalen Folterungen ausgesetzt aber das nutzte dem Regime nichts.
Bis Oktober wurden 50 politische Gefangene hingerichtet im Jahr 2008 waren es 32.
Allein bei der Demo am 4. Nov. wurden fast 4 000 Jugendliche  festgenommen. Und am 27. Dezember 2000.  1000 Verletzte und 38 Getötete waren zu beklagen.
Die Zahl der Getöteten   der Aufstände hat das Regime mit fast 40 Personen angegeben aber die Opposition spricht von 300 bis 400 und die Namen von mehr als 110 sind auch bekannt geworden.
Bis Jetzt  wurden 5 Demonstranten zu Tode verurteilt und Hunderte zu Haftstrafen. Einige Tausend Stundenten wurden von den Universitäten  ausgeschlossen.
Gleichzeitig  wurde der Druck auf die Opposition im Ausland  verstärkt. Die Mullahs versuchen auch durch ihre Verbündeten in der Irakischen Regierung  das Camp Ashraf zu schließen und die Ashrafbewohner zu vernichten oder zu vertreiben.  Am 28. Juli wurde das Camp angegriffen und dabei 11 Menschen getötet und  fast 500 verletzt. Zurzeit sind ca.3500 Menschen dort auch in Gefahr. Im diesem Zusammenhang sind viele Hilfsorganisationen im Einsatz. Das Regime versucht zuerst die Opposition  im Irak zu vernichten, um die innere Opposition mit freier Hand  niederzuschlagen.
 Die Proteste dauern bis heute an. Bei den Protesten am 26. und 27. Dez. war etwas Neues zu beobachten, nämlich die Verweigerung der Befehle  durch viele Gardisten des Regimes. Khamanai wurde an einen sicheren Ort gebracht. Die Repressionsorgane waren in totalem Einsatz  aber durch viele Auseinandersetzungen mit der Bevölkerung, die auch Widerstand leistete, sehr müde geworden,  sind viele auch geflohen.
Der 27. Dezember ist im Verlauf der Bewegung ein Wendepunkt gewesen.
Ich kann Ihnen sagen, nach den Aufständen am 4. Nov.2009 und 7. Dezember und  den Protesten  nach dem Tod des Großayatholahs  Montazeri   am 26. und 27. Dezember in allen Städten ist das Licht der Freiheit viel deutlicher geworden. Niemand will jetzt, dass nur Ahmadinejad geht, sondern jetzt wird der Sturz des Regimes gefordert.  Das Regime versuchte mit ganzer Kraft zu verhindern, dass die Menschen auf die Straße gehen. Aber Millionen  Jugendliche haben demonstriert. Fast 6000 wurden seit November 2009  festgenommen, aber es ist deutlich geworden, dass die Unterdrückungsorgane sie  nicht mehr mit aller Brutalität stoppen oder verhindern konnten. Die Mehrheit der Ayatollahs hat sich gegen Khamenei und die religiöse Diktatur ausgesprochen. Der Bruch von Oben und Unten in dem Regime ist deutlich zu sehen. Das Regime wackelt ganz ernsthaft.
Die Zeit arbeitet gegen die Mullahs und wenn man die Ereignisse betrachtet, kann man dem Regime noch weniger als ein Jahr Zeit geben. Die Proteste am 26. und 27. Dezember und danach beweisen diese Einschätzung. Das Jahr 2010 ist das Jahr des Wechsels im Iran.
Die Geschichte mit der Atombombe hat das Regime auch in die Isolation getrieben und seine besten Freunde wie Russland und China können nicht mehr  helfen. Den Wirtschaftskreisen und politischen Lobbys der Mullahs im Westen, die 30 Jahre, dass Regime gestützt hatten, fallen die Unterstützungen immer schwerer.
Die Zeit ist gekommen, um im Westen auch ernsthafte Schritte gegen das verbrecherische Regime zu unternehmen  und sich an die Seite der iranischen Bevölkerung zu stellen.
Wissen Sie, dass fast alle Fahrzeuge, Schlagstöcke und das Funknetz der Unterdrückungsorgane des Regimes aus Deutschland importiert worden sind? Sie können das auch im Film feststellen. Es ist  ein Skandal, dass diese Geschäfte fortgesetzt werden.
30 Jahre Beschwichtigungspolitik des Westens haben dem Regime die  Zeit des Überlebens  gesichert.
Die Politiker im Westen sollen sich endlich entscheiden, ob sie weiter auf der Seite dieses Menschen verachtenden Regimes oder auf der Seite des um seine Freiheit kämpfenden iranischen Volkes und seiner Jugend stehen wollen.

Was sollte die Exiliranische Gesellschaft jetzt tun?
Wir sollen die Opfer mit allen Mitteln zu unterstützen, um die Flamme der Freiheit und Hoffung zu bewahren.
Wir sollen im kulturellen Bereich den Fundamentalismus bekämpfen.  Wir sollen per Satellit die iranische Bevölkerung richtig informieren.  
Die Vereine, die heute die Ausstellung über Menschenrechtsverletzungen  hier am Ende des Salons veranstaltet haben, helfen diesen Opfern. Ich bitte Sie, sie zu unterstützen.
Am Ende möchte ich Ihnen ein kurzes Gedicht vorlesen. Das ist unser Schicksal in wenigen Sätzen.

Mit der Parole der demonstrierenden Jugendlichen im Iran beende ich meinen Vortrag:

Es lebe die Freiheit
Es lebe die Demokratie im Iran

Ich danke Ihnen

2 Gedichte von M.Moshiri, die  vorgelesen worden sind.

Die Kinder von Morgen
m.moshiri
 
Das Lachen der Kinder von Morgen
Fordert mich zum Kampf
Die Rufe nach Freiheit
Fordern mich zum Aufstand
Ich gehe nicht, um mich zu rächen
Ich gehe voran für mein Land
Um in ihm lachende Kinder zu sehen
Meine Feinde sind diejenigen
Die das Lachen der Kinder von Heute gestohlen haben
Ich kämpfe nicht, weil ich will
Ich kämpfe, weil ich muß
Die Kinder von Morgen
Veranlassen mich voranzugehen

Ich darf nicht stehen
 m.moshiri

Meine Zeit ist doch zu eng
Mein Weg ist noch zu schräg
Ich muss gehen zu weit
Ich bin doch dafür bereit
Aber stehe ich doch auf
mir egal ob ich darf
Dieser Weg ist zu gehen
Ich muss nur aufstehen
Meine Hände gehen hoch
Warten muss ich nicht doch
Da ist ein Muss in mir noch
Ein menschliches Licht auch
Meine Zeit ist zu eng
Mein weg ist zu schräg  
Ich will sehen Kindeslachen
Dafür ist alles zu machen
Ich muss gehen, gehen
 
Ich darf nur nicht stehen
Der Weg geht mit dir
Bin ich allein mit mir
da sterben die Blumen
das ist nicht zu dulden
ich muss gehen zu weit
ich bin doch dafür bereit
zu weit…zu weit

 
Mohammad Moshiri
Deutsch-Exiliranischer Schriftsteller  in Berlin
www.diezeitbruecke.de

(Foto: Mohammad Moshiri zusammen mit Dompfarrer Kluck)

 

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