Lohmann: Bundespräsident muß Orientierung geben

07. Juni 2010, 08:21 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , , | von
Redaktion

Martin Lohmann, der Vorsitzender des Arbeitskreises engagierter Katholiken in der Union (AEK); formuliert im Gespräch mit FreieWelt.net konkrete Erwartungen an den zukünftigen Bundespräsidenten.

FreieWelt.net: Herr Lohmann, was erwarten Sie als AEK-Sprecher vom neuen Bundespräsidenten?

Martin Lohmann: Der neue Bundespräsident muss in der Lage sein, wirkliche Orientierung in grundsätzlichen Fragen zu geben. Dazu gehört die Stärkung der Familie, der Einsatz für eine wirkliche Wahlfreiheit der Frauen zwischen gleichermaßen anerkannter Erwerbsarbeit und häuslichem Beruf als Mutter. Es wäre überfällig und gut, wenn das nächste deutsche Staatsoberhaupt dazu beitragen würde, dass Kinder zu ihrem Recht kommen und weniger als Objekt der Betreuung verkannt denn als Subjekt der Entfaltung erkannt würden. Wir brauchen endlich eine Familienpolitik, die ihren Namen verdient und vom Kind und seinen Bedürfnissen her denkt. Vor allem aber ist zu erwarten, dass der neue erste Bürger im Staat  klar Position für das Recht auf Leben von der Zeugung bis zum natürlichen Ende bezieht. Er sollte sich zum Anwalt für eine Kultur des Lebens und die Unantastbarkeit der vorgegebenen Würde jedes Menschen machen. Er sollte aber auch den Mut haben, immer wieder Gerechtigkeit und Solidarität anzumahnen. Ein windschnittiger Notar im Schloss Bellevue wäre wahrlich zu wenig. Wir brauchen, wenn Sie so wollen, einen unbequemen und mutigen Präsidenten.

FreieWelt.net: Sie haben sich wohlwollend zu Christian Wulff geäußert. Bringt er diese Fähigkeiten denn mit?

Martin Lohmann: Das ist zu hoffen. An seinen Worten und Taten wird man ihn messen müssen. Noch ist er diesbezüglich nicht besonders profiliert in Erscheinung getreten. Wenn er da zu positiven Überraschungen in der Lage sein wird, wäre das sehr schön. Und als Staatsoberhaupt dringend notwendig.

FreieWelt.net: Und Joachim Gauck? Der könnte doch ebenfalls ein guter Präsident werden, oder?

Martin Lohmann: Zweifellos. Als Bürgerrechtler in der DDR und überzeugt demokratischer Aufklärer an der Spitze der nach ihm benannten Behörde hat er sich einen guten und starken Namen gemacht. Ich habe ihn mehrfach erleben können, gemeinsame Veranstaltungen mit ihm gehabt, und er hat mich stets beeindruckt. Vor allem mit seiner tiefen und klugen Kenntnis von Freiheit und Verantwortung. Auch wenn er rein rechnerisch in der Bundesversammlung gegen den Kandidaten der Regierungsparteien keine Chance hat, so hat er dennoch aufgrund seines starken Profils eine Chance und ist wahrlich kein Zählkandidat.

FreieWelt.net: Sie könnten also auch mit einem Bundespräsidenten Gauck leben?

Martin Lohmann: Aber gewiss. Er wird nicht zuletzt geschätzt wegen seiner kompetenten und unabhängigen Distanz zu den Parteien und hat für viele bereits jetzt etwas sympathisch Präsidentiales. Und er hat viel Lebenserfahrung.

FreieWelt.net: Und warum haben Sie sich für Christian Wulff ausgesprochen?

Martin Lohmann: Weil er der Kandidat meiner Partei ist und zu hoffen ist, dass er mehr Profil hat, als er bisher zeigen konnte. Er ist katholisch sozialisiert und weiß grundsätzlich, worauf es in der Verantwortung vor Gott ankommt. Das wird man hoffentlich in wichtigen Fragen merken können. Beim Lebensschutz zum Beispiel, wo mehr vom Bundespräsidenten zu wünschen ist als bisher vom Ministerpräsidenten.

FreieWelt.net: Er wird aber auch wegen seiner Scheidung und Wiederheirat vor allem aus katholischen Kreisen hart kritisiert.

Martin Lohmann: Das stimmt.

FreieWelt.net: Wollen Sie sich denn dazu nicht äußern?

Martin Lohmann: So ist es.

FreieWelt.net: Warum nicht?

Martin Lohmann: Weil ich ihn lieber an seinen Taten als Bundespräsident messen möchte. Und dass man da viel vom neuen Präsidenten erwarten muss, habe ich deutlich gesagt.

FreieWelt.net: Halten Sie es denn für richtig, dass die katholische Kirche an der Unauflöslichkeit der Ehe festhält?

Martin Lohmann: Ja. Diese Unauflöslichkeit ist ja keine Erfindung der Kirche, sondern ist ihr anvertraut. Es geht um versprochene und gehaltene Treue und ein Gebot, das uns vom Gottessohn Jesus Christus selbst gegeben wurde. Die gültig sakramental geschlossene Ehe ist unauflöslich. Dennoch weiß auch ich, dass Ehen scheitern. Leider. Keiner der Betroffenen hat sich das aber so gewünscht oder etwa geplant. Dritten steht es nicht zu, abschließend zu urteilen.

FreieWelt.net: Sie haben manche irritiert mit Ihrer Formulierung des „selbstbewussten Katholiken“ Wulff. War das beabsichtigt?

Martin Lohmann: Nein. Und das Wort „selbstbewusst“ bezog sich nicht auf das Katholisch-Sein des Kandidaten Wulff, sondern wollte sagen, dass er schon genau weiß, was er will. Man hört, er habe selbst daran gedreht, Kandidat zu werden. Er war politisch stets sehr zielstrebig und hat sich immer etwas zugetraut. Er ist ein durchaus selbstbewußter Politiker.

FreieWelt.net: Gilt es in katholischen Kreisen eigentlich als selbstbewusst katholisch, wenn man sein Kind aus der neuen Beziehung evangelisch taufen lässt?

Martin Lohmann: Kaum. Allein deshalb wäre es gewagt, ihn als selbstbewusst katholisch zu bezeichnen. Das Potenzial zum Missverständnis habe ich an dieser Stelle, wo ich von einem selbstbewussten Katholiken sprach, wohl unterschätzt. Scheidung und Wiederheirat sind kein katholisches Ideal. Aber darüber sprachen wir ja schon.

FreieWelt.net: Sie haben konkrete Erwartungen an das neue Staatsoberhaupt formuliert. Sie werden sich doch bestimmt nicht zurückhalten, wenn sich die Erwartungen an den neuen Bundespräsidenten nicht erfüllen sollten, oder? Werden Sie sich gegebenenfalls auch kritisch zu Wort melden?

Martin Lohmann: Auch das ist richtig. Aber als Präsident wäre Wulff ja nicht in erster Linie ein CDU-Mann, sondern allen Deutschen verpflichtet.

FreieWelt.net: Ist Wulff Ihr Traumkandidat?

Martin Lohmann: Nein. Aber man muss ihm doch eine reelle Chance einräumen als Bundespräsident, oder?

FreieWelt.net: Wen hätten Sie denn gerne gehabt?

Martin Lohmann: Zum Beispiel Paul Kirchhof. Da stimmt eigentlich alles. Er wäre vermutlich ein ziemlich starker und kluger Präsident geworden. Doch den Kandidaten haben ja nicht wir vom AEK ausgesucht.

FreieWelt.net: Klingt ein wenig so, als seien Sie nicht wirklich zufrieden mit dem Kandidaten, den Frau Merkel ausgesucht hat.

Martin Lohmann: Der neue Bundespräsident Wulff – oder der neue Bundespräsident Gauck – wird zeigen müssen, was er kann. Wollen wir wirklich schon vorher urteilen? Nein, nicht wirklich. Christian Wulff wäre der jüngste Mann an der Spitze unseres Landes seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland. Warten wir es doch mal ab, was alles an Potenzial in diesem Mann schlummert und dann sichtbar werden könnte! Man muss doch nicht alles in seiner Vita gut und richtig finden, aber man darf doch wohl erwarten, dass er als Präsident seinen Anforderungen in diesem hohen Amt gerecht wird. Wer in der Bundesversammlung kandidiert, wird wissen, wofür er sich anbietet. Das erste Amt im Staat ist nicht irgendein Job, sondern verlangt eine starke Persönlichkeit.

FreieWelt.net: Der Katholik Wulff oder der Protestant Gauck, beide geschieden, beide mit Lebensbruch. Wer soll es machen?

Martin Lohmann: Der Bessere.

FreieWelt.net: Wen würden Sie wählen?

Martin Lohmann: Den Besseren.

Weitere Informationen: www.aek-online.de

Foto: Heike Lohmann

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