Gott ist kein Lückenbüßer – zum Vortrag von Prof. M. Rhonheimer

23. Juni 2009, 12:02 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: | von
Fabian Heinzel

„Und Gott machte die Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art und und alles Gewürm des Erdbodens nach seiner Art. Und Gott sah, das es gut war. Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ (1. Mose 1)

Als es Charles Darwin im 19. Jahrhundert gelang, die Abstammung aller Arten – einschließlich des Menschen, der plötzlich nur noch ein hoch entwickeltes Tier zu sein schien – durch den Prozess der Evolution zu erklären, schien es, als würden Glaube und Wissenschaft sich von nun an unversöhnlich gegenüber stehen.

Eine stetig wachsende Zahl von Naturwissenschaftlern ging ab diesem Zeitpunkt davon aus, die „Hypothese Gott“ würde mit jedem neuen Fund überflüssiger werden und schließlich sterben. Doch 127 Jahre nach Darwins Tod passiert, was lange Zeit niemand für möglich hielt: Die Gegensätze zwischen Religion und Wissenschaft beginnen, zu schrumpfen.

Die Suche nach Gott

„Neodarwinistische Evolutionstheorie und die Frage nach Gott“ – das war das Thema des Thema des Vortrags von Professor Dr. Martin Rhonheimer am 28. Mai 2009 im Feldmark Forum in Berlin. Rhonheimer ist nicht nur Philosoph und Hochschullehrer, sondern auch Priester. Er ist ein Mann des Glaubens. Und er ist ein Mann der Wissenschaft.

Die Synthetische Evolutionstheorie, die die von Darwin gelegten Grundlagen um Erkenntnisse aus Zellforschung, Genetik und Populationsbiologie erweitert, ist die allgemein anerkannte und hinreichend bewiesene Erklärung für die Entwicklung der Arten. Daran kann und will Rhonheimer nicht rütteln. Sein Anliegen ist vielmehr, das weit verbreitete Missverständnis auszuräumen, diese Theorie würde auch die Entstehung des Lebens zu erklären vermögen.

Big Bang

„Die Suche nach Gott ist nicht die Suche nach dem Anfang, sondern die Suche nach dem Ursprung“, so Rhonheimer. Wenn der Urknall oder Big Bang der Anfang der Natur ist, ist er auch der Anfang der Naturgesetze. Der Urknall ist die Entstehung der Materie und der Raumzeit. Für physikalische Theorien sind die Existenz von Materie und Raumzeit jedoch Voraussetzung. Der Urknall selbst bleibt ein Ereignis außerhalb von Raum und Zeit, für das die Naturgesetze nicht gelten.

Intelligent Design

Naturwissenschaften beobachten die Natur. Sie sammeln und werten Daten aus. Dass sich die Evolutionstheorie auf einen Zeitraum von Jahrmilliarden bezieht, erschwert die Datensammlung, macht sie aber nicht unmöglich. Entwicklungen lassen sich so gut erklären. Rhonheimer warnt daher vor dem „Intelligent Design“, das die Auffassung vertritt, dass die Natur auf ähnliche Weise entstanden sein muss, wie vom Menschen geschaffene Nutzungsgegenstände. Für ihn ist der Gott des Intelligent Design nur ein Lückenbüßer-Gott. Wo immer Vertreter des Intelligent Design eine Lücke in der Evolutionstheorie finden, setzen sie diesen Gott ein. Doch jedes Mal, wenn es der Wissenschaft gelingt, eine dieser Lücken zu schließen, wird dieser Gott unwahrscheinlicher. Dieses Gottesbild ist es auch, auf das sich der bekannte Atheist Richard Dawkins beruft, wenn er Gott zu widerlegen versucht. Dawkins weist darauf hin, das, wenn ein Vertreter des Intelligent Design davon ausgeht, dass es so unwahrscheinlich wäre, dass die Natur sich in ihrer Komplexität durch Zufall entwickeln könne, dass man stattdessen eine intelligente Ursache annehmen müsse, derjenige übersieht, dass diese intelligente Ursache noch komplexer sein müsse als die Natur – und ihre Existenz damit noch unwahrscheinlicher.

Thomas von Aquin

Diese Argumentation von Dawkins aber ist nicht naturwissenschaftlich. Sie ist philosophisch.

Auf einer philosophischen Ebene lässt sich ihm jedoch der erste Gottesbeweis des Heiligen Thomas von Aquin entgegen halten: Nach diesem ist es unmöglich, dass etwas zugleich und in derselben Hinsicht in Möglichkeit und Wirklichkeit existiert. Es ist deshalb auch unmöglich, dass etwas zugleich und in derselben Hinsicht bewegend und bewegt, also Ursache und Wirkung in einem, ist. Jede Bewegung (Wirkung) ist also selbst wieder durch etwas anderes bewegt (verursacht); diese wiederum durch eine andere und so weiter. In dieser Weise lässt sich jedoch nicht bis ins Unendliche zurück gehen, da sonst die Kette von Bewegendem (Ursachen) und Bewegtem (Wirkungen) – und damit auch die von uns zweifellos feststellbare Bewegung der Welt – gar nicht erst in Gang gekommen wäre. Nach Thomas von Aquin muss deshalb notwendigerweise ein „erstes unbewegtes Bewegendes“ („primum movens immobile“) vorausgesetzt werden, das die Kausalkette des Werdens in Gang gesetzt hat, ohne Teil dieser Kausalkette zu sein.

Rhonheimer selbst hält ihm den fünften Gottesbeweis entgegen.  Nach diesem ist die Frage nach Gott nicht die Frage nach dem Anfang, sondern die Frage nach dem Ursprung. Mit der Existenz Gottes erklärt Thomas von Aquin nicht, welches der Anfang einer Ursachenkette in der Zeit oder die koordinierende „Überursache“ von zufällig und höchst unwahrscheinlich ablaufenden Kausalzusammenhängen ist. Gott ist auch nicht das „Programm“ das komplexen Strukturen zu Grunde liegt (dieses Programm ist eher selber „Natur“, die eines Schöpfers bedarf). Mit der Existenz Gottes erklärt Thomas von Aquin den Ursprung des Seins – des Seins von „Natur“, und damit des Seins von Ursächlichkeit, Kausalzusammenhängen und „Programmen“ überhaupt. Von einer Natur, insofern sie Ordnung aufweist und insofern sie von Gesetzen des Zufalls bestimmt ist (die ja wiederum, wie wir wissen, de facto zu Ordnung geführt haben). Beides bedarf eines Ursprungs, und diesen Ursprung nennt Rhonheimer Gott. Wie schon Thomas von Aquin lehrte, bräuchte das Universum einen solchen Gott auch dann, wenn dieses Universum ewig wäre. „Geschaffensein“ heißt nicht „einen Anfang in der Zeit haben“, sondern die Ursache des eigenen Seins nicht in sich selbst zu tragen, nicht selbst das eigene Sein zu sein, sondern es empfangen zu haben.

Freiheit

Auch Rhonheimer sieht Gott nicht als Teil der Kausalkette. Die Evolution ist für ihn die Wirkung, nicht die Ursache. Sie erklärt unsere Abstammung und zahlreiche Aspekte unseres Verhaltens. Doch schon beim Versuch, die menschliche Fähigkeit zur Selbstreflexion zu erklären, scheitert sie. Genau diese Fähigkeit ist es wiederum, die die Existenz der Evolutionstheorie erst ermöglicht. Der Mensch kann denken, er kann frei sein, erläutert Rhonheimer. Ihn als Masse von Atomen und Sklave von Instinkten zu betrachten, greift zu kurz. Anpassung, Mutation und Selektion sind die Grundpfeiler der Evolutionstheorie. Die Freiheit des Menschen versetzt ihn in die Lage, selbst diese Grundpfeiler außer Kraft setzen zu können. Wir brauchen uns nicht – oder zumindest kaum – an unsere Lebensräume anzupassen, denn wir passen unsere Lebensräume an uns an. Schon das wir in Häusern, nicht in natürlichen Höhlen, wohnen, zeigt dies. Sogar in der Antarktis können wir uns inzwischen aufhalten. Selektion ist ebenso wenig zwingend. Dank unserer Freiheit und unserer Denkfähigkeit können auch unsere Kranken, unsere Schwachen und unserer Behinderten überleben. Im gewissen Sinne sind wir also tatsächlich die „Krone der Schöpfung“.

„Und Gott sah an, alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“

zur Homepage von Professor Rhonheimer

zum Feldmark Forum

(Das Foto zeigt von links nach rechts: Horst Hennert, Leiter von Feldmark; Professor Dr. Martin Rhonheimer; Sven von Storch, Herausgeber von FreieWelt.net)

Schlagworte:

1 Kommentar auf "Gott ist kein Lückenbüßer – zum Vortrag von Prof. M. Rhonheimer"

Schreibe einen Kommentar

Anzeige