FreieWelt.net-Serie Iran – Das Land der verlorenen Schreie – Folge III

29. November 2010, 01:37 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: | von
Bild: Jerzy/pixelio.de
Redaktion

Fortsetzung von Folge II

Aus Mohammad Moshiris "Iran - Das Land der verlorenen Schreie":

Der Direktor hatte vom Fenster aus alles gesehen, aber er mischte sich nicht ein, denn er hatte auch die Nase voll von Kaweh. Er konnte auch nicht viel unternehmen, weil alle Lehrer sich für Modjdeh und Mohssen eingesetzt hatten. Er tat es dann auch. Kaweh und seine Freunde kamen nicht mehr in die Schule und seine Bande löste sich von selbst auf. Modjdeh wurde nachher, an der Schule, als ein sehr tapferes Mädchen gelobt. Mohssen machte Sport und lernte japanisches Ringen. Er war immer sehr ruhig und vorsichtig geblieben. Er glaubte an das Prinzip des Sportes.
Modjdeh blieb das tapfere, mutige Mädchen.

Die Familie ging im Sommer oft nach Pulur. Die Kleinstadt lag genau unter dem Gipfel Damawand, mit grünen Wiesen und voller Blumen. Das Wasser war im Sommer so kalt, daß man nicht mehr als einige Sekunden die Hand ins Wasser halten konnte.

Pulur war wirklich sehr schön, mit den vielen Wiesen voller Klatschmohn und Mohnblumen. Überall gab es Deiche und Brunnen. Das Wetter war oft sehr kalt und der Sommer war eher wie Anfang Frühling. Es roch dort immer nach Blumen und es gab auch Wasserquellen.
Mancher, der das Wasser trank, wurde hungrig und einige waren auch satt, nachdem sie getrunken hatten. Es gab überall große Majoransträucher und der große Fluß Haras fing in der Nähe der Stadt an.

Das Wasser kam direkt aus den Felsen des Damawandgipfels. Damawand war fast 5600 Meter hoch und das Wasser schoß mit sehr hoher Geschwindigkeit in die Deiche. Ungefähr nach 50 Meter gab es einen Wasserfall, er war nicht groß, aber das Wasser lief sehr schnell. Dann ging das Wasser in eine Ebene über, wo die schmackhaftesten Fische ihre Eier ließen.Die Fische hatten rote Punkte und hießen „Ghesel lala“.
An einem sommerlichen Tag, als die Familie wieder in Pulur war, wollte die mittlerweile 16 jährige Modjdeh den Ursprungsort des Flusses Haras anschauen. Sie hatte Mohssen vorgeschlagen zusammen dorthin zu gehen, aber Mohssen wollte nicht.

Modjdeh bot ihm an, einige seiner Hausaufgaben zu machen und im Gegenzug solle er dann mitgehen.
Als sie losgehen wollten, kamen Mansour und Modjgan und wollten auch mitgehen. Mohssen war dagegen, daß Mansour mitging, weil er sehr unartig und der Ort ja auch gefährlich war. Aber die Mutter bestand darauf, weil sie einige Stunden mit ihrem Mann alleine sein wollte, um zur Quelle zu gehen und dort Majoran zu sammeln. So mußte Mohssen annehmen und die vier Jugendlichen zogen los zum Ursprungsort des Flusses. Mansour ging einen Felsen hinauf und Mohssen folgte ihm. Es war unerträglich für ihn! „Diesen Teufel sollten wir nicht mitnehmen!“ sagte er zu Modjdeh. „Laß es gut sein!“ antwortete Modjdeh: „Einige Stunden Ruhe hat auch unsere Mutter verdient!“ „Unsere Mutter hat Ruhe, aber ich werde bald verrückt!“ murmelte Mohssen.

Er war sehr zornig und sagte weiter zu Modjdeh: „ Ich werde ihm schon Anstand und Höflichkeit beibringen!“
„Sagst du mir auch, wie?“ fragte Modjdeh. „Anstand kann man ihm auch mit Gewalt beibringen!“ wütete Mohssen.
Modjdeh lachte heftig: „Du kannst nicht einmal eine Ameise töten, wie willst du dann deinem Bruder Gewalt antun?“ „Leider hast du recht“, antwortete Mohssen: „Er weiß das sehr gut und deshalb macht er solche Dummheiten. Er ist wirklich kein Mensch, sondern ein Satan!“ Plötzlich hörten sie vom Wasserfall ein lautes Schreien.

Es war Mansour: „Wir sind da, ich möchte schwimmen!“
Dann lief er auch schon zum Wasserfall und Mohssen hinter ihm her. Als er ihn erreichte, war er schon im Wasser, Mohssen sprang auch hinein. Die Wasserwelle war sehr stark und er konnte nur im letzten Moment Mansours Fuß fassen und ihn zu sich ziehen. Mansour versuchte mit ganzer Kraft zu schwimmen, aber der Strom des Wassers zog ihn nach unten. Er schwamm vergeblich gegen den Strom und hatte große Angst. Als er die Hand seines Bruders am Fuß spürte, war er sehr erleichtert. Mohssen holte ihn aus dem Wasser und Mansour meinte bockig: „Ich kann das selbst, lass mich schwimmen.“
Mohssen donnerte los und zog Mansour an seinem Ohr: „Wenn du noch einmal eine solche Dummheit machst, hau ich dir so den Hintern voll, daß du es nie vergißt! Verstehst du?“

Mansour wußte, daß die Grenze bei seinem Bruder erreicht war. Er war jetzt lieber still, bevor Mohssen ihn wirklich schlug. Er setze sich auf einen Stein, schaute ins Wasser und schwieg.

Die Mädchen hatten ihre Kopftücher abgenommen, weil niemand außer ihnen dort war, so konnte man ihnen auch nicht Mißachtung des Verschleierungsgesetzes anlasten.
Modjdeh hatte einen flachen Stein gewählt, um ihre Picknicksachen dort abzulegen. Mohssen fand diese Stelle gefährlich, weil es genau neben dem Wasserstrom, der aus dem Felsen floß, war und sagte zu Modjdeh: „Nicht dort, es ist keine gute Stelle.“ Modjdeh winkte ab und meinte, es sei der beste Ort.
Mohssen erzählte Mansour ein Märchen, um zu verhindern, daß er wieder Dummheiten machte. Modjdeh sang mit ihrer schönen Stimme ein Lied, das Mohssen sehr mochte. Das Lied hieß: „Melodie der Karawane“ und war von Wigen, einem sehr guten Sänger des Iran.
Sie sang: Während dieser Reise, wo sie auch gingen, waren seine Augen immer bei der Kutsche, um seine Liebste zu sehen. Er hatte Gott gebeten, daß diese Reise niemals enden möge, weil er sich dann von ihr verabschieden müßte. Das Mädchen aber dachte an jemand anderes und bemerkte seine Gefühle nicht.
Am Ende der Reise blieb nur der Abschied und Tränen für den Karawanenführer. Danach würden sie niemals wieder etwas miteinander zu tun haben …

Modjdeh wollte eine Wurstrolle aufmachen und Mansour sah es. Er lief schnell zu ihr, um die Wurstrolle wegzunehmen. Modjgan bemerkte es, konnte ihn aber nicht mehr festhalten. Mansour nahm die Wurstrolle in die Hand und Modjdeh wollte sie zurückholen, dabei rutschte sie mit dem Fuß ab und fiel genau in die Mitte, wo das Wasser aus den Felsen in den Deich floß. Sie ging sofort unter und die anderen schauten entsetzt zu.
Mohssen sprang ins Wasser, um Modjdeh zu retten, aber der Wasserdruck war so stark, daß es ihn auch unter Wasser zog. Er holte Luft, ging aber immer wieder unter. Von Modjdeh gab es kein Zeichen und sie war auch nicht mehr zu sehen.

Er kam kurz hoch und wollte atmen. Für einen kurzen Augenblick bekam er frische Luft und er bemerkte, daß er den Wasserfall hinunter gestürzt war. Er ging wieder unter. Die Suche nach Modjdeh war erfolglos und er bat Gott in Gedanken: Töte mich an ihrer Stelle, sie ist noch so jung und so hübsch und sie hat noch so vieles vor sich.

Er sprach, als habe er vergessen, daß er nur eine halbe Stunde älter war als seine Schwester.
Unter Wasser dachte er immer nur an Modjdeh. Das Wasser kam mit großem Druck und preßte ihn immer wieder hinunter. Plötzlich traf er etwas Weiches. Er konnte kaum etwas sehen, deshalb nahm er es und bemerkte, dass es ein Menschenkörper war. Mit unglaublicher Kraft zog er sich hoch. Ja, es war Modjdeh und sie war bewusstlos. Er brachte sie an den Strand des Flusses und weil sie sich nicht bewegte, beatmete er sie. Er weinte und bat Gott, ihm seine Schwester wiederzugeben.
Auf einmal öffnete sie die Augen, Mohssen schrie und dankte Gott. Er küßte seine Schwester immer wieder. Nach einigen Minuten wurde Modjdeh wieder klar und sah, daß ihr Bruder weinte. Sie fragte ihn: „Hast du mich gerettet?“

“Iran – Das Land der verlorenen Schreie” ist eine FreieWelt.net-Serie, die aus Auszügen aus dem gleichnamigen Buch von Mohammad Moshiri besteht.

 

Schlagworte:

Schreibe einen Kommentar

Anzeige