FreieWelt.net-Serie: Fabian Heinzels “Erinnerung, Emotion, Illusion (III)

13. Mai 2011, 10:34 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: | von
Bild: Jens Koehler/ddp
Redaktion

Fortzsetzung von Teil II: Dass unser Gedächtnis gestört oder gar vernichtet werden könnte, gehört zu unseren größten Ängsten. Kaum eine Alterserscheinung ist so gefürchtet wie die Alzheimer-Krankheit, die uns die Fähigkeiten raubt, uns zu erinnern und uns so schrittweise unsere Selbstständigkeit entzieht.  Auch andere Störungen wie die bei Alkoholikern verbreitete Neigung Lügen zu erzählen, um über die eigene Erinnerungsunfähigkeit hinweg zu täuschen, ängstigen uns. Ebenso wie die Möglichkeit von falschen Erinnerungen, die sich nicht von echten unterscheiden lassen.

Wir müssen nicht einmal selbst betroffen sein, damit diese für uns gefährlich werden – es wurden schon Menschen aufgrund von Zeugenaussagen, die auf falschen Erinnerungen beruhten, zu Gefängnisstrafen verurteilt. Je mehr wir über das Gedächtnis wissen, desto unwahrscheinlicher werden solche Irrtümer, desto eher werden wir in der Lage sein, Gedächtnisstörungen zu behandeln und zu heilen und desto besser werden wir unsere kulturellen und zivilisatorischen Errungenschaften nutzen können. Je mehr wir über die Entwicklung, die Funktionsweise und den Aufbau unseres Gedächtnisses wissen, desto besser.

I Unser Gedächtnis – Entwicklung und Aufbau

Können Sie sich an Ihren ersten Geburtstag erinnern? An Ihren ersten Schritt?  Wie Sie zum ersten Mal „Mama“ oder „Papa“ gesagt haben? Wie Ihr erstes Stück Kuchen geschmeckt hat oder wie zum ersten Mal in einem Sandkasten gespielt haben? Bestimmt nicht. An Ihren zweiten Geburtstag? Wohl auch eher nicht. An ihren dritten? Vielleicht. An Ihr erstes Schuljahr? Da dürfte es schon deutlich besser aussehen. Erst ab einem Alter von ca. drei Jahren können wir uns an Ereignisse unseres Lebens erinnern. Was vorher passiert ist, wissen wir nicht. Wir können uns nicht daran erinnern, als Einjährige zu Weihnachten einen Stoffball geschenkt bekommen zu haben oder mit 18 Monaten zum ersten Mal am Strand gewesen zu sein. Dabei lernen wir gerade in unseren ersten Lebensjahren besonders viel. Wir müssen üben, üben, üben, um greifen, sitzen, essen, krabbeln, laufen und sprechen zu lernen. Das Laufen etwa ist der komplizierteste Bewegungsablauf des Menschen1.

Ca. 60 Knochen und mehr als 60 Muskeln arbeiten dabei zusammen. Eigentlich ist jeder Schritt ein kontrollierter kleiner Sturz mit einer sicheren Landung.  Bis wir diese Bewegung automatisch ausführen können, müssen wir immer wieder fallen und aufstehen. Auch bis wir in der Lage sind zu sprechen, dauert es ungefähr zwei Jahre – aber bereits das erste Jammern nach der Geburt ist ein Schritt in Richtung Sprache. Kinder sind wahre Lernmaschinen. Wenn sie in einer dafür geeigneten Umgebung aufwachsen, sind kleine Kinder in der Lage zwei oder sogar drei Sprachen simultan zu lernen. 

Unser Gedächtnis entsteht mit uns

Unser Gehirn ist demnach lange bevor unsere autobiographische Erinnerung beginnt, fähig, Informationen zu speichern und Erfahrungen zu verarbeiten. Von Anfang an, werden Nervenzellen und Verbindungen angelegt.  Das gilt nicht erst ab, sondern schon vor unserer Geburt. 

„Die Gebärmutter ist das erste Klassenzimmer des Menschen“, ist ein gängiger Spruch unter Psychologen. Mit Trommeln, Singen und Tanzen versuchen daher einige Mütter, die Entwicklung ihrer noch ungeborenen Kinder zu stimulieren. 

Einer der Pioniere auf dem Gebiet der pränatalen Förderung ist der kalifornische Arzt Rene van de Carr2. Van de Carr ist der Autor eines Lehrplans für das „Pränatale Klassenzimmer“, zu dem solche Vorschläge gehören wie mit einer Taschenlampe ein Mal, zwei Mal, drei Mal auf die Bauchdecke der Schwangeren zu blinken, um dem ungeborenen Kind das Zählen beizubringen. Er will außerdem herausgefunden haben, dass ein Fötus im neunten Monat fähig ist, seinen Atemrhythmus an Beethovens fünfte Symphonie anzupassen, wenn sie ihm während der Schwangerschaft regelmäßig vorgespielt wird. Das pränatale Klassenzimmer ist für van de Carr nicht bloß Theorie.

Im kalifornischen Hayward hat er eine „pränatale Universität“ gegründet. Sein Institut zählt schon über 3.000 Absolventen. Dass so ein pränataler Abschluss der erste Schritt in Richtung Nobelpreis ist, ist allerdings zweifelhaft. „Wer sagt eigentlich, dass es gut ist, im Rhythmus von Beethovens Symphonie zu atmen?“, fragt beispielsweise Janet DiPietro, Entwicklungspsychologin an der John-Hopkins-Universität in Baltimore. Bislang ließ sich nicht nachweisen, dass ungeborene Kinder durch spezielle Förderung später musikalischer, schlauer, gesünder oder in sonst irgendeiner Form besser werden würden. Es konnte lediglich gezeigt werden, dass bestimmte intellektuelle Fähigkeiten eines Kindes sich bereits im Mutterbauch anlegen. Auch der berühmte „Mozart-Effekt“ ist wissenschaftlich keine Erfolgsgeschichte. Dafür ist sein Einzug in die Popkultur umso erfolgreicher:

1993 publizierten Gordon  Shaw und Frances Rauscher in der Fachzeitschrift „Nature“ einen Artikel3 über eine Untersuchung, bei der Studenten nach zehnminütigem Mozartgenuss besser bestimmte Papierfalt- und Schnitt-Aufgaben nach Origami-Art hatten lösen können.
Ihre räumliche Vorstellungskraft war höher, als die von Studenten, die nicht in den Genuss der von Wolfgang Amadeus komponierten Klänge gekommen waren. Insbesondere in den USA führte dieses Ergebnis zu einem regelrechten Boom im Bereich der Lern- und Musikprodukte. In Florida empfahl der Staat Schulkindern das tägliche Hören klassischer Musik, in Georgia wurden alle Eltern von Neugeborenen mit einer Klassik-CD beschenkt. In den Jahren danach scheiterten jedoch verschiedene Teams an dem Versuch, die Ergebnisse von Rauscher und seinen Mitarbeitern zu reproduzieren.  2001 veröffentlichten die Forscher Thompson, Schellenberg und Husain die Studie „Arousal, mood, and the Mozart effect“4 (Erregung, Stimmung und der Mozart-Effekt).
Hier kamen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass es sich bei dem Mozart-Effekt lediglich um ein Artefakt handelt – einen durch äußere Einwirkungen entstanden Befund, der wissenschaftlich wertlos ist, weil er nichts über den eigentlichen Untersuchungsgegenstand aussagt, sondern eine diagnostische Fehlerquelle darstellt.

zu Teil I

zu Teil II

Aus:

Fabian Heinzel
Erinnerung, Emotion, Illusion
Das Gedächtnis und seine Folgen
Books on Demand
ISBN 978-3-8423-5971-0, Paperback, 416 Seiten

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Kontakt zum Autor

Vom Erlös jedes verkauften Exemplars werden 50 Cent der “Alzheimer Forschung Initiative e.V.” gespendet, dem derzeit größten privaten Förderer der Alzheimer-Forschung in Deutschland.

Quellen dieses Abschnitts

1 http://www.babyundgesundheit.de/rund_ums_baby/entwicklung/laufen-lernen

2 http://www.welt.de/wissenschaft/medizin/article6882632/Was-ein-Baby-im-Bauch-schon-alles-lernen-kann.html

3http://www.welt.de/wissenschaft/article809008/Wie_Musik_schlau_macht.html

4 http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11437309

 

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