Die eigenartige Zurückhaltung des Westens

20. April 2012, 06:51 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , | von Redaktion
Foto: geralt/photoopia
Dr. Benno Kirsch

Von Dr. Benno Kirsch

Eine bemerkenswerte Veranstaltung fand am 14. April 2012 in der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Berlin statt, wo die Abteilung „Interkultureller Dialog“zu der Konferenz „Christen in der islamischen Welt. Geduldet, diskriminiert, verfolgt“ geladen hatte. Bemerkenswert vor allem deshalb, weil, wie Johannes Kandel von der FES einleitend mitteilte, im Vorfeld Bedenken geäußert worden, ob man sich dieses Themas überhaupt annehmen „darf“.

Angesichts dieser Erfahrung fragte sich Kandel verwundert, wie es zu dieser eigenartigen Zurückhaltung im Umgang mit der größten verfolgten Minderheit insbesondere – aber nicht nur – in islamischen Staaten, den Christen, zu verstehen.

Die Zahl der Fälle von Diskriminierung und Verfolgung sind Legion. Beispiele: In Ägypten wurde nach einem Streit der Lehrer MakramDiab wegen „Verunglimpfung des Propheten“ angeklagt und zu sechs Jahren Haft verurteilt. Seine Verteidiger wurden am Betreten des Gerichtssaals gehindert und bedroht. Vor dem Gerichtsgebäude versammelte sich ein Mob, der eine geordnete Verhandlung unmöglich machte. Im Iran ist Pastor Yousef Nadarkhani wegen des Vorwurfs der Apostasie zum Tode verurteilt werden und soll hingerichtet werden. Sein Vergehen: Er ist im Alter von 19 Jahren Christ geworden. Zum Islam will er nicht „zurückkehren“, weil er niemals praktizierender Moslem war. Und im Norden Nigerias macht eine terroristische islamistische Gruppe namens BokoHaram Jagd auf Christen, zündet ihre Kirchen an und ermordet sie.

Um über die Diskriminierung und Verfolgung von Christen in der islamischen Welt zu berichten, hatte die FES kompetente Experten geladen, die ihrem Auftrag geradezu schonungslos nachkamen. Anba Damian schilderte die sich verschärfende Lage der koptischen Christen in Ägypten, der Ursprungsbevölkerung am Nil. Sie sind stolz darauf, die heilige Familie beherbergt zu haben und Keimzelle des Mönchstums zu sein. Doch seitdem der Islam seinen Eroberungszug antrat, sind sie zur Minderheit geworden. Jetzt, nach Mubaraks Sturz, ist die Lage noch schlimmer geworden als sie ohnehin schon war. Es scheint, sagte Damian, als sei mit dem Diktator auch die Gnade Gottes geschwunden. Den Hinweis auf die öffentliche Förderung eines Moscheebaus in Nordrhein-Westfalen mit 3,2 Millionen Euro und die Möglichkeit für Salafisten, in Deutschland den Koran zu verteilen, verband er mit einer bescheidenen Feststellung: „Kopten wollen in ihrer Heimat in Würde leben.“

Ähnlich dramatisch die Lage – auch wenn es keine aktuellen Wendungen zu vermelden gibt – in einigen asiatischen – und beileibe nicht nur islamischen – Ländern, die Paul Murdoch schilderte. In Pakistan beispielsweise haben radikale Moslems mit ihrer Korandeutung die Diskurshoheit erreicht und alle Argumente, die sich nicht auf ihn beziehen, entwertet. Da die Religionszugehörigkeit im Pass vermerkt wird, ist der Diskriminierung im Alltag Tür und Tor geöffnet. Bereits in der ersten Schulklasse müssen christliche Kinder unter Ausgrenzung durch Lehrer und Mitschüler leiden. Das geht manchmal so weit, dass sich Lehrer weigern, christliche Kinder zu unterrichten. Es gibt Zwangsbekehrungen, der Blasphemievorwurf schwebt ständig über jeder Auseinandersetzung zwischen einem Moslem und einem „Ungläubigen“ und in den Randgebieten haben die Taliban die Kopfsteuer für Christen wieder eingeführt.

Der Iran gehört seit Jahren zu den übelsten Verfolgerstaaten, erklärte Markus Rode. Die erste Verschärfung der Lage kam mit der Revolution von 1979, die zweite mit dem Amtsantritt von Mahmud Ahmadinedschad 2005. Mit ihm setzte eine neue Phase der Unterdrückung ein, die 2010 in die staatliche Verfolgung der so genannten Hauskirchen gemündet ist, also jener privaten Form des Zusammenkommens, die in Ermangelung kirchlicher Strukturen bei den iranischen Christen verbreitet ist. Interessanterweise stagniert das Christentum im Iran nicht, sondern wächst. Von 460.000 Christen sind 370.000 Konvertiten, so genannte MBBs, also „Muslim Background Believers“, die sich vom Islam abgewandt und nach einer Phase der Suche Christen geworden sind. Dafür nehmen sie die Gefahr der Folter und der Todesstrafe (die noch nicht vollstreckt wurde) in Kauf.

Auch die Türkei ist für Christen kein sicherer Ort. Schnörkellos beschrieb Othmar Oehring die Diskrepanz zwischen dem säkular-westlich sich gerierenden Staat und einer Bevölkerung, die sich zum Islam bekennt. De facto ist die Türkei ein islamisches Land, in der islamistische Bewegungen hervorragende Beziehungen in den Staatsapparat pflegen, und christliche Gemeinschaften wie das Kloster Mor Gabriel systematisch entrechtet werden. Die durch die EU erzwungenen Fortschritte in der Verfassung sind das Papier nicht wert, auf das sie geschrieben sind. Deshalb ist auch der Jubel mancher Europäer verfehlt, weil es sich in der Regel lediglich um die Wiedergutmachung von vergangenem Unrecht handelt. Christen sind allerdings nicht die einzige religiöse Minderheit in der Türkei und auch nicht die größte. 20 bis 30 Prozent der Türken sind Aleviten, die der Staat nicht für Muslime hält – zumindest noch nicht; er prüft noch.

So viele schlechte Nachrichten waren einigen Zuhörern in der Akademie gar nicht recht. Ein erklärter Moslem fand den Untertitel der Veranstaltung falsch gewählt – es hätte doch „respektiert, geachtet, bewundert“ heißen müssen. Ein anderer – Arzt von Beruf – fühlte sich als Moslem in Deutschland diskriminiert. Und am Ende stand auch noch ein junger Mann auf, dessen Dolmetscherin ihn als Botschaftssekretär der türkischen Botschaft vorstellte, um eine Erklärung abzugeben – ein Ansinnen, das von Kandel, der sich mit dieser Veranstaltung in den Ruhestand verabschiedete, abgelehnt wurde. Das Kontrastprogramm lieferte ein junger Mann, der berichtete, dass er als Konvertit in Berlin-Neukölln von Islamisten auf offener Straße bespuckt und beschimpft wird.

Darf man über Diskriminierung und Verfolgung von Christen in islamischen Ländern überhaupt reden? Selbstverständlich darf man – und die Veranstaltung zeigte aufs Neue, dass man sogar muss. Wenn eine freiheitliche Gesellschaft nicht ihre Grundüberzeugungen aufgeben und sich dadurch verwundbar gegenüber freiheitsfeindlichen Angriffen machen will, ist es unerlässlich, auch über Menschenrechtsverletzungen gegenüber Christen in anderen Ländern zu reden. Die Frage, was jetzt zu tun sei, beantworteten die Referenten recht eindeutig: Auf der theoretischen Ebene gilt, dass Menschenrechte – zum Beispiel das der Religionsfreiheit – unteilbar sind. Auf der praktischen riefen sie zu Solidarität mit den verfolgten Christen in der Welt auf. Die geeigneten Mittel: Abgeordnete für die Thematik sensibilisieren, die Stimme erheben, den Bedrängten Briefe schreiben und sie besuchen, beten. Und wenn sich auch Muslime daran beteiligen würden, wäre noch mehr geholfen, denn ihre Stimmen würden doppelt zählen.

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