Der Glutkern des Glaubens

20. April 2010, 10:37 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: , | von
Jürgen Liminski

Gastbeitrag von Jürgen Liminski. Nichts als die Wahrheit. Nichts als die Liebe. Fundamentaler geht es nicht. Wenn der Dekan des Kardinalskollegiums, Joseph Kardinal Ratzinger, vor fünf Jahren mit seiner Predigt in der Auftaktmesse zum Konklave den einen oder anderen Kollegen abschrecken wollte, ihn zu wählen, dann hätte er nicht so fundamental reden dürfen.

Der Zusammenhang zwischen Wahrheit und Liebe gehört zur Kernsubstanz der katholischen Kirche. Wahrheit ohne Liebe macht blind, sagte der Kardinal und geißelte die gesamten Ideologien und „-ismen“ der letzten Jahrhunderte, insbesondere den heutigen Relativismus, die Gleichgültigkeit aller Werte.

Das war Ratzinger pur – der Hüter des Glaubens, der Wächter der Dogmen, wie man ihn kannte. So einen wollte der katholische Senat in Rom, einen Treuhänder der katholischen Wahrheit, der zudem in einem Fernsehinterview gesagt hatte: „Der Papst ist kein absoluter Monarch, sondern ein Gehorchender“, ein „Sachwalter der Wahrheit“.

Einheit zwischen Liebe und Leben

Er hat sie nicht enttäuscht. Vielleicht wundern sich einige – insbesondere italienische Würdenträger –, daß der vermeintliche Übergangspapst nach dem Jahrhundertvorgänger Johannes Paul II. sich als ein echter Pontifex entpuppte, der eigene Akzente setzt.

Die ersten fünf Jahre dieses Pontifikats lassen jedenfalls erkennen, daß es dem Deutschen auf dem Stuhl Petri um fundamentale, ja historische Linien geht: die Einheit der Christen in der Liebe, die Einheit zwischen Vernunft und Glauben, die Einheit zwischen Liebe und Leben als dauerhafte Begegnung zwischen der einzelnen Person und Gott. Die Liebe in der Wahrheit tun, nennt Benedikt es in einer Enzyklika.

Das sind keine neuen Aspekte, es waren schon Hauptanliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dieses Konzil hat den Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie geprägt. Der Kölner Kardinal Frings hatte den jungen Professor aus Bonn als Berater nach Rom mitgenommen.

Eiserner Wille zur Wahrheit

Dort lernte er auch den späteren Papst Kardinal Woytila kennen, der ihn zum Erzbischof in München, dann zum Kardinal machte und schon vier Jahre später, 1981, nach Rom rief, wo er Präfekt der Glaubenskongregation wurde, der Nachfolgeinstitution der Inquisition, wie Gegner des Kardinals und der Kirche gerne betonen.

Sein leiser, intellektueller Charme verbirgt in der Tat einen eisernen Willen zur Wahrheit, jedenfalls scheute er die Debatte nicht, auch nicht mit großen Geistern wie Jürgen Habermas. Solche Debatten wie auch seine Bücher und Schriften haben ihn schon vor 2005 über die katholische Welt hinaus bekannt gemacht.

Vor allem seit den Studentenunruhen Ende der sechziger Jahre – der deklarierte Wille zur Abschaffung von Glaube, Moral und Werten hat ihn nachhaltig erschüttert – steht er für Worte wie: Die Kirche dürfe keinen Ausverkauf der Wahrheit betreiben, sie müsse „den moralischen Grundwasserspiegel der Menschheit halten“, nicht die Mehrheit habe die Wahrheit erfunden, sondern diese „kommt von Gott her, und deshalb steht sie nicht zur Disposition“.

Neues Verhältnis von Vernunft und Glaube

Weltweite Achtung hat er sich erworben mit seinen scharfsinnigen Analysen zu den Folgen des Relativismus, jener Geistesströmung, die alle Werte für gleichrangig ansieht. Damit würden sie gleich-gültig, schrieb er, und deshalb sei „der Kern der heutigen Krise der Verzicht auf die Wahrheit“. Diese Krise könne nur überwunden werden durch ein neues Verhältnis von Vernunft und Glaube, ohne dieses Verhältnis gebe es auch keinen Weltfrieden.

In diesem Sinn arbeitet er an der Einheit. Die Diskussion mit den Orthodoxen ist dabei schon weit fortgeschritten. Es wird vermutlich noch in diesem Jahr zu einer Begegnung zwischen Papst und Patriarch Kyrill kommen. Die beiden verstehen sich ausgezeichnet. Die orthodoxe Kirche spürt den Druck des Islam und sucht Verbündete im geistigen Ringen dieser Zeit.

Die theologischen Unterschiede zwischen Orthodoxen und Katholiken sind in der Tat geringer als zwischen Protestanten und Katholiken. Es sind vor allem politische Hindernisse und der Primat des Papstes, die einer Wiedervereinigung zwischen Rom und Byzanz nach rund tausend Jahren noch im Wege stehen.

Liberalistisch und nihilistisch geprägte Redaktionen

Weniger Fortune ist Benedikt beschieden beim Versuch, auch die abtrünnigen Pius-Brüder wieder in den Schoß der katholischen Kirche zu holen. Zwar hat er in einem Motu propio auf die Gültigkeit der alten Messe hingewiesen, und inhaltlich kamen die Verhandlungen gut voran, aber politisch und medial fehlte die Umsicht, man versäumte in der entsprechenden Abteilung unter Kardinal Hoyos, die handelnden Personen bei den Pius-Brüdern genauer unter die Lupe zu nehmen.

Hier zeigte sich eine offene Flanke des Pontifikats, die schon bei der Regensburger Rede und aktuell erst recht in der Mißbrauchsdebatte offenkundig wurde: Der Umgang mit den Medien ist seit dem Ausscheiden des Medienprofis und Laien Navarro Valls, der als Chef des Pressesaals mehr als zwanzig Jahre Johannes Paul II. gedient hatte, ziemlich unterentwickelt.

Es fehlt das Gespür für die Mechanismen und Abläufe in den Medien, auch für die feindselige Stimmung und das Mißtrauen in den liberalistisch und nihilistisch geprägten Redaktionen gegenüber allem, was den Anspruch auf Wahrheit erhebt. Ohne dieses Gespür ist man ständig in der Defensive.

Weitverzweigte Infrastruktur

Der jetzige Chef des Pressesaals, der Jesuit Lombardi, gibt sich alle Mühe. Ihm fehlt neben dem Gespür für die berufliche Situation von Journalisten aber auch, was ein „global player“ von der Dimension der katholischen Kirche (1,166 Milliarden Mitglieder, rund 410.000 Priester, 120.000 Seminaristen, 740.000 Ordensfrauen) heute vor allem in den Mediendemokratien Europas und Amerikas braucht und was bei der weitverzweigten Infrastruktur der ältesten Institution der Geschichte machbar sein müßte: eine Art Frühwarnsystem, das mögliche Reaktionen bei wichtigen Entscheidungen voraussieht und entsprechende Maßnahmen vorschlägt.

Auch Benedikt XVI. hat dafür, anders als sein Vorgänger, wenig Gespür – muß er auch nicht haben, dafür gibt es Beraterstäbe. Aber er leidet unter den Vorwürfen, wie sie aktuell erhoben werden und sicher einige Teilkirchen zu Recht, ihn selber aber zu Unrecht treffen. Er hat, schon als in Amerika die Mißbrauchsdebatte hochkam, die Bischöfe aufgefordert, sich um die Opfer zu kümmern und nichts zu vertuschen. Nur die volle Wahrheit könne das Gesicht der Kirche wieder erhellen.

Er leidet auch, weil gerade die Mißbrauchsdebatte die Kernbotschaft von der Liebe in der Wahrheit verdunkelt. Dieser Botschaft hat er bisher drei Enzykliken gewidmet, darunter Deus est caritas (Gott ist Liebe); nach einem Wort des Evangelisten Johannes. Deus est caritas „versöhnt“, wie der Papst es formuliert, „Gerechtigkeit und Liebe“, indem Gott „den Menschen so sehr liebt, daß er selbst Mensch wird, ihm nachgeht bis in den Tod hinein“.

Objekt der Bewunderung

Mit dieser Enzyklika konzentrierte sich Benedikt XVI. auf den Glutkern des christlichen Glaubens. Er steht mit seiner Lehre von der Natur des Menschen dem anything goes entgegen, Benedikt XVI. widerspricht mit seinem Fundamentalchristentum der Beliebigkeit und der Schrankenlosigkeit. Aus der Natur des Menschen aber ergeben sich nach katholischer Auffassung Lebensweisen, aus dem Sein erwächst ein Sollen, nannte es Guardini. Dafür steht der Papst, insbesondere ein Mann wie Benedikt XVI.

Diese Aufgabe stand sehr im Gegensatz zu den Vorstellungen seines Lebensentwurfs. Geboren am 16. April 1927, wollte er sich mit 75 in sein geliebtes Häuslein in Pentling bei Regensburg zurückziehen, wollte Bücher schreiben, beten, sich mit vertrauten Personen wie seinem drei Jahre älteren Bruder Georg umgeben, vielleicht auch noch den einen oder anderen Vortrag halten. Es kam anders. Statt Bücher schreibt er Enzykliken und Dekrete. Zwar hat er auch ein Jesus-Buch geschrieben, das zum Besten gehört, was die Christologie zu bieten hat. Aber vor allem muß er tun, was ihm nicht behagt: regieren.

Benedikt XVI. teilt die Welt. In Amerika, Afrika und Teilen Europas ist man über den Pontifex begeistert, schon als Kardinal war er wegen seiner intellektuellen Brillanz Objekt der Bewunderung, in Italien und Amerika fast der Verehrung. Die Zahl der Pilger bei den Mittwochs­audienzen in Rom hat sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt.

Blässe des Relativismus

In Deutschland zeigte man zunächst Respekt, jetzt wird in bestimmten Medien offener Haß spürbar. Er könne die Kirche spalten, heißt es bei den bekannten Kritikern. Das mag sein, gilt aber nur für die Kirche in Deutschland. Außerhalb des Heimatlandes von Benedikt XVI. spielen die hierzulande so heiß und dauerhaft diskutierten Themen (Frauenpriestertum, Zölibat, Kondome) kaum eine Rolle.

Europa ist geistig müde. Es ähnelt der Umbruchsituation im fünften und sechsten Jahrhundert, als das römische Reich endgültig unterging und Männer wie Benedikt von Nursia zur Besinnung aufriefen. Insofern bleibt der Name Benedikt XVI. auch Programm. Er wird weiter versuchen, die Blässe des Relativismus zu übermalen mit den lebensfrohen, barocken Farben des Glaubens.

Bunte Fresken statt kahler Wände, Lebenssinn statt Lebensängste, Einheit der Gläubigen statt Zwietracht der Rechthaber. Dieser Papst will die Reinigung der Kirche im Licht des Glaubens und der Liebe. Das wird – neben der Einheit mit den Orthodoxen und der Besinnung auf die Fundamente – ein Kapitel in der Kirchengeschichte ausmachen. Das jetzige mediale Geschrei reicht nur für eine Fußnote.

 

Foto: Joerg Koch/ddp

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