Chinas Christen – Hoffnung für die Welt?

21. Oktober 2009, 12:56 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: | von
Fabian Heinzel

Ein junger chinesischer Autor, der sich zum Christentum bekennt, wurde zum 60. Jahrestag der Machtergreifung Mao Zedongs unter Bewachung gestellt.  Die Regierung fürchtete, er könne die Feierlichkeiten stören.  Während der Zeit seines Arrests kam er ins Gespräch mit einem seiner Bewacher.  „Du hast es gut“, sagte der Bewacher zu ihm, „denn Du hast etwas, woran Du glauben kannst“.    „Aber Du doch auch“, antwortete der Autor „Du bist doch Mitglied in der Kommunistischen Partei und glaubst an den Sozialismus“.  Daraufhin entgegnete der Bewacher „Veralbern kann ich mich selber“.

Kirche im Aufwind

Mit dieser Anekdote beginnt der Journalist und Unternehmer Michael Ragg seinen beim Feldmark Forum Berlin gehaltenen Vortrag zum Thema „Chinas Christen -Hoffnung für die Welt?“.  Im Rahmen zweier Chinareisen hat Ragg Eindrücke aus erster Hand bekommen.  Insgesamt hat sich die Situation der Christen im Reich der Mitte deutlich gebessert.  Es werden Kirchen gebaut, es werden ganz offiziell Gottesdienste abgehalten, es lassen sich immer mehr Menschen taufen.  Das Christentum ist die am schnellsten wachsenden Religion Chinas.  Es gibt in China mehr bekennende Christen als Mitglieder der Kommunistischen Partei.  Diese Entwicklung beruht vor allem auf der nach wie vor eigentlich verbotenen, jedoch dennoch verbreiteten Missionstätigkeit evangelikaler Gruppen.  Doch auch die Katholiken können einen Zuwachs verzeichnen.  Insbesondere das Engagement der Christen im sozialen Bereich wird von der Bevölkerung – und teilweise sogar von den Machthabenden – geschätzt.  Von Nonnen geleitete Krankenhäuser beispielsweise sind sauberer als staatliche Institutionen und die Patienten laufen weit weniger Gefahr, bestohlen zu werden.  Ragg zeigt zudem einige Fotos aus einem Heim für behinderte Kinder, das von einem Priester geleitet wird – in einem Land, in dem infolge der Ein-Kind-Politik fast alle behinderten Kinder abgetrieben oder ermordet werden eine Seltenheit.

Das Blut der Märtyrer

Dass Christen in China aus der Bevölkerung viel Sympathie entgegen schlägt, hat auch mit der jüngsten Geschichte zu tun.  Zur Mao-Zeit, insbesondere zur Zeit der Kulturrevolution war die Christenverfolgung auf ihrem Höhepunkt.  Priester und Nonnen wurden in Lager gesteckt, in denen unzählige von ihnen zu Tode kamen.  Ragg erzählt die Geschichte eines Priesters, den seine eigenen Angehörigen anspucken mussten.  Im Lager sperrten die Kommunisten ihn in eine Zelle, in der man nicht stehen, nicht sitzen und nicht liegen konnte.  Wenn ihm die Augen zufielen, hieß es  „Du betest!  Mach die Augen auf!“  Menschen wie dieser Priester haben in China heute den Status von Märtyrern.  Dass sie nicht zerbrochen sind, dass sie heute dort weitermachen, wo sie vor ihrer Verhaftung aufgehört hatten und nicht von ihrem Glauben abgerückt sind, ringt selbst ihren Gegnern Respekt ab.  Und diese Gegner sind durchaus noch da.  Wer von der Kirche aus die Politik der chinesischen Regierung kritisiert, muss nach wie vor mit Einschüchterungen und seiner Verhaftung rechnen.  Die KP hat ihren Anspruch auf Alleinherrschaft keineswegs aufgegeben.   Die Beziehungen zwischen dem Vatikan und China sind immer noch sehr belastet.  Trotzdem: Als zum Beispiel beim großen Erdbeben im vergangenen Jahr Christen aus allen Provinzen anreisten, um ehrenamtlich zu helfen, stimmte dies auch viele Parteifunktionäre milder.

Der Untergrund

Allerdings ist die katholische Kirche in China nicht so einig, wie der Vatikan es sich wünschen würde.   Denn als die Kommunisten die Macht in China übernahmen, verlangten sie von den Katholiken, sich von Rom loszusagen.  Sie setzten eine „patriotische Vereinigung“ ein, die sicherstellen sollte, dass in der sogenannten „Registrierten Kirche“, die staatlichen Vorschriften eingehalten wurden.  Jene Katholiken, die sich nicht unterwerfen wollten, gingen in den Untergrund und praktizierten ihren Glauben weiter unter Lebensgefahr.  Während der Kulturrevolution richtete sich die Verfolgung dann gegen alle Christen – auch gegen jene, die der Registrierten Kirche angehörten.  Als später die Religionsausübung in einem begrenzten Rahmen wieder erlaubt wurde, blieb die Teilung der Kirche bestehen.  Der Papst hat aber erst kürzlich betont, dass es in China nur eine Kirche gibt und dass auch die Messen der Registrierten Kirche als vollwertige Messen anzuerkennen sind, der Heilige Stuhl hat außerdem inzwischen mehr als 90 Prozent der Bischöfe der Registrierten Kirche anerkannt.  Immer mehr Priester geben daher ihr Dasein im Untergrund auf und schließen sich der offiziellen Kirche an.

Mission, Märtyrertum, Verfolgung

Die Entwicklung des Christentums in China unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von der Entwicklung des Christentums in der westlichen Welt:  Vor allem junge Leute fühlen sich von der christlichen Religion angesprochen, die sie mit Wohlstand und Fortschritt verbinden, sieben Spielerinnen der Frauenfußballnationalmannschaft sind Christinnen, auch unter den Nonnen und Priestern sind im stark überalterten China viele junge Menschen zu finden, es werden massiv neue Kirchen gebaut. Mission, Märtyrertum und Verfolgung, Begriffe die für uns im Zusammenhang mit dem Christentum aus dem Geschichtsunterricht zu stammen scheinen sind in dem riesigen Land mit seinen mehr als 1,3 Milliarden Einwohnern brandaktuell.      

Die Partei, die in China regiert, nennt sich Kommunistische Partei, aber der Kommunismus als Glaube ist tot.  Das Christentum lebt.

(Foto: Rike/pixelio.de)

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