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Randnotizen am Freitag (4. Folge)

14. Januar 2013, 08:27 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte:

Jeden zweiten Freitag will ich einige meiner Gedanken, wie sie mir beim Lesen oder Nachdenken zu diesem oder jenem Thema kommen, hier veröffentlichen. Dies ist die vierte Folge der Randnotizen. Aufgrund meiner Abwesenheit in der Vorwoche, die ich ohne alle Medien und ohne Internet genossen habe, kommen diese Freitagsnotizen erst am heutigen Montag. Viel Freude beim Lesen!

 

„Wochen des Respekts“

Nordrhein-Westfalen könnte vermutlich bald zum Bundesland mit den „respektvollsten“ Bürgern werden. Die Ministerpräsidentin Hannelore Kraft will eine moralische Wende herbeiführen, indem sie den Bürgern regelmäßig wiederkehrende „Wochen des Respekts“ verordnet. Man darf gespannt sein, wie das gehen wird. Respekt gegenüber Mitmenschen und deren Leistungen kann weder befohlen noch eingeübt werden. Es handelt sich dabei um eine innere Haltung, die aus emotionalen Quellen gespeist ist und beim Respektbezeugenden Reife, Würde und Erkenntnisfähigkeit für menschliche Größe voraussetzt. Respektgefühl gleicht darin dem Gefühl der Liebe, des Mitleids oder der Freude – allesamt lassen diese sich nicht künstlich erzeugen oder auf Befehl erzwingen.

Anders die Höflichkeit, deren Wesen ein anderes ist. Höflichkeit äußert sich in einer Vielzahl von unterschiedlichen Ritualen, die allesamt historische Wurzeln haben. Die Posen der Höflichkeit werden von Kind auf durch Nachahmung gelernt und gelingen notfalls auch ohne Beteiligung des Herzens. Höflichkeit kann befohlen und gelernt werden, sie ist dem kognitiven Lernen zugänglich. Frau Kraft wäre gut beraten, das Wort Respekt auszutauschen gegen „Höflichkeit“. Aber bei den Linken gerät eben alles Gutgemeinte gleich zehn Nummern zu groß. Mit den „Respektwochen“ eröffnet sich zudem – möglicherweise als “zufällig geplanter” Nebeneffekt – ein weites Feld für die Entstehung neuer, lukrativer Geschäftsmodelle; eine geschickt getarnte ABM für Universitätsabsolventen, die clever genug sind, die Chance beim Schopfe zu packen und staatliche Fördertöpfe anzuzapfen. Respekt!

Nachsatz:
Vor einiger Zeit habe ich wieder einmal Orwells 1984 zur Hand genommen. Mit der Hauptfigur Winston erlebt der Leser die „Zwei-Minuten-Haß-Sendung“. Ich hätte da einen spontanen Einfall. Wieviel effektiver wäre es, das nordrhein-westfälische Respektmodell bundesweit auszudehnen und in dessen Rahmen eine wöchentliche „Zwei-Minuten-Respekt-Sendung“ über die Kanäle des öffentlichen Fernsehens ausstrahlen lassen?

Totalitär

„Eine Gesellschaft wird immer dann totalitär, wenn ihre Struktur offenkundig künstlich wird, das heißt, wenn die herrschende Klasse ihre eigentliche Funktion verliert und sich nur noch durch Gewalt oder Betrug an die Macht klammert.“ (George Orwell*) Das heißt, eine künstlich geschaffene Ordnung erhält sich nicht selbst. Der Zerfall setzt ein in jenem Augenblick, da die Lenkung von oben schwächelt. Die Regeln einer Zwangsordnung sind nicht traditions- sondern befehlsgebunden. Ein Mitglied, das sich nicht an die künstlichen Regeln hält, wird nicht nur von den Aufsichtsführenden abgestraft, sondern in erster Linie durch seine Leidensgenossen in Schach gehalten, die es ihrerseits nicht dulden, wenn eines von ihnen aus der Reihe tanzt.

Empört euch!

„Indignez-vous!“ (Empört euch!) rief Stéphane Hessel, Mittneunziger, vor nunmehr fast drei Jahren den Menschen Europas zu.
Was hat der greise Autor damit bewegt? Empörung erscheint mir ein schlechtes Rezept für Menschen, die gegen echte oder vermeintliche Mißstände angehen wollen. Wer sich empört, kann nicht denken.

 

Die öffentliche Hand

Radio: „ … diese Kosten werden von der öffentlichen Hand übernommen.“

Kind: Papa, was bedeutet das, „öffentliche Hand“?

Vater: Irgendwo wird’s schon herkommen, Herrgott nochmal!

 

Bittgesuche und anderes

Murnau. Hübscher Ort, wohin es mich zum Übernachten verschlagen hat. Die Zeit bis zum Abendessen vertreibe ich mir mit einem Gang durch den Ort. In der wunderschönen Kirche beten sie gerade den Rosenkranz. Es gibt eine Pinwand für Bitten, die an den Allerhöchsten gerichtet sind, und die deshalb auch nur ER erfüllen kann. „Bitte laß mich wieder gesund werden!“ lese ich auf einem. Und auf einem anderen steht: „Laß es bitte der Mama gut gehen, wo sie jetzt ist.“ Und auf einem weiteren: „Danke, daß ich wieder lachen kann.“ Daneben hängt ein weiterer Zettel: „Bitte mach, daß ich lange Haare kriege.“ Und: „Danke, daß ich endlich bei Bayern 3 durchgekommen bin.“ Noch ein Zettel, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt: „Bei mir hat Gott nichts zu suchen.“ Fragt sich, was der Autor dieser Notiz in der Kirche zu suchen hatte.

 

Amorphe Massengesellschaft

Die vormals durch Eigenverantwortung geprägte Eigentümergesellschaft ist zu einem amorphen Brei von Nichtzuständigkeiten zerfallen. Man hat es nicht mehr mit Besitzern zu tun, sondern mit Stellschrauben. Fällt eine Schraube aus dem Gefüge heraus, ist sofort für Ersatz gesorgt. Die Werkzeugkiste enthält unendlichen Vorrat.

 

Eine knifflige Aufgabe

Im Wartezimmer der Innsbrucker Zahn-Klinik sitzen wir und lesen. Da betritt ein Assistenzarzt mit wehendem Kittel den Raum.
„Herr Meier?“
„Das bin ich“, meldet sich der Mann, der neben dem Fenster sitzt. Der Assistenzarzt bittet den Patienten, ihm in den Flur hinaus zu folgen und meint freundlich: „Sie können sich schon mal dort hinten auf die drei Stühle setzen!“
Eine kniffelige Aufgabe für eine Person, die normalgewichtig ist.

 

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(*) George Orwell. Rache ist sauer. Essays. Diogenes Verlag, S. 88)

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