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Randnotizen am Freitag (3)

28. Dezember 2012, 08:49 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte:

Jeden zweiten Freitag will ich einige meiner Gedanken, wie sie mir beim Lesen oder Nachdenken zu diesem oder jenem Thema kommen, hier veröffentlichen. Dies ist die dritte Folge der Randnotizen, und ich hoffe, daß ich dem einen oder anderen Leser damit zu weiterem Nachdenken anregen kann.


Geschenke, die zu früh kommen

Die schiere Übermenge der Geschenke für die Kinder erzeugt nach Weihnachten meist trostlose Gefühle des Überdrusses und der Vergeblichkeit. Nicht nur der Überfluß, sondern auch die Verfrühung der Geschenke sind von Übel. Besonders in den Patchworkfamilien liegen die schenkenden Erwachsenen miteinander im Wettstreit, und da bleibt es nicht aus, daß Kinder mit Dingen beschenkt werden, für die sie noch nicht reif sind, und nach denen es sie gar nicht verlangt. Die Verfrühung der Geschenke ist nicht ohne Folgen. „Kinder verlernen zu träumen, Utopien aufzubauen, Sehnsüchte zu entwickeln. Wenn zum Beispiel eine Eisenbahnbrücke geschenkt wird, ohne daß überhaupt der Wunsch dazu besteht, wird das Kind wesentlicher Dinge beraubt. Nämlich seiner Fähigkeit zu imaginieren, mit Luft zu spielen, zu phantasieren, zu improvisieren. Die Erwachsenen berauben es der Möglichkeit, zum Beispiel eine Brücke aus einem Schuhkarton zu basteln. All diese doch zweifellos wünschenswerten Fähigkeiten werden nicht ausgebildet. Geht man davon aus, daß jedes Kind ungemein kreativ auf die Welt kommt, wundert man sich, wie schnell die Eltern diese ursprüngliche Kreativität kaputtkriegen. Systematisch zum Beispiel mit Dingen, die zu früh, zu viel, zu banal sind. Was wird aus den Kindern, die keine realen Sehnsüchte kennen?“

(aus: Astrid von Friesen. Geld spielt keine Rolle. Erziehung im Konsumrausch. rororo Verlag 1991; Seite 107)

Leseempfehlung!

 

Eine Lektion in Sachen Eigentum

In unserer kleinen Küche gab es einen Tisch mit einer Sitzbank, und unter dem Tisch stand ein einfacher, hölzerner Hocker, der bei Bedarf herausgezogen wurde. Ich kroch unter den Tisch und breitete eine Decke über diesen Hocker, das war nun mein Haus. Mit bunten Stoffresten aus des Vaters Werkstatt faltete und formte ich die Inneneinrichtung, angereichert mit Holzstücken und kleineren Gerätschaften aus dem Haushalt, welche mir die Mutter großzügig überließ. Nun konnten die Puppen und Bären einziehen. Ich spielte unter dem Tisch, bis es Zeit war zum Schlafengehen. Die Bewohnerschaft des Hauses wurde ebenfalls zur Ruhe gebettet, „Türen“ und „Fenster“ verriegelt.

Am folgenden Morgen war alles so, wie ich es am Vorabend verlassen hatte: Das „verriegelte“ Haus, das Mobiliar, die Bewohnerschaft in ihren Betten. Ich weckte sie, und das Spiel konnte weitergehen, als hätte es keine Unterbrechung gegeben.

Was ist an dieser Erinnerung wert, daß ich sie hier zum besten gebe? Hinter dieser Banalität verbirgt sich ein Geschenk von unschätzbarem Wert, das mir die Eltern gegeben haben: das Gefühl der Verfügungsgewalt über das Eigene. Sie behandelten mein „Haus“ unter dem Tisch mit derselben Achtsamkeit, als handele es sich um ein echtes Haus. Nichts wurde angetastet, nichts verrückt, nichts fortgenommen. Es galt der Grundsatz: Fremdes Eigentum tastet man nicht an, auch wenn der Besitzer erst vier Jahre alt ist. Die Haltung meiner Eltern in dieser Frage ist von grundsätzlicher Natur gewesen. Und so erteilten sie mir allein durch ihr Handeln eine Lektion, für die ich auch heute noch, nach so vielen Jahrzehnten, unendlich dankbar bin.

 

Der arme, arme König!

Ich wäre gern König, sagt das Kind, das stelle ich mir wunderschön vor. Als König kann ich alles tun, was ich möchte, und niemand befiehlt mir was.

Bist du sicher? frage ich das Kind. Und dann zähle ich auf, was der König alles nicht tun darf:

Der König darf nicht in der Nase bohren, wenn Untertanen es sehen können – und ein König ist nie für sich allein. Der König darf sich nicht am Kopf kratzen, denn dabei könnte die Krone herabrutschen; das ist unwürdig. Ein König darf sich niemals die Schuhe unter dem Tisch ausziehen, auch wenn sie ihn noch so sehr drücken, weil die Konferenz so lange dauert und er nicht aufstehen darf, bevor nicht auch die anderen aufstehen. Nach einer reichlichen Mahlzeit darf der König auf gar keinen Fall rülpsen, auch wenn es ihn noch so im Magen drückt. Und schon gar nicht ist es ihm gestattet, zu furzen, weder laut noch leise! Alles Unangenehme, Schmerzhafte und Drückende muß der König tapfer ertragen, sonst wundern sich die Leute und rufen: Das soll ein König sein? Das ist kein König, nein!

Das Kind richtet seine Augen in die Ferne und denkt einen Moment lang nach, dann seufzt es: Der arme, arme König!

 

Dummer Hund!

Was für ein Sauwetter. Aber irgendwann muß mein Hund doch mal raus. Ich öffne die Terrassentür. Als die ersten Regentropfen auf Schnauze und Fell klatschen, macht er eine abrupte Kehrtwendung und flitzt durch Wohnzimmer und Flur, wo er vor der Haustür bettelnd stehenbleibt. Ich folge ihm und sage: „Du dummer Hund! Meinst du denn auf der Vorderseite unseres Hauses hat es ein anderes Wetter als hinten?“

 

Über die Harmonie

Das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ ist nicht grundlos beliebt – und zwar auf der ganzen Welt. In seiner Schlichtheit ist es voller Harmonie und Wohlklang. Wie abstoßend ist dagegen die moderne Musik, die diesen Namen nicht verdient. „Schizoide Kunst wirkt am ehesten aufrüttelnd, oft ist sie aber abstoßend. Nach Fuhrmeister und Wiesenhütter („Metamusik“) soll sich in Orchestern, die vorwiegend moderne Kompositionen aufführen, häufig das gesamte Musikerensemble nach Proben solcher Stücke krank fühlen.“ (S. 40)

(Fritz Riemann. Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie. Ernst Reinhardt Verlag, München 1961)

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