Deutsche Liedermacher - nimm2!
0 Kommentare | Posted 05.03.2012 08:47
Die beiden Liedermacher Konstantin Wecker und Hannes Wader, die Rudi Gaul in dem Dokumentarfilm ‚Wader Wecker Vaterland’ zusammen eingetütet hat, sind nicht gleich: Da gibt es ein dürres Nordlicht und einen lebensfrohen Südländer.
Nicht nur das. Sie schöpfen auch aus verschiedenen Quellen: Konstantin Wecker hat schon als Junge mit seinem Vater Opernarien gesungen und ist mit Verdi aufgewachsen. Hannes Wader hat das Crosspicking der Folkmusik importiert und einen deutschsprachigen Talking-Blues geschaffen. Die beiden sind kein Duo.
Es ist auch kein Film von einer Tournee, bei der so getan wird, als wären sie doch eins. Jedes Mal wenn da etwas Gemeinsames geprobt wird, spürt man, dass sich Hannes Wader unwohl fühlt und sich schließlich zu der Bemerkung hinreißen lässt, dass er so etwas nie wieder machen möchte, „auch nicht mit Bob Dylan“. Er ist eben ein Einzelgänger, ein Spätzünder, der erst „mit 50 in die Pubertät“ kam.
Der Film zeigt mehr als das Geschehen neben, hinter, vor und auf der Bühne. Er ist zugleich ein kleiner Rückblick auf die deutsche Geschichte mit Benno Ohnesorg, mit Demonstrationen in Schwarzweiß und schließlich mit dem Fall der Mauer; insgesamt sieht man mehr Polizisten als Gitarren. Die beiden ungleichen Liedermacher haben sich auch zu Deutschland als ihrem „Vaterland“ geäußert – daher der Titel des Films – , allerdings haben sie das eher nebenbei gemacht. Sie sind nicht die ersten beiden Adressen in dieser Sache.
„Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht“, schrieb einst Heinrich Heine, denken wir heute rückblickend an das „Vaterland“ und an Liedermacher, dann denken wir an Wolf Biermann, der das deutsche Drama nicht nur in seinen Texten, sondern auch durch seine Person und seinen Fall verkörperte. Er kam, als er 1976 „in die Heimat vertrieben“ wurde, vom „Regen in die Jauche“. So hat er es einst selber gesagt, das sind harte Worte, aber er ist nun mal „kein Gerechter“. Im Westen hat er uns vorgesungen, in welche Richtung es hier seiner Meinung nach gehen sollte: „Die BRD braucht eine KP, wie ich sie blühen und wachsen seh’ unter Italiens Sonnenschein, so soll es sein, so wird es sein ...“ So kam es nicht, wie wir inzwischen wissen.
Nehmen wir noch das Thema Tschernobyl hinzu - im Sozialismus dient ein Kernkraftwerk dem Menschen, im Kapitalismus dem Profit -, dann erscheint uns die Geschichte des politischen Liedes in Deutschland als Glasperlen-Kette voller Irrtümern. Das gilt sowohl für Biermann, als auch für Degenhardt – und ebenso für Wecker und Wader. Oder etwas freundlicher ausgedrückt: Es zeigt sich, wie sehr sich alles verändert hat und wie wenig man all die Entwicklungen voraussehen konnte. Wie heißt es doch so schön? „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.“ Konstantin Wecker kann es mit vielen Wehs singen: „Nur das Wechseln von Gewändern kann kein wahrer Wandel sein.“
Wenn nun - wie in der Versuchsanordnung des Films – zwei so unterschiedliche Sänger nebeneinander gestellt werden, dann enthält es die unausgesprochene Frage, wer von beiden einem besser gefällt. Zwei Liedermacher – nimm einen! Da muss ich nicht lange überlegen. Hannes Wader. Den mochte ich immer mehr oder weniger, Konstantin Wecker dagegen ging mir von Anfang an auf eben den. Ich habe mich stets gewundert, dass kaum jemand bemerkt hat, dass sein berühmtes Lied vom ‚Willy’, den sie „daschlogn“ haben, ein ziemlicher Schmarren ist: Da geht jemand in eine Szenekneipe, singt die ‚Internationale’, wird zu Tode geprügelt - und das Publikum ist überwältigt von diesem Vulkanausbruch an Emotionen. Dabei ist es eher eine peinliche Post-68er-Posse über eine falsche Geste zur falschen Zeit an der falschen Stelle. Der Linke wird zum Opfer, die Rechten werden zu Bösewichten, die sich zu einer Schlägerei nach dem Motto ‚5 gegen Willi’ provozieren lassen. Dabei dachte ich immer, die neuen Rechten wären deshalb so widerwärtig, weil sie sich an wehrlosen Migrantinnen und Migranten, die man damals noch „Ausländer“ oder „Asylanten“ nannte, vergreifen.
Inzwischen benutzt Wecker sein Erfolgslied als Schablone und liest eine aktualisierte Textvariante mit gespielter Leidenschaft vom Blatt und demonstriert damit vor einigen wenigen Gewerkschaftlern wie halbherzig sein Engagement inzwischen ist – und wie wenig ernst er es selber nimmt. Begleiten lässt er sich von einer sparsamen Gitarre, wie man sie nicht von ihm gewohnt ist; man kennt ihn schließlich als potenten Platzhirschen am großen Flügel, wo er sein „Genug ist nicht genug“ so theatralisch in Szene setzt, dass ich jedes Mal dachte: Und was zuviel ist, ist zu viel! Zuviel Pomp. Zu viele Umstände. Nicht nur zu große, auch zu laute Worte. Die Überdosis, die man schon seinen Liedern anmerkte, fand wenig später in einer Überdosis Kokain seine Entsprechung.
Ganz anders dagegen der um fünf Jahre ältere Wader. Ein paar Jahre machen viel aus. Er ist ein Prä-68er-Fall, er wandte sich nicht an die Politik - umgekehrt -, sie kam auf ihn zu. Die unruhigen Linken bedrängten ihn und wollten, dass er Lieder singt, in denen es heißt, dass der „Kapitalismus zum Faschismus“ führt. Das wollte er nicht. Das war nicht seine Sprache. Er hat eine eigene. Ich schätze ihn sehr als Sprachkünstler. Seine Adaptionen von u.a. Robert Burns, Alex Campbell und Eric Bogle sind so gut gelungen, dass man meint, sie stammten sowieso von einem erstklassigen deutschen Dichter.
Den Linken war er damit noch lange nicht gut genug, er war nicht links genug, der spießigen Gesellschaft der BRD dagegen war er viel zu weit links. Es war schlimm. Er wurde verhaftet und jahrelang boykottiert, weil Gudrun Ensslin sich unter falschem Namen in seiner Wohnung eingenistet hatte, als er wieder mal unterwegs war. So wurde er Opfer einer Hysterie, an die er am liebsten nicht mehr erinnert werden will, und er sagt (aus dem Gedächtnis zitiert), dass er sich heute den Vorwurf macht, eine gewisse klammheimliche Sympathie für „diese Mörderbande“ gehabt zu haben. Die DKP hat ihn schließlich aus seiner Haltlosigkeit, die ihm „nicht gut getan hat“, gerettet und hat ihm eine Art Heimat geboten – und wenig später umso tiefer ins Nichts fallen lassen und bei ihm ein Misstrauen hinterlassen gegenüber allem, was „grandios“ auftritt.
Wenn Menschen singen, rührt es einen. Die ergreifenden Szenen sind die, wenn die Kamera im Publikum herumfährt und eine bunte Mischung von Menschen zeigt, die textsicher die Lieder von Wader mitsingen. Dabei war die Mitsingerei in Kreisen der Liedermacher eine heikle Sache; sie passte nicht so recht zum Gestus des Barden, der sich einiges auf seine Individualität zugute hält und am liebsten alles alleine und vor allem alles selber machte, sich im Idealfall sogar wie Franz Hohler ein Cello selbst zusammenbaute, um damit ein Lied mit der Zeile „Er hat es selber gemacht“ zum Besten zu geben. So waren sie, die selbsternannten Nachfahren von Walther von der Vogelweide, Francois Villon und Heinrich Heine. Einzelgänger. Einzelsänger.
Das machte sich nicht gut im realen Sozialismus. Da wurde das „überzogen Individuelle“ nicht so geschätzt, insbesondere wurde Wolf Biermann nicht so geschätzt. Eine kleine Szene aus dem Film sticht nicht nur musikalisch heraus; sie tut einem fast schon weh: Wir sehen, wie Hannes Wader – vermutlich im Palast der Republik – mit großem Chor auftritt. Früher sagte man gerne, dass ein Liedermacher „hinter“ seinen Liedern steht. Hier sieht man Wader, wie er „vor“ der singenden Arbeiterklasse steht, aber irgendwie den Eindruck macht, er stünde unter Drogen und stünde „neben sich“. Er selber hatte womöglich damals noch das Gefühl, dass ihm der Massengesang so viel Halt gibt, dass er sogar seine Gitarre, an die er sich sonst klammert, weil er nicht weiß, wohin mit seinen Händen, in die Ecke stellen konnte.
Ich hätte mir mehr Rückblenden gewünscht - Rückblenden, die noch weiter zurückblicken und noch mehr von den Anfängen erzählen, von den Festivals auf der Burg Waldeck etwa, wo die Liedermacher gestört wurden mit der Parole „Stellt die Gitarren in die Ecke und diskutiert“. Aber ein Dokumentarfilm ist nun mal kein Wunschkonzert. Und das Leben ist kein Ponyhof.
Gleich zu Anfang spricht Hannes Wader treffsicher die Frage an, die ihn stets begleitet hat: ob er denn glaube, mit seinen Liedern die Welt „verändern“ zu können. Er weiß es inzwischen: Nein. Man kann nur Teil einer Bewegung sein. Die Welt ändert sich sowieso. Konstantin Wecker dagegen meint, dass sich die Welt ohne ihre Lieder sogar zum Schlechteren entwickelt hätte. Man merkt, dass er sich gerne Schuhe anzieht, die zwar ein paar Nummern zu groß sind, aber gut aussehen. Wecker drückt sich geschickt aus. Über Bande, über den Umweg des Negativen. Man könnte es als halbes „Ja“ werten – so wirkt seine Antwort auf die Frage, ob Lieder die Welt verändern können.
Gute Frage. Und die Antwort? The answer my friend is blowing in the wind. Und was sieht man im Wind? Da sieht man die Gewänder von all denen, die ihr Mäntelchen in den Wind gehängt haben. Die Frage, ob ein Liedermacher vorangeht, mitten drin ist oder womöglich nur hinterherläuft, hat mich auch bei dem Buch ‚Dorn im Ohr’ begleitet, das einen Überblick über die Szene gibt. Ich erinnere mich: Da gab es solche und solche. Walter Mossmann zum Beispiel nahm gerne eine radikale Positionen ein - „radikal“ galt damals als besonders gut, es hieß ja, dass man an die Wurzel ging („extrem“ sagte man nicht). Es war die Zeit, in der man von den Bedürfnissen zu den Ansprüchen übergegangen war; die Zauberworte waren „relevant“ und „anspruchsvoll“.
Demgegenüber standen einerseits die anspruchslosen Blödelbarden wie Ingo Insterburg und Otto und andererseits die kommerziellen Liedermacher, wie sie Lerryn alias Dr. Diether Dehm in seinem Schlager „Bravo, Bravo, Hurrah, der Sänger mit den besseren Liedern ist da“ parodierte und sich dabei gleichzeitig ein Hintertürchen offen hielt, im Zweifelsfall selber als einer von denen zu gelten, die mit besseren Liedern berühmt werden. Ein Balanceakt. Allein der Erfolg diskreditierte die Liedermacher, denen man dann keine glaubwürdigen Aussagen mehr zutraute. Das galt sowohl für Udo Lindenberg als auch für Reinhard Mey, der immerhin zu den Pionieren der Liedermacher zählt. Ehrenwerte Anfänge mochte auch Lindenberg gehabt haben, doch nun besangen diese Verräter „unverbindliches“ und „gefälliges“ Zeug und stimmten schnulzige Liebeslieder an. Nun waren sie nicht mehr „alternativ“.
Die Trennlinie verlief nicht nur zwischen „radikal“ und „kommerziell“, sondern auch zwischen „politisch“ und „privat“. Es war eine Trennlinie mit Stacheldraht – so wie auch zwischen den Teilen Deutschlands und unseren Weltbildern eine brutale Trennlinie verlief. Man kann sich das Lagerdenken und die Unvereinbarkeiten der Hitzköpfe von damals heute nicht mehr vorstellen – und glaubt es kaum. Franz Joseph Degenhardt warnte ausdrücklich vor „privaten Liedern“ und verstieg sich zu der Parole: „Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf“. Davon nahm er zwar später wieder Abstand, doch der Graben blieb. Er glaubte selber, dass es keine „unpolitischen Lieder“ gibt. Und in der Politik gab es nun mal klare Fronten: Which side are you on? Sänger mit leisen Tönen und mit Zwischentönen wie Hanns Dieter Hüsch hatten es schwer. Christof Stählin auch, er nannte seine LP sogar ‚Privatlieder’. Das ging gar nicht. Er hat es irgendwie geschafft, weder politisch relevant, noch kommerziell erfolgreich zu sein. Dafür lebt seine poetische Methode weiter in seiner Akademie SAGO, aus der die Liedermacher der jungen Generation wie Bodo Wartke oder Sebastian Krämer hervorgegangen sind.
Wecker und Wader dagegen werden aus sich selbst heraus ewig weiterleben und immer so weitermachen, sie sagen selber, dass ihnen ihre Konzerte im Alter zunehmend Spaß machen; ihre Tournee hieß auch: KEIN ENDE IN SICHT. Wobei das Gruppenbild auf dem Plakat so fotografiert ist, dass man die beiden schräg von oben sieht und deutlich erkennt, dass zumindest bei ihrem Haarwuchs doch ein baldiges Ende abzusehen ist.
Eine Frauenquote brauchte man damals weder für Terroristen (heute würde man sie vermutlich „Terroristinnen und Terroristen“ nennen) noch für Liedermacher. Frauen hatten kein Problem mit dem Erfolg. Sie waren anfällig für die Verlockungen des Geldes, auch eine widerborstige Gestalt wie Nina Hagen wurde in Kreisen der politisch engagierten Liedermacher als „perfektes kommerzielles Produkt“ gesehen. Ganz zu schweigen von Nena.
Und noch in einer anderen Hinsicht markierte die Frauenbewegung das Ende der Liedermacher mit ihren speziellen Grabenkämpfen. Die Frauen beendeten das Dilemma, sich zwischen „politisch“ oder „privat“ entscheiden zu müssen. Nun galt die Formel: Das Private ist politisch. Ina Deter wurde zum Bremslicht der Liedermacher-Welle. Ihr Hit ‚Neue Männer braucht das Land’ war nicht etwa ein Kommentar zum Ende der Regierungszeit von Helmut Schmidt, sondern war ganz allgemein ein Ruf nach dem Neuen Mann für alle und für sie persönlich. So besang sie das Ende des politischen Liedes auf ihre Art. Zu lachen gab es nun auch nichts mehr. Gerüchten zufolge plant sie ein Comeback zusammen mit Guttenberg, der ihr Lied ‚Ich habe abgetrieben’ in der neuen Version singen soll: „Ich habe abgeschrieben“.
Nun sind die Frauen in der Politik angekommen. Und nun zitiere ich wieder aus dem Gedächtnis. Als vor einigen Jahren „Gender Mainstreaming“ als „Querschnittsaufgabe“ eingeführt wurde, musste noch auf der Internetseite des Ministeriums eine Erklärung angeboten werden für alle, die sich nichts darunter vorstellen konnten. Da hieß es, dass mit „gender“ - im Unterschied zum biologischen Geschlecht - das „soziale Geschlecht“ bezeichnet würde und damit all die „sozialen“ Faktoren, die unsere geschlechtliche Identität ausmachen. So ähnlich. Und da war es auch schon: ein kleines Wörtchen, an das ich mich genau erinnere, weil es mir sofort unangenehm aufgefallen war; es kam gleich nach dem Stichwort „sozial“, da sprachen sie: „von den sozialen (Achtung, es kommt!) und damit veränderbaren“ Faktoren. Da war es, das Reizwort: veränderbar.
Ich dachte sofort: Halt! Stopp! Haben diese Herrschaften - besser gesagt: die Frauen - überhaupt das Mandat, etwas am Geschlecht - und sei es nur am sozialen - zu ändern? Und auf welches Ziel soll das hinauslaufen? Das sagen sie einem nicht, aber man merkt ihnen den Rausch an, an einem Machthebel zu sitzen und sich in eine Hybris zu steigern und kokett zu verkünden: Ich verändere die Welt, ob ihr wollt oder nicht, ich darf das, ich kann das.
Können sie es wirklich? Hoffentlich nicht. Ich kann mir erfolgreiche Veränderungen nur vorstellen, wenn man sie im großen Stil und unter Anwendung von Gewalt durchzieht – wie etwa bei der Kulturrevolution in China oder dem Großen Sprung nach vorn, der jedoch nach hinten losging. Vielleicht kommt es ja noch. Bisher beschränkte sich die Frauenpolitik in erster Linie auf Geldverschwendung und auf die Vergiftung des Klimas durch misandrische Propaganda. All ihre Aktionen - wie beispielsweise der Girls’ Day oder Equal Pay Day - kamen mir immer vor wie Beispiele einer Politik des homöopathischen Maoismus: Eigentlich müsste man mit großen Geschossen kommen, aber es werden nur Kügelchen verabreicht, an die man ganz fest glauben muss. Es erinnert mich an den Selbstmordkandidaten, der versucht hat, sich mit Placebos umzubringen. Er hätte es beinah geschafft hätte, aber nur beinah, weil er nicht stark genug daran geglaubt hat.
Warum reden sie auch in so einem geheimnisvollen Englisch? Die Flucht in die fremde Sprache erinnert mich an besonders naive, gleichwohl besonders angeberische Nachwuchs-Künstler - an „newcomer“, besser gesagt -, die von Anfang an nur englische Texte singen wollten, weil sie meinten, damit könnten sie ein viel größeres Publikum erreichen – in Wirklichkeit traten sie ins Niemandsland. Sie hatten sich getäuscht, wenn sie dachten, dank ihrer (teilweise auch ihnen selbst) unverständlichen Texte würde niemand so schnell merken, dass sie nichts zu sagen haben. Beim Übersetzen und Erklären offenbaren sich dann doch Fehler und Tücken.
Hier haben wir so einen Fall: Ein kleiner Unterschied und seine großen Folgen. Stellen wir uns vor, in der Erläuterung stünde nicht das Wörtchen „veränderbar“, sondern „veränderlich“. Das wäre gut so. Richtig so. Dann könnten sie allerdings ihre ganze hochgestochene „Querschnittsaufgabe“, bei der ich sowieso immer an Querschnittslähmung denken muss, knicken. Es würde jedoch dieses wundersame „soziale Geschlecht“ - genannt „gender“ - angemessen beschrieben: als etwas Undeutliches und Unfassbares; als etwas, das sich sowieso ständig ändert und sich nicht vom biologischen Geschlecht trennen lässt; als etwas, das aus vielfältigen, widersprüchlichen Impulsen besteht, zu denen man sich individuell verhalten kann. Ein Phantom. Es existiert nur in der Denkweise einer falschen Abstraktion. Man kann dem „sozialen Geschlecht“ nicht mit Vorschriften beikommen. Daran mit bürokratischem Besteck herumzuoperieren, dürfte so aussichtslos sein wie der Versuch, einen Wackelpudding, der das Haltbarkeitsdatum überschritten hat, per E-mail als Anhang zu verschicken.
Sie hätten Hannes Wader fragen sollen, der kennt sich aus mit Veränderungen, und offenbart uns, dass er auch seine Meinung zu der Frage der Veränderbarkeit geändert hat. In einem der Rückblicke, der ihn zeigt, als er noch in seiner Mühle in Struckum wohnte und gerade frisch in die DKP eingetreten war, betont er ausdrücklich, dass er im Namen aller Versammelten spricht - er spricht also als ein kollektives „wir“ -, und verkündet, dass dieses „wir“ die Welt für „veränderbar“ hält, als müsste das endlich mal gesagt werden. Da war es wieder: veränderbar.
Er durfte so denken – die Aktivistinnen der Frauenpolitik dürfen es nicht. Ein junger Mensch möchte teilnehmen an den Bewegungen der Welt, er möchte seinen kleinen Beitrag zu einer besseren Zukunft leisten; ein Künstler ist von dem Glauben beseelt, dass seine Werke das irgendwie schaffen. Er möchte Teil von etwas sein, das größer ist als er selber, und er möchte gegen das Gefühl der Vergeblichkeit ankämpfen, gegen das Gefühl, er hätte doch nur eine Flasche Wodka in die Nordsee gekippt. Ein Künstler ist ein Trotzkopf, er hängt an so einem seltsamen Glauben, vielleicht sogar an dem von der „Erlösung durch die Kunst“. Das ist richtig so. Gut so.
Denn die Veränderungswünsche eines Liedermachers bleiben immer auf der Basis von Freiwilligkeit. Niemand muss sich ein Lied bis zum Ende anhören. Wenn er es dennoch tut, muss er nachher nicht applaudieren. Er kann auch pfeifen. Er kann gehen. Alle Veränderungswünsche, die in Kunstwerke gekleidet sind und im freien Verkauf an Menschen herangetragen werden, die sich das aus freien Stücken anhören, sind immer nur „Vorschläge“, wie es Berthold Brecht in seiner berüchtigten Bescheidenheit nannte, als er davon sprach, er wünsche sich als Grabsteininschrift, die Bemerkung, er hätte Vorschläge gemacht. Eben: Vorschläge. Nicht Vorschriften.
Und nun blicken wir zurück und singen leise vor uns hin (ich denke dabei an die aktuelle politische Lage und an die Gespensterparty der aufgeblähten Modeworte von heute, die die Peinlichkeiten von morgen sein werden): „Doch was neu ist, wird alt und was gestern noch galt, gilt schon heut’ oder morgen nicht mehr.“ Und weiter: „Manchmal träume ich schwer und dann denk’ ich, es wär’, Zeit zu bleiben und nun was ganz andres zu tun. So vergeht Jahr um Jahr und es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt wie es war.“
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Kunst runterholen (download art): Gerhard Richter in Berlin
0 Kommentare | Posted 05.03.2012 08:42
So musste ich mich mit den Bildern begnügen, die man von außen erkennen konnte: bunte Quadrate, die wiederum in bunte Quadrate unterteilt sind. Mein erster Gedanke war, dass bei der farblichen Anordnung wahrscheinlich ein Prinzip zugrunde liegt, und ich fühlte mich herausgefordert, die Formel zu erraten, nach der die Farben angeordnet sind. War es wie beim Sudokurätsel? Wenn man da die Zahlen der Senkrechten und die der Waagerechten zusammenrechnet, ergeben sich jeweils dieselben Werte. Doch es war kalt, und ich bin, ehrlich gesagt, bekennender Sudoku-Verweigerer und kenne mich auch nicht so gut mit zeitgenössischer Kunst aus, dass ich da mit voreiligen Interpretationen auftrumpfen möchte.
Ich hatte Glück. Den nächsten Versuch (da musste ich auch nicht lange warten) unternahm ich zusammen mit dem streitbaren Kunstprofessor Martin Oswald, den ich bisher vor allem als Experten für Feinschmeckerei kannte – und natürlich als Kenner der Kunstszene in China. Er konnte mein Verständnis von den bunten Quadratbildern vertiefen. Es ist nämlich so: So wie es Gerhard Richter in seinem Werk sowieso tut, so spielt auch die gesamte Ausstellung mit der Erwartung des Betrachters und seiner Brüskierung. Dieses umlaufende Band aus kleinformatigen Farb-Feld-Arbeiten verleiht der Präsentation den scheinbar lieblichen Rahmen eines hochästhetischen Geschenkpapiers, die bunte Reihe bildet eine Art fröhliches Streifenband, hinter dem sich pure Harmonie zu verstecken scheint. Doch schon ein erster Blick hinter die Kulissen der Ausstellungsstaffagen decouvriert einen ganz anderen Richter.
Das stimmte. Kaum waren wir drin, schon bot sich ein vielfältiges, ja - man kann sagen - ein buntes, doch gleichwohl verstörendes Bild: Der Einsatz von großflächigen Spiegeln und schräg gestellten Glasscheiben, die ebenfalls als Spiegel wirken - wenn auch mit einer gnädigen Vernebelung -, wirft den Betrachter sofort auf sich selbst zurück und macht ihn selber zu einem unerbittlichen „Richter“ über seine Existenz und über seine physische Erscheinung. Der Besucher wird somit Teil der Ausstellung, kaum dass er die ersten großen Kunstwerke im Eingangsbereich hinter sich hat.
Wir waren verabredet mit Heloisa Correa-Eickhoff, einer Künstlerin, die aus Venezuela angereist war, um nach Parallelen zu ihrem Werk zu suchen, das an ganz anderer Stelle zu ganz anderer Zeit entstanden war. Sie hatte Postkarten dabei. Wenn man die Arbeiten nebeneinander sah, offenbarten sich in der Tat erstaunliche Parallelen. Sie wirkte sehr zufrieden; ich kann das verstehen, sie war vermutlich auch diejenige von uns, die bei einem kritischen Blick in die großen „Richter-Spiegel“ rundum zufrieden sein konnte.
Vielleicht lag es daran, dass Martin Oswald mit seine Erklärungen mehr und mehr zu großer Form auflief und nicht nur die Werke selber interpretierte, sondern speziell die Hängung. Die bunte Reihung nämlich, die hier - außen und innen - zu sehen war, hebt die Chronologie (was auch eine Möglichkeit gewesen wäre, die Stücke zu ordnen) unmerklich auf und ersetzt es durch eine behauptete Gleichzeitigkeit, sie entbindet damit die Bilder der Zeitlichkeit überhaupt, und damit wird genau das, was manche als „heterogenes, sprunghaft suchendes Werk“ einstufen, zum künstlerischen Prinzip. Das hat durchaus seinen Charme. Die Multi-Perspektivität als Charakteristikum lässt sich in der Hängung, wie sie in der Neuen Nationalgalerie vorgenommen wurde, besonders deutlich erkennen - so deutlich wie nie zuvor.
Zu den berühmten Wolkenbildern hatte ich eine Frage – er hatte eine Antwort: Was Caspar David Friederich einst Goethe verweigert hatte, holt Richter an dieser Stelle nach. Bekanntlich hatte sich Goethe von dem Stubenhocker Friederich Wolkenstudien zur Untermalung seiner farbatmosphärischen Studien gewünscht, was Friederich in seiner notorisch kauzigen Art abgelehnt hatte. Nun haben wir die Wolken. Und nun sehen wir sie gleich mit anderen Augen. Richter gelingt es, - wie auch mit seinem Bezug auf das berühmte Tizianrot - durch eine weitere Anspielung, sein eigenes Schaffen in den „Stream of Great Culture“ hineinzudefinieren.
Martin Oswald erklärt es so: Die Reihe der richterschen Vielfalt ist vom Prinzip her unendlich fortsetzbar, ganz unabhängig von den noch zu erwartenden stilistischen Varianten. Die „Richter-Skala“ ist sozusagen nach oben offen – in einem neuen Sinne. Damit könnte Richter zum ersten Künstler werden, dessen Werk noch posthum eine Fortsetzung findet, so wie es sich schon im Werk des Neo-Sensualisten Victor-Maria-Stoessel angedeutet hatte. Jedenfalls ansatzweise.
Den kannte ich nicht. Ich hatte auch womöglich nicht alles richtig verstanden. Er war das gewohnt. Er hat Erfahrung mit Studenten, die naive Fragen stellen, und er versucht stets, Kunst auch dann noch nachvollziehbar zu erklären, wenn andere längst aufgegeben haben. In diesem Sinne ist auch seine Aktion „Kunst runterholen“ gemeint, oder wie es seine Studenten, die ihn überhaupt erst auf die Idee gebracht haben, nennen: download art. Seine Reihe „Kleinkunst trifft Großkunst“ soll fortgesetzt werden. Hier ein kleiner Einblick:
http://www.youtube.com/watch?v=0zqFneP1YEs
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Ansichten eines gefährlichen Clowns
2 Kommentare | Posted 22.02.2012 11:53
Glauben muss man auch, was jüngst im Auftrag der Böll-Stiftung als „Studie“ über die „Antifeministische Männerrechtsbewegung“ veröffentlicht wurde. Überzeugen kann es nicht. „Nagel und Schraube, Wissen und Glaube“, sagt der Volksmund. Was Hinrich Rosenbrock da zusammengenagelt hat, zeigt kein Wissen, und ist keine Wissenschaft.
Darüber müssen wir uns zum Glück nicht streiten. Es gibt Kriterien. An denen hat Michael Klein im Forum ‚Kritische Wissenschaft – critical science’ die „religiöse Schrift“ von Rosenbrock gemessen: das Ergebnis ist eindeutig. Heike Diefenbach hat sich schon bei ihren Studenten entschuldigt; die kommen sich verschaukelt vor, wenn sie bei ihr lernen müssen, wie man richtig wissenschaftlich arbeitet und wenn sie dann vorgeführt kriegen, dass es auch so geht. Jedenfalls bei Ilse Lenz vom Lehrstuhl für ‚Soziologie, Soziale Ungleichheit und Geschlecht’, die Rosenbrocks „Arbeit“ betreut hat.
Die Studie will zeigen, dass die Männerrechtler „rechts“ stehen und in letzter Zeit „Angriffe“ gestartet haben, um Debatten über Geschlechterfragen „zu stören“. Doch Rosenbrock weiß so wenig – so wenig über die „neuen“ oder „extremen“ Rechten. Dabei würden wir gerne davon etwas wissen.
Götz Aly hat neulich eine Diskussion losgetreten, die im Grunde nicht neu ist; es geht um die Frage, ob der Nationalsozialismus so etwas wie das schwarze Schaf unter den sozialistischen Bewegungen war – das braune Schaf sozusagen. Da stellt sich die Frage, was überhaupt rechts ist. Hier erfahren wir es nicht. Rosenbrock behauptet nur, dass etwas „rechts“ oder „rechtsextrem“ ist, ohne zu erklären, was er damit meint. Er schreibt wie jemand, der sich sicher ist, dass sowieso alle wissen, wovon er redet, er setzt ein Schulterklopfen voraus. Und so nennt er keine Programme, keine Positionen und als Namen hauptsächlich einen.
Richtig. Genau den. Der taucht gleich zu Anfang auf und auch in der Ankündigung auf der Seite der Böll-Stiftung: „Die Brisanz antifeministischer Ideologien, u.a. in der Diskussion um rechtes Gedankengut, wird auch in den Behauptungen des norwegischen Attentäters Anders Behring Breivik deutlich.“
Dessen „Behauptungen“ kommen jedoch auf den knapp 180 Seiten nicht vor. Auch um eine „Diskussion um rechtes Gedankengut“ geht es nicht. Der Name Breivik dient nur als Symbol für Gewalt. Darum geht es. Hinrich Rosenbrock schreibt wie ein schlechter Krimiautor, der sich im Grunde für nichts interessiert, weder für die Glaubwürdigkeit seiner Figuren noch für das politische Umfeld, sondern nur für die Möglichkeit, den Mann mit der Knarre auftreten zu lassen – „the man with the gun“, wie es bei Raymond Chandler heißt, der allerdings ein guter Krimiautor ist.
Auch über die Männerrechtler erfahren wir so gut wie nichts. Auch ohne eine Studie wissen wir, dass es Schwule und Väter gibt – zwei Interessengruppen, die ausschließlich aus Männern bestehen, zu denen sich Sympathisanten gesellen. Zu den Schwulen sagt er nichts. Die Väter erwähnt er immerhin am Rande und gesteht ihnen zu, dass sie berechtigte Anliegen haben. Er meint jedoch, dass sie gesondert behandelt werden müssen. Hier kneift er. Damit ist sein Bericht so wertlos wie ein Reiseführer über Japan, in dem die beiden Hauptinseln Honshu und Kyushu unberücksichtigt bleiben.
Was steht denn überhaupt in dieser mühsam zu lesenden Expertise? Es ist wirklich anstrengend: Allein die Wiederholungen lassen den Verdacht aufkommen, dass gar nicht oder nur flüchtig gegengelesen wurde. Es geht - wie es im Untertitel heißt - um „Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung“. Was mag das sein? Es klingt irgendwie bedrohlich. Droht ein Cyber-Krieg?
Um dieser „Mobilisierung“, die auch als „Angriff“ bezeichnet wird, auf die Spur zu kommen, hat Rosenbrock ein Forum besucht, das „wgvdl“ heißt: ‚Wie viel „Gleichberechtigung“ verträgt das Land?’ Es ist ein offenes Forum, ein digitaler Stammtisch. Genau da, mag er gedacht haben, findet sich, was er sucht: Aufrufe zur Gewalt, Bekennerschreiben und das, was er nach Judith Buttler „Hate Speech“ nennt. Wie ein Sportreporter, der gar nicht vorhat, über die Leistungen der Mannschaft zu schreiben, hat er sich in die Umkleidekabine geschlichen in der Hoffnung, dass er da etwas Beiseitegesprochenes aufschnappt, das die Gefährlichkeit dieser Männer belegt.
Wenn man sich sowieso nicht für die tatsächlichen Probleme der Männer interessiert, dann bietet sich so eine Versuchesanordnung an: Da stört es auch nicht, dass Äußerungen, die da anonym gepostet werden, keinerlei Beweiskraft haben und dass so ein Forum kein einheitliches Bild abgibt. Wegen Meinungsverschiedenheiten gibt es inzwischen sogar zwei ‚wgvdl’-Foren, die aufgrund ihrer graphischen Gestaltung (besser gesagt: dem Fehlen jedweder Gestaltung) auch „gelbe Seiten“ genannt werden. Der Lauscher Rosenbrock hat da Formulierungen gehört, die ihm aufstoßen. Einer der User spricht von „Geschlitzten“, wenn er Frauen meint. Und es kommt noch schlimmer. Es gibt Tiervergleiche! Männer, die sich überangepasst gegenüber Feministen verhalten, werden als „lila Pudel“ bezeichnet. Es gibt auch das Verb: „er, sie, es pudelt“.
Ich vermute, dass Lady Bitch Ray so etwas nicht in den Mund nehmen würden, weil es ihr zu harmlos wäre. Für Rosenbrock ist es too much. Dabei gelten Pudel als intelligent. Schopenhauer hatte einen. Mit „lila Pudel“ wird der „dressierte Mann“ bezeichnet; einer, der „Männchen“ macht. In englischsprachigen Texten heißen solche Leute „white knights“. Es geht dabei nicht nur um die berühmten Weicheier, gemeint sind auch die falschen Kumpel, die einem Alkoholiker einen Schnaps spendieren, Trittbrettfahrer, die auf den falschen Zug gesprungen sind oder einer peinlichen Mode nachlaufen.
Auf seinen Pudel ist er mächtig stolz, er erwähnt ihn immer wieder und hält sein Forschungsergebnis offenbar für einen „dicken Hund“. Leute, die so genannt werden, hat es voll erwischt: „Mit dem Begriff ‚Lila Pudel’ wird ihnen unter anderem die Menschlichkeit und Männlichkeit abgesprochen.“ Nicht auszudenken, was ihnen sonst noch alles abgesprochen wird. Einer der User hat sogar eine „öffentliche chirurgische Geschlechtsumwandlung“ für „lila Pudel“ imaginiert. Da hört der Spaß auf. Rosenbrock dazu: „Dass diese Phantasien durchaus auch ernst gemeint sind, zeigt sich daran, dass im Forum Listen mit namentlicher Nennung von ‚Pudeln’ existieren.“
Er stellt sich seinerseits auch etwas vor – und zwar: „Eine strafrechtliche Verfolgung von einzelnen Aktivist/innen, gerade aus dem Bereich des ‚wgvdl’-Forums, bei kriminellen Taten wie Bedrohungen oder Volksverhetzung ...“ Volksverhetzung? Da stelle ich mir gleich eine Pudel-Demo vor dem Brandenburger Tor vor, bei der die Pudel kleine Plakate hochhalten mit der Inschrift: Wir sind das Volk.
Große Worte, kleine Belege. Aus einem Knochensplitter rekonstruiert er ein riesiges Saurierskelett. Es ist fürwahr eine magere Ausbeute. Wen wundert das? Er hätte sich denken können, dass ein „offenes“ Forum an beiden Seiten offen ist. Da kann nicht nur jeder schreiben. Da kann auch jeder drin lesen. Geheimnisse oder Überraschungen wird man da nicht finden.
Für ihn reicht es. Ihm wurde „ ... deutlich, dass die Betreiber/innen und die meisten User/innen von ‚wgvdl’ eine Gesellschaft anstreben, in der Männer, u.a. essentialistisch begründet, eine Vormachtstellung haben; der Feminismus ausge¬rottet wird; Gleichstellungspolitik, Frauenforschung wie auch Frauenhäuser abgeschafft sind; Homosexualität abgewertet wird und Frauen vor allem als sexuelle Objekte gesehen werden.“ Und weiter: „Angesichts des Ausmaßes der Gewaltandrohungen besteht hier Handlungsbedarf in Bezug auf rechtliche und zivilgesellschaftliche Schritte.“
Außerdem hat er sich noch einen weiteren - zumindest auf den ersten Blick - gänzlich ungeeigneten Forschungsgegenstand vorgenommen: den Verein ‚agens’. Über den lässt sich nicht viel sagen, er ist bisher hauptsächlich durch eine Buchveröffentlichung aufgefallen. Die Parole des Vereins lautet „MITeinander“ mit großem MIT. Das klingt unverdächtig. Dennoch. Diesem e.V. widmet er überproportionale Aufmerksamkeit, als wollte er Versäumnisse an der falschen Stelle ausgleichen. Hier nennt er endlich ein paar Namen, zeichnet kleine Porträts und macht sich die Mühe, Info-Texte abzuschreiben:
„Eckhard Kuhla ist Diplomingenieur, Autor, Publizist und politischer Kabaret¬tist. Gemeinsam mit seiner Frau Ramona Kuhla trat er mit der Kabarett-Gruppe ‚Die Giftspritzen’ auf, die sich u.a. auch mit geschlechterpolitischen Fragen befasste. Außerdem ist er in der Mobilitätsinitiative ‚Moin’ aktiv, die sich mit Konzepten nachhaltiger Mobilität befasst. Gemeinsam mit seiner Frau tritt er immer wieder bei ‚Medrum - Christliches Informationszentrum’ in Erschei¬nung ...“
Und? Wo bleibt die Gewalt? Wo schlummert das Böse? Vielleicht hier: „Eckhard Kuhla befürwortet (also) eine traditionelle Rollenver¬teilung und versucht diese mit einem essentialistischen Geschlechterbild zu untermauern.“ Essentialistisch! Na dann. Das gilt auch für Monika Ebeling, auf die sonst nichts von allem, was er an Kriterien anwendet, zutrifft: Sie ist kein Mann, keine Antifeministin (sie sagt das so, er hält sie dennoch für eine, die es bloß nicht wahrhaben will), sie ist nicht politisch rechts, und sie neigt weder zu Gewalt, noch zu Hassparolen. Ihr Ton ist moderat, wie man in ihrem Blog ‚Geschlechterdemokratie’ nachlesen kann. Aber: Sie „bezieht sich auf essentialistische Geschlechtsvorstellungen.“ Mehr noch: Sie „vertritt einen essentialistischen Geschlechterdualismus.“
Als wenn das nicht genug wäre: Auf der offiziellen Internetseite der Stadt Goslar, wo sie als Gleichstellungsbeauftragte tätig war, hatte sie den ‚vaeternotruf’ verlinkt. Auf dessen Homepage wiederum findet man einen Wahlaufruf für die Piraten-Partei und eine Kritik am Bundesverfassungsgericht, in dem die Worte „Herr Hitler aus Braunau“ vorkommen.
Es ist die gefürchtete Messerwerfer-Methode. Ein Messerwerfer wirft nicht auf die Frau, die sich vor der Zielscheibe aufgestellt hat, sondern haarscharf daneben. So auch Rosenbrock. Er geht nicht auf Zitate von Monika Ebeling ein, sondern auf etwas, das knapp daneben liegt; auf etwas, das ihr nahegelegt wird: Sie ist „guilty by association“.
Ich auch. Dabei bin ich ebenfalls kein Antifeminist (das behauptet er zwar, ich weiß es zufällig besser). Was habe ich getan? Ich habe behauptet, dass Vater und Mutter „sehr unterschiedliche Rollen“ hätten. Das zeigt deutlich, dass ich einen „essentialistischen Geschlechtsdualismus“ vertrete – nein, kleiner Scherz: „einen biologischen Geschlechtsdualismus“. Ein bisschen Abwechslung bietet er schon. Zusammenfassend gehöre ich dann aber auch zu denen, die „essentialistische Familienvorstellungen“ haben. Also doch. „Essentialistisch“ ist sein Lieblingswort. Es kommt so oft vor, dass man den Text gut als Sprachübung für Leute mit einem S-Fehler nutzen kann.
Was geht hier vor? Sein Vergleichsmaßstab ist das „sozial konstruierte Geschlecht“, wie er es in den Gender-studies gelernt hat. Dem gegenüber liegen die „Essentialisten“, die - wie er zumindest unterstellt - in dem Geschlecht etwas Wesenhaftes sehen, vielleicht sogar etwas Biologisches. Na, gut. Doch woran erkennt er das? Es lässt sich an all den von ihm bemühten Beispielen gar nicht festmachen. Vertraut er da seinem Bauchgefühl? Oder hat er einen geheimen Essentialismus-Detektor?
Er weiß selber, wie kleinlich die Vorhaltungen sind und er betont auch, dass ‚agens’ zu den leisen Stimmen gehört. Und warum widmet er sich denen dann so ausgiebig? Weil sie genauso rechtsextrem und gewalttätig sind. Wie das? „Es lassen sich zwar zwei Lager, ein eher gemäßigtes und ein extremes ausma¬chen, diese lassen sich aber aufgrund interner Vernetzung nicht eindeutig trennen. Außerdem befasst sich keines von beiden mit der Abschaffung noch bestehender weiblicher Benachteiligung ...“
Stimmt. Beide Lager überlassen die Abschaffung „weiblicher Benachteiligung“ Leuten, die dafür bezahlt werden. Da ist schon eine gewisse (wenn auch unbedeutende) Gemeinsamkeit gegeben. Doch da war noch etwas: die „interne Vernetzung“!
Hier ist der Hot-spot seiner Studie: Das Zauberwort „Vernetzung“ wird als Vorwand genommen, um nicht mehr zu unterscheiden – nicht mehr zu unterscheiden zwischen gemäßigt und extrem, zwischen Impuls und Empfänger, Kopie und Original, Relation und Ursächlichkeit, geistigem Eigentum und Raubkopie. Ich nehme wieder mich als Beispiel. Ich war es nämlich: „er ... greift Feminismus als ‚sexistische(n) Rassismus’ an“.
Womöglich ist das den Lesern der ‚Achse des Guten’ nicht aufgefallen. Man konnte es in meinem Beitrag ‚Der Tag, an dem ich die Frauen verstehe’ leicht übersehen. Ich habe da von jemandem erzählt, der letztlich dahin kommt, den Feminismus als „sexistischen Rassismus“ zu erleben. Ich schrieb in der dritten Person. Ich zitierte selber. Doch solche Feinheiten verschwinden in der Schlamperei eines Nachwuchswissenschaftlers und im Weltbild eines Internet-Idioten, für den eh alles eins ist, und der in der Wunderwelt des Netzes nur die dunkle Seite des Mondes sieht, die alle Katzen grau macht.
Hier sind die Stationen der schiefen Bahn, auf die er da geraten ist: Wenn eine „Verlinkung“ vorhanden ist, dann ist das bereits eine „Vernetzung“, und zwar eine, die einer „Strategie“ folgt. Die Vernetzung lässt auf eine „Schnittmenge“ schließen und zwar auf eine „essentielle“. Damit ist „alles“ gesagt. Schon habe ich Pol A und Pol B gleichgeschaltet. Sie sind nicht mehr zu unterscheiden.
Beispiel: Mit der Seite ‚free-gender’, die sich in krassen Worten gegen Gender Mainstreaming wendet, hat er eine Adresse identifiziert, die eindeutig rechtsextrem ist, auch wenn sie gleichwohl für die rechte Szene untypisch ist. Die Anlaufstelle ist ihm bekannt: ein Haus, in dem auch die NPD ein- und ausgeht. Wer darauf verlinkt oder von da aus verlinkt wird, ist sofort infiziert. Das Internet macht es möglich – besser gesagt, seine Vorstellung davon als Schaltstelle zur Verbreitung ansteckender Krankheiten.
Ohne diesen Mythos vom großen Virus wäre ein Mann aus Leipzig, der möglicherweise NPD wählt, mit einem Antifeministen aus Zürich nicht „intern verlinkt“, so dass die beiden „nicht mehr deutlich zu unterscheiden“ sind. Sie wären sogar leicht zu unterscheiden. Es wären einfach nur zwei Männer mit einer Gemeinsamkeit: einer kritische Einstellung zu GM. Sie wären wie zwei Patienten, die zufällig im Wartezimmer nebeneinander sitzen und nur eines gemeinsam haben: Zahnschmerzen. Jeder seine.
Leute, die nicht unterscheiden können, gab es schon, bevor es Computer gab. Es geht auch ohne Strom. Georg Kreisler berichtet in seinem Lied vom ‚Musikkritiker’ von einem zutiefst unmusikalischen Menschen, der kein Stück vom anderen unterscheiden kann und daher von sich sagt: „Für mich ist das alles nur laut!“ So kann auch Rosenbrock singen: Für mich ist das alles rechts!
Jemand spricht von einer „Bundesbananenrepublik“. Er merkt es sofort: „Die hier beschriebene, spezifische Ablehnung der BRD als Staatsform weist starke inhalt¬liche Übereinstimmungen mit extrem rechten Positionen auf.“ Für mich wiederum ist diese Art von Argumentation Banane. Bei ihm wird auf Pudel komm raus beschuldigt und verallgemeinert, bis der Arzt kommt und mit ihm die Polizei: Männerrechtler sind homophob, tendenziell homphob oder teilweise homophob. Egal. Differenzierung war gestern. Hier zahlt sich aus, dass er die Schwulen rechtzeitig ausgeklammert hat, nun kann er sie alle in einen Topf werfen. Antisemitisch sind sie auch. Der erwähnte Mann mit der Banane ist besonders übel, denn er „verharmlost regelmäßig die Shoa“ (immer Di. und Do. zwischen 14.oo und 16.oo Uhr).
Hoffentlich habe ich nichts vergessen: Die Liste der Anklagepunkte ist lang; es wimmelt im Forum von „Gewaltaufrufen, Frauenhass, Homophobie, offenem biologischen und kulturellen Rassismus“. Hinzu kommen noch Essentialismus, Antisemitismus, Volksverhetzung und – einer geht noch – Verfassungsfeindlichkeit. „Es muss jedoch auch darüber nachgedacht werden, inwieweit eine Plattform, auf der teilweise klar verfassungsfeindliche Positionen vertreten werden, noch unter den Schutz der Meinungsfreiheit fällt.“ Glanzpunkte der Peinlichkeit werden erreicht, wenn er Professor Gerhard Amendt vorwirft, nicht wissenschaftlich zu arbeiten und den Antifeministen, dass sie den Feminismus nicht differenziert betrachten.
Das also sind die angekündigten „Denkweisen“. Mit denen wird nun - zumindest behauptet er das - ein „Angriff“ gestartet, der über das Netz erfolgt, als so genannte „Online-Mobilisierung“. Die Gefahr besteht allein schon darin, dass es das Internet gibt – allein darin, dass die Foren „offen“ sind und sich „vernetzen“ können, wie es sich wieder mal bei den „gelben Seiten“ zeigt: Da „ ... werden rechtsextreme Seiten verlinkt und als Quellen genutzt. Damit stellt ‚wgvdl’ (...) eine Infrastruktur zur Verfügung, die durchaus von Teilen der Neuen Rechten genutzt werden kann ...“ Ein Vorwurf, den man auch gegen die Berliner Verkehrsbetriebe erheben kann. Die stellen mit ihrem S-Bahn Netz eine „Infrastruktur zur Verfügung“, die „durchaus“ auch „von Teilen“ der Schwarzfahrer genutzt werden kann.
Man kann sich fragen, warum jemand, der so wenig Verständnis von der politischen Landschaft, von der Situation der Männer und von den Möglichkeiten des Internets hat, überhaupt so eine Studie schreibt. Es gibt eine Antwort, die diesmal nicht Heinrich Böll, sondern Upton Sinclair gibt: „Es ist schwierig, jemanden etwas verstehen zu machen, wenn sein Einkommen davon abhängt, es nicht zu verstehen.“
Es ist eine Gefälligkeitsstudie. Es ist bestellte üble Nachrede. Hinrich Rosenbrock ist (Achtung Tiervergleich) ein Schmierfink, er ist (Achtung Fremdwort) ein Sykophant. Der angemessene Untertitel der Studie könnte lauten: Handreichungen für den modernen Denunzianten. Ob er dieses Geschäft betreibt, weil er damit freiwillig eine Rollenvorgabe gewählt hat, oder ob er essentiell ein Falschbeschuldiger ist, kann ich allerdings nicht beurteilen.
Er ist nicht zimperlich mit Beschuldigungen. So erzählt er (im Interview mit dem SWR 2), dass radikal antifeministische Männerrechtler bei Arbeitgebern „intervenieren“, damit Frauen „ihre Jobs verlieren“. Da muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – das Telefon klingelt: „Hallo?“ - (verstellte Stimme) „Hier spricht der Antifeminist“ - „Oh. Was kann ich tun?“ - „Sie haben eine Feministin angestellt“ - „Danke, dass Sie es sagen. Ich werde sie sofort entlassen“ - „Wir meinen es nur gut mit Ihnen“.
Wegen so einer Räuberpistole traue ich auch dem Braten nicht, wenn er von „Morddrohungen“ spricht, die er erhalten hat. Damit ist nicht zu spaßen. Ich habe selber mal eine erhalten; es ist nicht schön – es war allerdings nur die Androhung von „schwerer körperlicher Gewalt“, wie mir mein Anwalt erklärt hat. Ich wusste auch, worum es ging und von wem es kam.
Das weiß ich in seinem Fall nicht. Who (...) is Hinrich Rosenbrock? Ein 26jähriger Student. Wenn Antifeministen einen Groll hegen und Hass schieben, wird sich der gegen einen Familienrichter oder Anwalt richten. Aber nicht gegen einen Nobody. Auf den gefürchteten „gelben Seiten“ machen sich die User über ihn lustig und nennen ihn „Rosenröckchen“. Verdächtig ist, dass er schon mit Morddrohungen auftrumpfte, eh die Studie vorgestellt wurde (WDR 5, zur Ankündigung der Veröffentlichung).
Hier wird der Krimi richtig schlecht. Denn der böse Mann hat kein Motiv mehr. Er ist böse, weil er böse ist. Durch und durch. Schon Schopenhauer hat darüber nachgedacht – vielleicht bei einem langen Spaziergang mit seinem Pudel: In der Trivialliteratur, über die sich Schopenhauer ärgerte, wird nicht verstanden, da werden mutwillig Ressentiments geschürt. Da ist das Böse einfach da, zur Unterhaltung des Publikums. Es wird nicht erklärt. Es ist essentiell.
Die Studie sagt mehr über den Verfasser aus als über das Thema.
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Kinder und Kleingeld
1 Kommentare | Posted 21.02.2012 12:06
Sie sind das Beste, was einem Menschen passieren kann. So wie das kleine Mädchen, das mich anstrahlt, mich in den Arm nimmt und ‚Mein Papi’ sagt, wenn ich nach Hause komme. “
Wer sollte das nicht wollen? „Machen Kinder glücklich?“, war die Fragestellung einer Talkshow, zu der ich mal eingeladen war - und allein schon dadurch, dass man diese Frage stellte, tat man so, als wäre die Frage berechtigt. Machen Kinder womöglich doch nicht glücklich?
Doch. Die Wertschätzung, die einem ein Kind entgegenbringt, ist sensationell. Ich habe der Kamera, neben der das kleine rote Licht aufleuchtete, erzählt, wie ich einst meiner Tochter das Lied von dem Löwen, der heut Nacht schläft, vorgesungen habe und sie tatsächlich gedacht hat, ich hätte das Lied speziell für sie in dem Moment ausgedacht.
Das ist schon gut. Da funkelte ein Abglanz vom Schöpfungsmythos, den Kinder sowieso mit sich herumschleppen. Man merkt es nur nicht immer. Das habe ich nicht gesagt. Gesagt habe ich, dass ein Vater, der dem Kind die Welt vermittelt, in eine Rolle gerät, als wäre er der „Pressesprecher Gottes“. Das fand ich pathetisch genug.
Ich habe auch betont, dass Vater und Mutter sehr unterschiedliche Rollen haben. Die Mutter hat, wenn die Kleinen noch klein sind, eine ganz spezielle Rolle. „Die Stunde der Väter kommt später“, habe ich spontan gesagt. Es klingt gut, doch hier deuten sich schon Probleme an - wie immer, wenn es um Geld geht. Der Vater soll ja nicht nur singen, er soll auch Geld nach Hause bringen.
Nun zitiere ich Peter Tholey, der über „Armut“ schreibt: „Hier stoßen wir auf ein gesellschaftliches Problem von dramatischem Ausmaß: Denn eines der größten Armutsrisiken von heute ist gleichzeitig etwas, das zum Weiterbestehen unseres Wohlstandes – der Gesellschaft insgesamt – unentbehrlich ist: nämlich Kinder. Die sind inzwischen ein Armutsrisiko geworden. Damit kriegt das Wort von der ‚Kinderarmut’ einen neuen Sinn: Wir sind arm an Kindern. Uns fehlt der Nachwuchs, wir betreiben Raubbau an unserer Zukunft. Wir beobachten die paradox anmutende Situation, dass arme Gesellschaften einen großen Kinderreichtum haben, wir in einer reichen Gesellschaft hingegen der Meinung sind, wir könnten uns Kinder nicht leisten.“
Und weiter:
„Junge Paare teilen diese Befürchtung und schieben ihren Kinderwunsch immer weiter auf, sie glauben - und das ist nicht von der Hand zu weisen -, dass sie in jungen Jahren nicht die finanziellen Voraussetzungen für ein Kind haben, schon gar nicht für zwei oder drei. Erschreckend ist in dem Zusammenhang auch die immer noch steigende Zahl von Abtreibungen, zumal von Abtreibungen, die als ‚soziale Indikation’ gelten – was so viel heißt wie: Es ist kein Geld für Kinder da. Auch so schafft sich Deutschland allmählich ab.“
Doch:
„Sehen wir genauer hin: Können sich Familien mit mehreren Kindern oft nur mühsam an der Armutsgrenze entlang hangeln, so stürzen sie mit Sicherheit in dauerhafte Armut ab, wenn Trennung und Scheidung eintreten. Wie oft das passiert, können wir an Statistiken zur Scheidungshäufigkeit ablesen. Die Zahlen verraten uns aber noch nichts über den besonderen Charakter der Scheidungen von heute, die nicht mehr mit denen von früher - oder denen in der DDR - zu vergleichen sind. Das tatsächliche Armutsrisiko liegt also nicht bei den Kindern – sondern bei der Art der Scheidungen.“
Es folgen nun viele Zahlen, Berechnungen und Modelle - Ich zitiere übrigens aus dem Buch ‚Schlagseite’ herausgegeben von Eckhard Kuhla -, dabei versucht Peter Tholey nicht den Täuschungen zu erliegen, auf die man leicht hereinfällt, wenn man Statistiken auswertet. Wenn er schließlich auf eine Summe kommt „von ca. 1,5 Millionen Männern, die von dauerhafter Armut durch Unterhaltsforderungen betroffen sind“, dann ist das Entscheidende dabei nicht die Zahl, sondern das kleine Wörtchen „dauerhaft“. Doch auch die Zahl überrascht:
„Das hat seinen Grund. Denn diese Armut wird geschickt verdeckt. Unterhaltszahlungen, die geschiedene Männer leisten, werden ihnen bei statistischen Erhebungen nämlich nicht vom verfügbaren Einkommen abgezogen, sie werden stattdessen als eigene ‚Konsumausgaben’ betrachtet ... Dass es sich dabei um Transferleistungen von Männern an Frauen handelt, wird nicht sichtbar gemacht. Geschiedene Männer - insbesondere Väter - werden so künstlich ‚reich gerechnet’ und fallen formal viel seltener unter die Armutsgrenze, als es bei einer korrekten Berücksichtigung der Zahlungsströme der Fall wäre. So gibt es Männer, die Schulden machen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, gleichzeitig aber als ‚nicht bedürftig’ gelten, weil man ihnen mit der Art der statistischen Auswertung Gelder andichtet, die sie nicht haben.“
Money, Money, Money. Mehr Geld bringt aber auch nicht mehr Kinder. Das hat Tobias Kaufmann in dem zitierten ‚Spiegel’-Artikel richtig erkannt; er spricht von „Wohlfahrtsstaat-Materialisten, die glauben, man könne die Geburtenrate durch Bestechung aufpolieren.“ Peter Tholey dagegen spricht von der dunklen Gegenseite zu dem, was im Spiegel glänzt, wenn da von künstlichen Geldzuwendungen die Rede ist und vom Glück, ein Kind zu haben. Bei ihm geht es um künstliche Verarmung und um das Unglück, kein Kind (mehr) zu haben. Das ist es, was Männer heute abschreckt:
„Neben der Verarmung droht (...) vielen Trennungsvätern etwas, das noch schlimmer ist: der Verlust ihrer Kinder. Schätzungsweise 2 Millionen Väter sind von Kindesentzug und Kindesentfremdung betroffen, allerdings lassen sich solche Zahlen nur schwer schätzen; zwar kann man versuchen, die Zahl der Umgangsverfahren hochzurechnen und man kann eine Dunkelziffer annehmen - doch was besagt das schon? Zahlen bemessen das Unglück nicht in seiner Tiefe. Auch Trennungen, die auf den ersten Blick glimpflich verlaufen, bringen eine ‚Kindesentfremdung light’ mit sich, deren wirkliches Ausmaß erst später offenbar wird. Kinder sind ein Glück. Nicht nur die niedlichen Kleinen. Auch im Alter stiften Kinder dem Dasein einen Sinn, ihr unbefangenes Lachen ist der Lohn für die Mühen des Alltags. Ein Mann ist bereit, für seine Kinder fast jedes Opfer zu bringen und ihnen ein Lebenswerk zu hinterlassen. Sterbende wünschen sich, wenigstens einmal noch ihre Kinder zu sehen. Ein Kind zu verlieren, gilt als größtmögliches Unglück. Dagegen ist Armut eine Kleinigkeit.“
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Der zweifelhafte Gast!
0 Kommentare | Posted 06.01.2012 13:42
Früher konnte ich das auswendig. Ich habe das sehr gemocht. Ich mag immer noch die sparsamen Zeichnungen von Edward Gorey, so duster, so rätselhaft. Da klingelt es nachts an der Tür.
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