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     Bernhard Lassahn
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Bernhard Lassahn

 
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Deutschland, Deutschland
0  Kommentare | Posted 18.06.2012 10:36

Die Fahnen waren auch nicht Gold, sondern Gelb. Das war verständlich. Nach dem Krieg konnte sich kaum einer richtiges Gold leisten, da mussten alle sparen und Gelb nehmen. Das fand ich nicht schlimm. Doch dann sollten sie auch sagen: Unsere Nationalfarben sind Schwarz, Rot und Gelb. Warum nicht? So war es nun mal. Schlimm war, wenn man so tat, als wäre das Gelb in Wirklichkeit Gold, und als hätten wir einen Sehfehler, die gefürchtete Gold-Gelb-Blindheit der Deutschen. Das war schlimm. Das war eitles Blendwerk. Damit taten wir so, als hätten wir Goldmedaillen gewonnen und hatten das nicht. Wir mogelten offiziell.

Mich konnte man aber nicht täuschen. Ich glaubte nicht daran, dass Gelb behelfsmäßiges Gold ist, so wie Bonn die provisorische Hauptstadt war und dass wir eines Tages wieder zu Glanz, Ruhm und Reichtum kämen und uns dann echtes Gold leisten könnten. Dann würden alle Fahnen neu genäht und alle Bücher, in denen die Fahne noch mit Gelb abgebildet war, neu gedruckt werden und die Kinderbilder, bei denen das Gelb für Sonnen und Flaggen verbraucht wurde, würden mit Gold übermalt. Nein. So würde es nicht kommen.

Die Hymne war auch ein Problem. Man durfte sie nicht singen. Jedenfalls nicht die erste Strophe. Einmal hatte ich sie trotzdem gehört und gleichzeitig meine Eltern dabei erwischt, wie sie etwas Verbotenes taten. Sie hatten Besuch von Verwandten, von denen sie womöglich angestiftet wurden. Sie feierten irgendwas und vergnügten sich mit einer Erdbeerbowle. Das gefiel mir gar nicht. Ich kannte das schon. Es tat mir in der Seele weh, dass dabei die Erdbeeren zu verboten Früchten wurden. Wie gerne hätte ich die Überreste gegessen, die am nächsten Tag aufgedunsen und traurig in dem Bowleglas schwammen. Ich durfte nicht. Und die Großen wollten nicht und schütteten sie weg.

So durfte man nicht mit Erdbeeren umgehen! Nicht in der schweren Zeit, in der es an allen Enden und Ecken fehlte. Da musste ich mich auch nicht wundern, dass sich die Großen im Zuge der Erdbeervernichtung zu weiteren strafbaren Handlungen hinreißen ließen, dass sie Witze erzählten, die nicht stubenrein waren, ihre Aufsichtspflicht vernachlässigten und wahrscheinlich dachten, die Kinder würden längst schlafen.

Ich schlief nicht. Ich lauschte. Da hörte ich sie singen, singen und lachen: „Deutschland, Deutschland unter andern ...“ mehr war nicht zu verstehen, weil es im allgemeinen Kichern ersoff. Offenbar war es ein lustiges Lied. Warum war es verboten? Es fing gut an. Die doppelte Nennung von „Deutschland“ gefiel mir. Ob es politische Gründe hatte und sich auf die Teilung des Landes bezog, durchschaute ich nicht. Die Verdopplung war jedenfalls klasse. Sie erinnerte an die Südsee und an Babysprache. Hula Hula, Happa Happa, Balla Balla, Deutschland Deutschland, Plem Plem. Vielleicht wurde deshalb so viel gelacht.

Am nächsten Morgen sortierte ich meine Briefmarken neu. Ich hatte erst vor kurzem mit dem Sammeln angefangen und die deutsche Marken in ein kleines Extra-Album gesteckt. Inzwischen hatte ich ein zweites großformatiges Album „geschonken gekraucht“, wie ich es nannte, weil mich irgendetwas daran hinderte, die korrekte Bezeichnung - „geschenkt gekriegt“ - zu verwenden.

Mein Onkel hatte mir neue mitgebracht, ausländische Marken, die noch nicht abgeweicht waren. Ich sortierte alles neu. Diesmal nach Alphabet. Es fing mit „Argentinien“ an. Deutschland kam - „unter andern“ - unter D: „Deutsches Reich“ und „DDR“, auch „Bundesrepublik Deutschland“, selbst wenn es streng genommen mit B anfing. Die Hitler-Marken versteckte ich sicherheitshalber in einem gebrauchten Briefumschlag. Ich war nicht sicher, ob der Besitz verboten war oder nicht. In das kleine Album kamen nun die Doppelten.

Erst sehr viel später erst lernte ich die zweite Strophe kennen. Mir war auf Anhieb klar, warum die unterschlagen wurde und warum sie keiner singen wollte. „Deutsche Frauen, deutsche Treue“ - das fing gar nicht gut an. Ich dachte sofort an Kriemhilds Rache und an die Nibelungentreue. Es ging auch nicht gut weiter mit dem „deutschen Sang,“ den ich nicht gerne höre und dem „deutschen Wein“, der mir nicht schmeckte, auch wenn ich nun so alt war, dass ich kosten durfte.

Mit der dritten Strophe hatte ich immer schon ein Problem: Bei der Stelle „Danach lasst uns alle streben“, musste ich unfreiwillig denken: „Danach lasst uns alle sterben.“ Das ist kein Fall von „misheard lyrics“, wie der, von dem eine Freundin erzählt hat, die statt „the only one who could ever reach me was the son of a preacher man“ immer „the only one who could ever feed me was the son of a pizza man“ verstanden hatte.

Es ist auch kein legasthenische Hörfehler, sondern eine unvermeidliche Assoziation. Es gab mal einen Werbespruch für ein Medikament, dessen Namen ich vergessen habe, den Spruch habe ich behalten. Der Originaltext heißt: „stärkt den Organismus“; da habe ich immer den Subtext herausgehört: „stärkt den Orgasmus“.

Vielleicht wurden die Anklänge hervorgerufen, weil die Hymne zum Sendeschluss gespielt wurde. So kam sie in die Wohnstuben. Ja, so war das: Es gab einmal eine Zeit, da gab es noch einen Sendeschluss im Fernsehen. Da wurde die Hymne gespielt, man sah die wehende deutsche Fahne und die Skyline von Helgoland, dann war Schluss, Licht aus, Ende. Doch auch die Grauen der Vergangenheit schimmerten durch, ich musste an Erschießungskommandos denken, an Todesurteile, die im Namen des Volkes und zum Klang der Hymne vollstreckt wurden.

Mir war klar: Wir brauchen einen neuen Text. Die Musik konnte man lassen. Die ist gut. Berthold Brecht hat eine Version vorgeschlagen, die mir gefällt. Bei der Stelle, an der es um die Liebe zum Land geht, bietet er an: „und das liebste mag’s uns scheinen. So wie anderen Ländern ihrs“. Eine gute Lösung für die Unfallstelle „über alles in der Welt“.

Superlative sind heikel – „liebste“ ist noch der beste von allen, der schönste, und wunderbarste Superlativ. Doch erst dadurch, dass die „anderen“ mitbedacht werden und die Möglichkeit, dass es sich um „Schein“ handelt, wird die Sache verträglich. Der Superlativ ist eine Gefahrenstelle. Schon der Komparativ kann eine sein, mit dem „Vergleich“ kam nämlich, wie Rousseau meinte, das „Übel“ in die Welt, und dieses Übel befeuern solche Hymnen, wenn sie einen auffordern, besser zu sein als andere, besser als alle anderen. Am allerbesten. Mit den meisten Goldmedaillen.

Das Gold muss weg. Ich hatte mir schon Gedanken gemacht und gemerkt, dass ein neuer Text alleine nicht ausreicht. Zuerst müssen wir offiziell verkünden, dass unsere Nationalfarben Schwarz, Rot und Gelb sind. Das ist ehrlich. Da müssen wir gar nicht weiter auf das Voranschreiten der Finanzkrise warten. Wir können uns jetzt schon zu Gelb bekennen. Dann kann man auch meine Hymne, bei der ich die Anregung von Brecht aufgreife, im Brustton der Überzeugung singen. Ich will den Anfang der ersten Strophe so lassen wie gehabt, und es soll dann so weitergehen:

Deutschland, Deutschland unter anderen
Ländern dieser weiten Welt,
die gemeinsam unterwandern,
was sich für was Bess’res hält.

Weiter bin ich nicht. Bei der zweiten Strophe stecke ich noch in den Anfängen. Doch ich habe mir schon überlegt, was man als Ersatz für das Reizwort „Frauen“ nehmen kann. Da kann man nur ins „Fettnäpfchen treten“. Und ich weiß was Besseres als „Treue“.

„Frauen“ möchte ich ersetzen durch „Fußball“. Damit müssten deutsche Frauen, von denen ich sonst nicht wüsste, wie man sie zufriedenstellen soll, leben können. Nach den Erfolgen im Frauenfußball können sie nichts dagegen haben.

„Treue“ würde ich ersetzen durch „Reue“. In dem Punkt zeigt Deutschland große Stärken. Bei der Bewältigung der Vergangenheit haben wir einiges aufgeboten; unsere antifaschistischen Kräfte sind unermüdlich, der Kampf gegen die Nazis wird umso leidenschaftlicher geführt, je länger sie tot sind. Die zweite Strophe könnte so anfangen:

Deutscher Fußball, deutsche Reue

Mehr habe ich noch nicht. Bei der dritten Strophe möchte ich „Einigkeit“ durch „Einsamkeit“ ersetzen. Nicht dass ich was gegen die Einigkeit mit den Neuen Bundesländer hätte - im Gegenteil. Doch es gibt inzwischen eine andere Einigkeit, die mich bedrückt: die Gleichschaltung, die alle Frauen und alle Männer so sieht, als wären sie gleich und sich einig. Immer wenn ich was von „den“ Männern und „den“ Frauen hören, möchte ich in Ruhe gelassen werden und mich ausnehmen. Die erste Zeile hieße:

Einsamkeit und echte Freiheit

Das würde mir gefallen, es erinnerte an den letzten Cowboy, der „einsam“ und immer unterwegs seine „Freiheit“ sucht und an das Ideal von Wilhelm von Humboldt und seinem Motto „libertas et solitudo“.

Dass unser Land im „Glücke“ „blühen“ soll, wie es weiter heißt, klingt gut, aber das „Blühen“ gefiel mir nie, da habe ich automatisch das „Verblühen“ mitgedacht und vor meinem geistigen Auge sah ich, wie die Blätter fielen, die Blumen ihre Köpfe hängen ließen und die Pflanzen schließlich im Biomüll endeten.

Bei dem Stichwort „Glück“ fiel mir die Redewendung ein, dass jemand „mehr Glück als Verstand“ hatte. Da muss ich noch dran drehen und einen Schluss finden, bei dem ich dem Land „sowohl Glück als auch Verstand“ wünsche.

Weiter bin ich noch nicht. Immerhin. Ein Anfang ist gemacht. Nur manchmal überkommen mich Zweifel, ob ich der Richtige für diesen Job bin.

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Was ist das Beste, das es gibt auf der Welt?
0  Kommentare | Posted 04.06.2012 07:58

Bei der Diskussion um das Copyright wird - im ‚Spiegel’ - ein bekennender Urheber gefragt, ob er nicht Verständnis für einen jungen Literaturfreund aufbringt, der unbedingt das neue Buch von Martin Walser lesen will, es sich aber nicht leisten kann. Warum soll er sich das Objekt der Begierde nicht kostenlos, wenn auch illegal runterladen? Kaufen oder Klauen? Das ist hier die Frage.

Keine gute Frage. Haben wir da nicht was vergessen? Es ist sowieso ein erstaunlich schlechtes Beispiel: Das Herunterladen von einem Buch ergibt nicht die Qualität einer Kopie – und gerade das ist neuerdings bei Filmen und Musikdateien zum Problem geworden. Doch die Antwort auf die Frage, ob wir nicht was vergessen haben - etwas Wichtiges -, bleibt dieselbe.

Als wir 1970 als junge Musikfreunde auf Klassenfahrt in London waren, konnten wir uns ‚Let It Be’, das noch teurer war als eine normale LP, nicht leisten. Klauen ging auch nicht. Was tun? Einer hat sie schließlich gekauft, wir haben sie zusammen angehört, manche haben sie sogar überspielt – kurz: wir haben sie geteilt. Aber nicht mit jedem aus der Klasse. Wir waren keine File-Sharer, wir waren Freunde. Nicht unbedingt Freunde fürs Leben, aber unsere Gemeinsamkeit war uns etwas wert.

Das gilt auch für Bücher. Jean Paul bezeichnete ein Buch als „langen Brief an Freunde“. Von Freunden möchte man nicht bestohlen werden. Aber natürlich sollen die Freunde ein Buch mit anderen Freunden teilen. Der junge Literaturfreund, der anfangs als Beispiel herhalten musste, ist womöglich wirklich zu bedauern. Nicht etwa, weil er sich darauf versteift hat, ausgerechnet das neue Buch von Martin Walser lesen zu wollen, sondern weil er keinen Freund hat, der ihm das zum Geburtstag schenkt, und keinen, der seine Vorliebe teilt, das Buch bereits hat und ihm nur allzu gerne gibt. 

Als Rousseau zehn oder zwölf war, konnte er sich auch keine Bücher kaufen, er konnte sie aber von wohlhabenden Bürgern oder aus Klosterbibliotheken leihen. Die Bücher las er dann seinem Vater vor. In Finnland (wir machen nun einen großen Sprung durch Zeit und Raum) war ‚Kreuze in Karelien’ so beliebt, dass ein Leser, der das Glück hatte, auf der Warteliste der Bücherei so weit aufgerückt zu sein, dass er das Buch immerhin für wenige Tage haben durfte, es auch auf diese Art teilte: als Hörbuch mit menschlichem Lautsprecher. Er las es der ganzen Familie vor. Da konnten sogar Kinder lauschen, die das eigentlich nicht durften. Es wurde also geteilt.

Das Teilen ist ganz im Sinne der Autoren. Ein einzelnes Buch, das nur einen einzigen Leser findet, ist in gewisser Weise ein Misserfolg. Allerdings sollte ein einzelnes Buch auch mindestens einen Freund gefunden haben, der es so sehr schätzt, dass er bereit ist, etwas dafür zu geben. Die Freunde brauchen sich gegenseitig. Der Schriftsteller den Leser – und umgekehrt. Die Liebe des Lesers zum Buch ist ebenso eine treibende Kraft wie der Wunsch des Autors, sich mitzuteilen; diese Kräfte schaffen neue Freundschaften.

Das ist ja auch das Schöne am Buch. Das Buch als Massenmedium des Individuums erlaubt zwar den Rückzug ins Alleinsein, schafft aber auch immer wieder neue Geselligkeiten, die sich aufgrund von Wohlwollen und von Freundschaften bilden. Jawohl, von Freundschaften!

Freundschaft wurde (jetzt sind wieder im 18. Jahrhundert) geradezu Kult, wie wir es heute nennen würden. Die Freundschaft galt als die „Tugend aller Tugenden“, ohne die wir kein anderes erstrebenswertes Gut erlangen können, wie Cicero gesagt hatte. Aristoteles sprach von der Freundschaft als „Mitte der gesamten Moral“ – diese alten Ideale blühten nun wieder auf im Zuge der Begeisterung, mit der Rousseaus Werke gelesen wurden.

Nicht nur seine. Die Freundschaftsdichtung wurde modern. Der Briefroman erlaubte die direkte, intime Ansprache; der Autor bot sich Fremden als Freund an. Freundschaft war nicht nur ein großes Thema - denken wir an die ‚Bürgschaft’ von Friedrich Schiller -, Freundschaft war auch die Grundlage für ein Netzwerk zur Verbreitung von Literatur: Salons entstanden, zahlreiche literarische Gesellschaften. Vor 1760 gab es nur 5 solcher Vereinigungen, dann waren es 50, dann 200, schließlich wurden Lesegesellschaften so bedeutend und zahlenmäßig so stark wie die Logen der Freimaurer. 

Die Freunde wollten nicht, dass sich der Staat einmischt. Für Wilhelm von Humboldt war das sowieso klar: „Der Staat hat an den höheren Seelenkräften des Menschen keinen Anteil.“ Solche Worte klingen uns heute fremd: „höheren Seelenkräfte“ - so reden wir nicht mehr. Immerhin finden wir noch „Liebhaber“ unter den Bücherfreunden, aber die kommen uns wie Sonderlinge vor, die bereit sind, überteuerte Preise zu zahlen für etwas, das wir pejorativ „Liebhaberei“ nennen.

Wenn ich heute durch Hugendubel irre, komme ich mir manchmal vor wie der letzte Mohikaner – nein, nicht wie der „letzte“, das war übertrieben, aber wie einer der wenigen, die noch übrig sind aus einer Zeit, als ein Buch noch ein langer Brief an Freunde war. Doch ich will nicht lamentieren. Es gibt immer noch Freunde, gibt noch private Treffen rund um ein Buch, auch ich habe schon so manches Lieblingsbuch „erfolgreich verliehen“, wie ich es mit einem wehmütigen Lächeln nenne.

Nun die nächste Frage. Eine Frage, die mit erstaunlicher Leidenschaft diskutiert wird: Von wem sollen die süßen Kleinkinder, von denen wir in Deutschland zu wenige haben, bereut werden? Von der Mutter oder von der professionellen Kindergärtnerin? Das ist auch keine gute Frage. Haben wir da nicht auch was vergessen?

Kinder leiht man nicht so leichtfertig aus wie Bücher. Ich kann mich noch erinnern, dass ich mich am liebsten gar nicht von dem Kind getrennt hätte. Aber, aber ... Da gibt sich schon eine Liebe zu erkennen, die mit egoistischen und ängstlichen Zusatzstoffen gemischt ist. Für eine alleinerziehende Mutter mag das ein vorübergehendes Hochgefühl erzeugen, für ein Kind ist es nachhaltig schlecht. Das Kind braucht eine zweite Instanz, die nicht identisch ist mit der ersten, die aber genauso einen hohen Wert hat.

Doch die Kita (früher Kindergarten) kann auch nicht das ein und alles sein und nicht als Alternative herhalten. Gelegentlich mache ich an solchen Orten Kinderprogramme und habe oft den Eindruck, dass sich die Kleinen da nicht in idealer Gesellschaft befinden: Es sind einfach zu viele von ihnen – und zu viele desselben Jahrgangs. Es ist ein künstliches unter ökonomischen Gesichtspunkten gebildetes Gemeinsames, das kein Gemeinsames ist.

Also: Wohin mit der kleinen Jennifer und dem kleinen Oliver, wenn man nicht ständig neben ihnen herlaufen soll, wenn Oma und Opa nicht vor Ort sind und der Rest der Familie nur noch aus „Böhsen Onkelz“ besteht? Auch hier lautet die Antwort: „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt.“

Es ist mir nur in Ansätzen gelungen. Aber gemeinsame Urlaube mit Freunden und deren Kindern waren schon drin. Wie schön für die Kinder, wenn sie merken, dass sie nicht nur Eltern haben, die sich verstehen, sondern obendrein Eltern, die interessante Freunde haben, die ebenfalls Kindern haben. Nun können die nicht nur Bücher, Kinderkassetten und Kalorientabellen (gab es früher noch), Schaukelpferde und Meerschweinchen tauschen, sondern sich auch die Kinder gegenseitig zur Betreuung überlassen - am besten zusammen mit älteren Geschwistern. Falls vorhanden. Freunde kann ich mir aussuchen. Einen Babysitter kann ich mir auch aussuchen und ich kann mich sogar mit ihm anfreunden. Aber ist die professionelle Kindergärtnerin auch meine Freundin?

Freunde standen auch am Anfang der Erziehung. In der Hauslehrerliteratur ist stets vom „Freund der Kinder, Freund der Familie oder des Hausherrn“ die Rede. Und da ist sie auch schon wieder, diese merkwürdige Sprache: „So wie das Vatersein in der Liebe gründete, so auch das Freundsein“. Liebe Leser, beachten Sie bitte: Es folgen nun Ausdrücken, die uns fast wie Fremdworte vorkommen: „Freundschaftsverbindung ist eine Quelle jener allumfassenden Liebe“. So schrieb August Hermann Niemeyer, der zu seiner Zeit einflussreichste Pädagoge und hatte dabei die „Grundsätze der Erziehung“ im Blick. Das ist lange her. Das war ‚All You Need Is Love’ in der 1799-Edition.

Die Freundeskreise, die sich in Lesegesellschaften um das Buch scharrten und die „Freunde der Kinder“ hatten ein gemeinsames Ziel: „Bildung, Mitgefühl, Achtung, freundliche Aufgeschlossenheit und Hilfsbereitschaft verbunden mit der Absicht, des anderen Glück zu befördern.“ Das klingt gut, das hätten wir auch gerne, bei den Stichworten „Tugend“ und „Sittlichkeit“ hätten wir vermutlich Verständnisfragen.

Keinesfalls sollten die Kinder in die Obhut des Staates gegeben werden (besser gesagt: in die Obhut der Gesellschaft; einen Staat, wie wir uns heute vorstellen, gab es sowieso nicht). Rousseau, der Vorleser und Bücherfreund, der nun seinen dreihundertsten Geburtstag feiert, war ebenfalls ein - wenn auch umstrittener - Kinderfreund und schlug vor, Kinder auf einer „Insel“ zu erziehen - so entstand die Vorstellung vom Kindergarten. Die Kinder sind gut, die Gesellschaft ist jedoch schlecht, und deshalb muss ein Kind von schädlichen Einflüssen möglichst frei gehalten werden. Im Landschaftspark Wörlitz gibt es die Rousseau-Insel (eine künstlich angelegte, unscheinbare Aufschüttung im Wasser), die diese Vorstellung versinnbildlichen soll.

Die jungen Eltern sind noch schlechter dran als der zitierte Literaturfreund, der unbedingt den neuen Walser lesen will. So wie heute über das Betreuungsgeld diskutiert wird, muss ihnen seltsam zu Mute werden, wenn sie sich fragen, was die Politiker heute überhaupt für ein Bild von jungen Eltern haben, wie sie von ihnen gesehen werden. Nämlich wie?

Sie werden als Untertanen gesehen, als Abhängige vom Staat, als Einzelwesen, die isoliert sind vom letzten Rest einer ehemaligen Großfamilie. Und - was genauso schlimm ist, wenn nicht gar schlimmer - : Sie haben keine Freunde. Nur noch den, den sie anrufen können, wenn sie bei ‚Wer wird Millionär’ nicht mehr weiterwissen. Aber nur einmal. Freundschaften kommen in der Welt, wie sie uns die Politiker beschreiben, nicht mehr vor. Das ist die Wunde, auf die der Streit um das Urheberrecht und der Streit um das Betreuungsgeld verweist.

Doch der „Mensch, der glücklich sein soll, braucht wertvolle Freunde“. Wenn das so ist, können wir uns ernsthaft fragen, wie weit wir entfernt sind von diesem Glück, das sich auch Goethe vorstellte, als er schrieb: „Glücklich, wer sich vor der Welt ohne Haß verschließt, einen Freund am Busen hält und mit ihm genießt.“

Dafür haben wir facebook – und die Illusion, dass wir Freunde haben. Dazu kommt der Zauber der großen Zahl. Denn wirft nicht der übergroße Wert an der Börse und die unglaubliche Menge der User, denen facebook gefällt, seinen Glanz auch auf unsere Freunde, die wir links oben in der Ecke haben?

Man kann leicht glauben, dass die Beliebtheit von facebook nur deshalb so groß ist, weil andererseits der Mangel an Freunden groß ist. Es ist eine beliebte Vorstellung – es ist die Vorstellung von kommunizierenden Röhren (wenn ich irgendwo mehr habe, habe ich an anderer Stelle weniger). Es ist eine Vorstellung, die von bloßer Umverteilung ausgeht und nicht von einem möglichen Wachstum.

Doch vielleicht ist facebook heute das, was früher der Freundschaftskult war. Damals war sicherlich auch viel Schmus dabei und vieles an Freundschaften, was bestenfalls so lala war. Wir wissen doch, dass es auf facebook keine wirklich „wertvollen Freunde“ sind im Sinne von Aristoteles. Aber es sind viele. Wie viele sollen es denn sein? Was rät uns der alte Grieche? „So ist es wohl das Richtige, nicht so viele Freunde wie nur irgend möglich zu wollen, sondern nur so viele, als für das gemeinsame Leben ausreichen.“

Kurt Tucholsky schlägt eine Zahl vor: „Von Stund an, wo sie dich pudern, bis zum gemieteten Grab spielt sich alles und alles und alles unter zweihundert Menschen ab.“ Aber Achtung: Das ist die Gesamtzahl, nicht die Zahl der Freunde. Auf facebook habe ich die kritische Grenze von zweihundert erreicht, allein mit Freunden; Puderer und Grabvermieter sind nicht dabei. Ich möchte nach Möglichkeit allen treu bleiben.

Und Freunde im richtigen Leben habe ich auch noch. Obendrein.

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Frühlingsgefühle
0  Kommentare | Posted 12.04.2012 11:16

Kein lebender Dichter geht mir durch den Sinn, sondern einer, der nur noch in seinen Zeilen weiterlebt. Ich meine einen von jenen Schriftstellern, von denen Ulrich Schreiber – der Impressario des internationalen Literaturfestivals -, so gerne sagt, dass sie zu denen gehören, die „zu Unrecht verstorben“ sind. Ich meine Heinrich Hoffmann von Fallersleben.

Natürlich kann man bei der nach oben offenen Dichterskala nicht den Wert angeben, den jemand in Sachen Bekanntheit oder gar Beliebtheit einnimmt. Man kann auch schlecht nachprüfen, welcher der Poeten tatsächlich am häufigsten zitiert wird und wessen Verse am stärksten einen Widerhall finden in den dunklen Schluchten unserer Erinnerung. Das muss man auch nicht. Literatur ist kein Sport und braucht kein Ranking. Doch man kann wohl sagen, dass auf so einer imaginären und gleichwohl überflüssigen Skala Hoffmann von Fallersleben ganz weit oben steht – auch ohne das ‚Lied der Deutschen’, das ich an dieser Stelle außen vor lasse. Heinrich Hoffmann von Fallersleben ist, so überraschend das klingen mag, einer der ganz Großen. Auch wenn ich ihm nicht unbedingt die Führungsrolle in der deutschen Dichtung zuweisen will, so doch die Frühlingsrolle.

Bekannt und unsterblich ist er mit seinen Kinderliedern, von denen „Summ, summ, summ, Bienchen summ herum“ womöglich sein größter Hit ist. „Über Stock und über Steine. Aber brich dir nicht die Beine.“ Das Lied enthält eine poetisch verkleidete Botschaft an selbstbewusste Kinder, all die gut gemeinten, aber eben doch vergeblichen Ratschläge besorgter Eltern nicht allzu ernst zu nehmen - Ratschläge in der Art wie „Pass gut auf dich auf“, „Sei immer schön vorsichtig“. Das alles darf man getrost überhören, wie auch die Biene nicht wirklich in Gefahr ist, sich bei einem Flug über Stock und Steine die Beine zu brechen. Verlachen wir also die unnötigen Sorgen, werfen wir den Ballast ab und fliegen wir auf und davon.

Ein weiteres Frühlings-Gedicht von ihm wirkt geradezu so, als hätte er die aktuelle Diskussion um den Vaterschaftstest vorausgesehen: „Der Kuckuck und der Esel, die hatten einen Streit, wer wohl am besten sänge, wer wohl am besten sänge, zur schönen Maienzeit.“ Leicht lässt sich hier eine Rollenverteilung zuschreiben: In der Figur des Kuckucks finden wir die Frau, die einem Mann ein Kuckuckskind unterschiebt - und wir denken auch an das Ansinnen der Quotenfrau, sich in ein gemachtes Nest zu setzen. Und ebenso leicht lässt sich hier die Rolle des Mannes als so genannter Zahlesel ausmachen.

Doch das ist nicht alles. Die wahre Eselei liegt im Streit, sie liegt in dem Vergleich, dem sich die beiden aussetzen. Es ist nämlich gerade dieser „Vergleich“, mit dem - nach Rousseau - das Übel in die Welt gekommen ist. So ein Vergleich hat sich hier als ungute Konkurrenz zwischen zwei Ungleichen eingeschlichen. Wer kann besser singen? Das ist die falsche Frage, die einen falschen Wettbewerb einleitet. „Der Kuckuck sprach: Das kann ich, und fing gleich an zu schreien. Ich aber kann es besser, ich aber kann es besser, fiel gleich der Esel ein.“

Was fällt dem Esel ein?! Wie dumm ist das denn?! So möchte man die beiden sofort unterbrechen. Warum erkennen sich die beiden nicht in ihrer Verschiedenheit an und respektieren ihre jeweiligen Möglichkeiten und Grenzen? Was soll da herauskommen? Fallersleben lässt die beiden schließlich im Gleichklang enden und meint, dass es von „nah und fern“ sogar „lieblich“ klänge, wenn sie sich einfach abwechseln, und so endet das Lied mit den Lauten: „Kuckuck, Kuckuck, I-a, Kuckuck, Kuckuck, I-a“. Doch ist so eine Gleichstellung wirklich die richtige Lösung? Wäre es nicht besser, die Eselei des Streites aufzugeben?

Unser Frühlingsdichter hat ein feines Gespür für diese Themen, was sich schon an der Wahl seiner Figuren zeigt, die wir ganz automatisch mit Fortpflanzung und Paarung in Verbindung bringen. Eine besondere Sensibilität für die Geschlechterfrage beweist er auch in dem Lied: „Auf unserer Wiese gehet was, watet durch die Sümpfe“. Oh ja, da geht noch was, denken wir sogleich und erhalten gleich weitere Hinweise. „Es hat ein schwarzweiß Röcklein an und trägt rote Strümpfe.
Fängt die Frösche, schnapp, schnapp, schnapp.
Klappert lustig, klapperdiklapp. Wer kann das erraten?“

Nun, das ist leicht, sollte man denken – und hat sich schon getäuscht. „Ihr denkt: das ist der Klapperstorch, watet durch die Sümpfe.“ So führt uns die Dichter in die Irre. Aber nein. Ohne versöhnlichen Reim überrascht er uns in der letzten Zeile mit der richtigen Lösung: Nein, das „ist Frau Störchin.“ Lange also bevor uns Günter Grass mit der „Rättin“ überrumpelte, führt hier Fallersleben die „Störchin“ in den Wortschatz der Deutschen ein. Doch damit geht eine herbe Enttäuschung einher; denn hatten wir mit dem Klapperstorch einen Kindersegen erwartet, so tritt nun ersatzweise die Feministin mit der angehängten „-in-Endung“ in Erscheinung und verhagelt uns den Kindersegen.

Meine Tochter, mit der ich, als sie noch klein war, die Lieder gesungen habe, kannte das Wort „waten“ nicht und hielt es für „warten“, was verdächtig ähnlich klingt und ihr selbst in der transitiven Form geläufig war. Immer wenn sie im Kindersitz hinten im Auto saß, hieß es: „Warte noch, gleich sind wir bei der Oma“. Und so war das Warten für sie stets mit einer Bewegung verbunden; man konnte also durchaus „durch“ etwas hindurch „warten“, etwa durch einen Verkehrsstau hindurch.

Und dieses Lebensgefühl „durch etwas hindurch zu warten“ - wie Aussitzen im Rollstuhl - ist es auch, das mich nun aufs Neue beflügelt, aber auch irgendwie bedrückt. Heinrich Hoffmann von Fallersleben hat ja nicht nur Günter Grass, sondern auch Charlotte Roche vorweggenommen; denn was sind diese Sümpfe anderes als „Feuchtgebiete“? Und ist es nicht gerade der Gedanke an Feuchtgebiete in denen es lustig klapperdiklapp macht, der uns die verwirrenden Frühlingsgefühle beschert? Und so spüren wir den frischen Lufthauch, atmen tief durch und seufzen still: Da müssen wir durch!

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Das Piraten-Paradox und das Geheimnis des zweiten Mannes
0  Kommentare | Posted 19.03.2012 10:40

Nehmen wir an, wir haben fünf Piraten, die einen großen Schatz erbeutet haben. Pirat Nummer 1 ist der Piratenkapitän, Pirat Nummer 2 ist der Navigator, usw. – die Piraten sind hierarchisch geordnet, Pirat Nummer 5 ist der Moses. Doch auf die Hierarchie kommt es nicht an.

Piraten haben bekanntlich eigene Gesetze – sie teilen alles zu gleichen Teilen. So erzählt man es sich jedenfalls von der Piratensiedlung ‚Libertaria’ auf Madagaskar, wo alle alles brüderlich geteilt haben und wo es keine Zäune gab, dafür es gab sogar eine Art Krankenversicherung. Vermutlich handelt es sich um einen Mythos, der auf Daniel Defoe zurückgeht. Wir glauben es gerne.

Zurück zur Rätselfrage. Nun soll geteilt werden. Und zwar so: Der Kleinste, also Pirat Nummer 5, darf einen Vorschlag machen. Über den wird abgestimmt, der kleine Moses hat auch ein Stimmrecht. Sollte sich jedoch eine Mehrheit gegen seinen Vorschlag entscheiden, wird er erschossen und Pirat Nummer 4 ist der nächste, der einen Vorschlag machen darf.

Wir kennen Piraten. Wir können davon ausgehen, dass sie maximal gierig sind, und so sieht es - jedenfalls auf den ersten Blick - schlecht aus für unseren Moses. Wenn sein Vorschlag (mit einer Mehrheit von 4 zu 1 oder 3 zu 2) abgelehnt wird und er daraufhin erschossen wird - dann sind es nur noch vier. Und wenn nur noch unter Vieren geteilt wird, dann gibt es mehr für jeden, der noch übrig ist.

Der Pirat mit der Nummer 4 könnte allerdings das gleiche Schicksal erleiden. Wenn auch sein Vorschlag mehrheitlich abgelehnt wird und er daraufhin schossen wird, dann bleiben nur noch drei übrig. Und dem Piraten mit der Ordnungsnummer 3 (Ordnungsnummer heißt es bei der Bahn, wenn ein ICE in umgekehrter Wagenreihung einfährt und durchgesagt wird, dass die Wagen nicht etwa nur eine Nummer, sondern sogar eine – wir sind in Deutschland! – „Ordnungsnummer“ haben) – also, auch dem Piraten mit der Ordnungsnummer 3 könnte es so ergehen wie unserem Moses und wie dem Piraten mit der Nummer 4.

Dann sind nur noch zwei Piraten übrig. Und nun wird das Problem deutlich. Nun haben wir das Modell „Partnerschaft auf Augenhöhe“. Nun zeigt sich, dass der jeweilige Kontext entscheidet. Und nun zeigt sich, wer die Macht hat. Und wer ist es? Es ist der Navigator, der Pirat Nummer 2. Er kann vorschlagen, was er will. Denn er kann nicht mehrheitlich überstimmt werden, also kann sein Vorschlag nicht abgelehnt werden und er wird nicht erschossen. Das hierarchische Modell greift ebenfalls nicht: Der Pirat Nummer 1 kann sich nicht darauf berufen, dass er schließlich der Kapitän ist und alles organisiert hat. In einer Patt-Situation, in der nicht die Mehrheit und nicht die Autorität entscheidet, setzt sich der Schwächere durch.

Wenn sich Moses darauf verlassen könnte, dass die anderen Piraten auch so weit denken, wie wir es gerade getan haben - was er vermutlich nicht kann -, dann könnte ausgerechnet er als das schwächste Glied der Kette die Bedingungen diktieren; denn es gibt nur einen einzigen Piraten – und zwar diesen erwähnten Zweiten, der zum eigentlichen Entscheidungsträger wird –, dem nicht das Schicksal droht, dass er leer ausgeht. Seine Macht kann nur durch eine Mehrheit gebrochen werden. Oder durch die Einhaltung der „alten“ Ordnung.

Im richtigen Leben gab es so einen Fall. Zumindest einen ähnlichen. Piraten sind berühmt für ihre basisdemokratische Gesinnung, für ihre Raffgier und für ihren Hang, Regeln zu brechen. Der legendäre ‚Benito Bonito vom blutigen Schwert’ hatte mit seiner Mannschaft den Raubzug seines Lebens gemacht, seine Bande hatte einen Goldtransporter überfallen, und nun brachten sie die Beute zu der unbewohnten Isla de Coco, mehr als 500 Kilometer weltlich von Costa Rica.

Unter den Piraten galt eine klare Abmachung: Der Kapitän kriegt drei Teile, alle anderen kriegen jeweils einen Teil. Ein Kompromiss. Damit wird einerseits dem Prinzip der Gleichheit entsprochen - und es war tatsächlich ein gültiges Ideal: der Pirat Edward England beispielsweise wurde Opfer eines demokratischen Vorgangs, er wurde mit großer Mehrheit von seiner Mannschaft wegen zu großer Milde abgewählt. Andererseits wird Rücksicht darauf genommen, dass die Piraten doch nicht wirklich gleich sind. Man sollte nämlich die Kompetenzen - wie man heute sagen würde - eines Kapitäns nicht unterschätzen, eine stark behaarte Brust und ein aufgeknöpftes Rüschenhemd reichen da nicht; die „chain of comand“ muss funktionieren, das geht nur, wenn klare Prioritäten gelten.

Die Stunde schien günstig: Die Mannschaft machte den revolutionären Vorschlag, von der vereinbarten Regelung abzurücken und „gerecht“ und „gleich“ zu teilen – es sollte also für jeden einen gleich großen Anteil geben, egal ob einer Kapitän ist; egal, was vorher ausgemacht war. Was sollte Benito Bonito machen? Er konnte sein Recht nur in einer Nacht- und Nebelaktion durchsetzen. Als alle schliefen, brachte er heimlich seine Anteile in Sicherheit und stellte damit seine Mannschaft vor vollendete Tatsachen: Nun war für jeden genau der Teil übrig, der ihnen nach ursprünglicher Vereinbarung zustand, den sollten sie auf der Insel verstecken und glücklich werden.

So geschah es. Es war eine Sternstunde in der Piratengeschichte, es war ja auch ein gigantischer Raubzug. Alle versteckten ihren Teil der Beute, zeichneten Schatzkarten oder merkten sich, wie sie das Versteck wiederfinden konnten. Das Fest danach muss rauschend gewesen sein. Am Ende der Party waren 20 Piraten tot und nahmen das Geheimnis, wo genau sie ihre Beute versteckt hatten, mit in ihr nicht vorhandenes Grab. Damals gab es noch kein Alkoholverbot auf Piratenschiffen. Bonito Benito überlebte das Massaker. Jedoch nicht lange.

Zwei Tipps zum Schluss, die jeder beherzigen sollten: Wenn ein junger Mann eine schöne Frau trifft, die ihm tief in die Augen schaut und zu ihm sagt: Komm, wir ziehen zusammen, du zahlst, und wir machen eine Partnerschaft auf Augenhöhe, der sollte an das Piraten-Paradox denken. Und jeder, der die Möglichkeit hat, den Film ‚The Navigator’ von Buster Keaton zu sehen, sollte die Chance nutzen. Ich habe Tränen gelacht.

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Ein Manifest für den Mann
2  Kommentare | Posted 15.03.2012 11:50

 

Das passt gut zu der Hintergrundmusik, die wir gerade hören: Da singt ein großer Chor von besseren Karrierechancen für Frauen und stimmt das Lob auf die Quote an, weil sie dafür sorgt, dass in Führungspositionen nicht mehr so viele Überstunden gemacht werden. Es passt auch gut zu dem vielstimmigen Klagelied über ehrgeizige Männer, die schon deshalb keine guten Väter sein können, weil sie zu viel arbeiten.

Ein alter Hut. Schon Esther Villar hatte eine Utopie ausgemalt, in der die Arbeitszeit grundsätzlich auf 25 Stunden in der Woche begrenzt ist. Man kann verstehen, wie es zu so einer Wunschvorstellung kommt - und es verträgt sich gut mit der neuen Idee vom bedingungslosen Grundgehalt. Aber ist es mehr als nur eine Wunschvorstellung?

Es erinnert auch an einen Witz: Fragt der Lehrer ein junges Mädchen, was sie später mal werden möchte und sie antwortet: Karriereverzichterin. So witzig ist das nicht. Eine Frau kann sich so einen Lebenslauf finanzieren lassen. Ein Mann auch? Sollte er ein Recht darauf haben?

Die anderen beiden Rechte sind: das „Recht auf Krankheit“ und das „Recht auf eine geehrte Sexualität“. Soweit das Manifest. Mehr nicht. Ich hatte irgendwie den Eindruck, dass Ralf Bönt eigentlich etwas anderes als ein „Manifest für den Mann“ schreiben wollte. Er hat auch etwas anderes geschrieben – und das muss ja nicht schlecht sein. Ist es aber.

Das Buch wirkt wie ein Zirkusprogramm, bei dem als großartige Ouvertüre die Vorführung der Elefanten kommt und danach in voller Länge die Dressur der weißen Häschen. Zuerst werden riesige Brücken geschlagen, die von der französischen Revolution bis heute reichen, da wird mit großen Begriffen jongliert, da wird theoretisiert und verallgemeinert - und dann wird das Besondere vorgeführt: Es folgt eine detailreiche, anrührende Anekdotensammlung aus seinem Leben, die gekonnt geschrieben ist, manchmal recht belanglos wirkt, aber immerhin wahr ist.

Mehr und mehr lernt man den Autor, dem man keine falsche Bescheidenheit nachsagen kann, persönlich kennen und man erfährt, wie er in Sachen Sex und Vaterschaft alles richtig gemacht hat. Schön für ihn. Weil er so ein vorbildliches Verhältnis zu seinem Sohn hat, hat sich seine Frau gleich noch mal in ihn verliebt. Sprachlich wird das Buch immer besser, je mehr es sich von dem Anspruch entfernt, ein „notwendiges Manifest für den Mann“ zu sein. Wenn es hieße „Wie man sich als guter Vater fühlt“, würde ich 5 Sterne als Bewertung vergeben. Oder sagen wir 4. Mit der Situation der Männer von heute hat es allerdings wenig zu tun. Er beschreibt die Ausnahme, nicht die Regel.

Seine Sätze vom Vaterglück können einem Tränen in die Augen treiben. Da habe ich so manche Stelle angestrichen, die ich mochte (ich bin selber Vater), die mich aber auch aufgewühlt hat, weil er in der Besoffenheit von seinem Glück die tatsächliche Situation der Männer und die Verheerungen, die der Feminismus gebracht hat - gerade im Hinblick auf die Kinder -, aus dem Blick verloren hat. Dabei müsste das sein eigentliches Thema sein. Ein guter Vater ist man nicht, wenn man sich gut fühlt, sondern wenn man sich darum sorgt, dass es die Kinder gut haben.

Es heißt da: „Frauen, die ihren Mann gar nicht zuhause haben wollen, weil das ihr Reich ist, sind nicht akzeptabel. Frauen, die nur auf ihre Kinder fixiert sind, die ihre ganze Liebe auf das Kind konzentrieren, sind nicht akzeptabel. Frauen, die ihre eigene Sexualität allein für etwas schon Ehrbares ansehen, während die ihres Mannes noch domestiziert werden muss, für deren Erfüllung der Mann ansteht, bettelt, wartet und hungert, mit anderen Worten: passive, ablehnende, in ihrer Weiblichkeit geizig badende Frauen? Nein danke.“

Das klingt gut – oder? Oder auch nicht. Die Formel „nicht akzeptabel“ kam mir gleich verdächtig vor. Die kennt man, wenn man gelegentlich Texte von Feministen liest, die irgendeine Handlungsweise, irgendeine Formulierung oder irgendeinen Witz „nicht akzeptabel“ finden. So reden sie. Sie maßen sich an, etwas nicht akzeptabel zu finden, weil sie es können, weil sie die entsprechende Rechtssprechung und Mehrheitsmeinung im Hintergrund haben. So aufzutreten – das muss man sich leisten können. Männer können das nicht. Man stelle sich vor, ein Vater, dem sein Kind entzogen wird, erklärt dem Richter, dem Anwalt und der Ehefrau, dass er das „nicht akzeptabel“ findet. Und dann?

Es stimmt ja, wenn Ralf Bönt sagt, dass es Männer zugelassen hätten, dass ein Vater heute nichts mehr „wert“ ist; er sagt aber nicht, wie es dazu kommen konnte und was man daran ändern kann. Er gibt jedoch unfreiwillig Beispiele für eine Haltung, die so eine Schieflage ermöglicht und befördert hat – und zwar immer dann, wenn er die Feministen über den grünen Klee entschuldigt und ihre Falschheiten als notwendige Reaktionen rechtfertigt.

Das „Manifest für den Mann“ verbleibt in vornehmer, aber auch feiger Distanz zur Realität der Familienzerstörung. Ralf Bönt versucht, sich die hässliche Wahrheit, dass gerade der Feminismus an diesem Elend einen gewaltigen Anteil hat, schön zu trinken und berauscht sich daran, dass er nicht betroffen ist.

Wie weit er danebenliegt, offenbart dieser Satz: „Der Feminismus hat mir das größte Geschenk gemacht, das ich in meinem Leben erhalten habe: ein intaktes emotionales Verhältnis zu meinen Kindern.“ Da kann ich jeden entsorgten Vater verstehen, der an dieser Stelle an die Decke geht. Man sollte Herrn Bönt endlich mal verraten - auch wenn es bitter ist -, dass nicht der Weihnachtsmann die Geschenke bringt. Der Feminismus macht solche „Geschenke“ nicht. Das will er gar nicht. Hier spricht jemand, der sein Vaterglück nicht so recht in Worte fassen kann und der keine Ahnung vom real existierenden Feminismus hat, von seinen Intentionen und Auswirkungen. Dabei könnte man das leicht erforschen, es ist alles da, there is nothing hidden anywhere.

Richtig wäre, wenn er sagen würde: Der Feminismus hat mich verschont, er hat mir nicht das angetan, was er tausenden von Vätern angetan hat, die nun verzweifelt und vergeblich Prozesse führen, um ihre Kinder sehen zu dürfen. Ralf Bönt kommt mir vor wie Asterix in einer Zeit, in der ganz Gallien von den Römern beherrscht ist. Heute - um im Bild zu bleiben - ist flächendeckend ein familienfeindliches Regime installiert. Ganz Gallien? Nein, es gibt noch eine Insel der Seligen. Von so einer Insel berichtet er. Er merkt aber nicht, dass die Männer heute keinen Zaubertrank haben, der es ihnen ermöglicht, ruckartig so stark zu werden, dass sie mit solchen Formulierungen wie „nicht akzeptabel“ auftrumpfen könnten. Man muss auch die Macht haben, so reden zu können. Er hat den Zaubertrank in Wirklichkeit auch nicht. Er hat nur Glück gehabt - das Glück, dass die gesetzlichen Regelungen, die auch ihn stürzen könnten, nicht auf ihn angewendet wurden. So kann er anderen Männern keine Ratschläge geben.

„Sie hat ihm ein Kind geschenkt“ – nein, der Satz steht nicht in dem Buch. Er erscheint uns sowieso wie ein Knochenfund aus einer versunkenen Welt. Feministen schenken nicht, sie stellen Rechnungen. Je weniger Nachwuchs eine Gesellschaft hat, desto teurer wird er. Ich habe das nur geschrieben, weil ich auch mal einen Satz bilden (oder zitieren) wollte, in dem „geschenkt“ im Zusammenhang mit Kindern vorkommt, und weil man daran sehen kann, wie weit die Welten auseinander liegen.

Hat es der aufmerksame Leser bemerkt? Ralf Bönt nennt es nicht nur ein „Geschenk“, oder ein „großes“ Geschenk, sondern das „größte“, und er wirft obendrein sein ganzes Leben in die Waagschale, um den Superlativ noch mehr aufzublähen. Alice Schwarzer redet so. Siegmar Gabriel. Teenager tun es. Narzisstisch gestörte Patienten tun es. Immer im XXL-Modus. Die können vermutlich nicht mehr anders. Für die ist der Superlativ die Grundform. Da fragt man sich schon: Was mag ihm der Feminismus wohl sonst noch für Geschenke gemacht haben? Kleine Geschenke erhalten bekanntlich die Freundschaft.

Auch den nächsten Satz nehme ich ihm herzlich übel (er schließt an das „intakte Verhältnis“ zu den Kindern an): „Die Männer in der Generation meines Vaters träumten davon nicht, nicht einmal ohne sich am Morgen noch daran zu erinnern ...“

Mein Vater ist Pädagoge, ich könnte auch etwas über die Männer dieser Generation sagen. Mein Vater hat mir Jean Paul nahegebracht - allein durch seine eigene Begeisterung für diese einfühlsame Art, das Glück der Kindheit zu beschreiben. Da scheint eine Herzlichkeit auf, die einem fremd bleiben muss, der mit der Sensibilität einer Planierraupe über die Träume einer ganzen Generation urteilt und sogar noch über das Gefühl am Morgen spottet wie jemand, der einem, der am Boden liegt, noch einen Tritt verpasst. Wenn die Ehre noch den Wert hätte wie im neunzehnten Jahrhundert - was sie natürlich im Zeitalter des „entehrten Geschlechts“ nicht hat -, müsste ich ihn wegen Beleidigung meines Vaters im Namen seiner ganzen Generation zum Duell herausfordern. Ich hätte den ersten Schuss.

Das Dilemma liegt darin, dass er keine Bestandsaufnahme macht. Damit meine ich nicht nur Zahlen, Fakten und Fälle (außer seinem eigenen Fall und dem von seinem Freund), sondern auch einen Überblick darüber, wie sich die Gesetze geändert haben. Und so bleibt es bei dem Versuch, Wolkenbilder zu malen und allgemeine Befindlichkeiten zu beschreiben. Im Anhang finden sich drei Quellenangaben, die zugleich die Fundamente seines Manifestes sind: Es sind drei feministische Standardwerke, eins davon – richtig! – ist von Simone des Beauvoire. Ich hätte ihm da noch ein paar Tipps geben können. Zu spät. Es fehlt ihm einfach der Stoff. Und die Aktualität. Seine drei Ikonen des Feminismus sind tot, eine davon schon lange.

Leider verfällt er auch den heillosen Übertreibungen, die so charakteristisch sind für zwei Drittel von seinen Grundlagentexten. Da fragt man sich schon: Wie kann jemand, der sich als Schriftsteller versteht und nicht etwa als Praktikant in einem Propagandaministerium, freiwillig mit solchen Dokumenten von Verständnislosigkeit auftrumpfen? Und das in einer Sprache, die so laut ist, dass man sich wünscht, das Buch hätte an einigen Stellen einen Lautstärkeregler? Er kann.

„Die Revolution der Frauen hat sich am Ende so viel Zeit genommen, dass sie als solche gar nicht mehr wahrnehmbar ist. Ihre Existenz und ihr Erfolg sind aber nicht zu leugnen. Nicht nur sind die Frauen jeden Alters durchdrungen von der Kenntnis ihres Loses und gestalten ihr Leben bewusst ...“

Ist dem aufmerksamen Leser die kleine Formulierung „jeden Alters“ aufgefallen? Damit will er hervorheben, dass selbst zweijährige Mädchen und demenzkranke Rentnerinnen kurz vor ihrem Tod „durchdrungen“ sind von der „Kenntnis ihres Loses“ und dass sie ihr „Leben“ „bewusst“ „gestalten“ – lost in exaggeration. Noch eine Kostprobe:

„Trotz noch immer ungleichem Lohn für gleiche Arbeit und der Niederlage Hillary Clintons gegen Barack Obama: Frauen sind auf ihrem Weg der Gleichberechtigung sehr weit.“

Oh Schande des Kitsches! Hier spricht ein Autor, der nicht mit der gefürchteten Genitiv-Metaphorik umgehen kann, dem Pickel der Peinlichkeit: „Weg der Gleichberechtigung“ – was soll das denn sein? Da denken wir doch gleich an den „Platz des himmlischen Friedens“, an die „Nacht der reitenden Leichen“, und an „des nackten Wahnsinns fette Beute“ – was so eine Stilfigur eben hergibt.

Es gibt da keinen „Weg“. Die „Gleichberechtigung“ ist nicht in Bewegung. Man hat ein Recht oder hat es nicht. Man ist nicht auf dem Weg dahin. Frau Clinton hat das passive Wahlrecht, sie hat das Recht, sich aufstellen zu lassen, sie hat aber nicht das Recht zu gewinnen. Man unterscheidet da zwischen Chancengleichheit und Ergebnisgleichheit. Die Problematik scheint ihm fremd zu sein.

Voll auf den Leim gegangen ist er der Legende vom ungleichen Lohn bei „gleicher“ Arbeit. Das hatte zwar Ursula von der Leyen auf einer Seite der Regierung verbreitet, sie hat es aber wieder zurückgenommen, weil es nicht stimmt. Das hat er wohl nicht mitgekriegt. Er hätte es aber ohne große Mühe (wenn er schon mal ein Buch zu dem Thema schreibt) recherchieren können. Außerdem ist er Wissenschaftler, er müsste mit Statistiken umgehen können und müsste den Schwindel schnell durchschauen. Das ist keine Kleinigkeit. Hier haben wir ihn nicht etwa bei einer lässlichen Schlamperei erwischt. Hier verbreitet er vorsätzlich Desinformation. Dabei tun das schon andere. Das muss er nicht noch in einem „notwendigen Manifest für den Mann“ wiederkäuen, um den Marsch zu blasen für Frauen, die auf ihrem „Weg der Gleichberechtigung“ siegreich voranschreiten.

So viele gelbe Karten, wie man für stilistische Fouls vergeben müsste, haben wir gar nicht in der Brusttasche. Wenn man den Blick scharf gestellt hat und auf die angeberischen Superlative achtet und darauf, wie selbstverständlich er von „den“ Männern und von „den“ Frauen spricht und dabei immer noch einen Zahn zulegt, dann hat man kein Vergnügen mehr an dem Buch:

„Heute kommt der werdende Vater zur Geburt seiner Kinder mit, aber sonst hat sich zwischen Biertrinken und Fußballgucken, diesen beiden effizientesten Zeitvernichtern, zu wenig verändert. Zeitvernichter werden von Menschen benötigt, die überflüssig sind. Offenbar ist der Mann am Wochenende und am Abend überflüssig.“

Offenbar bemüht sich der Autor nicht um ein Verständnis von dem Gegenstand, über den er schreibt, sondern versucht, den Preis für das ‚Großmaul des Monats’ zu gewinnen. Bei dem von ihm selbst ausgerufenen ‚Wettbewerb um die effizienteste Zeitvernichtung’ hat er gleich zwei Goldmedaillen vergeben. Immerhin werden falsche Erwartungen zurechtgerückt. Falls hier einer gedacht hat: Au, prima, Recht auf karrierefreies Leben, das will ich, dann kann ich endlich in Ruhe Bundesliga gucken und Bier trinken – der sieht sich enttäuscht. Enttäuscht sieht sich auch, wer dachte, in einem „Mannifest für den Mann“ ginge es auch mal ohne primitives Männer-Bashing.

Er hat die Elefanten nicht im Griff. Er zeichnet krakelige Verbindungslinien, die bedeutungsschwer sein wollen, und blufft: „Sie (die Frauen) stiegen zunächst auf das kurzschlüssige Niveau herab, auf dem Männer wie Rousseau oder Fichte ihnen begegnet waren, um ihre Position zu verteidigen ...“

Ach was! Von wegen „kurzschlüssiges Niveau“. Um auch mal mit Rousseau zu kommen, der in diesem Jahr seinen dreihundertsten Geburtstag hat: Rousseau wendete sich gegen eine „glatte Sprache als Maske“, die den Kontext zur Wirklichkeit verloren hat und nur in der Einbildung besteht. Gegen eine Sprache wie die des Manifestes. Als hätte er das Unglück vorausgeahnt.

Es fängt mit einem Paukenschlag an, Ralf Bönt zitiert die Schrift einer Bürgerin an die Königin zur Zeit der französischen Revolution: „Wunderlich, blind, aufgebläht und entstellt von seiner Wissenschaft, fällt er (der Mann) in diesem Jahrhundert der Aufklärung und Vernunft in gröbste Unwissenheit zurück und glaubt despotisch über ein Geschlecht (die Frau) verfügen zu können, das alle intellektuellen Fähigkeiten besitzt.“

Ralf Bönt meint, dass heute „niemand“ mehr dieser Rede widerspricht, das darin „aufgebotene Männerbild“ sei inzwischen „Konsens“, die Verfasserin habe sich „vollständig durchgesetzt“. Doch: „Das Problem ist immer noch das alte: der Mann. Er macht bei der ganzen Sache nicht richtig mit.“

Nun kriegt das Kind auch einen Namen, den es zur Zeit der französischen Revolution noch nicht hatte, es wird nachträglich umgetauft, es heißt jetzt: Sexismus. „Eine Bewegung gegen den ganzen Sexismus kann sowieso nur mit dem engagierten Mann zustande kommen.“ Er definiert es so: „Sexismus ist die behauptete Minderwertigkeit von Menschen eines Geschlechts“.

Hat er wirklich nicht gemerkt, was er da für eine fragwürdige Stimme aufgerufen hat? Das Zitat stammt von Olympe de Gouges - sie ist auch die Nummer 1 seiner 3 Quellenangaben -, sie hat außerdem den folgenden Satz geschrieben (den er nicht zitiert, aber den kennt man auch so): „Von Paris bis Peru, von Japan bis Rom, das dümmste Tier, meiner Meinung nach, ist der Mann.“

Wenn das nicht Sexismus im großen Stil ist – was dann? Eigentor. Er dachte, er ruft die Feuerwehr – und es kam eine Pyromanin. Ralf Bönt kann es kaum überlesen haben, denn das berühmte Zitat findet sich gleich auf der ersten Seite ihrer Schmähschrift. Es ist auch kein Ausrutscher, der gesamte Text von Olympe de Gouges ist „durchdrungen“ von so einer Maßlosigkeit (wie er es auch bei Yoko Ono feststellt, aber im selben Atemzug entschuldigt), sie ist durchdrungen von Aggressivität, durchdrungen von vorausflatternder Ungerechtigkeit, von einem absichtlichen Wehe-tun-Wollen, von pauschalen Falschbeschuldigungen – von Sexismus eben.

Man hätte es schon merken können, als sie von den Männern sprach, die „despotisch“ über Frauen „verfügen“, da brachte sie es erstaunlicherweise fertig, „Unwissenheit“ zu steigern und sprach von „gröbster“ Unwissenheit. Frauen wiederum verfügen ihrer Meinung nach über „alle“ intellektuelle Fähigkeiten. Sie selbst jedoch nicht über die, sich differenziert auszudrücken. Kein Wunder, wenn „der“ Mann bei der „ganzen Sache“ nicht richtig mitmacht. Warum sollte er auch mitmachen bei dem Versuch, einen vermeintlichen Sexismus mit einem echtem auszutreiben?

Ralf Bönt dazu: „Tatsächlich sieht er (der Mann) im Feminismus meist aber noch immer bloß einen Feind. Jemanden, der ihm etwas wegnehmen will. Das ist zwar nicht ganz falsch, denn Feministinnen wenden sich natürlich gegen ihn, gegen wen denn sonst?“

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Hier stehen „meist“ und „immer“ so nah beieinander, dass die leidige Verwischung der Mengen deutlich wird, die man so oft in der unsauberen Sprache des Feminismus findet: Ja, was denn nun? Ist „meist“ gemeint oder „immer“? Sind „alle“ gemeint oder „viele“? Oder vielleicht nur „wenige“? Er weiß es selber nicht.

An anderer Stelle kann ihm aber geholfen werden: Die Frage „gegen wen denn sonst?“, mit der er sich dümmer stellt, als er tatsächlich sein kann, lässt sich leicht beantworten: Sie sollen sich an die wahren Verursacher ihrer Probleme wenden und nicht blindwütig auf einen Sündenbock einprügeln wie die Witwe Bolte, die den armen Spitz schlägt, obwohl es Max und Moritz waren, die ihr die Hähnchen aus der Pfanne geangelt haben.

Genau das tut der Feminismus: Er sieht „den“ Mann als Feind und bekämpft den Mann im allgemeinen, der nur ein Phantom ist, und tut damit den vielen Einzelfällen von Liebhabern, Vätern, Freunden und Partnern etwas an – und bestraft die Falschen. Grundsätzlich. Ohne Unrechtsbewusstsein. Der Sündenfall ist die bösartige, grandiose Verallgemeinerung, die dem Geist der Aufklärung widerspricht – wie es sich gut bei Olympe de Gouges nachweisen lässt. Die Sprache ist verräterisch. Die Fehler bringen es an den Tag. Durch die Risse dringt das Licht. Ralf Bönt erliegt leider auch dem Rausch der sexistischen Schmuddelsprache.

Für ein „Manifest für den Mann“ ist das nicht akzeptabel.

Beitrag erschien zuerst auf achgut.com

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