Dann mach doch die Bluse zu!
475 Kommentare | Posted 29.01.2013 19:59
Vielleicht wäre uns diese ganze Debatte erspart geblieben, wenn an diesem ominösen Abend an der Bar nicht Rainer Brüderle, sondern George Clooney gestanden hätte, um seine Tanzkarte an Frau Himmelreich weiterzureichen. Aber so müssen wir alle teilhaben an dem jämmerlichen Balzversuch des Altpolitikers gegenüber der aufsteigenden Jungjournalistin. Denn die ganze Nummer bekommt einen ganz neuen Dreh, wenn männliche Annäherung auf fruchtbaren Boden fällt. Dann wäre es unter Umständen die Geschichte eines heißen Flirts geworden und Frau Himmelreich hätte bis an ihr Lebensende einen echten Clooney bei ihren Freundinnen zum Besten geben können. Was wir daraus lernen? Wo persönliche Befindlichkeit als ausreichender Gradmesser erscheint, um Sexismus zu definieren, verkommt der Begriff zur Beliebigkeit.
Ein Bärendienst für alle Journalistinnen
Nein, ich wollte mich dazu nicht äußern. Weil ich diese ganze Brüderle-Sexismus-ich fühl-mich-ganz-doll-bedrängt-Diskussion aufgebauscht und heuchlerisch finde. Weil die einzige Diskussion zu dem Thema Brüderle, die es wert wäre, geführt zu werden, die ist, wieso neuerdings der „Stern“ als Qualitätsmedium gegen Sexismus aller Art gilt. Etwa wegen der zahlreichen unbekleideten Damen, die regelmäßig auf dem Cover zu sehen sind, um den investigativen Charakter des Blattes zu unterstreichen? Und die zweite Frage, die mir als Frau dazu einfällt, ist diejenige, wieso die Herren in der Redaktionsleitung des „Stern“ eigentlich eine junge Journalistin, die sich angeblich von einem Politiker bedrängt fühlt, ein ganzes Jahr noch auf weitere Termine mit dem gleichen Mann schickt.
Wenn es also tatsächlich so unverzeihlich und dramatisch ist, was ein Brüderle sich da nachts an der Bar geleistet hat, dann hätte ein verantwortungsvoller Arbeitgeber seine junge Mitarbeiterin davor bewahren und schützen müssen, anstatt sie dem weiter auszusetzen. Stattdessen sitzt der Chefredakteur bei Günther Jauch und gibt den Vorkämpfer der Frauenbewegung. Und als Gipfel fordert die Medienmeute eine Entschuldigung von Brüderle bei der Journalistin. Um es mal klar zu sagen: Die einzige Entschuldigung, die hier fällig ist, wäre die von Rainer Brüderle an seine eigene Frau, und die hat es mit Sicherheit schon gegeben.
Gleichzeitig hat die Geschichte allen Journalistinnen im Land einen Bärendienst erwiesen, denn welcher Politiker wird es ab sofort noch wagen, sich alleine mit einer Journalisten-Kollegin irgendwo zu treffen? Ein falscher Satz und gleich ist wieder Aufschrei. Gerhard Schröder kann von Glück reden, dass er seine Doris, einst Journalistin beim „Focus“, schon vor mehreren Jahren dienstlich traf. Heute hätte das junge Glück ein jähes Ende gefunden, noch bevor es richtig an Fahrt gewinnt. Denn heute hätten seine Berater dafür gesorgt, dass er niemals in die Verlegenheit kommt, sich ihr zu nähern, oder zumindest eine Anstandsdame dazwischen gesetzt. Auch Joschka Fischer könnte heute Ehefrau Nummer vier aus dem Lebenslauf streichen. Presse-Praktikantin Nicola hätte man heute nicht mehr zu ihm vorgelassen. Vertrauliche Hintergrundgespräche und gemütlicher Ausklang an der Bar werden ab sofort männliches Privileg sein. Danke, liebe „Stern“-Redaktion.
Haken wir den Komplex also ab und kommen wir zum #Aufschrei, der sich gerade durch das Netz arbeitet und aufdeckt, dass wir angeblich alle in einem Land von schmierigen Sexisten leben, in dem Frau einfach nur das ist, was Alice Schwarzer schon immer sagte: Opfer der Männer. Ich lebe wohl in einem anderen Land, in einer Parallelwelt. Es nervt, es regt mich auf, gerade als Frau, dass inzwischen jede Lappalie, jede blöde Anmache, jedes Hinterherpfeifen und jeder Blick auf das falsche Körperteil zur falschen Zeit zum Sexismus hochstilisiert wird. Es wird nicht mehr differenziert und damit jede ernsthafte Diskussion im Keim erstickt. Es nervt, weil diejenigen degradiert werden, die tatsächlich Opfer sexistischer Übergriffe werden und die sich nun einreihen müssen in die „Opfer“ von blöder Anmache. Sie gehen gerade unter in einem Meer von Banalitäten, die nichts weiter sind als das alltägliche Balzverhalten zwischen Mann und Frau.
Und es nervt vor allem deswegen, weil wir wieder im alten Täter-Opfer-Schema stecken, bei dem die Rollen von Anfang an klar verteilt sind. Mann Täter. Frau Opfer. Eine Neuauflage des Opfer-Abos.
Männer sind nicht alle Täter
Ich bin kein Opfer. Ich bin eine Frau und ich mag Männer. Oh ja, ich habe wie vermutlich jede einzelne Frau in diesem Land schon Erfahrung gemacht mit Männern, die sich offensichtlich nicht benehmen können. Und ich kann damit umgehen, notfalls mit einer deutlichen Breitseite. Vier Studiums-Jahre als junge Kellnerin in der Gastronomie stählen für alle Lebenslagen. Es gibt diese Männer, die jede Frau, die nicht bei drei auf den Bäumen ist, als Freiwild betrachten. Als Einladung, wo gar keine ausgesprochen wurde. Es waren meine männlichen Kollegen, ja die männlichen, die mir damals unterstützend zur Seite standen. Unaufgefordert, selbstverständlich. Weil nicht alle Männer so sind. Und eben weil nicht alle Männer Täter sind und auch nicht alle Frauen Opfer. Kommen wir also zur Kernfrage, auf deren Antwort ich immer noch warte: Wie wollen wir das Dilemma lösen? Und vor allem: Welche Verantwortung übernehmen wir als Frauen? Verharren in der Opfer-Pose ist mir zu wenig. Mit welcher Begründung soll man uns noch in die Chefetagen vorlassen, wenn wir es nicht einmal schaffen, alleine an einer Bar ohne Sexismus-Polizei zu bestehen?
Auch nach weiteren 100 Jahren Feminismus werden die Männer nicht in der Lage sein, Gedanken zu lesen. Werden sie uns Frauen falsch verstehen, falsch behandeln und falsch ansprechen. Selbst wenn sie es gut meinen. Weil wir unterschiedlich sind, unterschiedlich denken, unterschiedliche Erwartungen haben. Wenn wir also ein bestimmtes Verhalten nicht wollen, müssen wir es auch aussprechen. Müssen wir selbst die Grenze ziehen und diese deutlich machen. Und es gibt so viele Grenzen, wie es Frauen gibt.
Wir besitzen Macht. Macht über Männer, nichts zeigt dies deutlicher als die unsägliche Brüderle-Geschichte. Wir können mit einer Beschuldigung einen Mann und eine Karriere ruinieren. Wir besitzen Macht, weil Männer auf weibliche Reize reagieren. Weil wir sie damit viel häufiger in der Hand haben, als ihnen lieb ist, und vor allem, weil wir das wissen. Wieso ist es in Ordnung, dass Frau ihr Aussehen strategisch einsetzt, aber nicht in Ordnung, dass Mann darauf reagiert? Wir dürfen also alles tun, um uns gut in Szene zu setzen, es soll uns aber bloß keiner drauf ansprechen? Wie viele Frauen warten nur darauf, dass ein Mann reagiert? Wenn aber der Falsche auf die Signale anspringt, dann ist er Sexist. Nein Ladies, so geht es auch nicht.
Regelmäßig bekomme ich dann das Argument zu hören: Ich mache das nur für mich. Ja, sicher, und die Erde ist eine Scheibe. Wir Frauen putzen uns nur für uns selbst raus. Wir verbringen Stunden im Fitnessstudio, vor dem Spiegel, beim Friseur und bei der Kosmetikerin, weil wir das alles nur für uns machen und nicht etwa deswegen, weil wir gerne gut aussehen. Damit uns die Männer sehen. Ich bitte all diese Frauen, einmal kurz die Frage zu beantworten, wann sie sich zuletzt für einen gemütlichen Fernsehabend mit Chips und Cola Light alleine zu Hause geschminkt, frisiert und in Schale geworfen haben? So ganz allein, nur für sich selbst.
Innere Werte statt Aufmerksamkeit
Es wird als Befreiung der Frau gefeiert, dass wir Sexualität heute frei ausleben können. Dass wir uns nehmen, was wir wollen und wen wir wollen. Ja, eine Frau, die weiß, was sie will, ist sexy. Wir fordern die Männer heraus, kokettieren mit unserer Sexualität. Aber natürlich nur, wenn wir wollen. Wir reklamieren nur für uns als Frauen das Recht, dass nicht etwa gilt, was der Mann gemeint hat, sondern, wie es bei uns ankommt. Was ist, wenn die Männer sich mal auf den gleichen Standpunkt stellen?
Die amerikanische Schauspielerin Megan Fox ziert gerade in Unterwäsche das aktuelle Cover des „Esquire“, gibt aber gleichzeitig von sich, sie wolle von ihrem sexy Image weg. Dann mach doch die Bluse zu, möchte man ihr da zurufen! Vielleicht schaut dir dann auch mal einer in die Augen. Wir verpacken schon kleine Mädchen in Lolita-Klamotten und zerreden die Intimität von Sexualität als Prüderie. Wir laufen in Slutwalks durch die Straßen und proklamieren das Recht, wie Schlampen herumlaufen zu dürfen. Gleichzeitig wollen wir aber nicht als Schlampe bezeichnet oder gar behandelt werden. Wir punkten mit unserem Aussehen, gelten als das schöne Geschlecht, schnüren uns die Brüste hoch beim Oktoberfest, aber nein, wir wollen damit keine Aufmerksamkeit, wir wollen damit nur unsere inneren Werte betonen.
Gerade prostituieren sich bei RTL wieder junge Damen mit ihrem Aussehen in der x-ten Staffel des „Bachelor“. In einer Folge „Bachelor“ lernt man mehr über Frauen als durch 100 feministische Bücher. Frauen ziehen sich aus für den „Playboy“ und haben für das Recht gekämpft, ihren Körper verkaufen zu dürfen. An Männer. Keine Frage, die weibliche Anatomie taugt sehr gut als Waffe. Wenn eine Heidi Klum fröhlich erzählt, das Erste, was ihr an ihrem Ex Seal auffiel, sei das große Gemächt in der engen Radlerhose gewesen, dann ist das unser Heidi, ach nein wie süß. Der gleiche Spruch von einem Mann über den Busen seiner Frau wäre Sexismus. Er könnte einpacken. Wir messen mit zweierlei Maß.
Nein, mein Gott, ich möchte nicht Mann sein in dieser Welt, in der bereits 13-Jährige mit Push-up-BHs zur Schule gehen. Ich möchte nicht Mann sein in einer Welt, in der man überlegen muss, ob man noch mit einer Kollegin Kaffee trinken kann. Und vor allem möchte ich als Frau nicht in einer Welt leben, in der ich als armseliges Opfer betrachtet werde und Männer vor lauter Angst, etwas Falsches zu sagen, lieber gar nichts mehr sagen. Wir haben es selbst in der Hand als Frauen, wir haben die Männer in der Hand.
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Mütter-Politik statt Opfer-Abo
5 Kommentare | Posted 17.01.2013 12:22
Während die Vorbereitungen für den nächsten Equal Pay Day im März sicherlich schon auf Hochtouren laufen, überrascht das Kölner Institut der Wirtschaft mit der Zahl 2. Nur noch zwei Prozent Lohnunterschied machen die Wirtschaftsexperten aus zwischen Männern und Frauen, wenn man es mal realistisch berechnet und nicht wie üblich die dreifache Mutter in Teilzeit gegen die 70-Stunden-Woche des Managers im Dax-Unternehmen gegenrechnet.
Ich bin wirklich gespannt, wie sich die engagierten Damen im fortschreitenden Geschlechterkampf diesen Fortschritt wieder schlechtrechnen werden. Sicher ist nur: Sie werden es auf jeden Fall tun. Weil es schlecht ist für das Geschäft und die Fördergelder und ja – das „Opfer-Abo“ der Frau im Allgemeinen. Je häufiger ich das neue Unwort des Jahres höre, umso besser gefällt es mir.
Schuld sind nicht die bösen patriarchalen Strukturen
Tatsächlich ist das Beharren auf den 25 Prozent Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen sogar kontraproduktiv, wenn man tatsächlich etwas gegen die verbleibenden Ungerechtigkeiten auf dem Arbeitsmarkt tun will. Die Kölner Studie stellt nämlich – wieder mal – eindeutig fest, dass das größte Problem und die größte Ursache für die Lohnunterschiede unmittelbar durch Kinder hervorgerufen werden. Denn berücksichtigt man die Länge der Betriebszugehörigkeit, Bildungsstand und Teilzeitbeschäftigung, schrumpfen die 25 Prozent schon mal auf 11 Prozent zusammen. Die Lohnlücke schrumpft weiter, wenn Frau ihren Job nur maximal 18 Monate wegen der Kinder unterbricht. Dann liegt der Unterschied nur noch bei 2 Prozent. Voilà.
Nun muss man wissen, dass die durchschnittliche Mutter in Deutschland eben nicht nur 18 Monate lang ihren Job unterbricht für die Kinder, sondern sogar 46 Prozent bis zum 6. Lebensjahr ihrer Kinder gar nicht berufstätig sind, wie uns der gestern erschienene Familienreport 2012 bestätigt. Weitere 43 Prozent sind auch mit sechsjährigen Kindern weiter nur in Teilzeit beschäftigt und haben somit schlechtere Karrierechancen. Dass Frauen also weniger verdienen als Männer, hat als Ursache Nummer 1 die Mutterschaft und nicht böse patriarchale Strukturen.
Es sind die Mütter, die lange Unterbrechungen in der Erwerbsphase haben. Je mehr Kinder, je länger, ergo gar kein Einkommen. Es sind die Mütter, die damit eine kürzere Betriebszugehörigkeit besitzen, ergo weniger Geld. Es sind die Mütter, die dann über Jahre in Teilzeit arbeiten wegen der Kinder, ergo weniger Geld. Es sind nicht zuletzt ebenfalls die Mütter, denen man den Wiedereinstieg nach der Kinderphase schwer macht, ergo auch wieder weniger Geld. Wenn man also wirklich etwas gegen die Lohnunterschiede von Mann und Frau tun will, dann muss man real die Mütter fördern. Und zwar nur die Mütter. Wer heute weiblich, ledig, jung und dazu auch noch kinderlos ist, wird auf dem Arbeitsmarkt dringend gesucht und kann sich uneingeschränkt um die Karriere kümmern. Diese Frauen sind schon lange nicht mehr die Opfer, sondern die Gewinner des Systems.
Der kinderlosen Frau liegt heute die Geschäftswelt zu Füßen
Nein, wir wollen uns jetzt nicht über „Bild“-Schlagzeilen aufregen, aber es ist doch erstaunlich, dass vor zwei Wochen die Idee einer Professorin gleich als „durchgeknallt“ bezeichnet wurde, natürlich neckisch mit Fragezeichen, die Rechtsabteilung hat wohl noch schnell einen Blick über die Headline geworfen, nur weil sie das fordert, was offensichtlich ist: Endlich eine eigenständige Förderung von Müttern und nicht einfach eine Förderung von Frauen im Allgemeinen. Ich muss gestehen, die Idee hat ihren eigenen Charme und wäre ich nicht eine überzeugte Quotengegnerin, so würde ich sagen, eine Mütter-Quote ist das Einzige, was in einer Quotendebatte auch nur ansatzweise Sinn hat. Leider wäre eine Mütterquote genauso ein Unsinn wie eine Frauenquote, weil der Akt des Gebärens allein nichts aussagt und es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir dann über Väter-Quoten, Migranten-Quoten und sonstige Quoten diskutieren. Am Ende würden Sie als heterosexueller deutscher Mann ohne Kinder nirgendwo mehr einen vernünftigen Job kriegen. Lassen wir also den Quotenaspekt weg, der Grundgedanke ist jedoch gut, auch wenn man sich damit nicht viele Freundinnen macht.
Innerhalb der Gruppe der Frauen zu unterscheiden, kommt bei Geschlechtsgenossinnen, vor allem bei den kinderlosen, nämlich nicht gut an, wie ich schon mehrfach feststellen musste. Wer das Frauenkollektiv infrage stellt, muss mit Gegenwind rechnen. Kollektive Schnappatmung im Publikum hatte ich mit der hypothetischen Idee einer Mütter-Quote vergangenen Oktober bei den Medientagen München ausgelöst. Frauenquote in den Medien sollte diskutiert werden. Im Publikum nur Frauen, zwei Quotenmänner, allein daran schon sichtbar, was für eine Relevanz das Thema offensichtlich in den Redaktionsstuben hat. Wir sollten doch jetzt nicht anfangen, Frauen gegeneinander auszuspielen, kam prompt die Aufforderung an mich, es mache schließlich keinen Unterschied in der Frauenfrage, ob man Kinder habe oder nicht. Doch, meine Damen, das macht es, und zwar sehr eindeutig und schwerwiegend.
Der kinderlosen Frau liegt heute die Geschäftswelt zu Füßen. Wer gebildet und flexibel ist, dem stehen heute alle Türen offen. Das mag einem als Frau nicht gefallen als Fakt, wenn man gerade überlegt, warum man diesen oder jenen Posten nicht bekommen hat. Doch kein Mann käme auf den Gedanken, die Antwort darin zu suchen, dass er ja „nur“ ein Mann sei, wenn er übergangen wird. Er wird sich die Frage stellen, was er falsch gemacht hat, wie er es beim nächsten Versuch, vorwärts zu kommen, strategisch anders anstellt. Sich hier als Opfer der Männerwelt selbst zu beweinen, bringt keine Frau weiter oder gar nach oben. Es ist sogar kontraproduktiv.
Wir wollen Familie nicht möglich machen, sondern auslagern
Anders sieht es aus bei den Frauen, die eben nicht flexibel sind, die zeitlich und räumlich gebunden sind, die vielleicht nur 30 Stunden die Woche arbeiten wollen, die auch noch andere Verantwortung zu tragen haben, als den eigenen Lebensunterhalt, nämlich die Verantwortung über ein, zwei, drei oder mehr Kinder.
Es ist ja kein Zufall, dass rein statistisch eine Frau umso weniger Kinder hat, je höher sie auf der Karriereleiter steigt. Da darf man sich auch nicht von kinderreichen Vorzeigefrauen täuschen lassen, sie sind in der Minderheit und bilden allerhöchstens die berühmte Ausnahme, die die Regel bestätigt.
Das gleiche Kölner Institut der Wirtschaft hatte schon vor zwei Jahren ausgerechnet, dass der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen nur noch bei mageren vier Prozent liegt, wenn eine Frau ihren Berufsweg gar nicht wegen Kindern unterbricht. Und diese vier Prozent seien dann statistisch sogar nicht mehr relevant, weil andere Faktoren wie Charakter, Persönlichkeit, Talent nicht mehr statistisch bereinigt werden könnten.
Weswegen predigen die Politik und die Wirtschaft und Frauen denn fortlaufend, dass wir doch bitte schön nicht zu lange bei unseren Kindern bleiben sollen, weil sonst unsere Karriere dahin ist? Warum soll der U3-Ausbau forciert werden? Warum will die Wirtschaft die Elternzeit von drei auf zwei Jahre verkürzen? Damit wir Frauen am Ball bleiben und zwar nicht auf dem Kinderspielplatz, sondern im Eckbüro. Unsere gesamte Familienpolitik ist von vornherein gar nicht darauf ausgerichtet, längere Berufsunterbrechungen zuzulassen, geschweige denn zu fördern. Und dann auch noch wegen Kindern und Küche! Genau genommen will man das mit aller Macht verhindern. Das ist kein Versehen, sondern Konzept. Wir wollen Familie nicht möglich machen, sondern auslagern. Zeitmanagement nennt sich das jetzt. Kinder sind nur noch Verwaltungsposten, für die es einen täglichen Aufenthaltsort braucht. Das ist nur leider keine Frauenpolitik und schon gar keine Mütterpolitik.
Eine Frauenpolitik, die berücksichtigt, dass Frauen Mütter sein wollen
Es ist also nicht nur ehrlich, sondern auch nahezu zwingend, zwischen Frauen mit und Frauen ohne Kindern zu unterscheiden, wenn wir endlich realistische Familien- und Frauenpolitik machen wollen. Wenn wir es denn wollen, die Frage wäre noch zu klären. Unterschiedliche Lebenswege erfordern unterschiedliche Konzepte und es hilft nicht, so zu tun, als hätten Frauen keine Kinder. Genau darin liegt sogar das Grundproblem unserer Frauenpolitik. Wir zwingen Mütter, so zu tun, als hätten sie keine Kinder. Wir wollen, dass sie ihre Berufswege denen der Männer und denen der kinderlosen Frauen anpassen, ohne zu berücksichtigen, dass sie Neudeutsch „Humankapital“ nebenher großziehen, für das leider keine Zeit eingeplant ist im lückenlosen Erwerbslebenslauf.
Es gibt nirgendwo ein Konzept für diese Mütter, weil es auch gar nicht gewollt ist. So wie die empörten Damen im Publikum mich entsetzt ansahen, tun es die meisten, wenn man diese Forderung auf den Tisch bringt: eine spezifisch weibliche Frauenpolitik. Eine, die nicht bereits abgelaufenen männlichen Lebensregeln folgt. Eine, die Kinder als Bereicherung und nicht als Last betrachtet. Eine, die Zeit für Familie ganz gezielt einplant und nicht ausspart. Eine Frauenpolitik, die berücksichtigt, dass Frauen Mütter sein wollen, nicht für drei, sechs oder neun Monate, sondern für drei, sechs oder neun Jahre.
Diese Mütter haben die gleichen Rechte wie diejenigen, die gleich wieder in den Beruf einsteigen wollen und dann mit der vollen finanziellen Unterstützung der Solidargemeinschaft via Krippensubvention rechnen können. Sie haben auch die gleichen Rechte, wie diejenigen Frauen, die keine Kinder wollen, aber dennoch von der nachfolgenden Generation, die sie nicht großgezogen haben, später eine Rente erwarten. Sie haben auch die gleichen Rechte wie die Männer, denen sie den Rücken frei halten, damit sie mehr Zeit in die Karriere investieren können. Also bitte nicht mehr Gieskannen-Frauenpolitik, sondern endlich das, was wir schon lange brauchen: Mütter-Politik.
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Sind wir nicht alle ein bisschen Betty?
9 Kommentare | Posted 14.01.2013 18:02
Früher als Teenager hing ich immer auf dem örtlichen Skateplatz herum. Dort gab es die coolsten Jungs. Sie waren lässig, die meisten kifften, was wir damals auch noch cool fanden und abends wurde Bier gereicht auf dem dunklen Festplatz rund um die Halfpipe. Natürlich waren wir in diejenigen verknallt, die am besten skaten konnten, schon einen Sponsor hatten oder zumindest das Sagen in Gruppe. Die Alphatiere. Die Jungs nannten uns Mädels, die dort rund um die Halfpipe saßen „Bettys“. Bettys, das sind so was wie Groupies, bloß nicht für Rockstars, sondern für Skater.
20 Jahre später stand ich im Abendkleid auf einem Empfang auf dem Petersberg in Bonn. Ich weiß nicht mehr, was an wen verliehen wurde, aber der Champagner war wie immer gut. Neben mir in der Menge im dunklen Nadelstreifendreireiher und mit obligatorischer Wollmütze auf, ein Held meiner damaligen Skater-Jugend: Titus Dittmann. Eigentlich Skater-Gott, im Zweitleben heute anerkannter Geschäftsmann. Und weil man als Journalistin nie schläft, sprach ich ihn an, und bat spontan um ein Interview. „Ich bin das, was ihr früher eine Betty genannt habt“, stellte ich mich vor. Und er antwortete: „Schön zu sehen, was aus Bettys alles werden kann.“
Ja, aus Bettys wird manchmal allerhand, manche werden Bundespräsidenten-Gattin. Und auch wenn ich nicht weiß, ob Bettina Wulff früher auch auf Skateplätzen rumhing, so lässt sich doch zumindest im Namen eine frappierend gleiche Affinität zu Männern mit Macht beobachten. Und deswegen wissen wir auch: Bettina Wulff ist einfach eine ganz normale Frau.
Ich Tarzan, du Jane
Sie hatte ihn sich geholt. Sie die alleinerziehende Mutter mit Kind. Er der aufstrebende Star am Polithimmel. Das Alphatier der CDUNiedersachsen, damals noch mehr oder minder gut verheiratet, aber zumindest doch auf dem Papier verehelicht und mit Kind. Ja, es hat eine ganz besondere Anziehungskraft auf Frauen, wenn ein Mann entweder Geld oder Macht, alternativ beides hat. Er muss nicht einmal gut aussehen dafür. Oder glaubt irgendjemand, dass Silvio Berlusconi mit inneren Werten bei seiner 28-jährigen Verlobten gepunktet hat? Oder dass die Playboy-Bunnys von Hugh Hefner ihn mit seinen 86 Jahren einfach nur unwiderstehlich sexy finden, so als Mann? Nein, es ist das alte Schema, das sich weltweit wiederfindet. Das Schema, wonach Frauen immer nach oben heiraten, oder es zumindest versuchen. Ich Tarzan, du Jane. Das Schema, das Feministinnen rotieren lässt. Denn ob nun bewusst oder unbewusst, Frauen suchen nach einem Versorger für ihre Kinder, nach jemandem, zu dem sie aufblicken können, der etwas anzubieten hat. Macht, Geld, Prestige, Kontakte, was auch immer. Es macht sexy.
„Du brauchst einen Job, ein Auto und eine Wohnung“ – den Tipp erhielt ein alter Freund von mir mit wenig Glück bei Frauen einst von seinem Vater. Er hat es beherzigt und wenige Monate später zog die erste Schönheit in seine Wohnung gleich mit ein. Emotional hat sie ihn knappgehalten, aber er konnte mit ihr angeben.
Und deswegen ist Bettina Wulff eben auch nur eine ganz normale Frau. Einst hatte ihr Christian Macht, Geld und Prestige. Er war eine gute Beute, auch wenn Männer immer noch in der Regel glauben, sie wären tatsächlich selbst die Jäger bei dem Spiel gewesen. Heute hat er keines davon mehr und sie ist weg. Nahezu eine logische Konsequenz der Evolution. Machen Sie sich nichts draus, Herr Bundespräsident a.D., Sie sind nicht der Erste, dem das passiert. So sind wir Frauen nun mal. Wenn auch nicht alle und auch nicht immer, aber es steckt doch in jeder von uns heimlich ein bisschen Betty. Man kann es auch positiv betrachten: Wir spornen euch Männer doch an, höher, schneller, weiter zu kommen, und sei es nur, weil ihr uns doch gefallen und beeindrucken wollt. Denn leider ist nichts weniger sexy, als den Mann, den man für einen Helden hielt, als Versager zu sehen.
Die Leiden der Bettina W.
Wir werden nie ganz erfahren, was bei Familie Wulff das i-Tüpfelchen über dem Aus war. Natürlich ist immer viel Spekulation im Spiel, wenn ein Paar sich trennt und das Umfeld nach den Ursachen sucht. Da haben wir es bei Familie Wulff zumindest insofern ein bisschen einfacher, als uns die Dame des Hauses durch ihr Buch schon 2012 selbst Einblick gewährt hat in ihr Seelenleben. Seither wissen wir ziemlich viel aus der Kategorie „Was Sie niemals über Ihr Bundespräsidentenpaar wissen wollten“. Wir wissen, dass ihr Mann gegen das Buch war, was man absolut verstehen kann, wenn man liest, wie sie über ihren Mann schreibt. Wir wissen von der Ehetherapie und vor allem über das allgemeine Unverstandensein der Bettina W. als Bundespräsidentengattin im Allgemeinen und Ehefrau im Besonderen.
Ja, sie hat es auch nicht leicht gehabt. Da musste sie doch quasi aus dem Nichts eine öffentliche Beziehung anfangen mit einem verheirateten Spitzenpolitiker, der dann auch noch die Frechheit besaß, sich zur Wahl als Bundespräsident zu stellen. Damit folgte weitere Schmach: Empfänge auf Schloss Bellevue, der Titel „First Lady“, Designerklamotten, Promi-Partys, Reisen in die ganze Welt. Ja, man konnte auf den Fotos der Boulevard-Presse deutlich sehen, wie sehr Bettina Wulff unter diesem Leben gelitten haben muss. Entsprechend fällt die Häme aus.
Manche Kommentatoren haben sich sogar zu Spekulationen hinreißen lassen, dass Wulff das alles mit seiner Ehefrau Nr.1 nicht passiert wäre und die Betty an allem schuld sei. Weil sie ihn doch so gedrängt habe und immer mehr wollte. Das ist natürlich alles Macho-Bullshit. Niemand hat Christian Wulff gezwungen, seine erste Ehefrau zu betrügen, sie zu verlassen und seinen zweiten Frühling öffentlich abzufeiern inklusive Zeugung eines Sohnes. Solang es gut lief, gefiel er sich doch ganz gut in der Rolle des smarten Politikers mit der hübschen jungen Frau. Und er würde sich auch heute noch darin gefallen, wenn sie immer noch mitspielen würde. Tut sie aber nicht.
Nur in guten Zeiten
Denn jetzt läuft es eben nicht mehr gut. Und die Trennung der Familie Wulff bietet dazu vermutlich ganz unfreiwillig erstklassiges Anschauungsmaterial darüber, was mit einem Paar passiert, das außer Macht und Geld nicht viel zusammenhält. In guten und in schlechten Zeiten wurden früher Ehen geschlossen. Die Wenigsten denken über den zweiten Teil des Satzes nach im Moment der Eheschließung. Mit Schmetterlingen im Bauch hat man keine Zeit für die Überlegung, was denn ist, wenn nichts mehr so ist, wie es war. Vielleicht ist das sogar gut so. Gleichzeitig sind es aber gerade die schlechten Zeiten, die ganz dunklen Stunden, die einem recht gut zeigen, was man an einem Partner hat, oder eben auch nicht. Als Christian Wulff im Schloss Bellevue seinen Rücktritt bekannt gab, stand seine Ehefrau weit von ihm entfernt neben dem Pult. Sie habe das ganz bewusst gemacht, gab sie später in ihrem Buch zu Protokoll, um sich als eigenständige Frau darzustellen. Ihr Mann ist am Ende und ihr Hauptgedanke ist, wie sie selbst dabei aussieht.
Nein, im Moment seines größten Scheiterns wollte Bettina Wulff nicht an seiner Seite oder gar hinter ihm stehen, sondern am liebsten aus dem Bild rutschen. Sie hat sich schon damals von ihm getrennt.
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Mutter unser im Himmel
6 Kommentare | Posted 20.12.2012 13:01
Herrgott Frau Schröder! Ich schreibe diesen Satz, solange es noch möglich ist, ohne damit ins gesellschaftliche Abseits zu geraten und viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Mit der vorweihnachtlichen Botschaft Kristina Schröders in einem „Zeit“-Interview, dass Gott womöglich weiblich sei, dürften auch die Weihnachtsgottesdienste nicht gerechnet haben. Als ob angesichts des nahenden Weihnachtsfestes nicht schon genug Hektik ausgebrochen ist. Was nun auf die Schnelle tun mit der frohen Botschaft, dass Gott, der Vater, uns seinen Sohn auf Erden geschickt hat? Das sind gleich zwei Männer! Da hilft auch die Flexi-Quote nicht weiter. Dazu nur eine läppische Gottesmutter auf Erden. Immerhin – aber zumindest für die evangelischen Freunde nicht viel Trost, die mit der Heiligen Maria nicht so viel anfangen können. Nun also wissen wir, man könne auch „Das Gott“ sagen, warum nicht gleich „die Göttin“ Frau Schröder? Wer ist denn hier schließlich fruchtbar und kann Kinder, alternativ Gottessöhne gebären? Muss denn der Ursprung allen Lebens nicht sogar zwangsläufig weiblicher Natur sein?
Wohin mit dem Vaterunser?
Bleibt das ungelöste Problem, wohin wir vier Tage vor Weihnachten das Vaterunser entsorgen. Millionenfach wird es vermutlich in der Weihnachtsnacht unbedacht ausgesprochen werden, da ist Gefahr im Verzug! Darf es in der Kindermesse noch erwähnt werden? Obwohl, viele bekommen das sowieso nicht mehr hin, oder nötigen wir unseren Kindern damit eine unnötig einseitige, sexistische Gottesbetrachtung auf, die sich womöglich im Jenseits, sollte man noch an selbiges glauben, als falsch erweisen wird?
Gut, dass sich auch schon andere Frauen um das Thema bemüht haben, zumindest das Vaterunserproblem scheint bereits hinlänglich gelöst. Auf der Seite Frauensprache.com, die sich um politisch korrekte Sprache unter besonderer Berücksichtigung der Frau bemüht, weiß man schon lange, dass das „Patriarchat manipuliert, wo es kann“ und man hat jahrtausendealte Lügen der Religion endlich aufgedeckt und geradegezogen. Das Vaterunser heißt dort inzwischen
„Oh du atmendes Leben, Ursprung des schimmernden Klanges. Du scheinst in uns und um uns, selbst die Dunkelheit leuchtet, wenn wir uns erinnern. Vater-Mutter des Kosmos, oder Atmendes Leben in allem, Namen aller Namen, unsere Identität entwirrt sich durch dich.“
Ich fühle förmlich, wie sich die Ekstase ausbreitet und die Klangschalen vibrieren. Dann lieber ohne Worte im stillen Gebet.
Schluss mit lustigem Zigeunerleben
Ja, ganz zu Recht hat uns die Familienministerin darauf hingewiesen, dass es in unserem Sprachgebrauch mehr Tücken und Fettnäpfchen gibt, als wir bislang geahnt haben. Und Opfer sind die Kinder, da muss man doch besonders sensibel vorgehen! Sollen sie doch zu toleranten, gendersensiblen Geschöpfen herangezogen werden. Da muss man früh anfangen, sich den Stereotypen zu nähern, die durch Kinderbücher, Schulbücher, Märchen und einseitige Religionsmythen auf sie einprasseln. Weg mit den passiven Prinzessinnen aus unserer Kindergartenliteratur. Nix mehr mit Schneewittchen (obwohl, die hatte immerhin sieben Zwerge als Untertanen), weg mit Aschenputtel, Dornröschen und Co. Frau Schröder schreitet vorbildlich voran, sie lässt beim Vorlesen sogar den „Negerkönig“ in Pippi Langstrumpf unter den Tisch bzw. die Seite fallen und hat für ihre Tochter eigene Wörter parat, damit das arme Kind nicht irgendwann beim Bäcker nebenan in seiner grenzenlosen Naivität einen Negerkuss bestellt. Auch unser Nachtischrepertoire wird sich anpassen, fortan werden nur noch überpigmentierte süße Schaumspeisen an der Waffel gekauft. Damit sollten wir der Sprachpolizei gerade noch mal entronnen sein. Wobei „eine an der Waffel“ sich als Stichwort in diesem Zusammenhang nahezu aufdrängt.
Wie sieht es aber mit Kinderliedern aus? Ein noch völlig unbearbeitetes Feld. Darf ich meinen vieren noch das Lied „Lustig ist das Zigeunerleben“ beibringen? Altes Liedgut, das ich noch aus dem Kindergarten kenne, wo wir es sogar mit Zigeunerkleidung (!) in einem Tanz verarbeitet haben, um es den Eltern vorzuführen. Gut dass es damals noch keine Handykameras gab, ich wäre heute geliefert ob dieser Bilder im Lebenslauf. Womöglich sind das auch noch gleich zwei Fettnäpfchen auf einmal. Denn lustig war es im Laufe der Geschichte nicht immer so als Zigeuner. Ja, es bringt den Takt der Musik ein bisschen durcheinander, aber man muss doch reagieren: „Möglicherweise lustiges Leben der fahrenden ethnischen Minderheiten“, Faria, faria, ho!
Der Macht ist männlich
Wenn man es konsequent durch denkt, ist die Reduktion des Problems nur auf einzelne Bücher oder Gottheiten der Brisanz der Lage nicht einmal annähernd angemessen. Unsere ganze Sprache ist genau genommen derart bipolar vorgestanzt, dass man sich der Sache grundsätzlich annehmen müsste, um wahre sprachliche Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen einzuführen. Da reicht es nicht, wenn in Hamburg die Schulbücher umgeschrieben werden, oder einzelne Pfarreien in Benutzung der Bibel in Gerechter Sprache endlich die geschlechtliche Ungerechtigkeit aus den Gotteshäusern verbannt haben. Unsere ganze deutsche Sprache ist durch und durch sexistisch und stereotyp. Was tun mit Worten wie Vaterland oder Muttererde? Ist es nicht auch das Land unserer Mütter und die Erde unserer Väter? Weg damit! Es schafft nur Verwirrung und grenzt ganz unsensibel aus. Nahezu extrem wird es in Anbetracht der geschlechtszuweisenden Artikel in unserer Sprache.
„Die Macht“ – da lacht einem doch als Frau der blanke Hohn ins Gesicht. Macht soll weiblich sein? Haben wir nicht gelernt, dass uns die Macht ständig vorenthalten wird vom männlichen Patriarchat? Da müssten wir natürlich konsequenterweise den Artikel endlich tauschen. Der Macht ist männlich. Erst nach 20 Jahren Frauenquote können wir das Thema vorsichtig noch einmal aufrollen und auf Realitätsnähe hin überprüfen. Mein Gott (geschlechtsneutral!) wie ich die Länder mit englischer Sprache beneide um ihr gendersensibles „the“. Wenn ich es mir genau überlege, kommt die weibliche sprachliche Seite in vielen Bereichen nicht sonderlich gut weg. Die Angst, die Scham, die Niedertracht, die Häme, die Zwietracht, die Verwirrung, die Dummheit. Alles nicht sonderlich schmeichelhaft und dazu auch noch unfair. Letztendlich auch noch Verwirrendes. Die Toleranz aber auch die Intoleranz, die Dummheit und die Klugheit, die Selbstsucht und die Hingabe, alles weiblich besetzt, heben sich aber gegenseitig aus. Ja was denn nun?
Die Hölle, aber der Himmel
Auch auf männlicher Seite sieht es nicht immer sensibel aus: Der Hass, der Zorn, der Krieg, der Kampf, der Untergang, der Sturm, eindeutig kriegsbeladen und aggressiv, wo wir doch wissen, dass die neuen Männer so sensibel geworden sind. Wer erkennt das endlich auch sprachlich an? Die Liebe ist immer noch weiblich, das ist nahezu ein Affront für jede anständige moderne Beziehung auf Augenhöhe. Auch die Schönheit, die Familie, die Gerechtigkeit, die Lust, die Leidenschaft. Alles weiblich. So geht das doch nicht! Die Vergewaltigung ist dann auch noch weiblich, obwohl die Täter in der Regel männlich. Wer denkt sich so was aus? Und noch einmal zurück zur Religion: die Hölle, aber der Himmel. Das ist wirklich nicht fair, meine Herren, auch wenn der Teufel als Quotenmann zu uns durchgereicht wurde.
Ja, Sie merken sicher schon, es gibt noch viel zu tun für eine geschlechtergerechte Sprache in unserer Welt und das Ganze muss dann natürlich auch in Brüssel auf Europaebene in allen Sprachen einheitlich umgesetzt werden. Ein Ministerium für gendersensible Sprache wäre angemessen. Mon Dieu, was für eine Arbeit!
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Jenseits von Pretty Woman
1 Kommentare | Posted 13.12.2012 14:00
Charlotte Lindholm wird sie zur Strecke bringen nächsten Sonntag. Zuhälter und Männer aus feinster Gesellschaft, die junge Mädchen zu Zwangsprostituierten gemacht haben, um sie anschließend auf den Müll zu werfen. Es wird leider nur ein „Tatort“-Etappensieg in einem Milieu, das auch mitten in Deutschland real existiert.
Ist Prostitution inzwischen ein ganz normaler Beruf?
Und auch wenn immer wieder behauptet wird, dass die Mehrheit der deutschen Männer regelmäßig zu Prostituierten geht – eine Behauptung, für die der Beweis noch aussteht – so kennen die meisten von uns das Thema Prostitution doch eher aus den „Wanderhure“- und„Pretty Woman“ -Geschichten des Fernsehens, denn aus dem realen Alltag. Entsprechend überraschend traf auch mich diese Woche die Frage eines Kollegen: „Was halten Sie von Prostitution?“
Meine tatsächlichen Berührungspunkte beschränken sich auf Begegnungen in diversen Großstädten Europas. Mein erster Besuch in Berlin nach dem Fall der Mauer. Die Bushaltestelle morgens um vier. Gegenüber zwei Damen in Skianzügen und hochhackigen Stiefeln. Ich erinnere mich bis heute, darüber nachgedacht zu haben, welchen Club die beiden wohl besucht haben in dem Aufzug, bevor mir klar wurde, dass sie wohl nicht wie ich auf den Bus warten. Ich erinnere mich an Amsterdam mit 23 Jahren. Wie ich mit meiner Freundin durch das einschlägige Viertel schlenderte und wir die Damen in den Schaufenstern betrachteten, die kaum älter aussahen als meine älteste Tochter heute, die ich damals im Bauch trug. Ware, die zur Schau gestellt wird, beleuchtet in Rot und Pink. Fehlte nur noch das Preisschild.
Ernüchternd diese Normalität. Wie freiwillig machen diese Frauen das tatsächlich? Die Frage treibt mich um. Wie man als Frau, als Mensch, gewerbsmäßig seine Sexualität vom eigenen Geist trennt. Sex als Job, als Geschäft, als Dienstleistung, die ich an einem anderen Körper verrichte. Verrichte, allein das Wort! Wie fühlt sich das an? Ist Prostitution inzwischen ein ganz normaler Beruf, wie Einzelhandelskauffrau oder Rechtsanwaltsgehilfin?
Betroffene Frauen aus der Branche haben darum gekämpft, aus der Illegalität herauszukommen. Sie dürfen heute ihren Lohn einklagen und sind krankenversichert, was für sie real eine Verbesserung ihrer Lebensumstände darstellt. Zumindest einige sind heute nicht mehr so schutzlos der Straße ausgeliefert, wie noch vor einigen Jahrzehnten. Ja es gibt diese Frauen, die sagen, sie machen das freiwillig und sie verdienen ihren Lebensunterhalt damit. Sie haben es als ihr Recht proklamiert, ihren Körper legal verkaufen zu dürfen. Ein normales Dienstleistungsgewerbe zu sein und nicht mehr in der Schmuddelecke der Gesellschaft zu stehen. Es wurde als Recht der Frau erkämpft. Wie viel von der eigenen Seele verkauft man dabei wohl mit?
Prostitution hat die Mitte der Gesellschaft nicht erreicht
Wahrscheinlich ist es die einzige Ansicht, die ich mit Alice Schwarzerteile, dass die Legalisierung der Prostitution keine Befreiung der Frau darstellt. Dass es keine Errungenschaft ist, dass wir Frauen uns selbst als Ware anbieten. Trotz Seitensprungagenturen und steigender Untreue betrachtet die Mehrheit sexuelle Treue doch immer noch als wesentlichen Faktor einer Beziehung. Weil wir Einzigartigkeit wollen, nicht Beliebigkeit. Weil wir die Sexualität des Partners nicht teilen wollen, sondern Exklusivrechte beanspruchen. Weil es für die meisten eben doch nicht dauerhaft trennbar ist, Liebe und Sexualität. Weil es eben doch nicht so einfach ist, die eigene Seele und Intimsphäre beliebig zur Verfügung zu stellen.
In der Mehrheit unserer Gesellschaft ist der Gang zur Prostituierten nach wie vor verpönt. Sie ist das Gegenteil von Einzigartigkeit. Sie ist Beliebigkeit, sie ist kurzer Spaß gegen Geld. Es gehört nicht gerade zum guten Ton, vom Bordell-Besuch am letzten Wochenende zu berichten oder über die Qualitäten des Call-Girls von letzter Nacht zu fachsimpeln. Obwohl es also das älteste Gewerbe der Welt ist, hat es niemals die Normalität der Gesellschaft erreicht.
Nein, ich will mich nicht daran gewöhnen, dass Prostitution angeblich ein normaler Beruf wie jeder andere sei. Nicht, weil ich die Frauen verurteile, die ihm nachgehen, sondern weil ich es als Armutszeugnis für unsere Gesellschaft empfinde. Weil es erschreckend ist, dass Frauen heute noch mitten in Deutschland offensichtlich glauben, mit nichts anderem ihren Lebensunterhalt verdienen zu können als mit ihrem Körper. Wir sind eines der reichsten Länder der Erde, unsere Mädchen sind heute besser ausgebildet als je zuvor. Wir wollen sie in den Führungsetagen sehen und nicht in den dunklen Gassen und Saunaclubs unserer Großstädte.
Die Frage nach der Freiwilligkeit der Prostitution erinnert ein bisschen an die Debatte um ein Kopftuch-Verbot. Auch dort haben wir die Frauen, die nach eigener Aussage ganz bewusst und stolz dasselbe tragen. Für die es eine Beschneidung ihrer Rechte bedeuten würde, sollte man ihnen das Tragen des Tuches verbieten. Gleichzeitig ist es für sehr viele ein Symbol der Unterdrückung. Es verfestigt die Ansicht, dass Frauen minderwertig sind und dem Mann untertan. Dass er bestimmen darf, was sie tut.
Einfach abgehakt durch die Legalisierung?
Die rechtliche Anerkennung von Prostitution verfestigt analog die Ansicht, dass der Körper einer Frau nichts weiter als eine Ware ist. Das dieser zu haben ist, wenn nur der Preis stimmt. Dass Sexualität auch nichts weiter als eine Ware ist, die losgelöst von Gefühlen jederzeit und überall konsumiert werden kann wie ein Eisbecher, bei dem ich nur ab und zu die Geschmacksrichtung ändere. Und wie einfach ist es doch für uns als Gesellschaft, die Sache damit abzuhaken. Denn wenn man Prostitution einfach nur legalisiert, wo ist dann noch das Problem? Wer kümmert sich dann noch um die Frage, wie man eventuell andere Perspektiven auftut im Leben dieser Frauen, die nicht die Preisgabe der eigenen Sexualität und der eigenen Intimität abverlangen?
Die Tatsache, dass die meisten Prostituierten in unserem Land aus osteuropäischen Ländern, aus Thailand oder aus afrikanischen Staaten kommen, spricht Bände. Geben wir diesen Frauen auch eine reale andere Chance, in unserem Land ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Oder kümmert uns ihre Zwangslage einfach nicht genug? Haben wir unsere Schuldigkeit getan, indem wir ihre Arbeitsplätze heute sauberer und sicherer gestaltet haben und sie bei Verdi einen eigenen Arbeitskreis „Besondere Dienstleistungen“ besitzen?
Hinzu kommen in heutiger Zeit noch ganz andere Formen der Prostitution, die sich weltweit langsam aber sicher ausbreiten. Die Wissenschaft macht es möglich. War es bislang nur die Sexualität der Frau, die zum Kauf anstand, so ist es heute auch noch zusätzlich ihre Fruchtbarkeit, die gegen Zahlung zu haben ist. In Osteuropa verkaufen Frauen ihre Eizellen für die Forschung und an kinderlose Paare. Sie unterziehen sich dafür körperlich anstrengenden und gefährlichen Hormonbehandlungen. In Deutschland ist das verboten. Noch jedenfalls. Bei manchen endet es tödlich. Sie kassieren dafür mehr Geld, als sie in einem normalen Job in einem halben Jahr verdienen können. Ihre finanzielle Not treibt sie dazu, ihre Gesundheit und ihr Leben zu riskieren. Ist das noch Freiwilligkeit? Ist es in Ordnung, dass wir ihren Körper nutzen, weil sie ja dafür bezahlt werden?
Wir stehlen uns aus der Verantwortung
In Indien und auch anderen Ländern existiert ein blühender Markt für Leihmutterschaft. Auch das ist in Deutschland verboten. Noch jedenfalls. Es gibt zahlreiche Agenturen, die damit werben, das Geschäftliche abwickeln und damit gut verdienen. Eine moderne Form der Zuhälterei. Auch hier sind es die armen Frauen, die ihren Körper für Geld zur Verfügung stellen, um Kinder zu gebären, die dann in den reichen Westen abgegeben werden. Sie bringen damit ihre anderen Kinder und ihre Familien zu Hause durch. Ist es Freiwilligkeit, dass sie ihren Körper hergeben, nur weil sie dafür bezahlt werden? Ist es einfach nur ein Geschäft, ein Kind auszutragen?
Wir stehlen uns aus der Verantwortung, wenn wir das alles nur unter dem Hinweis der Freiwilligkeit abhaken. Wer keine Wahl hat, handelt nicht frei.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf TheEuropean.de.
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