Wir sind unfreiwillige Zeugen einer feindlichen Landnahme. Unser Land wird besetzt. Die Invasion beginnt ganz harmlos in den Schreibstuben. Bürokraten ergreifen die Initiative, alles wird kategorisiert, quotiert und verplant. Kein Schritt ohne behördliche Genehmigung der Zentralmacht. Das oberste Planungsbüro in Brüssel macht sich alle ehedem souveränen Territorien und autonomen Wirtschaftsräume des europäischen Kontinents untertan. Ein fiskalischer Eroberungsfeldzug, wenngleich auf dem Papier geführt, doch mit realen Ergebnissen. Wie im herkömmlichen Krieg werden die Menschen-, Eigentums- und Vertragsrechte ausgehebelt. Der Rechtsstaat weicht dem Machtstaat.
Falls mich nicht alles täuscht, so haben wir es mit einer noch nie dagewesenen Erscheinungsform der institutionalisierten Gewalt zu tun: ein Krieg, der sich anschleicht, nach außen hin unsichtbar. Seine zerstörerische Wirkung wird dieser Krieg mit großer zeitlicher Verschiebung entfalten. Wer sind die Angreifer? Wo verläuft die Front? Niemand weiß dies zu sagen. Eines aber ist sicher: die Macht und damit die Verfügungsgewalt über alles Eigentum stützt sich auf das europäische Währungsmonopol, das mit dem Kunstgeld Euro geschaffen worden ist. So lange die neuen Herren die Lizenz zur Geldproduktion in den Händen haben, wird Europa nicht mehr frei sein.
Alles das ist in atemberaubender Schnelligkeit über uns gekommen. Rückblickend erkennt man mit Beklommenheit: Einer künstlich geschaffenen Behörde ist es gelungen, sich in nur wenigen Jahren eine europäische Nation nach der anderen einzuverleiben und deren Einwohnerschaft tributpflichtig zu machen. Widerstand erscheint sinnlos, da es keine Adresse gibt, an die man sich wenden könnte. Eine Behörde ist ein nebelhaftes Gebilde. Niemand ist zuständig. Wer sich wehren will, braucht jedoch einen Gegner aus Fleisch und Blut.
Man gewinnt den Eindruck, als befänden sich die Nationen in einer Art Schreckstarre. Der Mangel an Führungsexzellenz ist kennzeichnend für Massendemokratien. Europaweit fehlt es an couragierten Oberhäuptern, welche dem Ausverkauf und der Versklavung der eigenen Landsleute ein wirksames NEIN entgegenschleudern könnten. Mit dekadenten Führungskadern der korrupten Nomenklatura indes hat die Supermacht Brüssel leichtes Spiel.
In der Europäischen Union wächst nun keineswegs zusammen, was zusammengehört – im Gegenteil: Mit Gewalt wird aneinandergefesselt, was einst aus freier Entscheidung und zum gegenseitigen Gedeihen harmonisch neben- und miteinander existierte. Sobald die überrumpelten Staaten Europas in den Zentralisierungssog geraten, scheint es kein Entrinnen mehr zu geben. Wer sollte die kapitänlosen Boote schon ins ruhige Fahrwasser steuern? Eine neue Partei? Die Parlamente? Der Staatspräsident? Der Kanzler oder die Staatssekretäre? Das Volk gar? Ach, jede Hoffnung scheint vergebens! Schon trudeln die ersten Opfer im Strudel um das schwarze Loch Brüssel, und bald werden sie darin verschwunden sein. Ihre Zukunft ist mehr als ungewiß, und damit auch die unsrige.
Demokratie, daran erinnert uns der unvergessene österreichisch-schweizerische Ökonom und Bankier Felix Somary*, kann nicht auf Befehl oder gar mit Gewalt erzeugt werden; sie muß organisch wachsen, und das braucht viel Zeit. Was auf dem alten Kontinent in beinahe panischem Tempo entsteht, ist etwas anderes und wahrlich zum Fürchten.
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*lesenswert für jeden, der nicht nur sein Land, sondern auch Europa liebt:
Felix Somary. Krise und Zukunft der Demokratie. TvR Medienverlag, Jena 2010
Buchbesprechung
Auch dieser Beitrag nimmt Bezug auf Felix Somary.
Geld ist das Kind der freien Märkte. Als Tauschmittel bildet es das Fundament der arbeitsteiligen Wirtschaft, die unseren Wohlstand erzeugt hat. Geld entstand im zeitverzögerten Tausch Ware gegen Ware, im evolutionären Entdeckungsverfahren durch Versuch und Irrtum. Geld ist ein unbestechlicher Buchhalter, welcher Soll und Haben mit unlöschbarer Tinte protokolliert. Das gibt Planungssicherheit und schafft Vertrauen in Zukunftsgeschäfte. Geld wird zum Garanten für Freiheit und Gerechtigkeit. Im Jahr 1971 jedoch wurde das Geld durch einen Akt politischer Willkür abgeschafft. Womit wir seither rechnen, wofür wir arbeiten und was wir sparen, hat mit Geld nur noch den Namen gemeinsam. Dennoch verwenden wir das Pseudogeld auf eine Weise, als sei es realwirtschaftlich gedeckt. Nur zu gerne verdrängen wir das Wissen darüber, wie leicht es sich in beliebiger Menge vervielfältigen läßt. Allein die noch bestehende, harte Konkurrenz in diesem skurrilen Zettelkrieg um Quantitätsrekorde verhindert, daß einer der Papiergeldkönige gleich die ganze Welt „aufkaufen“ kann.
EBZ kauft spanische Staatsanleihen
Person X kauft im Supermarkt ein. Den gut gefüllten Einkaufswagen bugsiert sie nach dem Einkauf zum parkenden Fahrzeug, mit welchem die eben erstandenen Lebensmittel und anderen Dinge des täglichen Bedarfs nach Hause transportiert werden. Bezahlt hat die betreffende Person mit Geld – jenen Gutscheinzetteln, die den Gegenwert für den persönlich geleisteten Arbeitseinsatz darstellen sollen. Die Ware wurde zwar an der Supermarktkasse sichtbar gegen Geld getauscht, dennoch ist dieser Vorgang dem Wesen nach nichts anderes als ein Austausch von Ware gegen Ware, und zwar unsichtbar, weil mit zeitlicher Verzögerung. Dieser tiefere Zusammenhang ist im Fühlen der Menschen lebendig geblieben, auch wenn sie das nicht mit Worten ausdrücken können. Brot, das niemand zuvor gebacken hat, ist gar nicht da, ergo kann man es auch nicht kaufen.
Nach dem Einkauf setzt sich unsere Person gemütlich hin und liest die aktuelle Tageszeitung. Auf der ersten Seite ist in dicken Lettern folgende Überschrift zu lesen: „EBZ kauft spanische Staatsanleihen“. Daß diese Mitteilung unseren Leser weder empört noch beunruhigt, verdankt sich allein der Formulierung. Die EBZ stiehlt ja nicht. Im Gegenteil, sie „kauft“. Kaufen ist in Ordnung. Das hat man doch eben selbst getan, im Supermarkt.
Aus einem Beitrag zur aktuellen Krisendebatte stammt das folgende Zitat: „Um die Geldmenge vor dem Schrumpfen zu bewahren, könnte der EZB-Rat zum Beispiel zunächst Staats- und Bankenanleihen (auf dem Sekundär-, aber wohl auch auf dem Primärmarkt) aufkaufen und die Käufe mit neu geschaffenem Geld bezahlen. Die Verkäufer der Anleihen erhalten auf diesem Wege neues Geld, das sie für neue Finanzinvestitionen verwenden können, etwa Käufe von Aktien und Immobilien.“ (Thorsten Polleit, Aus Euro-Frustration wird Euro-Depression.) Hier offenbart sich die die banale Wahrheit, die wir zwar zu kennen glauben, aber doch nicht begreifen. Kaufen, man kann es nicht oft genug wiederholen, ist doch in Ordnung! Daß hier jemand mit neuem „Geld“ auf Shoppingtour geht, für das zuvor niemand gearbeitet hat, und das deshalb eigentlich gar nicht geben dürfte. Aber es kommt noch besser: die Ökonomen nennen das „Investition“. Eine bizarre Investition ist das! Ähnelt das Gebaren der „Käufer“ doch in auffälliger Weise jenem Verhaltensmuster, wie es typisch ist für delirierende Süchtige. Droht ein mögliches Ende des Konsumdauerrausches, dann sehen die „Investoren“ schon lange im voraus weiße Mäuse und brüllen lauthals um Hilfe.
Staatsschulden sind Kapitalvernichtung
Der im Januar dieses Jahres verstorbene Ökonom Roland Baader hat zeitlebens gegen die verdummende Beschwichtigungsrhetorik der Staatsverschuldungsapostel angeschrieben. Diese bezeichnen das Fiatgeld für staatliche Rettungs- und Konjunkturpakete als Segen für die Wirtschaft, weil es uns angeblich alle reicher macht und der nächsten Generation daraus kein Schaden entstehe, da diese nicht nur eine erhöhte Staatsschuld erben würde, sondern auch die größeren Forderungen aus Staatsanleihen in etwa gleicher Höhe. Die Staatsverschuldung – ein bloßes Zahlenwerk ohne Belang? Die Forderung des Gläubigers nach dem Laib Brot, der nicht mehr da ist, weil ihn der Schuldner gegessen hat, als vollkommener Ersatz für das weggegebene Brot? Zum Kuckuck! Sind die, welche so etwas öffentlich von sich geben, denn wirklich bei Trost?
Baader entkräftete den populären Unsinn mit folgendem Beispiel: „A leiht Unternehmer B eine Million. Jetzt hat A eine Million weniger Bargeld, aber eine Million mehr Forderungen. B hat eine Million mehr Bargeld, aber eine Million mehr Schulden. Beider Status ist „gleich geblieben“ und beide fühlen sich reich, denn A hat immer noch eine Million auf der Guthabenseite (Forderung), und B hat eine „neue“ Million Bargeld. Wenn aber B mit seinem Unternehmen scheitert, sind beide arm und haben Null. Die Million des B ist verloren – und die Forderung von A ebenfalls.“ (Geldsozialismus. Die wirklichen Ursachen der neuen globalen Depression. Seite 33)
Woher kommt denn das viele Geld? Natürlich, es entsteht durch „Geldschöpfung“. Klingt nett, tönt harmlos, erinnert an die biblische Schöpfungsgeschichte. Der liebe Gott dürfte wohl kaum geahnt haben, welchen Einfallsreichtum seine eigenen Geschöpfe einmal entwickeln würden, sonst hätte er als treu sorgender Vater diesem Unglück gewiß vorgebaut. Nun aber ist es soweit, und wessen er fähig ist, das tut der Mensch so lange und so intensiv, bis ihm jemand – meist ist dies das Schicksal – auf die Finger haut.
Die Geldschöpfung wird vorbereitet, indem der Staat Anleihen herausgibt, welche von der Zentralbank dann „gekauft“ werden. Bezahlt wird dieser Deal mit frischgedrucktem Geld. Dieses fließt unter diversen buchhalterischen Salti an den Staat zurück. Wozu dieses umständliche Verfahren? Wir ahnen es schon: nur so kann die harmlose Vokabel „kaufen“ heuchlerisch ins Spiel gebracht werden. Die Zentralbank „kauft“, der Staat nimmt „Kredit“ auf. Seltsame Beschreibung für das, was wirklich geschieht. Der Staat ist kein Unternehmer, der die „geliehene“ Million zurückzahlen kann. Er ist, um Baaders Worte zu benutzen, ein „Konsum-Monster“. Die fälschlich als „Geld“ bezeichneten, von ihm selbst in Druckauftrag gegebenen Gutscheine teilt der Staat „an seine Beamten und Soldaten aus, an Sozialhilfeempfänger und Rentner. Und diese Empfänger tätigen damit keine Investitionen, sondern bestreiten ihre Lebenshaltungskosten.“
Den Eigentümern der rechtmäßig durch Arbeitsleistung erworbenen Güter indes wird sukzessive die Verfügungsgewalt über ihren Besitz streitig gemacht, bis hin zur völligen Enteignung. Gleichwohl werden nur wenige begreifen, welcher Prozeß sich hierbei abspielt. Deshalb noch einmal: „Kaufen“ heißt „Tauschen“, und zwar Gut gegen Gut, Ware gegen Ware – mit zeitlicher Verzögerung und durch das Tauschmittel „Geld“. Dieser hochanständige und unbestechliche Makler im Dienste verschiedenster Interessen aber ist seit Jahrzehnten eingekerkert im Hochsicherheitstrakt der staatlichen Haftanstalt. Gaukler und Scharlatane täuschen nunmehr seine Existenz vor. Sie können uns nicht auf Dauer täuschen. Reine Papiergeldwährungen sind nun einmal kein Geld. Ohne Geld kann man nicht kaufen, sondern nur rauben. Das weiß jedes Kind.
Gewaltfreie Enteignung
Schon heute befinden sich durch Pseudokäufe immer größere Teile der globalen „Hardware“ in der Verfügungsgewalt Händen einer kleinen Finanzelite. Die vormaligen Selbstversorgungszentren und Kleinhierarchien sind abgeschmolzen zu einer amorphen Masse. Noch gibt es Inseln mittelständischer Kraft, aber auch diese erodieren. Während sich die Eigentümer in Sicherheit wiegen, ist hinter verschlossenen Türen der Besitzerwechsel bereits formal beschlossen. Die Enteignung geschieht geräuschlos, auf gewaltfreiem Wege und zudem unter tätiger Mithilfe der Opfer: ein historisch einmaliger Vorgang! Niemand merkt etwas. Wer kauft, ist anständig. Der Kauf, ein sittlich korrekter, unverdächtiger ökonomischer Akt: niemand schöpft Verdacht. Wo Sprache aus Unmoral Moral macht, wird Unrecht zu Recht und kann weder als solches erkannt noch bekämpft werden.
Auf welchen Handel haben wir in Europa uns da bloß eingelassen! Sind wir im Laufe der Jahrhunderte wirklich klüger geworden, wie wir selbstgefällig meinen? Zur Zeit der großen Entdeckungsreisen spielten sich in den neu entdeckten Kontinenten Dramen ab: aus Mangel an Wissen über echte und falsche Werte, das sie nicht haben konnten, gaben Ureinwohner große Teile ihres wertvollen Besitzes im Tausch gegen wertlosen, aber glitzernden Zivilisationstand hin, welchen die hinterlistigen „Käufer“ als Entgelt darboten. Nur wenig mehr als zwei Jahrhunderte später gibt der aufgeklärte Staatsbürger aus freiem Willen das Kostbarste weg, was der Mensch besitzt: seine begrenzte Lebenszeit! Als Gegenwert für jahrzehntelange Schinderei in Hektik und Zeitnot akzeptiert er bedrucktes Papier, das nicht einmal durch Glitzerglanz das Auge zu erfreuen vermag. Mit heiligem Ernst sammeln die Dummköpfe, die wir selbst sind, die Papierzettel und addieren die aufgedruckten Ziffern im festen Glauben, damit Wohlstand erworben zu haben. Die Wahrheit ist eine andere, und sie ist bitter: Nicht nur unser Land haben wir „verkauft“, sondern auch uns selbst. Gehorsam krümmen wir unsere Rücken vor dem Obereigentümer allen Eigentums, dem „Staat“. Obwohl stets von neuem enttäuscht, klammern wir uns an das immerwährende Versprechen von Glück, Wohlstand und Erlösung. Für diese Illusion ist ein allzu hoher Preis zu entrichten. So lange wir dies nicht begreifen, werden wir uns als Opfer unserer eigenen Einbildung bis zur physischen Erschöpfung um uns selbst drehen müssen wie der Hund, der die Wurst niemals schnappen kann, weil sie an seiner Schwanzspitze festgebunden ist.
Der hanebüchene Eifer europäischer Machteliten, mit der sie die Politik der „Harmonisierung“ verfolgen, bringt Unruhe in unseren alten Kontinent. Die erzwungene Angleichung der Lebensbedingungen in wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Belangen wird jedoch zu Disharmonie führen. Bereits vor Jahrzehnten warnte der deutsche Ökonom Wilhelm Röpke (1899 – 1966) vor dem Versuch, „die wirtschaftliche Integration Europas mit planwirtschaftlichen Methoden ... erzwingen“ zu wollen. „Nationen können wir nicht abschaffen, selbst wenn wir es wollten“, sagte er 1958 im Rahmen eines Vortrags.
Beim Wort „Grenze“ denkt man spontan an Schlagbäume, Zölle, schikanöse Kontrollen, Stacheldrahtzaun und Mauer. Dieses unvollständige Bild ergibt sich aus der semantischen Verengung. Grenzen sind neutrales und unentbehrliches Ordnungsprinzip der Natur. Ohne Grenzen keine vertrauten Muster, ohne Muster keine Orientierung. Der Mißbrauch von „Grenzen“ als Instrument politischer Willkür darf nicht dazu verführen, die Grenze als Ordnungsprinzip generell zu verteufeln: abusus non tollit usum (Mißbrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf).
Grenzen schaffen Bewußtsein
Die Schöpfungsgeschichte berichtet, wie Gott die Erde aus „Nichts“ schuf. Er teilte den amorphen Nebel auf und grenzte die neuen Räume voneinander ab. Die erste Handlung Gottes bestand also darin, Grenzen zu ziehen. Die Vielgestaltigkeit und Unterschiedlichkeit von Entitäten wurde ins Bewußtsein der Welt gehoben: damit erfüllte sich die Grundbedingungen für die Entwicklung von Leben in seiner bestaunenswerten Vielgestaltigkeit.
Der lebendige Organismus besteht aus einer Vielzahl von Zellen, die sich durch eine elastische Scheidewand von den übrigen Zellen abgrenzen. Eine eventuelle Verletzung der Membrane gefährdet den Fortbestand der einzelnen Zelle. Werden viele Zellen gleichzeitig ihrer „Grenzen“ beraubt, so nimmt der ganze Zellverband Schaden und geht unter. Jede der lebendigen „Kleinheiten“ des Kosmos erfüllt artspezifische Aufgaben, deren wichtigste die Selbsterhaltung ist. Allein der Sozialromantiker ist vom melancholischen Irrglauben beseelt, beim Menschen sei dies umgekehrt. Bedingungslose Selbstlosigkeit schwächt gerade das, was den Menschen zu altruistischem Handeln befähigt: die Grenze des eigenen Ich. Der rückhaltlos altruistische Mensch wäre ein psychopathisches Monster.
Das Bewußtsein für das eigene Ich ist uns nicht von Geburt an eigen. Entwicklungspsychologischen Erkenntnissen zufolge vollzieht das Kind die Trennung zwischen sich selbst und der Außenwelt zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr. Dann schlägt die aufregende Stunde, in der das Du entdeckt wird. Das neu entstandene Selbstbewußtsein ist Voraussetzung für die Öffnung des Ich zum Du. Selbstlosigkeit und Gemeinschaftsgefühl können nicht befohlen oder erzwungen werden. Sie sind und bleiben Willensakte freier Menschen, die ihre „Grenzen“ zeitweilig öffnen, um sich mit anderen Menschen zu vereinigen.
Jede intakte Grenze bietet nach innen Geborgenheit und signalisiert Verteidigungsbereitschaft nach außen. Die Grenze umfriedet den Raum. Der Begriff „umfrieden“ ist ein sinnfälliges Wort, denn es belegt, daß Friede und Abgrenzung zusammengehören. Allen Lebens- und Gesellschaftsformen ist das Prinzip der Umfriedung gemein: Haus, Hof, Acker, Grund und Boden, Stadt, Land – um alles zieht der Mensch Grenzen. Selbst den Toten wird ein markiertes Stück Erde auf dem Friedhof zugestanden.
Manche Grenzen sind unsichtbar. Die Durchbrechung des privaten Raums, der wie eine Hülle den eigenen Körper umgibt, wird nur dem geliebten, vertrauten Mitmenschen gestattet. Die Annäherung Fremder wird unter gewissen Bedingungen ebenfalls geduldet: im Gedränge einer Massenveranstaltung oder während einer notwendigen medizinischen Versorgung. Auf die willkürliche Verletzung individueller Grenzen reagieren alle höheren Lebewesen grundsätzlich feindselig, denn zur Bewahrung der Autonomie bedarf es der unbedingten Bereitschaft, den eigenen Lebensraum zu verteidigen. Wehe dem, dessen Wehrhaftigkeit sichtlich geschwächt ist!
Harmonie braucht Unterschiede
Eine musikbegeisterte Schulfreundin hat es mit Selbstdisziplin und großem Übungsfleiß zur Konzertpianistin gebracht. Schon als junges Mädchen besaß sie eine Sammlung von Schallplatten mit klassischer Musik. Gelegentlich lud sie mich zu sich ein, und wir lauschten im abgedunkelten Zimmer den Symphonien von Beethoven, Mozart oder Schubert. Die tellergroßen Vinylplatten drehten sich auf dem Abspielgerät. Es knisterte leise, ehe die Gewalt der Klänge den Raum erfüllte. Harmonie kann Gänsehaut hervorrufen.
Musikalische Harmonie verdankt sich dem Zusammenspiel grundverschiedener Instrumente und Tonfolgen. Eine Beethoven-Symphonie, lediglich von einer Schar Flötisten aufgeführt, ist unvorstellbar. Welche Torheit begehen doch die Eurokraten, wenn sie das wunderschöne Wort „Harmonie“ mißbrauchen für ihre politischen Planierarbeiten. Weil sie taub sind für Wohlklang und Freiheit, werden sie nicht eher ruhen, als bis alle Instrumente des „Orchesters“ einander gleichen. Sie wollen die Flöte mit nur einem Loch. Aus diesem letzten Loch soll dann jeder von uns pfeifen dürfen.
An Europa haben sich im Laufe der Geschichte viele versucht – meist vergeblich, wie wir aus der Geschichte wissen. Gleichwohl startet die Zentralregierung in Brüssel einen neuen Anlauf. Europas Völker ächzen im Prokrustesbett der Gleichmacherei. Die Schergen sind in höchstem Maße amusisch, sie halten das Stöhnen der Behandelten für Musik. Ihre Ohren sind taub für Harmonie.
„Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“, spricht der Tod in Goethes Erlkönig, ehe er die Seele des Knaben gewaltsam an sich reißt. Die dunklen Mächte indes, welche von Brüssel aus in alle Richtungen schwirren, um der Seele Europas habhaft zu werden, verzichten auf solch deutliche Warnung. Ihre Stimmen klingen lockend süß und verführerisch. Sie machen törichte Versprechungen. Aber so ist nun einmal der Mensch: an das Absurde glaubt er am liebsten: Credo, quia absurdum est.
Bolschewistische „Eintopfrezepte“
Wie rasch sind Gebäude niedergerissen, Mauern zertrümmert, Kunstwerke zerstört! Von Arthur Schopenhauer ist folgender Aphorismus überliefert: „Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.“ Beim Versuch, Ungleiches gleichmachen zu wollen, werden natürliche Grenzen zerstört. Solche Grenzen sind lebendig, sie sind das Werk evolutionäre Kräfte. Kein Mensch kann das Wunder vollbringen, Totes wieder lebendig zu machen.
Selbst die Bolschewiki mußten dies einsehen. Sie scheiterten beim Versuch, einen neuen Menschentyp zu schaffen. Das Erziehungskonzept war so brutal wie einfach. Es bestand im Niederreißen der intimsten Grenzen, die ein Mensch besitzt: die Möglichkeit, den eigenen Körper und die persönlichen Lebensäußerungen vor fremden Menschen verbergen und zu können.
Um das Jahr 1928 wurden in Rußland die sogenannten „kommunalka“ (Gemeinschaftswohnungen) errichtet. In einem umfangreichen Werk mit dem aussagestarken Titel „Die Flüsterer“ zeichnet der Autor Orlando Figes das Leben in Stalins Rußland nach. Auf Seite 276 schreibt Figes: „Die Gemeinschaftswohnung war ein Mikrokosmos der kommunistischen Gesellschaft. Indem sie die Menschen zwangen, ihren Wohnraum zu teilen, glaubten die Bolschewiki, sie in ihrem grundlegenden Denken und Verhalten kommunistischer machen zu können. Privaträume und -eigentum sollten verschwinden und an die Stelle des Familienlebens kommunistische Brüderlichkeit und Organisation treten, das Privatleben des Individuums würde der Überwachung und Kontrolle durch die Gemeinschaft unterworfen sein.“
Wie nicht anders zu erwarten, mißlang das bolschewistische Rezept. Was in den Gemeinschaftswohnungen blühte, waren nicht Gemeinschaftssinn, Hilfsbereitschaft und Zusammenarbeit, sondern Spitzeltum, pausenlose Überwachung und Denunzierung. Jeder hatte vor jedem Angst ... Die Zwistigkeiten unter den zwangsharmonisierten Menschen nahmen derart zu, daß es nötig wurde, auf jeder Etage einen „Wohnungsbeauftragten“ ins Amt zu setzen. Dies ist deshalb bemerkenswert, weil sich aus dieser Praxis das Blockspitzelwesen entwickelte – im Kern ein perfektes System der gegenseitigen Kontrolle der Menschen. Ohne die rechtlich geschützte Institution des Eigentums, ohne die Möglichkeit der individuellen Abgrenzung nach außen steht jeder Mensch und jede Gemeinschaft immerzu im Verdacht, gestohlen zu haben. Hohe Zäune, gute Nachbarn, sagt der Volksmund. Fehlende Abgrenzungen geben Anlaß zu Feinseligkeiten und sind Quelle ständiger Reibereien.
Und nun Europa! Vor unseren Augen entsteht eine Art überdimensionierte „kommunalka“. Im politisch gewaltsam entgrenzten Raum sollen wir, das Volk, uns mit anderen Völkern verbrüdern und zu Europäern werden, die in vollkommenem Gemeinsinn bereit sind, sich selbst, Heimatbindung und Eigentum aufzugeben. Gemeinschaftsküche und Gemeinschaftsklo dort und dazumal, Gemeinschaftswährung hier und heute. Man braucht kein Prophet zu sein, um den zwangsvereinigten Völkern Europas dasselbe Schicksal vorherzusagen, welches die Bewohner der russischen Gemeinschaftswohnungen durchlitten haben.
Selbes Drama, selbes Drehbuch
Aber keine Sorge. Was gewaltig aufsteigt, wird eines Tages fallen. Jedes irdische Phänomen scheitert an sich selbst ab einer bestimmten Übergröße. Nichts ist so unerbittlich wie die Schöpfungsgesetze es sind. Napoleon hatte im ausgehenden 19. Jahrhundert fast ganz Europa unter die Fuchtel Frankreichs gebracht, ehe er die endgültige Niederlage bei der Völkerschlacht von Leipzig hinnehmen mußte. Der Wiener Gesandte Fürst Metternich sagte bereits am 23. Juni 1813 während einer Audienz bei Napoleon voraus, daß nun der Zeitpunkt gekommen sei, wo Napoleon die Rechnung schließen solle. Napoleon schrie ihn an: „Einen Mann wie mich, den kümmert es einen Scheißdreck, ob eine Million Mann zugrunde geht!“ Metternich machte einen Schritt zur Tür und antwortete fragend: „Warum sagen Sie mir das unter vier Augen, Sire? Wir wollen die Tür öffnen, Ihre Worte werden dann von einem Ende Europas an das andere gehört werden.“
Und – sind heutige Machthaber etwa besser? Nun ja, sie bleiben bescheiden im Hintergrund und setzen sich nicht selbst vor aller Öffentlichkeit die Krone aufs Haupt. Lieber genießen sie ihr Leben inkognito, lassen andere an ihrer statt arbeiten und regieren. Doch in einer Angelegenheit gleichen sie dem Korsen aufs Haar: es kümmert sie einen „Scheißdreck“, was nach der geplanten „Harmonisierung“ aus den Millionen argloser Bewohner des europäischen Kontinents wird; sie verlieren keinen Gedanken an die Gefährdung der einmaligen Kulturräume; es ist ihnen gleichgültig, wie die Menschen die Enteignung ihres Besitzes, ihrer Heimat und ihrer selbst verkraften werden. Mit einer giftigem Mischung aus Halbwahrheiten, Lügen und Gesetzesbrüchen unterwandern sie alle möglichen Grenzen, öffentliche wie private. Sie bedienen sich aus den Sparbüchsen derer, denen sie zum Ausgleich ein perfides Schauspiel auf medialen Plattformen bieten. Mit dem Drucken von Scheingeld finanzieren sie ihr eigenes – und ja, man muß es einmal sagen dürfen! – nutzloses Dasein, sowie das Wohlleben ihrer gleichsam unproduktiven Günstlinge. Und sie tun es nicht einmal aus Bosheit, weshalb es schwer ist, ihnen böse zu sein! Sie glauben sich im Recht.
Seit Menschengedenken wird auf der Bühne der Geschichte ein und dasselbe Drama nach ein und demselben Drehbuch aufgeführt. Weil jedoch die Schauspieler in wechselnden Roben und mit verstellten Stimmen auftreten, wird das Publikum jedesmal aufs neue getäuscht. Weder hebt der Bösewicht von heute seine ausgestreckte Rechte, noch steckt er diese in eitler Selbstdarstellung ins weiße Wams.
Nur bloß nicht zurück!
Immer wieder hören wir die Warnung: Scheitert der Euro, so scheitert Europa! Was heißt das? Drohen etwa Grenzsperre und Mauerbau? Lassen wir uns doch nicht zum Narren machen! Die Alternative „Europa oder Unfrieden“ ist falsch – eine plumpe Angstpropaganda der Europaprofiteure. Wer sich mit Geschichte befaßt, weiß, daß ein friedliches und wirtschaftlich prosperierendes Europa der Vaterländer möglich ist: denn es war bereits einmal verwirklicht. Das Vorkriegseuropa bot den Bürgern in jeglicher Beziehung Annehmlichkeiten, von denen wir heute nur träumen können. Eine davon war die völlige Reisefreiheit. Vor 1914 konnte jedermann reisen, wohin er wollte – und dies alles ohne Pässe und andere Förmlichkeiten. Ein Minimum an Regulation und eine niedrige Staatsquote machten unternehmerisches Handeln attraktiv. Vertragsfreiheit und Planungssicherheit prägten das wirtschaftliche Klima, Europa florierte. Die unterschiedlichen Währungen waren kein Problem, da sie zueinander auf fester Grundlage im Verhältnis zum Gold gehalten wurden. Dadurch wurden die Bewegung des Kapitals und des Handels erleichtert. Es „herrschte fast vollkommene Sicherheit des Eigentums und der Person.“ Und die Quelle dieser Information? Man hält es kaum für möglich: Ausgerechnet der Ökonom John Maynard Keynes erklärt uns das Vorkriegseuropa aus dieser Perspektive. Er ist Verfasser einer Streitschrift, die bei ihrem Erscheinen großes Aufsehen erregte, denn es ist das glühende Bekenntnis zu Freiheit, Eigentum und Selbstbestimmungsrecht der Völker. Das Manuskript für dieses Buch entstand 1919 unter dem Eindruck der Versailler Vertragsverhandlungen, an denen Keynes als Vertreter des britischen Schatzamtes teilgenommen hatte. Aus Protest gegen die unbarmherzigen und irrationalen Reparationsforderungen, mit welchen die Siegermächte das ausgeblutete und geknechtete Deutschland konfrontierten, trat Keynes zurück.
Er veröffentlichte sein Buch unter dem Titel „Krieg und Frieden“. Wir brauchen keinen europäischen Zentralstaat, um den internationalen Handel voranzubringen! Die wirtschaftlichen Verflechtungen der Industrienationen waren vor dem Ersten Weltkrieg weiter vorangeschritten, als sie es heute sind. Im Vorwort zu besagtem Werk, das 2006 neu aufgelegt wurde, schreibt die Historikerin Dorothea Hauser: „Tatsächlich ist der weltwirtschaftliche Globalisierungsgrad, der die europäisch dominierte Wohlstandsepoche in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg auszeichnete, bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts, also in unseren Tagen, noch nicht wieder erreicht worden.“ Und das trotz beispielloser technologischer Schübe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Vereinigung durch Teilung
Natürliche Grenzen schützen das private Eigentum und können daher flexibel und durchlässig sein. Autonome Wirtschaftssubjekte handeln im eigenen Interesse und nicht auf Befehl politischer Instanzen, von denen sie gegängelt und kontrolliert werden. Den bestmöglichen Rahmen zur Entwicklung eines prosperierenden Marktes bietet der Föderalismus, denn dessen natürliche Grenzen schotten die Räume nicht ab, sondern bringen Menschen zusammen. Föderale Grenzen schützen das Eigentum und bieten gleichzeitig Reise- und Handelsfreiheit.
Der im Jahr 2000 verstorbene österreichische Dichter Ernst Jandl schrieb: „Dem Denken sind keine Grenzen gesetzt. Man kann denken, wohin und soweit man will.“ Und so erlaube auch ich mir, zu denken – und zwar ein Europa mit Grenzen. Ja, ich wünsche mir tatsächlich viele Grenzen! Allerdings träume ich von natürlichen Grenzen mit Räumen, in denen das Eigene geschützt ist und lebendige Vielfalt gedeihen kann. Wo Leistungsfähigkeit und Sparsamkeit belohnt werden. Wo Verträge eingehalten werden und Planungssicherheit herrscht. Ich wünsche mir Grenzen, die dem zentralistischen Monster ein bedingungsloses Stop gebieten, auf daß es sich zurückziehe hinter die gläsernen Fassaden der protzigen Brüsseler Herrschaftspaläste.
Dem österreichischen Rechtswissenschaftler und Wirtschaftsphilosophen Leopold Kohr ((1909 – 1994) ist beizupflichten, wenn er ausspricht, was nur auf den ersten Blick als Paradoxon erscheint: Vereinigung könne lediglich durch Teilung erfolgen. Dezentralisation sei die Voraussetzung für wohlstandsfördernden Wettbewerb unter den Völkern Europas. Kohr lehrt, daß es für jede Entität eine kritische Größe gebe. Werde diese überschritten, so setze Selbstzerstörung ein. Den „überentwickelten Nationen“ widmete Kohr ein ganzes Werk. Darin prophezeit der Autor den aufgeblähten Staaten ein baldiges Ende. Es gibt nur einen einzigen Weg der Rettung, und der lautet: Zurück zum menschlichen Maß! Was nichts anderes heißt als: Begrenzung der Staatsmacht.
Die Räume, die wir schaffen, prägen uns
Nur das Europa der Vaterländer kann stark sein. Einer der Urheber der amerikanischen Verfassung hat während der konstituierenden Versammlung von 1878 betont: „Die Stärke der Zentralregierung wird nicht in der Größe, sondern in der Kleinheit der Staaten liegen.“ Gemeint war damit, daß diese „kleinen“ Staaten in einem föderalistischen System so frei wie möglich konkurrieren und arbeitsteilig wirtschaften können. Die Haushaltsrechte wurden nicht angetastet. Man war aufeinander angewiesen, und damit unterwarf man sich ohne Zwang von oben der Zentralregierung, die sich aus internen Fragen der Föderationsländer heraushielt. Wie gegensätzlich ist der Plan, den Architekten des vereinten Europa ausgearbeitet haben: ein einziger Großraum ohne Innenräume!
Unsere Lebensgewohnheiten formen sich an der physischen Welt und ihren Grenzen. Das Universum ist materiell. Wir dringen nicht durch Mauern, sondern lenken unsere Schritte durch Türen, und zwar genau dort, wo wir sie eingebaut haben. Unsere Lebens- und Denkgewohnheiten richten sich nach den äußeren Umständen in höherem Maße, als uns das bewußt ist. Als Winston Churchill sich für die Wiederherstellung des britischen Unterhaus-Sitzungssaales in seiner alten beengenden Rechteckform einsetzte, sagte er: „Wir formen unsere Bauten, aber unsere Bauten formen uns.“ Kleinräumigkeit wirkt dämpfend auf Übermut – dem unartigen Sproß des Größenwahns. Lehrmeister der Demut ist die Kleinheit.
Die Grille und die Ameise
Wo Unordnung herrscht, verlieren wir die Orientierung. Wir sind angreifbar, doch wo verbirgt sich der Feind? In einer bekannten Fabel von La Fontaine wird geschildert, wie eines schönen Wintertages die Grille an die Tür der Ameise klopft. Die Bittstellerin droht zu verhungern, da sie, anders als die fleißige Ameise, im Sommer keine Vorräte angelegt hat. Die Ameise begegnet dem Begehr der Grille mit folgenden Worten:
„Zur Sommerzeit, sag doch, was hast du da getrieben?“
„Tag und Nacht hab' ich ergötzt durch mein Singen alle Leut'.“
„Durch dein Singen? Sehr erfreut! Weißt du was? Dann tanze jetzt!“
Wer es in Europa mit emsiger Arbeit, persönlichem Verzicht und eisernem Sparen zu bescheidenem Wohlstand gebracht hat, bei dem klopft es heute ebenfalls an die Tür, immer lauter, immer heftiger. Indes, der Bedrängte befindet sich in einer unbequemen Lage. Anders als die Ameise hat man ihm die Verfügungsgewalt über seine materiellen Vorräte aus der Hand gewunden, unter allerlei Vorwänden und listigen Versprechungen. Nun sitzt der arme Tropf auf einem Haufen bedruckten Papiers. Längst ist verloren, was zu besitzen er glaubte. Die Grillen tanzen immerfort.
Schuld an der bösen Entwicklung trägt ein Geist, der vor einigen Jahrzehnten aus der Flasche entwichen ist und sich seither unaufhaltsam aufbläht: das Fiatgeld. Es durchdringt in heimtückischer Weise alle Lebensbereiche, zerstört Moral und Eigentumsordnung, nährt Neid und Disziplinlosigkeit. Mit Trugbildern lockt das Scheingeld die Menschen in den Abgrund. Staunend beobachten wir eine ratlose Machtelite, die nicht mehr weiß, wie sie diesen Geist in die Flasche zurückbeordern soll.
Dieser Essay ist zuerst erschienen in "eigentümlich frei" Nr. 126, Oktober 2012
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Empfehlenswerte Lektüre zum Thema:
Wilhelm Röpke. Marktwirtschaft ist nicht genug. Gesammelte Aufsätze. Manuskriptum Verlag 2009
Speziell zum Thema Europa: Kapitel V – „Europäische Integration“
Orlando Figes. Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland.
Berlin Verlag 2008
John Maynard Keynes. Krieg und Frieden. Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles.
Berenberg Verlag 2006
Leopold Kohr. Die überentwickelten Nationen.
Otto Müller Verlag, Salzburg 2003
Leopold Kohr. Das Ende der Großen.
Otto Müller Verlag, Salzburg 2002
Der österreichischer Rechts- und Staatswissenschaftler, Wirtschaftsphilosoph Leopold Kohr empfahl die Rückkehr zum menschlichen Maß. Für alle Phänomene gebe es die „richtige Größe“. In den 70er Jahren wurde der Slogan „small is beautiful“ bekannt. Kleine Staaten und soziale Einheiten seien effizienter und friedlicher als große, schreibt Kohr – und er belegt es mit zahlreichen Beispielen. Die Lektüre seiner Werke sei jedem Interessierten empfohlen, denn Kohr schreibt nicht nur klug, sondern versteht es, seine bemerkenswerte Botschaft auf amüsante Weise zu verkünden.
Der Beobachter ist irritiert. Er fragt beim Unternehmen nach: „Warum wird weitergearbeitet, obwohl die Probebohrungen negativ waren?“ Der verantwortliche Unternehmer sagt: „Erstens haben wir schon zu viel investiert, da können wir doch jetzt nicht einfach mit den Arbeiten aufhören. Zweitens brauchen wir das Gold unbedingt, wir können nicht drauf verzichten.“
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Da gab es doch eine Rechtschreibreform, bei der sich gleich zu Beginn deren Inkonsistenz und Unbrauchbarkeit herausgestellt hat. Darauf angesprochen, hörte man von Betreibern, Mitläufern und Nutznießern des Vorhabens unisono diesen Satz: „Die Reform wird nicht mehr rückgängig gemacht werden, dafür steckt schon zu viel Investition drin.“
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Eine Wandergruppe hat sich verlaufen. Die Hütte, zu welcher man unterwegs ist, liegt in Sichtweite, aber dazwischen befindet sich ein tiefer Graben. Ein Mann tastet sich bis zum Abgrund vor und klärt die Gruppe auf: „Es gibt in der Felswand keinen Klettersteig. Außerdem sind wir nicht fürs Klettern ausgerüstet. Wir müssen umkehren.“ Da hagelt es Proteste und Schmähungen. Man sei stundenlang gewandert, und jetzt solle man die ganze Strecke wieder zurückgehen? Unzumutbar! Außerdem sei man hungrig und müde und möchte endlich in die Hütte einkehren.
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Sagt der Buslenker zu den Fahrgästen: „Der Benzintank ist nur noch halbleer. Auf der Überlandstrecke gibt es keine Tankstelle.“ Die Fahrgäste beraten, was zu tun sei. Die Mehrheit ist dafür, weiterzufahren. Es sei bereits später Nachmittag, und man möchte doch noch vor dem Dunkelwerden ans Ziel kommen. Der Busfahrer solle halt eben etwas schneller fahren.
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Sagt die Frau zum Mann: „Diese teuren Schuhe hier sind mir zu eng, meine Zehen sterben ab, wenn ich drin laufe.“ Sagt der Mann zur Frau: „Wirf sie in den Mülleimer!“ Empört sich die Frau: „Was glaubst du! Ich hab die Schuhe teuer bezahlt, jetzt zieh ich sie auch an! Ich geh mal zum Arzt, damit der mir ein Schmerzmittel verschreibt.“
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In schlechten Zeiten freut man sich über jeden Unsinn, der einen zum Lachen bringt. Deshalb hier eine weitere Glosse:
Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Staatshaushalte aller europäischen Länder zerrüttet, insbesondere die Lage Frankreichs und Italiens war hoffnungslos. „Diese Länder gingen dem Staatsbankrott entgegen. Die Tatsache ließ sich nur verheimlichen, wenn man die Hoffnungen auf ungeheure Einnahmen vom Feinde nährte.“ Der Feind war Deutschland, und dessen Leistungsfähigkeit wurde derart überschätzt, daß dem durch den Krieg ausgezehrten und zerstückelten Land ungeheure Reparationslasten aufgebürdet wurden. Nun saß man in Versailles beisammen und beratschlagte. „Die Finanzlage Frankreichs und Italiens war so schlecht, daß es unmöglich war, sie in der Frage der deutschen Kriegsentschädigung zur Vernunft zu bringen …" Man kann aus einem Land nicht mehr herausholen, als es selbst in der Lage ist zu produzieren. Diese simple Tatsache wurde einfach verdrängt. „In der Unterhaltung mit Franzosen, die Privatpersonen und durch politische Erwägungen gänzlich unbeeinflußt waren, trat diese Seite der Sache klar hervor. Man konnte sie davon überzeugen, daß die geläufigen Schätzungen über den aus Deutschland herauszuschlagenden Betrag völlig phantastisch seien, und doch pflegten sie am Ende immer zu ihrem Anfangspunkt zurückzukehren: Aber Deutschland muß zahlen, denn was sonst soll aus Frankreich werden?“
Oh, Verzeihung. Der letzte Beitrag ist natürlich keine Glosse. Es sind Zitate aus dem folgenden Buch:
John Maynard Keynes. Krieg und Frieden. Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles. (Seiten 95f, Fußnote 10, S. 151f)
Etwaige Ähnlichkeiten mit der aktuelle politische Lage in Europa sind womöglich rein zufällig, gedankliche Schlüsse möge der geneigte Leser selbst ziehen. Der Mensch ist ein irrationales Wesen, wer möchte nicht an diesem Umstand (ver)zweifeln?