Sitzt die Porno-Generation in den Redaktionen? Die Jugend ist besser als ihr Ruf
1 Kommentare | Posted 14.05.2013 10:07
Mit prophetischem Scharfblick analysierte Riesman darin, wie sich in Konsumgesellschaften ein neuer Charaktertypus durchsetzt: An die Stelle der „Innenlenkung" durch das eigene Gewissen tritt immer mehr die „Außenlenkung" durch die Meinung der Anderen (1). Maßgeblich für das eigene Verhalten wird der Wunsch, akzeptiert und beliebt zu sein. In vielen Lebensbereichen frönt der „außengeleitete" Typ einem „Lässigkeitskult": Besonders was Religion und Politik betrifft, kommen Ironie und blasierte Ignoranz bei ihm „besser an" als ernsthafte Überzeugungen (2). Das Sexualleben nimmt der „Außengeleitete" dafür umso ernster: „Die Unsicherheit, wie man dieses Spiel betreiben soll, ist zwar ungeheuerlich, aber die Frage, ob man mitspielen soll, unterliegt kaum einem Zweifel", weil er in seinen Geschlechtsbeziehungen „Daseins- und Selbstbestätigung" suche (3).
Als Riesman die außengeleitete Psyche analysierte, war das heutige Cybersex-Angebot noch unvorstellbar. Zudem war noch vieles tabuisiert, was heute als „gesellschaftsfähig" gilt (4). Trendsetter in der „Umwertung der Werte" (F. Nietzsche) waren und sind die Medien, die mit ihren Unterhaltungsangeboten die Vorstellungen des „Normalen" bis in die intimsten Lebensbereiche hinein verändern (5). Besonders empfänglich für die Einflüsse der Medien sind naturgemäß Jugendliche in der Pubertät. Die mediale Umkonditionierung zielt deshalb besonders auf Jugendliche: Als angesagt gelten nicht Zurückhaltung und umsichtige (Ehe)Partnerwahl, sondern frühzeitige sexuelle Aktivität und erregende „Erlebnisse". Wer bei diesem Spiel nicht mitmacht, erscheint als Sonderling, wenn nicht als zurückgebliebener Außenseiter. In einem eigenartigen Kontrast zum romantischen Bild der Jugend als Zeit des sexuellen „Suchens" steht das Bild einer „verwahrlosten" Jugend - Stichwort: „Generation Porno" (6). Jugendliche zu finden, die in das eine oder andere Klischee passen, ist nicht allzu schwer. Sie bieten Journalisten einen dankbaren „Stoff" für Reportagen über „die Jugend", in denen sich Sehnsüchte und Ängste von Erwachsenen widerspiegeln.
Wie weit solche Storys von der Lebenswirklichkeit der meisten Jugendlichen entfernt sind, zeigen neue Umfragedaten zu den Beziehungserfahrungen 14-17-jähriger Jugendlicher: Die Mehrheit, rund zwei Drittel, hat noch keinen Geschlechtsverkehr gehabt (7). Sexuell aktive Jugendliche sind in diesem Alter also noch in der Minderheit. Ihre „Erfahrungen" machen diese Jugendlichen in der Regel mit einem „festen Partner" anderen Geschlechts. Die Neigung „feste" Beziehungen einzugehen, steigt erwartungsgemäß mit dem Alter der Jugendlichen. Selbst von den 17-Jährigen gibt aber nur ein Drittel an, einen festen Partner zu haben. Der Mehrheit steht diese Lebenserfahrung noch bevor, sie sind damit nicht „spießig" oder gar zurückgeblieben, sondern entwickeln sich schlicht „normal". Denn frühe sexuelle Beziehungen sind gerade kein Indikator für das Lebensglück Jugendlicher, wie dies eine oberflächliche „Sexualaufklärung" oft suggeriert. Im Gegenteil sind sie oft der Versuch, ein mangelndes Selbstwertgefühl zu kompensieren (8). Nicht zufällig gehen Kinder aus zerstrittenen Elternhäusern oft frühe Beziehungen ein - sie suchen die schmerzlich vermisste „Nestwärme" (9). Damit überfordern sie häufig ihre Partner, Enttäuschung und Trennungen sind die Folge - ein Kreislauf, der sich nicht selten später fortsetzt. Immer wieder enttäuschen dann die wechselnden Beziehungen die Hoffnung auf „Daseins- und Selbstbestätigung" und vermehren stattdessen das Unglück.
Junge Menschen über solche „Verblendungszusammenhänge" aufzuklären und ihnen bessere Wege der Lebensführung aufzuzeigen, ist für Eltern und Erzieher schwierig. Dem Versuch, Jugendlichen einen inneren Kompass auch in Beziehungsfragen zu vermitteln, stellen sich die Massenmedien entgegen, die auf kurzfristige Effekte und Äußerlichkeit hin konditionieren. Wer wirklich erziehen will, muss sich trauen, gegen diese Windmühlen zu kämpfen, auch wenn er dafür als Don Quichotte verspottet wird.
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(1) David Riesman: Die einsame Masse, Hamburg 1958, 14. Auflage 1972.
(2) Diese Aussage ist bei Riesman so nicht zu finden, der Verfasser entwickelt hier dessen Argumentation fort.
(3) David Riesman: Die einsame Masse, a.a.O., S. 115 ff.
(4) Hierzu am Beispiel der USA in den 1960er Jahren: Daniel Bell: Die Zukunft der westlichen Welt, - Kultur und Technologie im Widerstreit, Frankfurt am Main 1976, S. 72.
(5) Vielen Medienmachern ist die soziale Akzeptanz „alternativer" Lebensformen ein zentrales gesellschaftspolitisches Anliegen, das sie mit ihrer Arbeit voranbringen wollen. Exemplarisch dafür ist das Thema gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften, das in den Medien im Vergleich zu seiner sozialen Bedeutung weit überrepräsentiert ist. Zur (geringen) Verbreitung dieser Lebensform: http://altewebsite.i-daf.org/71-0-Woche-32-2008.html.
(6) Exemplarisch für eine an schockierenden Einzelfällen ansetzende „Generation Porno"-Berichterstattung: http://www.stern.de/tv/sterntv/generation-porno-je-mehr-sex-desto-besser-639443.html.
(7) Eva-Verena Wendt/Sabine Walper: Sexualentwicklung und Partnerschaften Jugendlicher: Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von 14-17-Jährigen, S. 62-81, in: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, Heft 1/2013, S. 63. Die Autoren beziehen sich hier auf Daten der Beziehungs- und Familienstudie „pairfam". Einschlägig waren in Sachen Jugendsexualität bisher Studien der „BRAVO" und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die seit den 1980er Jahren erhoben wurden. In diesen Studien ist der Anteil der sexuell erfahrenen Jugendlichen deutlich höher als im pairfam-Panel. Wendt und Walper halten es für „denkbar, dass sich bei den Befragungen der BZgA und der Bravo-Studie eher sexuell erfahrene Jugendliche angesprochen gefühlt haben". Ebd, S. 77. Mit anderen Worten: Die Ergebnisse sind sehr wahrscheinlich verzerrt.
(8) Walper und Wendt konstatieren: „So zeigen empirische Befunde, dass frühe sexuelle Kontakte mit Verhaltensproblemen und deviantem Verhalten wie erhöhtem Alkoholkonsum, Delinquenz, Schulproblemen, aber auch depressiven Symptomen in Verbindung stehen. [...] Auch eine große Involviertheit in romantische Beziehungen, d. h. viele wechselnde Partnerschaften im Jugendalter sind mit mehr externalisierenden und internalisierendem Problemverhalten, einer geringeren Leistungsorientierung sowie einer negativeren Selbsteinschätzung verbunden." Ebd., S. 63.
(9) Hierzu Sabine Walper: „Elterliche Ehekonflikte erhöhen das Risiko für vermehrte Sexualkontakte von Jugendlichen (Kim und Smith 1999), und Jugendliche aus einem Umfeld mit hohem familiären Stress und starker Disharmonie der elterlichen Ehe haben häufigere, aber kürzere und instabilere Partnerschaften (Belsky et al. 1991), was für eine geringere Wertschätzung von emotionaler Bindung spricht." Sabine Walper et al: Paarbeziehungen im Jugend- und Erwachsenenalter, S. 117-149, in: Michael Feldhaus/Johannes Huinink (Hrsg.): Neuere Entwicklungen in der Beziehungs- und Familienforschung, Würzburg 2008, S. 118.
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Die Leiden der jungen Mütter oder Fehlinterpretationen einer IFO-Studie
3 Kommentare | Posted 06.05.2013 14:35
Die Studie, so heißt es, „warne" vor einem höheren Kindergeld. Mütter seien die „Leidtragenden" von höherem Kindergeld und Betreuungsgeld. Der Grund für dieses Leid sollen „negative Beschäftigungseffekte" sein, sprich, dass diese Leistungen von ca. 100-200 € Mütter davon abhielten, erwerbstätig zu sein. Vor der vermeintlichen „Verführung" durch Familientransfers sollten Frauen geschützt werden, indem man diese Leistungen kürzt(1).
Das ist das Credo einer Koalition von Arbeitsmarkt- und Gleichstellungspolitikern, es wird nun angeblich durch den Forschungsbericht des IFO-Instituts bestätigt. Vom Betreuungsgeld ist in dem Bericht aber gar nicht die Rede. Er prognostiziert auch nicht die Folgen etwaiger Kindergelderhöhungen, geschweige denn, dass er vor ihnen warnt. Er untersucht lediglich die Kindergeldreform von 1996 auf deren Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeit von Frauen und ihre Geburtenneigung, die Einkommenssituation und die „soziale Teilhabe" von Familien. Die IFO-Forscher betrachten diese Reform als ein „natürliches Experiment", um kausale Effekte des höheren Kindergeldes auf das Verhalten der Mütter finden zu können (2). In ähnlicher Weise haben die Forscher auch versucht die „Effekte" der Kinderbetreuung zu berechnen (3). Trotz oder gerade wegen der komplizierten Analysen sind die Ergebnisse nicht immer eindeutig, oft zeigen sich gar keine Zusammenhänge (4). Besonders für die „soziale Teilhabe" kann das nicht überraschen: Wer würde schon erwarten, dass mehr Betreuungsplätze oder mehr Kindergeld das „ehrenamtliche Engagement" von Eltern fördern?
Auch das Geburtenverhalten lässt sich durch solche Einzelmaßnahmen kaum beeinflussen. Das betonen Bevölkerungsforscher immer wieder, wenn es um das 2007 eingeführte Elterngeld geht, das keine messbaren „Wirkungen" auf die Geburtenrate hatte. Nennenswerte „Effekte" finden die IFO-Forscher folgerichtig nur für die Erwerbstätigkeit und das Einkommen. Wie zu erwarten begünstigen Betreuungsplätze die Erwerbstätigkeit von Müttern. Genau dies ist auch das Ziel des flächendeckenden Betreuungsausbaus, während von einer Kindergelderhöhung nie jemand dergleichen erwartete. Ziel des Kindergelds war es immer, Eltern die Unterhaltslasten für Kinder zu erleichtern, um so die Wohlstandsnachteile gegenüber Kinderlosen zu verringern. Diese Philosophie des „Familienlastenausgleichs" setzte als zentrale Prämisse voraus, dass Kindererziehung nicht bloß ein „Hobby" der Eltern ist, sondern eine Leistung, die auch der Allgemeinheit zu Gute kommt (5). So sah es auch das Bundesverfassungsgericht, das den Gesetzgeber aufforderte zu berücksichtigen, dass Eltern ihren Kindern nicht nur Unterhalt, sondern auch Fürsorge und Zuwendung schuldeten. Dementsprechend habe der Staat dafür zu sorgen, „dass es Eltern gleichermaßen möglich ist, teilweise und zeitweise auf eine eigene Erwerbstätigkeit zugunsten der persönlichen Betreuung ihrer Kinder zu verzichten wie auch Familientätigkeit und Erwerbstätigkeit miteinander zu verbinden" (6). Wahlfreiheit in der Kinderbetreuung lautete also der Auftrag der Verfassungsrichter.
Im Blick auf die Wahlmöglichkeiten von Eltern kommen die IFO-Forscher zu einem überraschend positiven Resultat: Die Kindergelderhöhung, so heißt es, „verschaffte den Familien und hier vor allem den Müttern zusätzliche Freiräume" (7). Das Resultat der erweiterten Wahlmöglichkeiten war, dass Mütter ihre Erwerbstätigkeit verringerten und statt in Vollzeit häufiger in Teilzeit arbeiteten (8). Statt für ein höheres Einkommen entschieden sich diese Mütter dafür, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen (9). Solche Entscheidungen missfallen Zeitgeistmedien, die mit Inbrunst das Ideal der vollzeitberufstätigen Mutter propagieren. In ihrem Weltbild ist weder Platz für die Wahlfreiheit von Eltern noch für die Bedürfnisse von Kindern, die nicht nur „satt, sauber, beschäftigt" sein müssen, sondern Zeit und Zuwendung ihrer Eltern brauchen (10).
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(1) Der Autor paraphrasiert hier den Beitrag: „Ifo-Experten warnen vor höherem Kindergeld" im Handelsblatt vom 29.04.2013. http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/schroeders-familienpolitik-im-fokus-ifo-experten-warnen-vor-hoeherem-kindergeld/8138540.html.
(2) Vgl. Helmut Rainer et. al: Kindergeld - im Auftrag der Geschäftsstelle Gesamtevaluation der ehe- und familienbezogenen Leistungen in Deutschland, München 2013, S. 42 ff.
(3) Helmut Rainer: Kinderbetreuung - im Auftrag der Geschäftsstelle Gesamtevaluation der ehe- und familienbezogenen Leistungen in Deutschland, München 2013, S. 26 ff.
(4) Exemplarisch dafür: Ebd., S. 131-132; Helmut Rainer et. al: Kindergeld, a.a.O., S. 133.
(5) Im Zuge des Paradigmenwechsels hin zur sog. „nachhaltigen" Familienpolitik ist der „Familienlastenausgleich" vergessen bzw. verdrängt worden. In jüngster Zeit scheint das Bundesfamilienministerium dieses Ziel wieder stärker zu beachten, was aber zumindest bisher in den Medien nicht „durchdringt". Siehe hierzu:
http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=34&cHash=e9da0ebda26536e73bfcf6c0dd7c8542.
(6) BVerfGE 99, 216 - 2 BvR 1057/91 vom 10.11.1998. Zusammenfassend zu den „Familienurteilen" des Bundesverfassungsgerichts: Deutscher Familienverband: Verfassungstreue bei der Anerkennung von Familienleistungen - Informationen zum Jahresschwerpunktthema 2006, Berlin 2006.
(7) Helmut Rainer et. al: Kindergeld, a.a.O., S. 148.
(8) Ebd., S. 61-62.
(9) Vgl. ebd., S. 126-127.
(10) Dass die Zuwendung mit der Lebensform der Eltern und ihrer Aufteilung von Berufs- und Erwerbsarbeit zu tun hat, zeigten zum Beispiel die Antworten von Kindern in der „World-Vision-Studie" 2007. Siehe hierzu: „Zeit für Kinder - Erwerbsleben und Familie" (Abbildung unten).

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Je früher die Rente, umso höher die Jugendarbeitslosigkeit
6 Kommentare | Posted 18.04.2013 10:02
Die Europäische Union soll Vorruhestandsregelungen für ältere Arbeitnehmer finanzieren, um Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Statt staatlich finanzierte Arbeitsplätze bereit zu stellen sei es besser, "ein paar Jahre" lang Ältere früher in den Ruhestand zu schicken und Unternehmen zu verpflichten Jüngere einzustellen (1). Genau dieses Rezept hat in Deutschland schon früher nicht funktioniert. Jahrzehntelang gab es großzügige Vorruhestandsregelungen, die es ermöglichten, dass Arbeitnehmer und Beamte mit 55 oder 60 Jahren, manchmal sogar noch früher, in "Rente" gehen konnten. Viele Großunternehmen nutzten diese Gelegenheit, um Personal abzubauen. Die ausscheidenden Arbeiter ersetzten sie durch Maschinen - neue Arbeitsplätze entstanden nicht. Stattdessen stiegen die Kosten für die Sozialversicherungen, für die die Arbeitnehmer mit höheren Beiträgen aufkommen mussten. Diese Praxis ging zu Lasten der Beschäftigten, denen weniger Netto vom Brutto blieb. Gleichzeitig stiegen aus Sicht der Unternehmen die "Lohnnebenkosten", so dass sie weniger Personal einstellten. Die teure Frühverrentungsstrategie geriet damit auch zum Nachteil für die Arbeitslosen, deren Chancen auf Wiederbeschäftigung sich verringerten. So half die Frühverrentung der Politik zwar kurzfristig die faktische Arbeitslosigkeit Älterer "kosmetisch" zu verdecken, schadete mittel- und langfristig aber der Dynamik auf dem Arbeitsmarkt und verringerte so auch die Chancen der Jüngeren, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Gleichzeitig gefährdete die Frühverrentungsstrategie das umlagefinanzierte Rentensystem in einer alternden Gesellschaft, in der immer weniger Jüngere immer mehr Ältere unterhalten müssen. Je früher die Älteren in Renten gehen, desto größer sind die Lasten für die Jüngeren. Anders herum betrachtet: Je später Ältere in Rente gehen, desto leichter lässt sich die Alterung bewältigen (2).
Nach einer jahrelang hart und kontrovers geführten "Standortdebatte" hat sich die Politik schließlich der Wirklichkeit gestellt: Zunächst hat die Bundesregierung Stück für Stück den Frühruhestand eingeschränkt und schließlich die Rente mit 67 eingeleitet. Die Reformen wirkten: Seit der Jahrtausendwende ist die Erwerbsquote 55-64-jähriger Arbeitnehmer in Deutschland um mehr als 20% gestiegen - so stark wie nirgendwo sonst in der Europäischen Union. In der Eurozone liegt Deutschland mit einer Erwerbsquote von über 60% der Älteren an der Spitze; ein annähernd vergleichbares Niveau erreichen nur noch Finnland, Estland und die Niederlande (3).
Das offizielle Ziel der EU, die Erwerbsquote der 55-64-Jährigen bis 2010 auf mindestens 50% zu steigern, hat Deutschland dank dieser Politik übertroffen. Weit verfehlt haben es die Länder Südeuropas: In Spanien liegt die Quote bei knapp 45%, in Griechenland unter 40% und in Italien sogar nur bei 38%. Schwach entwickelt ist die Erwerbstätigkeit Älterer besonders auch in Frankreich (42% insgesamt). Dies gilt vor allem für die Männer, die nach wie vor die Hauptverdiener sind. Ihre Erwerbsquote bleibt in Frankreich noch unter dem Niveau in Italien - in keinem anderen größeren Land der Eurozone sind ältere Männer so selten erwerbstätig (4). Italien und Frankreich gehören gleichzeitig zu den Ländern mit den höchsten Rentenausgaben gemessen am Bruttoinlandsprodukt in der Eurozone. Während in Deutschland dieser Anteil seit der Jahrtausendwende (leicht) gesunken ist, sind die Kosten für das Rentensystem in Frankreich, Italien, Portugal und Griechenland sprunghaft gestiegen (5). Es handelt sich um Länder, in denen ein großzügiger Frühruhestand noch immer üblich ist und von Gewerkschaften und Interessenpolitikern hartnäckig verteidigt wird. Diese kurzsichtige Klientelpolitik hat der Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder massiv geschadet und zu steigender Arbeitslosigkeit geführt (6). Besonders hart trifft es die Jugendlichen, von denen in Frankreich mehr als ein Viertel und in Italien sogar fast 40% arbeitslos sind - mit steigender Tendenz (7). Es wäre widersinnig, diese ruinöse Politik weiter zu fördern, wofür vor allem Deutschland als größter Finanzier der Europäischen Union zahlen müsste. Ein solch wirtschaftlich unsinniger Vorschlag wäre vielleicht politisch verständlich, wenn er von einem Regierungschef aus Südeuropa käme, der seine baldige Abwahl befürchten müsste. Aber dass eine deutsche Kanzlerin indirekt vorschlägt, die Deutschen sollten länger arbeiten, damit in den Südländern eine kontraproduktive Frühverrentungspolitik noch stärker gefördert würde, ist nicht erklärbar.
(1) Vgl.: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/familie/nach-der-unicef-studie-die-griechischen-eltern-gehen-anders-mit-ihren-kindern-um-12148176.html.
(2) Auf diesen Zusammenhang haben Sachverständige immer wieder hingewiesen und damit ein Umdenken der Politik gefördert. Exemplarisch für eine solche Sachverständigen-Stellungnahme: Jürgen Fuchs: Modellrechnungen 2000 bis 2050, S. 338-340, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 25. Jahrgang, Heft 2/2000.
(3) Vgl.: "Beschäftigungsquoten älterer Arbeitnehmer in Europa 2011" (Abbildung), in: http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=36&cHash=5ada1ba832ffb10681e453ed22a506cc.
(4) Vgl. ebenda.
(5) Vgl.: "Wachsende Rentenaufwendungen in der Eurozone - Konsolidierung nur in Deutschland" (Abbildung), ebenda.
(6) Nicht zufällig geht eine niedrige Erwerbsbeteiligung von Älteren regelmäßig mit einer hohen Jugendarbeitslosigkeit einher. Siehe hierzu: "Erwerbstätigkeit Älterer - Jugendarbeitslosigkeit" (Abbildung unten).
(7) Neben der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft spielt für die Arbeitsmarktchancen von Jugendlichen natürlich das Ausbildungssystem eine Schlüsselrolle.
Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=27&cHash=24d64b5bbb4e77219aaab3e7747d272b; http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=31&cHash=91278acbb4198b80ddd2e281bff63e43. (8) Zu den Gerechtigkeitsdefiziten der "Eurorettungspolitik": http://altewebsite.i-daf.org/474-0-Wochen-24-25-2012.html.
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Euro und Arbeitslosigkeit: Alternativen gesucht
0 Kommentare | Posted 06.04.2013 16:35
Die Wirtschaftskrise in Europa scheint die Deutschen bisher zu verschonen. Deutsche Waren und Dienstleistungen sind in der ganzen Welt gefragt, neben dem Export floriert auch die Bauwirtschaft, Immobilienvermögen erzielen in den Ballungsräumen satte Wertsteigerungen und die Beschäftigung erreicht ein historisches Rekordniveau: Während das Beschäftigungsniveau seit 2007 in den anderen Industrieländern zurückging oder bestenfalls stagnierte, stieg es in Deutschland weiter kräftig an. Unter den großen Industrieländern liegt Deutschland mit einer Erwerbsquote von 76,5% (2011) an der Spitze - noch vor Japan, Großbritannien und den USA (1). Deutschland hat damit das von der Europäischen Union für 2020 vorgegebene Ziel einer Erwerbsquote von 75% Prozent der erwachsenen Bevölkerung übertroffen (2).
Im krassen Gegensatz dazu steht die Entwicklung in den Euro-Krisenstaaten: Ihre ohnehin niedrigeren Erwerbsquoten brechen weiter ein. Besonders dramatisch ist die Situation bei den Männern, die in den meisten Haushalten nach wie vor die Haupternährer sind. In Griechenland, Portugal und Spanien sind ihre Erwerbsquoten um ca. 10%, in Irland um fast 15% zurückgegangen (3). Ein Ende des Absturzes ist nicht in Sicht, im Gegenteil, immer tiefer rutschen auch Italien und Frankreich in die Krise. Sie trifft zunächst die Jungen, die Zugang zum Arbeitsmarkt suchen: In Frankreich sind inzwischen mehr als ein Viertel, in Italien annähernd 40% der unter 25-Jährigen arbeitslos. In Spanien haben mehr als 55% und in Griechenland fast 60% der Jugendlichen keine Arbeit. Auch den Älteren fehlen immer häufiger Arbeit und Einkommen: In Andalusien beispielsweise ist ein Drittel der gesamten Erwerbsbevölkerung arbeitslos (4). Der wirtschaftliche Niedergang bedroht die Existenz von Millionen, zumal soziale Mindestsicherungssysteme in Südeuropa nur rudimentär vorhanden sind. Angesichts dessen ist es verständlich, dass die von Deutschland befürwortete Spar- und Reformpolitik auf Ablehnung und Zorn trifft.
Ebenso verständlich ist es, dass die deutsche Bundesregierung versucht, Kredithilfen an Reformauflagen zu binden. Eigene Schulden, Belastungen durch die demographische Alterung, vielerorts marode Infrastrukturen und eine teure „Energiewende" - weitere Hunderte Milliarden für die „Eurorettung" hat auch Deutschland nicht zu verschenken. Vor allem aber: Die gegenwärtige Prosperität ist den Deutschen nicht in den Schoß gefallen, sondern hatte einen hohen Preis: Eine moderate Lohnpolitik und flexibilisierte Arbeitsmärkte ließen die Reallöhne über mehr als ein Jahrzehnt stagnieren, wenn nicht sinken (5). Gleichzeitig wurden Sozialleistungen schmerzhaft gekürzt - Stichwort: „Hartz-IV" - und im Rentensystem gespart: Deutschland ist das einzige Land in Europa, in dem der Anteil der Rentenleistungen am Bruttoinlandsprodukt nicht gestiegen, sondern (leicht) gesunken ist. Am stärksten gestiegen sind die Rentenaufwendungen ausgerechnet im „Rettungsschirmland" Portugal (6). Nun hat Portugal als relativ armes Land Nachholbedarf. Gerade deshalb hätten die Portugiesen ihre konsumtiven Ausgaben einschränken müssen, um in Infrastruktur, Forschung und Entwicklung investieren zu können. Stattdessen haben sie ihre Löhne und Renten kräftig erhöht - begünstigt durch niedrigere Zinsen nach Einführung des Euro, die es vorübergehend erleichterten weitere Schulden aufzunehmen. Die portugiesische Wirtschaft verlor so an Leistungsfähigkeit. Die einst niedrige Arbeitslosenquote (ca. 5%) hat sich im Vergleich zum Jahr 2000 mehr als verdreifacht - Tendenz weiter steigend (7). Um wieder wettbewerbsfähig zu werden, müssten in Portugal - ähnlich wie in Griechenland - Löhne und Preise um 30-40% sinken (8). Eine solch drastische „interne Abwertung" lässt sich politisch in keinem demokratischen Land durchsetzen - zuletzt wurde in Italien Mario Monti für wesentlich geringere Einschnitte abgestraft.
Wenn sich aber die deutsche „Austeritätspolitik" nicht durchsetzen lässt, welche Optionen bleiben dann? Die Südländer und Frankreich fordern eine „Politik des leichten Geldes", also mehr Inflation und mehr Schulden, um die Wirtschaft „anzukurbeln". Immer lauter werden ihre Schuldvorwürfe gegenüber Deutschland, und Stück für Stück hat die Bundesregierung ihrem Verlangen nach einer Abkehr von der Spar- und Reformpolitik schon nachgegeben. Im Eurozwist setzen sich so nicht die „best practices", sondern die ineffizientesten und sozial ungerechtesten Modelle durch. Auch den Deutschen droht damit ein tiefer Abstieg - alternative Lösungswege werden immer dringlicher (9), gerade auch für Deutschland. Auch Alternativen würden unvermeidlich Kosten verursachen, das Euro-Experiment hat so oder so einen hohen Preis. Entscheidend ist jedoch, dass sie das Leben auf Kosten anderer erschweren und die Länder zur Eigenverantwortlichkeit zurückführen.
(1) Vgl.: „Arbeitsmarktentwicklung nach der Weltfinanzkrise" (Abbildung), in: Link folgen.
(2) Zu den Zielen der EU: http://ec.europa.eu/europe2020/targets/eu-targets/index_de.htm.
(3) Vgl.: „Männererwerbstätigkeit - Entwicklung seit 2000" (Abbildung unten).
(4) Zu den aktuellen Arbeitslosenzahlen: Link folgen.
(5) Siehe hierzu: http://altewebsite.i-daf.org/474-0-Wochen-24-25-2012.html.
(6) Vgl.: „Wachsende Rentenaufwendungen in der Eurozone - Konsolidierung nur in Deutschland" (Abbildung), in: Link folgen.
(7) Vgl.: „Grassierende Arbeitslosigkeit in der Eurozone" (Abbildung unten).
(8) Vgl.: Hans-Werner Sinn: Die Target-Falle. Gefahren für unser Geld und unsere Kinder, München 2012, S. 105 ff.
(9) Solche Alternativen gibt es; ernsthaft zu erwägen wären insbesondere geordnete Staatsinsolvenzen und die Einführung von „Parallelwährungen", um den Krisenländern eine gangbare Möglichkeit zur Abwertung zu eröffnen. Siehe hierzu: Artikel in der freien Welt.


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Gender-Pay-Gap: Musterbeispiel der Manipulation
7 Kommentare | Posted 26.03.2013 11:18
Arbeitgebervertreter erklären dies als Ergebnis privater Entscheidungen freier Individuen; Feministinnen interpretieren dagegen diese Verhältnisse als erzwungen durch den Druck überkommener „Geschlechterhierarchien" im Privat- wie im Berufsleben (2). Einig sind sich beide Seiten darin, dass die Frauen ihr Verhalten ändern sollen: Sie sollten häufiger lukrative technische Berufe wählen, ihre Erwerbstätigkeit trotz Kindern fortsetzen und sich statt für Teilzeit- öfter für Vollzeitstellen entscheiden. Unterdessen habe der Staat für die Ganztagsbetreuung der Kinder zu sorgen - als Best-Practice-Vorbild dafür firmieren die nordischen Staaten(3).
In Skandinavien sind Frauen besonders häufig erwerbstätig; ihre Erwerbsquoten bleiben kaum hinter denen der Männer zurück. Die feministische „Planvorgabe" wäre erreicht, wenn die Frauen nun für ihre Arbeit auch genauso gut bezahlt würden wie die Männer. Genau das ist in Nordeuropa aber nicht der Fall: Je nach Land verdienen Frauen dort - bezogen auf die Bruttostundenlöhne - zwischen 16% (Schweden) und 20% (Finnland) weniger als Männer. Das „Gender Pay Gap" (Gehaltslücke) ist damit etwas kleiner als in Deutschland (23%), zugleich aber deutlich höher als in Ländern, die gleichstellungspolitisch als „rückständig" gelten, zum Beispiel Irland, Polen, Portugal und Italien. Die kleinste Gehaltslücke findet sich nach Eurostat-Zahlen in Italien und Malta (ca. 6%), also ausgerechnet in den Ländern, in denen Frauen in Europa am seltensten erwerbstätig sind. Das gleichstellungspolitische Ideal geringer Verdienstunterschiede und zugleich einer hohen Frauenerwerbsquote ist in Europa nirgends zu finden. Mit höherer Frauenerwerbsquote nehmen die Verdienstunterschiede im Ländervergleich nicht ab, sondern tendenziell sogar zu (4).
Das scheint zunächst ein Paradox zu sein. Es lässt sich aber aus den Erkenntnissen der Geschlechterforschung heraus erklären: Demnach sind in hochzivilisierten Gesellschaften die Lebensentwürfe der Frauen vielfältiger als die der Männer, für die mehrheitlich beruflicher und finanzieller Erfolg Priorität hat. Zwar gibt es auch Frauen, die sich primär für Erwerbsberuf und Karriere interessieren, sie bilden aber nur eine Minderheit von etwa einem Fünftel aller Frauen. In der Öffentlichkeit sind sie überrepräsentiert, da fast alle Meinungsbildnerinnen, vor allem Journalistinnen und Politikerinnen, dieser Gruppe angehören und ihre Interessen vertreten. Den Gegenpol zu ihnen bilden Frauen, deren Lebensschwerpunkt Haushalt und Familie sind. In der Öffentlichkeit haben diese familienzentrierten Frauen keine Lobby, obwohl ihr Bevölkerungsanteil dem der Karrierefrauen vergleichbar ist (ca. 20%). Die Mehrheit der sog. „adaptiven" Frauen (ca. 60%) versucht, Familie und Erwerbsarbeit zu verbinden, eine zentrale Rolle spielt dabei die Teilzeitarbeit (5).
Dieses Muster ist international vorherrschend, während sich die Frauenerwerbsquoten stark unterscheiden. Das bedeutet nun: In Ländern mit niedrigen Frauenerwerbsquoten sind die (relativ wenigen) Arbeitnehmerinnen eher karriereorientiert, sie arbeiten oft in Vollzeit und wählen ähnliche Berufe wie die Männer. Hohe Frauenbeschäftigungsquoten bedeuten dagegen, dass viele Frauen erwerbstätig sind, für die berufliche Karriere nicht das Zentrum ihrer Lebensplanung ausmacht. Sie präferieren oft eine Teilzeiterwerbstätigkeit oder wählen Berufe wie Lehrerin, die sich relativ gut mit der Familienarbeit vereinbaren lassen. Die entscheidende Frage ist dann nicht mehr, ob Frauen erwerbstätig sind, sondern für welche Art der Erwerbstätigkeit sie sich entscheiden. Gerade in wohlhabenden Ländern mit hohen Frauenerwerbsquoten wie Norwegen arbeiten Frauen häufig in Teilzeit und in „typisch weiblichen" Berufen und verdienen deutlich weniger als Männer (6). Als Indikator für „Rückständigkeit" eignet sich das „Gender Pay Gap" also sicher nicht, seine undifferenzierte Skandalisierung in den letzten Jahren war ein Musterbeispiel politischer Demagogie.
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(1) Vgl.: Statistisches Bundesamt: Frauenverdienste - Männerverdienste: Wie groß ist der Abstand wirklich? StatMagazin vom 19. März 2013.
(2) Prototypisch für die Fronten in der Debatte: Reizthema Equal Pay: Grünen-Politikerin und Arbeitsmarktökonom streiten über gerechte Bezahlung von Frauen, Deutschlandfunk vom 21.März 2012, http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/2048357.
(3) Zum Frauenleitbild der Gegenwartspolitik: http://www.i-daf.org/453-0-Wochen-10-11-2012.html.
(4) Vgl.: Erwerbsquoten und Gender Gap in Europa (Abbildung unten).[1]
(5) Grundlegend zu den Präferenzen von Frauen in modernen Gesellschaften: Catherine Hakim: A New Approach to Explaining Fertility Patterns: Preference Theory, Population and Development Review 29(3): XX-XXX (September 2003).
(6) Zur Berufswahl: http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/article/hilflose-genderisten-bei-der-berufswahl-versiegt-der-mainstream.html. Zur Teilzeitarbeit: http://altewebsite.i-daf.org/449-0-Wochen-8-9-2012.html. Bezeichnenderweise haben Frauen in den nordischen Ländern auch seltener Führungspositionen inne als in gleichstellungspolitisch vermeintlich „rückständigen" Ländern wie Italien oder Irland. Siehe hierzu: Erwerbstätigkeit und Karriere von Frauen in Europa (Abbildung unten). Zum Verhältnis von „Gender Pay Gap" und Wohlstand: Ist das „Gender Pay Gap" ein Fortschrittsindikator? (Abbildung unten).



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