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20.05.2013
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     Prof. Dr. Hans-Olaf Henkel
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Hans-Olaf Henkel (* 14. März 1940 in Hamburg) ist ein ehemaliger deutscher Manager bei IBM sowie ehemaliger Präsident des BDI und ehemaliger Präsident der Leibniz-Gemeinschaft.

 
RSS Blogeinträge von Prof. Dr. Hans-Olaf Henkel

 
Alternative in der Europapolitik in Sicht!
22  Kommentare | Posted 18.03.2013 10:41

Artikel 21 unseres Grundgesetzes bestimmt: „Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.“ Schon Alt-Bundespräsident von Weizsäcker klagte darüber, dass die Parteien sich die politische Willensbildung immer mehr unter den Nagel reißen. In Deutschland bestimmen weniger die Wähler als Parteibonzen darüber, welche Personen im Bundestag sitzen. Mit dem Fraktionszwang unterlaufen sie die im Grundgesetz garantierte Gewissensfreiheit der Abgeordneten. Alle Versuche, die Rechte der Bürger zu Lasten der Übermacht der Parteien zu stärken, scheiterten an den Parteien. Dem Verfasser ist keine Demokratie bekannt, in der Parteien so mächtig und Bürger so ohnmächtig sind wie in Deutschland.

Auch die Reaktion der im Bundestag vertretenen Parteien auf die Ankündigung, unter dem Namen „Alternative für Deutschland“ eine neue Partei gründen zu wollen, zeigt in erschreckender Weise, wie weit sich die Parteien hierzulande von der Demokratie entfernt haben. Jetzt wird klar, wie ungeniert sie sich als ein Club von Kartellbrüdern verstehen, denn auf Konkurrenz von außen reagieren sie noch empfindlicher als auf Versuche, die Bürgerrechte durch Volksbefragungen, Direktwahl von Amtsträgern oder gar Volksabstimmungen zu stärken.

Die politische Klasse hat gleich erkannt, wie gefährlich ihr die „Alternative für Deutschland“ werden kann. Im Gegensatz zu den „Piraten“ macht die „Alternative“ schon mit ihrem Namen klar, dass sie für etwas anderes als für die Partei übergreifende Alternativlosigkeit der Europolitik im Bundestag steht. Und sie hat seriöse Protagonisten, was man von den „Piraten“ ja nicht gerade behaupten kann. Schon nach der letzten Wahl in Niedersachsen ist der schwarz-gelben Koalition der Schock in die Knochen gefahren, denn ohne die Stimmen, die die ebenfalls eurokritischen Freien Wähler dort einheimsen konnten, wäre McAllister immer noch Ministerpräsident.

Nun droht Merkel durch die „Alternative für Deutschland“ ein ähnliches Schicksal. Hier zeigt sich auch die offene Flanke der neuen Partei: Schafft sie die Fünfprozenthürde, hätten Protagonisten einer alternativen Europolitik im Bundestag endlich eine Stimme; schafft sie diese nicht, könnten sie zum Steigbügelhalter von Gabriel und Trittin werden.

Die Reaktion auf die neue Partei zeigt schon jetzt, dass der „Großen Koalition der Euroretter“ offensichtlich die Argumente fehlen, um mit denen der „Alternative für Deutschland“ fertig zu werden. Also mussten gleich groteske Behauptungen und Unterstellungen her. So wurde aus der Euro-kritischen Einstellung der Parteigründer gleich eine Europafeindlichkeit konstruiert (CDU-Fraktionschef Kauder).

Da sich laut Umfragen eine große Anzahl potenzieller Wähler für die „Alternative für Deutschland“ erwärmen kann, holt die politische Klasse jetzt die große Keule heraus, mit der man in diesem Land alles und jeden erschlagen kann: den Vorwurf der Rechtslastigkeit. Obwohl sich die Parteigründer und ihre prominenten Sympathisanten ihr Leben lang liberalen Idealen, der Verbreitung der Menschenrechte und dem europäischen Gedanken verschrieben haben, wurden sie in die rechtsextreme und populistische Ecke gestellt. Mit dabei sind deutsche Medien vom „Neuen Deutschland“ bis zur „Bild“, vom „Stern“ bis zur „ARD“. Wenn es eines Beweises für die Notwendigkeit einer Alternative zur derzeitigen Einheitseuropolitik bedurfte: deutsche Chefredakteure liefern ihn gerade.

Beitrag erschien zuerst auf Handelsblatt.com

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Der Euro: Die große Ansteckungsmaschine
0  Kommentare | Posted 04.03.2013 13:20

Erst feierten deutsche Politiker und die den Euro so positiv begleitenden deutschen Medien Mario Monti als mutigen Garanten einer neuen italienischen Stabilitätskultur, dann landete dieser bei den Wahlen abgeschlagen hinter zwei „Clowns“ (Steinbrück) an vierter Stelle. Auch der spanische Präsident Mariano Rajoy war erst Lieblingszeuge euromantischer Deutscher für ein Spanien ohne Korruption, bis er selbst in einen Skandal verwickelt wurde, Ausgang noch offen. Mit Schaudern erinnert sich der Verfasser an eine Jahrestagung des BDI, auf der für den damaligen Ministerpräsidenten Papandreou, kurz bevor er sich aus dem Staube machte, noch ein peinliches Hochamt zelebriert wurde.

 

Vor Einführung des Euro waren nationale Fehlentwicklungen und Skandale Sache der betroffenen Länder. Wenn italienische Politiker eine unbekömmliche Suppe anrichteten, mussten italienische Bürger diese auslöffeln. Auch über deutsche Sonderwege schüttelten unsere Nachbarn immer mal wieder die Köpfe. Aber kein deutscher Politiker stellte bisher die Forderung auf, die Geschwindigkeitsbegrenzung auch auf allen europäischen Autobahnen aufzuheben.

 

Beim Euro ist das anders. Seit seiner Einführung hängt alles mit allem zusammen. Keiner der seit Kriegsende bisher über sechzig Regierungswechsel in Italien hat jemals dazu geführt, dass deutsche Politiker sich genötigt sahen, in italienische Wahlkämpfe einzugreifen. Jetzt taten sie es. Früher beeinflussten die Ergebnisse italienischer Wahlen bestenfalls die Börse in Mailand und den Außenwert der Lira. Jetzt ließen sie die Aktienkurse in Frankfurt, Paris und Madrid abstürzen und setzten unsere gemeinsame Währung unter Druck.

Dass die Eurorettungspolitik unerwünschte Nebenwirkungen auf das gedeihliche Zusammenleben der in der Eurozone verbundenen Völker hat, ist inzwischen Allgemeingut. Es wird Zeit, dass wir die Ursache benennen. Es liegt ausschließlich am Euro! Warum geraten sich Vertreter potentieller Geberländer mit denen potentieller Nehmerländer immer öfter in die Haare, wenn nicht wegen der dem Euro geschuldeten Fiskalpolitik? Als Vertreterin des größten potentiellen Gläubigers in der Eurozone ist Bundeskanzlerin Merkel geradezu verpflichtet, bei den Vertretern der potenziellen Schuldner ständig auf Disziplin und Einhaltung der eingegangenen Verpflichtungen zu drängen. Ganz davon abgesehen, dass sie gewählt wurde, um die deutschen und nicht die italienischen Finanzen in Ordnung zu bringen, macht sie sich damit in Rom natürlich keine Freunde.

Neben den offensichtlich gewordenen Nachteilen dieser „one-size-fits-all“ – Währung (Sie ist zu „schwer“ für die Franzosen, denen das Wachstum fehlt, und sie ist zu „leicht“ für die Deutschen, die jetzt die Inflation zu spüren bekommen.), zeigt sich immer deutlicher ein weiterer, gravierender Nachteil der Einheitswährung. Als Griechenland damals begann zu husten, erkälteten sich erst französische Banken, dann bekamen ganze Euronationen die Grippe. Der Euro hat sich zu einer riesigen Ansteckungsmaschine entwickelt. Jetzt droht nicht nur Italien eine Lungenentzündung.

 

 

Beitrag erschien zuerst auf Handelsblatt.com.

 
 
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Teflon im Ruhrgebiet
0  Kommentare | Posted 25.02.2013 13:10

Dachte der Verfasser bisher an das Ruhrgebiet, fiel ihm meist Kohle und Stahl ein. Neuerdings kommt ihm eher Teflon in den Sinn. Im kleinen Kreis werden bei keinem Namen so ostentativ die Augen verdreht, geht anderen Wirtschaftsbossen so leicht „das Messer in der Tasche auf“, wie wenn das Gespräch auf den Aufsichtsratsvorsitzenden von Thyssen-Krupp kommt. Kein Wunder, denn an kaum einem Wirtschaftsboss perlt Kritik an Verstößen gegen selbst aufgestellte Ansprüche so ab, wie an Gerhard Cromme. Als Vorsitzender der „Regierungskommission für gute Unternehmensführung“ ließ Cromme allerlei Regeln festschreiben, was ihn nicht daran hinderte, einige davon im eigenen Interesse zu verletzen.

Als Korruptionsvorwürfe gegen Siemensmanager erhoben wurden, war Cromme zwar schon längst im Prüfungsausschuss des Aufsichtsrats von Siemens, aber nur der Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich von Pierer übernahm die politische Verantwortung und trat zurück. Statt sich daran ein Beispiel zu nehmen, übernahm Cromme den Aufsichtsratsvorsitz selbst und ließ sich fortan als Saubermann feiern.

Nachdem Thyssen-Krupp wegen betrügerischer Kartellabsprachen im Fahrstuhl- und Rolltreppengeschäft zu einer Rekordstrafe verurteilt wurde, hatte man vergeblich darauf gewartet, dass Cromme die Verantwortung bei Thyssen-Krupp übernehmen würde, wie von Pierer es bei Siemens tat. Jetzt kam heraus, dass Crommes Firma auch an einem Schienenkartell mitgewirkt und uns als Bahnkunden und Steuerzahler übers Ohr gehauen hat. Auch für den Luxusreisenkandal eines seiner engsten Vertrauten übernahm Cromme keine Verantwortung. Crommes Teflon-Strategie folgt immer dem gleichen Muster: ein von ihm beauftragter Wirtschaftsprüfer oder Anwalt findet die Sündenböcke überall im Unternehmen, nur nicht im Aufsichtsrat.

Auch die vor kurzem vermeldete Begünstigung seines Stellvertreters perlt an Teflon-Cromme ab. Wer, wenn nicht er, hätte diese Luxusreisen genehmigen müssen? Einen Vertreter der Arbeitnehmer erst in Versuchung zu führen, ihn dann die Folgen allein tragen zu lassen, ist nicht nur verantwortungslos; es ist schlicht feige.

Dass die seinen Konzern existenziell gefährdende Entscheidung, in Brasilien und den USA Milliarden in neue Stahlwerke zu investieren und diese jetzt verramschen zu müssen, nur Konsequenzen für den halben Vorstand, nicht aber für den Aufsichtsratsvorsitzenden hat, spricht ebenfalls eher für Teflon als für Stahl. Cromme hat auch als Stahlstratege längst versagt. Trotz der Fusionen von Krupp, erst mit Hoesch und dann mit Thyssen, ist sein Konzern nicht einmal mehr unter den 20 größten Stahlproduzenten zu finden.

Trotzdem will Cromme auch als Aufsichtsratsvorsitzender bei Siemens unverzichtbar sein. Um die dort bisher gültige Altersgrenze zu umgehen, ließ er deshalb kurzerhand die Satzung ändern.

Wenn sogar ein Politiker wie Wowereit die Konsequenzen aus dem Schlamassel am Berliner Flughafen zieht und den Aufsichtsratsvorsitz abgibt, hätte es für den Industriellen Cromme längst Ehrensache sein müssen, bei Thyssen-Krupp das Gleiche zu tun und Siemens in Zukunft mit seinem Verständnis für Verantwortungsbewusstsein zu verschonen.

Zu Recht weist laut „Spiegel“ die Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD) darauf hin, dass Crommes Umgang mit Skandalen ein falsches Bild der Aufsichtsräte in Deutschland wirft, die „mit großer Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit versuchen, gute Unternehmensführung zu praktizieren“. Deshalb ist er bei vielen seiner Kollegen unter vier Augen längst unten durch.

Dass sich mit Ausnahme der „FAZ“ keins der versagende Aufsichtsräte sonst so kritisch begleitenden Medien diese Sichtweise zu eigen macht, hat natürlich gar nichts damit zu tun, dass er auch noch im Aufsichtsrat von Deutschlands größtem Medienhaus sitzt.

Und dieser Mann will immer noch die Nachfolge von Berthold Beitz an der Spitze der Krupp-Stiftung antreten. Beitz ist eins der großen moralischen Vorbilder in der Industrie. Klar, es ist anspruchsvoll, einen ähnlich überzeugenden Nachfolger für die Stiftung zu finden. Es heißt, Beitz hätte die Entscheidung längst getroffen. Möge es eine für jemanden sein, der weiß, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen.

Auch erschienen beim Handelsblatt

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BER, oder: Was läuft schief bei Großprojekten?
0  Kommentare | Posted 04.02.2013 18:13

Weil ich vor achtzehn Jahren ehrenamtlicher Vorsitzender der Berlin-Brandenburgischen Flughafengesellschaft war, musste ich jetzt vor einem Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses aussagen. Zwar hatte keine Entscheidung, die der Aufsichtsrat damals getroffen hatte, etwas mit dem jetzt nicht funktionierenden Brandschutz oder der möglicherweise nicht ausreichenden Kapazität des neuen Terminals zu tun, aber das hielt den Ausschuss nicht davon ab, mich nach meiner Einschätzung der Ursachen dieser Riesenblamage zu befragen.

Nicht nur ein Problem in der Politik

Politiker haben weder ein Monopol auf Versagen in Aufsichtsräten, noch sind sie es alleine, die in solchen Fällen oft von Verantwortung reden und die Schuld dann bei anderen suchen. Das Desaster bei ThyssenKrupp, eins der größten Desaster in der Geschichte deutschen Industrie, blieb für den Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme bisher ohne Konsequenzen. Der Politiker Klaus Wowereit zog immerhin für sich eine und legte den Vorsitz im Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft nieder.

Unklare Verantwortlichkeiten

Ob an Bord eines Schiffes, in einer Fußballmannschaft oder einem Orchester, es geht nicht ohne Kapitän, Trainer oder Dirigenten. Zwar hat sich die Demokratie als beste Regierungsform jedem anderen System überlegen gezeigt, als Managementsystem taugt sie nicht viel. Es ist dem Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft anzulasten, statt eines Vorsitzenden nur einen „Sprecher“ ernannt und diesen allen Geschäftsführern gleichgestellt zu haben. Im Geschäftsverteilungsplan hatte er den Bau des neuen Flughafens nicht zu verantworten. Das machte es den im Aufsichtsrat tätigen demokratisch legitimierten Politikern umso leichter, der Geschäftsführung dauernd in die Parade zu fahren. Als damaliger Vorsitzender kann ich ein Lied davon singen. Ich glaubte manchmal, einem Hühnerhaufen oder einer Schlangengrube vorzustehen.

Selbstüberschätzung

Für eine Flughafengesellschaft, die jahrzehntelang nur operative Aufgaben zu erledigen hatte, ist der Bau eines Großflughafens eine enorme Herausforderung. Klar, auch in Berlin musste mal ein Parkplatz in Tegel repariert, mal ein Erweiterungsbau in Schönefeld hingestellt werden. Die Erfahrung, die eine Flughafengesellschaft wie die Fraport in Frankfurt mit ihren Großprojekten sammeln konnte, fehlte in Berlin. Trotzdem hat der Aufsichtsrat es nicht für nötig befunden, einen Generalunternehmer mit der Ausführung zu betrauen und dadurch die Gesellschaft gezwungen, selbst mit Dutzenden von Subunternehmern Verträge zu schließen, diese zu überwachen und nebenbei noch ein starkes Wachstum des Flugverkehrs zu begleiten. Der Aufsichtsrat machte sich selbst zum Generalunternehmer. Nun gibt es auch anderenorts Beispiele für versagende Generalunternehmer, HOCHTIEF und die Elbphilharmonie lassen grüßen, aber in Berlin kam alles zusammen: kein Chef, keine Bauerfahrung, kein Generalunternehmer. Das musste in die Hose gehen.

Atmosphäre der Angst

Wie ist es möglich, dass die Absage der geplanten Eröffnung nur zwei Wochen vor der geplanten Feier erfolgte und erst dann herauskam, dass sogar Jahre fehlten? Hier liegt der Schlüssel für das Scheitern großer Bauprojekte, ganzer Firmen und militärischer Interventionen gleichermaßen. Wenn Aufsichtsgremien Widerspruch sanktionieren, statt ihn zu fördern, wenn Angst um sich greift, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn gute Nachrichten immer auf Rennpferden angaloppiert kommen, die schlechten sich im Tempo einer Schnecke bewegen. Man darf gespannt darauf sein, was der Untersuchungsausschuss hierzu herausfindet.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.handelsblatt.com.

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Der Euro und die britische Europamüdigkeit
1  Kommentare | Posted 28.01.2013 16:15

Die deutsche Reaktion auf die Europarede des britischen Premiers war vorauszusehen. Für unsere Politiker und Medien ist die Ankündigung Camerons, seine Bürger über den Verbleib in der EU entscheiden zu lassen, nichts als eine bodenlose Dummheit. Außenminister Westerwelle und der Präsident des Europaparlaments Schulz gossen mit ihrer Reaktion („Mehr Europa!“) noch Öl ins Feuer. Dass sie damit die antieuropäische Stimmung auf der Insel weiter anheizen, nehmen sie in Kauf.

In deutschen Medien findet man nur wenig über die wahren Ursachen der britischen Europamüdigkeit und über die Konsequenzen, die ein Austritt der Briten aus der EU für Deutschland hätte. Bei der Suche nach der Ursache britischer EU-Müdigkeit wird man schnell fündig. Den Briten sind die Nachrichten über das Euro-Chaos auf dem Kontinent genauso in die Knochen gefahren wie den Bürgern der anderen neun Nicht-Euroländer der EU. Von denen ist bekanntlich nur den Rumänen der Appetit auf die Einheitswährung noch nicht vergangen.

Mit ungläubigem Staunen sehen die Briten, wie die zur Rettung des Euro nötige Angleichung der Produktivität des Südens und der des Nordens („Harmonisierung“) die Wettbewerbsfähigkeit der ganzen Euro-Zone schwer beschädigt. Sie registrieren mit Entsetzen, dass mit der Sozialisierung der Schulden („Bankenunion“) ein perfektes System organisierter Verantwortungslosigkeit eingeführt wird. Vor allem fühlen sie sich durch den im Gefolge von Eurorettungspaketen grassierenden Zentralismus („Mehr Europa“) völlig überrumpelt. Nicht die Briten ändern die Spielregeln, die Euromantiker tun es. Sie müssen es tun, um am Einheitseuro festhalten zu können.

Auch bei der Beschreibung der Folgen eines Austritts Großbritanniens aus der EU fällt die Einseitigkeit der Berichterstattung auf. Das Land würde selbst am meisten darunter leiden, heißt es. Dabei gibt es mit Schweden und Dänemark gute Beispiele dafür, wie man außerhalb der Euro-Zone besser abschneiden kann als innerhalb. Norwegen und die Schweiz machen nicht nur ohne Euro sondern sogar ohne EU erfolgreich ihren Weg. Wer sagt, dass Großbritannien das nicht auch könnte, anstatt im Sog des Loser-Clubs „Euro-Zone“ mit unterzugehen?

Auch die Folgen, die ein Austritt der Briten für Deutschland hätte, werden unter den Teppich gekehrt. Mit London würden wir in Brüssel den wichtigsten Mitstreiter für Marktwirtschaft, Eigenverantwortung und Wettbewerb verlieren. Wir wären dem Süden unter Führung der staatsgläubigen Zentralisten in Paris noch mehr ausgeliefert als wir es heute schon sind. Dabei verlieren die Länder der Euro-Zone auch als Handelspartner schon jetzt für uns immer mehr an Gewicht. Zu D-Markzeiten gingen 46 Prozent unserer Exporte in die Euro-Zone. Heute sind es nur noch 39 Prozent, Tendenz fallend. Es blieb dem britischen Deutschlandkenner David Marsh vorbehalten, den Deutschen jetzt im Handelsblatt mitzuteilen, dass Frankreich als unser bisher größter Handelspartner von Großbritannien abgelöst wurde. In einigen Dekaden wird Großbritannien Deutschland auch als bevölkerungsreichstes Land der EU überholen, wenn sie dann noch dabei sind.

Trotz „Rabatt“ auf britische Beitragszahlungen, ist Großbritannien der zweitgrößte Nettozahler in der EU. Die Leser von „Henkel trocken“ dürfen dreimal raten, wer den Beitrag der Briten übernehmen wird, wenn sie wegen der Europolitik die EU verlassen haben.

Zuerst erschienen im Handelsblatt

 
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