Wenn man sich Gedanken über die Zukunft unseres Planeten machen möchte, ist die Frage nach der weiteren Evolution der Biosphäre sicher eine der interessantesten. Man weiß aus allerlei Befunden einiges über die Vergangenheit, man kann mittels der Prinzipien der Evolution das Werden und Vergehen der Arten im Verlauf von Jahrmillionen sehr plausibel erklären. Warum also nicht einen Blick in die Zukunft zu wagen? Vor einer geraumen Weile sendete das Fernsehen eine entsprechende, populärwissenschaftlich aufgemachte Dokumentation. Die befragten Forscher trafen darin bemerkenswerte Aussagen. Plausibel erschien ihnen beispielsweise das baldige Aussterben der Säugetiere, die heute doch eigentlich als dominierende Klasse im Tierreich angesehen werden. Die Begründung der Wissenschaftler war ebenso einfach wie nachvollziehbar: Säugetiere haben eine vergleichsweise niedrige Vermehrungsrate und es ist ein langer Weg voller Risiken, bis ihre Nachkommen erstens eigenständig überleben und sich zweitens ihrerseits fortpflanzen können. Die teilweise erhebliche Spezialisierung auf bestimmte Lebensräume wird dadurch dann zum Nachteil, wenn diese sich schneller ändern, als die evolutionäre Anpassung Schritt halten kann. Entsprechend wurden die Nagetiere als die Säugetierordnung mit der höchsten Zahl an Nachkommen und der am wenigsten ausgeprägten Spezialisierung als diejenigen angesehen, die ihre Nachbarn im Stammbaum der Evolution am ehesten überleben könnten. Angesichts dieser Argumentation stellt sich natürlich die Frage, warum denn die Säugetiere überhaupt jemals ihre heutige Stellung erreichen konnten. Die Antwort ist ganz ähnlich: Durch einen langen Zeitraum des Lernens für den Nachwuchs und den Aufbau komplexer sozialer Beziehungen konnten Gruppen entstehen, in denen die Fähigkeiten der Individuen sich ergänzten, um das Überleben der Gruppe zu sichern. Überlegene kognitive Fähigkeiten hängen damit zusammen, die wiederum die Spezialisierung und die optimale Nutzung der Nahrungsquellen eines bestimmten Lebensraum beförderten. Die Annahme einer langfristigen Fortsetzung der hohen Zeit der Säugetiere ist damit ebenso plausibel, wie die von deren raschem Ende.
Die Evolutionstheorie ist in vielerlei Hinsicht ein Einschnitt in der kulturellen Entwicklung der Menschheit. Nicht nur machte sie einen Schöpfer als welterklärenden Faktor unnötig, auch verbannte sie den Laplaceschen Dämon endgültig aus der Wissenschaft. Es ist eben nicht möglich, aus der genauen Kenntnis der Vergangenheit eines Systems und der auf es und in ihm wirkenden Kräfte auf die Zukunft zu schließen. Unsere Unwissenheit über die Zukunft ist auch nicht vorwiegend in einer mangelnden Kenntnis der wirkenden Faktoren begründet, sondern in der Vielfalt der potentiellen Wechselwirkungen dieser Faktoren untereinander. Da wäre die Plattentektonik, die die Verteilung von Land und Meer, den Meeresspiegel und die Geographie bestimmt. Da wäre die Zusammensetzung der Atmosphäre und ihre Dichte, auf die nicht nur das Leben selbst, sondern auch Vulkanausbrüche erheblichen Einfluß nehmen können. Da gibt es die Gezeiten, die zumindest kleinräumig erhebliche Gestaltungskraft aufweisen und natürlich die allgegenwärtige Erosion, die Materialien umverteilt und dabei die Form der Landschaften stetig verändert. Da wären Klima, Witterung und Wetter und am Ende natürlich vor allem die Art und Weise, wie auf molekularer Ebene gespeicherte Informationen in der DNA sich verändern, anders gelesen und auf dem Weg vom Geno- zum Phänotyp neu interpretiert werden. Diese Auflistung ist bei weitem nicht vollständig. Es gibt immer noch Neues zu finden. Wie die jüngste Veröffentlichung von Henrik Svensmark zeigt, treibt die Erde eben nicht als isoliertes Raumschiff durch das All sondern steht möglicherweise selbst mit Vorgängen außerhalb unseres Sonnensystems in Verbindung.
Man kann also verstehen, wie sich das Auge entwickelt hat. Man kann den Ursprung der Wirbeltiere verstehen und die Durchsetzung eines Bauplans, der vier Gliedmaßen vorsieht. Man kann verstehen, wie sich Fische entwickelt haben, wie Vögel und wie letztendlich auch der Mensch. Weil es bereits geschehen ist. Das ermöglicht die Evolutionstheorie in Verbindung mit der Kenntnis der oben aufgelisteten Faktoren. Aber es ist nicht möglich, daraus eine Aussage über die Zukunft abzuleiten. Die Entwicklung, die bereits stattgefunden hat, war zu jedem Zeitpunkt plausibel. Aber nicht zwangsläufig. Ein Beobachter vor zwei Milliarden Jahren hätte die Bäume nicht vorhersehen können, ein solcher vor 120 Millionen Jahren nicht das Ende der Dinosaurier. Hätte man vor zehn Millionen Jahren den Menschen prognostizieren können? Vielleicht mit einem gigantischen Supercomputer, der alle möglichen Entwicklungswege vorausberechnet. Aber man hätte keine Entscheidung darüber treffen können, wie wahrscheinlich denn die Entwicklung des Menschen ist.
Die Evolutionstheorie ist deswegen wissenschaftstheoretisch so bedeutsam, weil sie den Unterschied zwischen plausibel und zwangsläufig, zwischen möglich und wahrscheinlich, zwischen vorstellbar und determiniert im naturwissenschaftlichen Denken verankert hat. Sie stellt damit in gewisser Hinsicht eine Vollendung des Prozesses der Aufklärung dar. Hinter den die Klimakreationisten, die Alarmisten, wieder zurückfallen.
Man versetze sich in die Rolle eines Politikers. Dem eines Tages eine Gruppe von Wissenschaftlern vorrechnet, eine sehr viel wärmere Welt als heute würde entstehen. Eine Welt, in der bedingt durch diese Erwärmung das Leben, insbesondere der Menschen, sehr viel unbequemer wäre als in der Gegenwart. Es wäre gar die menschliche Kultur insgesamt bedroht – und zahlreiche andere Arten gleich mit. Man könne diese Welt aber sicher vermeiden, würde man nur aufhören, Kohlendioxid zu emittieren. Wie sollte ein Politiker daraufhin handeln?
Wie wir hier bei Science Skeptical immer und immer wieder, in hunderten von Texten beschrieben und begründet haben, sollte sich besagter Politiker daraufhin als aufgeklärter Zeitgenosse erweisen und einfach nichts tun, überhaupt nichts.
Grundsätzlich kann sich das Klima in drei Richtungen entwickeln. Es könnte wärmer werden oder kälter, es könnte auch einfach so bleiben, wie es ist. Wie unserem Politiker die Veröffentlichungen des IPCC deutlich gemacht haben, ist eine Welt, die sich auf Basis anthropogener Einflüsse in katastrophaler Weise erwärmt, plausibel, weil grundsätzlich denkbar. Aber das genügt nicht als Entscheidungsgrundlage.
Das irdische Klimasystem ist nicht minder komplex als die Evolution des menschlichen Lebens. Es ist Teil eines größeren Ganzen, in dem “äußere” Einflüsse auf unterschiedlichen Zeitskalen erhebliche Wirkungen zeigen können. Beispiele hierfür sind die Vorgänge im Erdinneren, die erodierende Kraft der Gezeiten und wohl auch galaktische kosmische Strahlen (Svensmark-Effekt). Hinzu treten “innere”, rückgekoppelte Faktoren, etwa die Zusammensetzung der Erdatmosphäre und die Biosphäre. Von diesen Kräften sind nur sehr wenige unmittelbar durch den Menschen zu beeinflussen, zu nennen wären beispielsweise die Emissionen von Kohlendioxid oder auch die Waldfläche. Schon die Frage der Klimasensitivität, also die Frage, inwieweit sich eine auf Kohlendioxid basierende Erwärmung der unteren Luftschichten durch zusätzliche Wirkungen verstärkt – oder auch nicht – wird nicht nur wissenschaftlich debattiert, sondern liegt außerhalb des menschlichen Zugriffs. Genau wie bei der Evolution der belebten Umwelt, genau wie bei jedem dynamischen, sich in der Zeit verändernden Prozeß ist auch beim Klimasystem die Trennung zwischen der erlebten Vergangenheit und der noch nicht eingetretenen Zukunft entscheidend. Zwar kann man auf Basis des aktuellen Wissens sehr gute Erklärungen dafür anbieten, warum sich bestimmte Parameter, etwa die Temperatur, in den letzten 150 Jahren wie beobachtet und nicht anders entwickelt haben. Man hätte dies aber vor 150 Jahren nicht vorhersehen, sondern nur als eine mögliche plausible Zukunft berechnen können und man kann daraus auch nicht auf den weiteren Ablauf schließen. Denn all die Zufälligkeiten, die die realisierte Vergangenheit ermöglicht haben, werden auch in der Zukunft genau so weiterwirken: zufällig. Die Unmöglichkeit der Klimakatastrophe zu beweisen ist daher nicht notwendig. Einen Beweis für das Nichteintreten einer plausiblen Zukunft führen zu wollen, wäre ebenso unwissenschaftlich, wie das Gegenteil.
Wie unter dem Text “Top 10 der positiven Klimaentwicklungen” geschehen, projizieren viele Klimakreationisten ihre eigene Sichtweise in die Skeptiker hinein, außerstande, sich selbst mit distanziertem Blick zu hinterfragen. Weil die Klimakatastrophe als mögliche Zukunft in den Computern der Klimamodellierer erschaffen wurde, wird sie zwangsläufig auch eintreten, so das alarmistische Dogma, und deswegen hätten die Skeptiker einen Gegenbeweis zu führen, eine andere Zukunft als zwangsläufig zu belegen. Ein gutes Beispiel hierfür liefert die Debatte über das von Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning in ihrem Buch “Die kalte Sonne” gewagte Szenario. Sie gehen auf Basis des Svensmark-Effektes und eines anthropogen verursachten Kohlendioxid-Anstieges in der Atmosphäre von einem Temperaturanstieg von 0,6 bis 1 Grad gegenüber heute bis 2100 aus. Diese (Zitat) “trendmäßige, konzeptionelle Abschätzung”, die weit unter den Katastrophenszenarien des IPCC liegt, ist mitnichten unvereinbar mit den IPCC-Szenarien. Am Ende wird natürlich sich eine der beiden Erwärmungsbandbreiten als richtig erweisen (oder vielleicht auch keine von beiden), beides zusammen kann nicht eintreten. Aber das werden wir erst in Jahrzehnten wissen. Jetzt können weder Vahrenholt und Lüning ihre Schätzung, noch das IPCC die seinen beweisen. Das Argument ist nicht “Die Zukunft wird anders verlaufen, als das IPCC sagt!”, das Argument lautet “Die Zukunft könnte anders verlaufen, als das IPCC sagt!”. Der Svensmark-Effekt ersetzt nicht das Kohlendioxid als “Klimaschöpfer”, er tritt als zusätzliche Wirkung neben die schon bekannten. Das Grundgesetz der modernen Wissenschaft, wonach mehr Wissen immer auch gleichzeitig mehr Möglichkeiten, mehr Fragen und mehr Unsicherheit bedeutet, berücksichtigen die Klimakreationisten nicht.
Aus heutiger Sicht sind Vahrenholt/Lüning und das IPCC miteinander vereinbar, weil beide Ansichten potentiell mögliche Zukünfte wiedergeben. Und die Bandbreite der denkbaren Entwicklungen ist dadurch bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Es könnte sogar noch viel wärmer werden, als es die IPCC-Modelle projizieren, es könnte sich aber auch dramatisch abkühlen. Das hängt ganz davon ab, ob sich natürliche oder anthropogene Faktoren als wirkungsmächtiger erweisen, ob sie sich gegenseitig verstärken oder abschwächen und in welche Richtung diese weisen.
Eine weitere Ebene der Komplexität wird erreicht, wenn man zusätzlich die Auswirkungen einer Klimaveränderung auf die menschliche Gesellschaft und mögliche Reaktionen dieser in sein Kalkül mit einbezieht. Grob gerechnet kann man von einer Erwärmung von etwa 1 Grad in den letzten 150 Jahren ausgehen. Und hier lehrt uns die abgeschlossene Vergangenheit: Wir haben davon in vielerlei Hinsicht profitiert. Das könnte bei weiterem Temperaturanstieg so weitergehen, trotz (Anpassung) oder gerade deswegen (Nutzung neuer Möglichkeiten). Eben darauf weist oben erwähnter Text über positive Klimaentwicklungen hin. Er bestätigt nicht etwa die Haltung des IPCC, er widerspricht ihr, weil er die Sicht auf eine Realität und eine andere plausible Zukunft öffnet, die das IPCC nicht beachtet. Natürlich könnte es sich auch anders darstellen. Klimakreationisten sprechen gerne von Stürmen, Dürren und Überflutungen. Nur gibt es diese in jedem Klima. Es ist völlig unklar, ob nun Abkühlung, Erwärmung oder Konstanz günstig oder ungünstig wären hinsichtlich des Auftretens von Extremwetterereignissen.
Ein Klimapolitiker sollte sich also folgende Fragen stellen:
- Ist eine andere klimatische Entwicklung plausibel denkbar, als die, die das IPCC verbreitet?
- Könnte die durch das IPCC skizzierte klimatische Entwicklung mehr positive als negative Wirkungen auf die menschliche Zivilisation ausüben?
Ein aufgeklärter, der modernen naturwissenschaftlichen Denkweise verpflichteter Zeitgenosse kann beide Fragen nur mit “Ja” beantworten. Ich habe erst vor kurzem versucht, diesen Ansatz bildlich in einer “klimapolitischen Entscheidungsmatrix” in anderer Formulierung darzustellen, was ich hier wiederholen möchte.

Die gegenwärtige Klimaschutzpolitik ist nur dann sinnvoll, wenn die Zukunft exakt so eintritt, wie sie die Klimakreationisten vorhersagen. Da wir über den Verlauf der Zukunft aber erst dann genaues Wissen haben werden, wenn diese schon wieder Vergangenheit ist, sollte keine Entscheidung getroffen werden, die alle denkbaren alternativen Entwicklungen ausschließt. Mein Argument als Skeptiker ist daher nicht genau eine zur Klimakatastrophe alternative Hypothese, sondern der Verweis auf viele andere plausible Szenarien. Es ist letztlich zwingend, diese auch konkret zu benennen, um diesem Argument Konsistenz zu verleihen. Nicht alle diese Szenarien können gleichermaßen eintreten, das ist wahr. Aber Politik hat sich auf alle diese Zukunftswelten einzustellen, durch Entscheidungen, die bei allen denkbaren Entwicklungen Nutzen stiften. Es wäre eben unnütz, Kohlendioxid-Emissionen zu vermeiden, würde es auch ohne menschliches Zutun deutlich wärmer. Es wäre geradezu tragisch, stürzte uns die Vermeidung in eine neue (kleine) Eiszeit. Es wäre verantwortungslos, Ressourcen, Werte und Chancen zu vernichten, um etwas zu verhindern, was keinen Belang hat.
Es sind nicht die Skeptiker, die unwissenschaftlich denken. Tatsächlich üben sich die Klimakreationisten in einer Denkweise, die die Wissenschaft vor der Evolutionstheorie bestimmt hat. Sie ersetzen lediglich den metaphysischen Schöpfer durch den Menschen und seine Kohlekraftwerke. Sie verharren in Stasis, weil sie annehmen, was die Vergangenheit erkläre, müsse auch die Zukunft determinieren. Ihnen erscheint gesichert, was in Wahrheit nur plausibel ist, und sie erwarten daher Zwangsläufigkeit dort, wo die Wissenschaft nur Möglichkeiten aufzeigt.
Beitrag erschien zuerst auf science-skeptical.de.
Raumfahrt ist zweifellos eine nützliche Sache. Raumschiffe zu bauen und zu betreiben, gleich ob bemannt oder unbemannt, führt zu Innovationen in Bereichen wie Materialien, Sensorik und Aktorik, Medizintechnik und elektronischer Datenverarbeitung, von denen wir letztendlich im irdischen Umfeld profitieren. Mit dem Bild der Erde aus dem All entstammt der Raumfahrt aber auch ein teilweise vergiftetes Geschenk. Der Anblick des vor einem vollkommen schwarzen und leeren Hintergrund schwebenden blauen Planeten ist Ursprung und Kultbild der Metapher vom “Raumschiff Erde”. Denn es vermittelt dem naiven Betrachter unmittelbar die Konzepte der Limitierung und der Isolation, die grundlegende Dogmen des Ökologismus sind. Zwar schrumpft jeder Riese mit zunehmender Entfernung zu einem Zwerg, Photographien der Erdkugel jedoch scheinen in besonderer Weise die Vermeidung dieser rationalen Sicht zu befördern. Die scheinbar geringe Ausdehnung unseres Lebensraums, bestehend aus Erdoberfläche und einhüllender Atmosphäre, wird daher mit dem Attribut “verletzlich” versehen, eine Interpretation, der vor allem die Raumfahrer selbst mit zahllosen Äußerungen in allen Medien Vorschub leisteten und leisten:
“Bereits vor meinem Flug wußte ich, daß unser Planet klein und verwundbar ist. Doch erst als ihn in seiner unsagbaren Schönheit und Zartheit aus dem Weltraum sah, wurde mir klar, daß der Menschheit wichtigste Aufgabe ist, ihn für zukünftige Generationen zu hüten und zu bewahren.” Sigmund Jähn (erster deutscher Kosmonaut) (1)
Wäre es nicht ein ernstes Problem, könnte man darüber schmunzeln, wie die Astro- und Kosmonauten unwillentlich einer Bewegung Starthilfe und Unterstützung gaben, die erfolgreich den technischen Fortschritt und damit auch die bemannte Raumfahrt selbst bremsen konnte. Denn was klein ist, limitiert unsere Möglichkeiten zur Expansion. Die Vorstellung begrenzter Ressourcen ist nicht zufällig mit den ersten Erfolgen der Raumfahrt populär geworden, sie wird bis heute mit der scheinbar geringen Größe unseres Lebensraums begründet. Und was verletzlich ist, ist auch bedroht, und da es so offensichtlich vom Rest des Kosmos isoliert scheint, kann eine potentielle Bedrohung nur von innen kommen. Die Idee von der Wirksamkeit und der notwendigen Betonung der Risiken menschlichen Handelns findet in diesem Aspekt eine tragende Säule.
Mythen, die nicht der Realität entsprechen. Denn keinesfalls sind Oberfläche und Atmosphäre isoliert. So gestalten beispielsweise die durch Mond, Sonne und die Erdrotation entstehenden Gezeitenkräfte unseren Lebensraum in durchaus erheblichem Umfang. Hinzu tritt das unablässige Bombardement energiereicher Teilchen aus verschiedenen Quellen, das eben auf den Bildern aus dem All nicht sichtbar ist. Die Svensmark-Theorie beschreibt, wie nur eine Komponente dieser Strahlung, die sogenannte “kosmische Strahlung”, entscheidenden Einfluß auf die Wolkenbildung und damit auf das gesamte Klima nehmen kann. Und nun hat eben jener Henrik Svensmark, Professor an der Dänischen Technischen Universität, eine Erweiterung seiner Vorstellungen vorgelegt, die das Bild vom “Raumschiff Erde” endgültig als Fabel entlarven könnte.
Es gibt nicht nur einen Zusammenhang zwischen der Intensität der kosmischen Strahlung, die die Erde erreicht, und der Intensität des Magnetfeldes unserer Sonne. Es gibt auch einen solchen hinsichtlich der Menge an Supernova-Explosionen, die in unserem Bereich der Milchstraße stattfinden. Denn solche Sternentode sind wesentliche Quellen der Teilchenschauer, die die kosmische Strahlung ausmachen. Während seines mehr als 200 Millionen Jahre währenden Umlaufes um das Zentrum unserer Galaxie durchquert das solare System unterschiedliche Regionen der Milchstraße, in denen Supernovae unterschiedlich häufig auftreten. Falls die Svensmark-Theorie stimmt, sollte sich dies deutlich in Entwicklungen auf unserem Planeten wiederspiegeln. Henrik Svensmark konnte entsprechende Korrelationen ausmachen, er berichtet darüber in seiner jüngsten Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Monthly Notices of the Royal Astronomical Society (online hier, Pressemitteilung hier). Der gefundene Zusammenhang bezieht sich zunächst auf die Biodiversität. Wann immer die Sonne einen galaktischen Bereich mit häufigen Supernova-Ereignissen erreichte, erhöhte sich die Vielfalt des Lebens auf der Erde signifikant, neue Arten entstanden in hoher Geschwindigkeit. Und eine plausible Erklärung hierfür ist der Svensmark-Effekt selbst. Je mehr Sternexplosionen in entsprechender Nähe zum Sonnensystem stattfinden, desto stärker die kosmische Strahlung und desto größer die Bildung abkühlender Wolken in den unteren Schichten unserer Atmosphäre. Je kühler das Klima, desto höher die Vielfalt unterschiedlicher Lebensräume zwischen den Polen und dem Äquator. Die Mechanismen der Evolution selbst sorgen dann für mehr Artenreichtum. Selbst die Abfolge der anhand von Fossilfunden definierten Erdzeitalter kann dadurch verstanden werden.
Aber es sind nicht nur kosmische Kräfte, die unseren Lebensraum, insbesondere sein Klima, prägen. Nicht nur “von oben”, sondern auch “von unten”, aus dem Inneren der Erde, werden bedeutende Wirkungen ausgeübt. Erdkern und Erdmantel bestehen aus geschmolzenem Gestein, das wesentlich durch hohen Druck und die Energie des radioaktiven Zerfalls erhitzt wird. Man kann sich unseren Lebensraum, die Erdkruste, als dünne Platten aus erkalteter Schlacke vorstellen, die auf einer rotglühenden Eisenschmelze schwimmen. Die Bewegungen dieser Platten werden durch die Strömungen in dieser Schmelze hervorgerufen. Sie führen zu dem, was gemeinhin als Plattentektonik bezeichnet wird und die Verteilung von Land und Wasser wie auch die Höhe des Meeresspiegels auf geologischen Zeitskalen deutlich verändern kann. Svensmark bezieht diesen Vorgang in seine neuen Untersuchungen mit ein und gelangt letztendlich zu dem Schluß (Zitat aus der Pressemitteilung):
In the new work, the diversity of life over the last 500 million years seems remarkably well explained by tectonics affecting the sea-level together with variations in the supernova rate, and virtually nothing else.
Der neuen Arbeit zufolge kann die Biodiversität der letzten 500 Millionen Jahre bemerkenswert gut durch die den Meeresspiegel beeinflussende Plattentektonik in Verbindung mit Variationen in der Supernova-Rate erklärt werden. Andere Faktoren können praktisch ausgeschlossen werden. (meine Übersetzung, Hervorhebung durch mich)
Kohlendioxid ist in der neuen Arbeit von Svensmark nicht Auslöser von Klimaänderungen in der Vergangenheit, sondern nur ein Indikator für solche. Seine Konzentration in der Atmosphäre wird durch Wechselwirkungen mit der Biosphäre beschrieben. Mehr pflanzliches Leben – insbesondere in den Ozeanen – bindet mehr Kohlendioxid. Die durch kosmische Strahlen ausgelösten kühlen Phasen waren wie oben beschrieben mit mehr Biomasse in den Weltmeeren verbunden – und in der Folge sank die Kohlendioxid-Konzentration in der Luft.
Svensmark neue Arbeit kommt einer “Erdsystemtheorie” näher, als jeder andere Ansatz. Sie räumt mit verbreiteten Vorstellungen eines in sich geschlossenen Systems aus Erdkruste und Atmosphäre radikal auf. Es sind tatsächlich Kräfte von außen, die determinieren, wie unser Lebensraum gestaltet ist und wie auf dieser Basis die Evolution verläuft. Nicht die Isolation von der “Außenwelt”, im Erdinnern wie im Weltraum, sondern die Wechselwirkung mit dieser prägt die Gestalt der Erdoberfläche, die Zusammensetzung der Atmosphäre, das Klima und den Ablauf der Evolution.
Die Mär vom Raumschiff Erde wäre damit erledigt. Wir wären nicht isoliert und unsere Umwelt würde nicht durch interne Faktoren bestimmt, die wesentlich unserem Einfluß unterliegen. Wir wären stattdessen in vielfältiger Weise Spielball externer Kräfte, die zu kontrollieren uns nicht möglich ist. Angesichts dessen verlöre jeder Ansatz zu hüten und zu bewahren seinen Sinn.
Zumal auch die Vorstellung einer Limitierung vor wenigen Tagen, quasi zeitgleich zur Veröffentlichung von Svensmarks neuer Erdsystemtheorie, attackiert wurde. Die amerikanische Firma Planetary Resources trat an die Öffentlichkeit. Man will Asteroiden, deren Umlaufbahnen zu regelmäßigen Annäherungen an die Erde führen, bergbautechnisch ausbeuten. Und ein Blick auf die handelnden Personen, auf die Kompetenzen und das zur Verfügung stehende Kapital zeigt: Es könnte gelingen. Der Weltraum, die schwarze Fläche auf den Bildern der Erdkugel, ist eben keine Grenze. Sondern eine Möglichkeit, eine Chance, ein Potential. Raumfahrt ist zweifellos eine nützliche Sache.