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     Bernhard Lassahn
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Blog:  http://www.bernhard-lassahn.de/

Bernhard Lassahn

 
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Vietnam heute. Der Traum vom Frieden
0  Kommentare | Posted 15.04.2013 10:37

Auch wenn Weihnachten schon vorbei ist, ich spüre doch etwas von der frohen Erwartung von Kindern vor dem Fest. Ich freue mich auf ein ‚White Christmas’ in Vietnam. Mit diesem Lied wurde der Krieg beendet.

Es war das verabredete Geheimzeichen: Als ständig ‚White Christmas’ im Soldatensender lief, wusste jeder GI, dass der Krieg vorbei ist, es war das Signal zum Rückzug. Es passte so gar nicht zum sonstigen Musikprogramm und zur grünen Hölle, in der die Soldaten steckten.

Weihnachten wieder zu Hause zu sein, war ein Wunsch, der lange unerfüllt bleiben musste. Auch wenn sie zu Hause inständig darum baten und immer dringlicher forderten: „Bring the boys home for Christmas.“ Der Traum, einen Frieden oder zumindest einen Waffenstillstand rechtzeitig zu Weihnachten zu erreichen, war ein Traum, der sowieso nur von einer Seite geträumt wurde. Die andere Seite hatte womöglich ähnliche Träume, aber andere Termine. Im Ersten Weltkrieg gab es auch nur an der Westfront eine Waffenrufe. Da wurde Heilig Abend nicht geschossen, das musste nicht abgesprochen oder ausgehandelt werden, das war einfach so, da schwiegen die Waffen, als wäre das von einer höheren Instanz angeordnet, so wie auch in Abtreibungskliniken an Weihnachten grundsätzlich nicht gearbeitet wird. An der Ostfront dagegen wurde geschossen. Auch in Vietnam. Da wird nicht Weihnachten gefeiert, sondern das TET-Fest.

Danach ist die berühmte TET-Offensive benannt, die am 30. Januar 1968 startete, und zwar militärisch ein Misserfolg war, bei dem die Kommunisten bis zu 100 000 Mann verloren, aber dennoch eine Wende brachte mit einer im wahrsten Sinne „brennenden Botschaft“. Als live aus Saigon berichtet werden sollte, dass die Lage stabil ist, sah man im Hintergrund die Botschaft brennen. Die Stimmung im Lande kippte. Damals war ich als Austauschschüler in den USA und habe für die Soldaten gebetet und haben ihnen zur Aufmunterung und als Zeichen meiner Solidarität Kaugummis geschickt. In der Nachbarschaft von Hartford, Michigan lebte eine Familie, die, wie es hieß, einen Sohn in Vietnam verloren hatten. Immer wenn wir in unserem Pontiac daran vorbeikamen, verstummten die Gespräche und wir fuhren etwas langsamer.

Doch ich gehörte auch zur unruhigen und zur kritischen Jugend, auch wenn ich nicht durch die Straßen lief und „Ho-, Ho-, Ho Chi Minh“ skandierte. Ich kaufte von meinem Geld, das ich auf der Obstplantage verdient hatte, die Platte von Simon and Garfunkel, auf der ‚Silent Night’ gesungen und eine Nachrichtenstimme im Hintergrund als provozierender Kontrast dazu immer lauter aufgedreht wurde. Zum Schluss heißt es, dass Nixon erklärt habe, dass die Opposition gegen den Vietnam-Krieg im eigenen Land zu den gefährlichsten Waffen gehörte, die gegen die USA gerichtet sind.

Einmal kam ein Offizier zu uns in die Schulklasse, setzte sich lässig auf das Pult und erzählte, dass es in Wirklichkeit viel schlimmer sei als im Fernsehen. Es wäre ein verdammt harter Job, den es da zu erledigen gäbe. Einmal dachte ich, er hätte sich verplappert und Viet Cong und Viet Minh verwechselt, er musste selber zugeben, dass die Amerikaner nicht richtig zwischen Nordvietnamesen und Südvietnamesen unterscheiden und sich kaum verständigen konnten. Darauf kam es nicht an. Ich hatte das Gefühl, dass die meisten Jungs am liebsten sofort mitgegangen wären, um den verdammt harten Job zu übernehmen. Die Aussicht auf einen Heldentod schreckte sie nicht, sondern lockte sie. Ich wusste schon, wie sie redeten: „So what?!“, sagten sie: Ich könnte auch morgen auf der Straße sterben. „Just as well“.

Ich habe Sergeant Barry Sadler gesehen – im Fernsehen, wie er in Unform auftrat und die Ballade von den Green Barretts sang. Am Ende des Liedes erhält die Ehefrau ein Schreiben, dass ihr Mann seinem Schicksal begegnet sei, sein letzter Wunsch ist es, seinen Sohn auch zu einem Elitesoldaten zu machen, zu einem von Amerikas Besten, zu einem der „fighting soldiers from the sky ... they jump and die“. Die Deutschen kannten das Lied nur von Freddy: „Hundert Mann und ein Befehl. Und ein Weg, den keiner will.“

Nun war ich auf dem Weg nach Vietnam, das immer noch mit Schattenbildern aus meiner Jungend, mit Krieg, Hubschraubern, Protestsongs und Pazifismus verbunden ist. Ein Land, mit dem ich mich schicksalhaft verbunden fühle, auch wenn es nur ein dünner Faden ist. „Vietnam“ war das Zauberwort meiner linken Vergangenheit, das Passwort zu einem kompletten Weltbild, in dem klar war, wer die Guten wer die Bösen sind. Auch als in den neunziger Jahren der Schlager „Ra-, Ra-, Rasputin“ von Boney M im Radio lief, habe ich daraus noch weit entfernt „Ho-, Ho-, Ho Chi Minh“ herausgehört.

Ho Chi Ming City, wie Saigon heute heißt, hat circa 12 Millionen Einwohner; man hat den Eindruck, dass sie alle im Moment anwesend sind und neben dir stehen. Gut wenn man auf dem Hinflug einen Platz am Gang hatte und sich schon daran gewöhnen konnte, ständig angeschubst zu werden, man wird auch in Vietnam ständig getätschelt und angefasst, wie man es bei uns nur aus Talkshows mit Michel Friedmann kennt. Man muss sich auch schnell an große Zahlen gewöhnen, der Geldautomat gibt höchsten 2 Millionen Dong heraus (das sind etwa 77 Euro). Vietnam hat heute etwa 90 Millionen Einwohner, bei einer umgedrehten Bevölkerungspyramide, es gibt fast keine alten Leute.

Sie kämen auch nicht über die Straße. Wie in Fischschwärmen bewegen sich die Motorradfahrer in einem ständigen Strom. Sie sehen so jung aus, dass man sich besorgt fragt, ob die überhaupt einen Führerschein haben. Viele tragen einen Mundschutz, so dass es so wirkt, als hätte man es mit einem Geschwader von Terroristen zu tun. Wenn man auf die andere Straßenseite will, muss man einfach losgehen und sich der Gemeinschaft anvertrauen und jedem Motorradfahrer die Chance geben, knapp hinter dir vorbeizufahren. Hier gilt das Wort von Wolf Biermann „Warte nicht auf bessre Zeiten“; es ist aussichtslos, der Strom wird nicht nachlassen, alles fließt, das Leben ist jetzt. Man muss einfach los. Es bleibt einem sowieso nichts walter ulbricht, wie man früher in der DDR sagte. Wie man an den oft fehlenden Rückspiegeln erkennen kann, gilt hier auch die Parole von Bob Dylan „Don’t look back!“ Es geht nach vorne, es geht voran. Seit 2008 ist Vietnam Schwellenland, im Jahre 2020 wollen sie eine Industrienation sein.

Wenn man etwas vom Krieg sehen will, muss man in die Museen. Im Kriegsmuseum werden die Fotografen gewürdigt, die mit ihrer Berichterstattung dazu beigetragen haben, dass die Stimmung kippte und zur größten Waffe gegen die USA wurde. Das Ho-Chi-Minh-Museum verzichtet auf schockierende Fotos, als würden sie den Ratschlag von Roland Barth befolgen, der sich gegen solche Darstellungen ausgesprochen hat und meinte, dass die Vorstellungen, die man sich in seinem Kopf macht, sowieso immer schlimmer sind als jedes Bild. Das Museum macht einen freundlichen Eindruck. Wir sehen Fotos von Freudenfesten, wir sehen den Dirigierstab von Dr. Ho-Chi-Minh, seine Reisschale, und eine Nachbildung des Schiffes, auf dem er als junger Mann nach New York ins Ungewisse aufbrach, um sich zunächst als Kellner durchzuschlagen, später nach Frankreich ging und 1919 an der Friedenskonferenz von Versailles teilnahm. Er hatte bis zu 50 verschiedene Pseudonyme und er war zweimal verheiratet - was zunächst geheim gehalten wurde. Man kann ihm sicher vieles nachsagen, aber nicht, dass er ein Freund der Chinesen gewesen wäre.

Seine Gießkanne ist ausgestellt. Die sieht man auch auf einem der alten Propaganda-Poster, die hier als Souvenir verkauft werden: Onkel Ho gießt eine Pflanze, die nur im Süden wächst, die nun aber bis in den Norden hineinragen soll, damit zusammenwächst, was zusammengehört. Die Teilung des Landes war härter und gemeiner als in Deutschland. Verwandtenbesuche gab es gar nicht, Postkarten nur unter Aufsicht des Roten Kreuzes. Die Trennung war eine alte Wunde, die Vereinigung ein alter Traum. Die letzte nicht gerade glückreiche Kaiserdynastie wurde extra in Hue, das etwa auf halbem Weg zwischen Hanoi und Saigon liegt, errichtet, um damit ein Zeichen zu setzen und eine bis dahin geltende Teilung zu überwinden. Ho Chi Minh war – so kommt es mir jedenfalls vor – in erster Linie Patriot, er liebte sein Vietnam mit seiner eigenwilligen Kultur. In der Bildung – hier glaube ich der Propaganda – sah der „große Lehrer“ eine Möglichkeit zum Aufstieg für die Armen, und so war er auch nicht kunst- und nicht intellektuellenfeindlich. Im Unterschied zu Diktatoren wie Pol Pot. Womöglich war der Wunsch nach Unabhängigkeit, nach Frieden und Wiedervereinigung die eigentlich Sehnsucht der Vietnamesen, stärker als der Traum von einer kommunistischen Zukunft.

Der Wiedervereinigungszug fährt nun durch – von Saigon über Hue nach Hanoi. Allein von Saigon nach Hue sind es tausend Kilometer. Wir wollen zum Bahnhof in der unberechtigten Hoffnung, dass wir uns da Karten reservieren können und in dem naiven Glauben, dass wir den Bahnhof zu Fuß erreichen und leicht finden. Dabei waren wir vorbereitet und hatten die Stadtpläne aus dem Reiseführer gerupft. Doch nun standen wir fußmüde und ratlos mitten im Gewimmel der Motorräder. Wir sahen nicht mal ein Hinweisschild. Man sagt ja gerne, dass man „nur Bahnhof versteht“, aber wir verstanden nicht mal, worum wir nicht mal den Bahnhof finden konnten.

Man kann nicht vietnamesisch radebrechen. Ähnlich wie im Chinesischen, wo verschiedene Töne gebildet werden, werden hier die einsilbigen Worte so unterschiedlich betont, dass der Fremde nicht mitreden kann. Die Buchstaben kommen einem auf dem ersten Blick bekannt vor, aber es bleibt ein Rätsel, in welchem Verhältnis das geschriebene Wort zum gesprochenen steht. Die Schrift wirkt seltsam unaufgeräumt, eine Vielzahl von Akzenten und Querstrichen verzieren die Buchstaben am unteren Ende, in der Mitte und vor allem oben, um klar zu machen, dass hier jeder noch so kleine Raum genutzt wird. Vielleicht soll damit auch auf die Vielfältigkeit des Lebens auf den Dächern, mit all den Leuchtreklamen, Pflanzen und dem Federvieh, das da oben lebt, hingewiesen werden. Wir hätten uns noch besser vorbereiten können, schließlich gibt es eine Internetseite, auf der alle Besonderheiten des Schienenverkehrs behandelt werden, und auf der zu lesen ist, dass man den Bahnhof in Saigon tatsächlich schwer findet.

Wir hatten es schließlich doch geschafft und sahen uns in Hue die bunte Kirche der Cao-Daisten an, die Jesus verehren, Konfuzius, Buddha und Victor Hugo, mit dem sie durch Seancen Kontakt aufgenommen hatten. Das mag lächerlich klingen, aber Anfang 1900 in der Gründungszeit der Cao Daisten, wurden ähnliche Versuche auch in Europa gemacht, auch wenn daraus keine Religion hervorging. Victor Hugo gilt nicht nur als großer Menschenfreund, sondern auch als Theoretiker in Gottesfragen, als Deist. Die Franzosen hatten ihn nach Vietnam gebracht. Außerdem den Kaffe, Wein, Baguette, Kohlrabi und anderes Gemüse, sowie die Guillotine, die von den Amerikanern für mobile Standgerichte weiterverwendet wurde.

Das Ideal vom guten Menschen, das Cao Daisten gebietet, nicht zu lügen und nicht zu töten, untersagt es ihnen nicht nur, Tiere zu töten und Fleisch zu essen, sondern auch, sich am Krieg zu beteiligen. Doch das hatten sie leider schon getan, als sie auf der Seite der Franzosen gegen Ho Chi Minh gekämpft hatten, nun war es für eine aus dem Glauben begründete Neutralität zu spät. Sie wollten selber nicht töten, mussten aber fürchten, nach dem Sieg der Kommunisten getötet zu werden. So kam es auch. Es gibt eben keinen Mittelweg.

Wie hätten wir uns entschieden? Wir waren drei Männer, die da auf den Treppenstufen der Kirche hockten. Alle drei Kriegsdienstverweigerer und Pazifisten. Einer von uns Franzose, er hatte einen kontrollierten Selbstmordversuch unternommen, um der Einberufung zu entgehen - gut vorbereitet, es standen vier vollgetankte Autos in Bereitschaft, damit sichergestellt war, dass er zur rechten Zeit, im richtigen Krankenhaus beim richtigen behandelnden Arzt ankommen würde, der eingeweiht war und ihn wieder ins Leben zurückbrache. Der Ossi von uns, der obendrein den Dienst in der so genannten Spantentruppe verweigert hatte, wurde zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, die aber, wie man wissen muss, als reine Erziehungsmaßnahme gedacht waren, den Ehrendienst bei der Nationalen Volksarmee hätte er danach trotzdem antreten müssen, oder weiter im Gefängnis bleiben, oder aber sich für die Einsatz bei der Baikal-Amur-Magistrale verpflichten – wenn es nicht alles ganz anders gekommen wäre. Der dritte war ich, bei mir war es beschämend einfach, den Dienst mit der Waffe zu verweigern. Trügerisch einfach. So lässt es sich gut vom Frieden träumen.

Der Liedermacher Trinh Cong Son musste jahrelang in ein Umerziehungslager. Er gilt als der Bob Dylan von Vietnam. Was ihn vor allem von Bob Dylan unterscheidet ist sein fehlender Weltruhm. Ganz abwegig ist die Zuschreibung jedoch nicht. Er hinterließ neben seinen Politsongs auch zahlreiche Liebeslieder und obendrein buddhistisch beeinflusste Kunststückchen über das Schicksal und über den Tod. Er war politisch, aber nicht politisch genug. Schon die Liebeslieder waren verdächtig, die pazifistischen erst recht. Er hatte es sogar gewagt, den „Amerikanischen Krieg“ als „Bürgerkrieg“ zu bezeichnen, und so waren seine Lieder sowohl im Norden als auch im Süden verboten. Auch heute noch muss eine Veranstaltung, bei der seine Lieder präsentiert werden, von der Kulturpolizei genehmigt werden.

Er wurde im Krankenhaus zum Liedermacher, er hatte einen Sportunfall, doch da bin ich nicht sicher. Womöglich habe ich das nicht richtig verstanden, vielleicht hatte er sich auch selbst Verletzungen zugefügt, um dem Krieg zu entgehen. Ich verstand von den Liedern auch nicht viel. Nur soviel, dass ich sagen kann, dass sie gut sind, sie sind anspruchsvoll und traurig. Es war gesteckt voll im ‚Social Club’ in Hanoi, die meisten standen oder hockten auf dem Boden wie bei einer Kinderveranstaltung. Manche Lieder waren bekannt, manche hinterließen Stille. Es waren nur junge Leute da (jedenfalls kam ich mir alt vor); freundliche Vietnamesen, die den Krieg wahrscheinlich nur vom Hörensagen kannten und sich nun selbst und ihre Geschichte besser kennen lernen wollten. Anschließend wurde diskutiert, wie man das bei uns auch von politischen Veranstaltungen kennt, jedoch in einem ruhigen, angenehmen Ton, wie man ihn bei uns nicht kennt.

Von den Texten, die nur zum Teil übersetzt wurden, konnte ich nur Bruchstücke mitnehmen. Doch diese Bruchstücke sagten mir immerhin soviel, dass ich nicht sagen muss, dass ich nur „Bahnhof“ verstanden hätte. Die Formulierung „Ich verstehe nur Bahnhof“ kommt aus dem Ersten Weltkrieg. Mit „Bahnhof“ war der Befehl zum Rückzug gemeint. „Ich verstehe nur Bahnhof“, wurde von Soldaten gesagt, die so verzweifelt waren, dass sie nur noch nach Hause wollten und damit ausdrückten: Der einzige Befehl, den ich entgegennehme, müsste lauten: „Bahnhof“. Wenn man diese deutsche Sprachschöpfung ins Englische übersetzen wollte, könnte man vielleicht sagen: Sie heißt soviel wie: „I am dreaming of a white Christmas.“

Beitrag erschien zuerst auf: achgut.com 

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Vergewaltigungen, Witze, Wanderwege, Juden, Attacken, Ölweiber und Strickmuster
1  Kommentare | Posted 14.02.2013 10:37

Eine kleine Warnung vorweg: Was ich über den Herrenwitz sagen werde, ist nicht lustig. Ich vermute sogar, dass ein paar scharfe Töne, die später noch dazukommen, bei einigen Lesern einen regelrechten Aufschrei auslösen können, ich höre ihn schon vor meinem geistigen Ohr: „So kann man das aber nicht sagen! Also, das geht gar nicht!“

Ich spreche mir sicherheitshalber Mut zu und pirsche mich langsam an das Thema heran. Was ist passiert? Uns wurde in dem jüngsten „Schwesterle-Skandal“, wie ich ihn zur Abwechslung nennen möchte, eine eigenartige Perversion vorgeführt. In dem Aufschrei um „Herrenwitz“ und „Sexismus“ wurden zwei Güteklassen von Witzen miteinander vertauscht: „Herrenwitze“ und „Männerwitze“.

„Na und?!“ Hier mag vielleicht schon so manche Frau aufschreien: „Die sind doch alle gleich.“ Nein. Männer sind nicht gleich. Witze auch nicht. Es ist keine Kleinigkeit. Es ist kein formaler, sondern ein grundsätzlicher Unterschied. Wenn man die beiden Witzsorten verwechselt, dann verdreht man bei der Gelegenheit – das soll jetzt keine sexistische Bemerkung sein – auch die „Stoßrichtung“, man vertauscht Subjekt und Objekt, man verwechselt Täter und Opfer. Eben das meine ich mit Perversion. Herrenwitze sind nämlich nach Tätern – den Subjekten – benannt, was noch nichts über die Witze selber aussagt; Männerwitze dagegen sind nach Opfern – den Objekten – benannt, was sehr wohl etwas über die Witze aussagt.

Ein paar Beispiele für Männerwitze: „Was ist der Unterschied zwischen einem Schlips und einem Ochsenschwanz? Der Ochsenschwanz verdeckt das ganze Arschloch.“ Oder: „Was ist der Unterschied zwischen einem Mann und einer Katze? Das eine ist ein verfilzter, fauler Fresssack, dem es egal ist, wer ihm das Essen bringt. Das andere ist ein Haustier.“ Oder: „Wie nennt man einen Menschen ohne Gehirn? Mann.“

Es reicht – oder? So sind heute die wahren sexistische Witze, in denen allein aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit das gesamte Geschlecht – und zwar das männliche – pauschal gedemütigt, beleidigt, erniedrigt und niedergebügelt wird, ohne dass es dafür eine Berechtigung gäbe. Es sind eigentlich gar keine Witze. Es gibt auch nichts zu lachen. Hier werden bekannte Witzmuster missbraucht, um aufzuwiegeln und Misandrie zu verbreiten.

Kaum habe ich das aufgeschrieben, schon lese ich, dass Harald Martenstein das auch getan hat und dabei auch denselben Witz – den mit dem Ochsenschwanz – bemerkt hat. „Zwei Dumme, ein Gedanke“, sagten wir früher auf dem Land. Ich will den Gedanken weiterspinnen. Ich habe mich nämlich schon so manches Mal gefragt: Wer denkt sich solche Witze aus? Ist es wirklich der Volksmund mit seiner gefürchteten großen Klappe oder werden solche Witze lanciert? Sexistische Witze, die diesen Namen auch verdienen – darauf hatte schon Matthias Matussek hingewiesen –, finden wir beispielsweise in der ‚Emma’, die alte Judenwitze zu neuen Männerwitzen umschreibt: „Was ist ein Mann in Salzsäure? Ein gelöstes Problem.“

Es ist zumindest kein Problem für Alice Schwarzer. Wenn sie – wie jüngst wieder geschehen – in einer Talkshow zum Thema „Herrenwitze“ auftritt, muss sie nicht fürchten, dass man sie auf die widerwärtigen „Männerwitze“, die sie zu verantworten hat, anspricht. Da unterscheiden wir. Männerwitze stehen nicht in der Kritik, sondern Herrenwitze.

Besonders der „Herrenwitz“ von Rainer Brüderle. Von wem geht die Kritik diesmal aus? Von einer Reporterin vom ‚Stern’; von einem Magazin also, das im Volksmund „Titten-Blatt“ genannt wird, ihm flattert der Mundgeruch der Schamlosigkeit voraus wie eine Alkoholfahne. Da muss jeder vorsichtig sein und mit einer Falle rechnen, ein Mann besonders. Einmal wurde Peter Handke von einer ‚Stern’- Reporterin gefragt, wie er seine Rolle in der Gegenwartsliteratur ... Quatsch. Er wurde gefragt, ob er schon mal im Puff war. Was erwarten wir denn vom ‚Stern’? 1983 brachte das Blatt auf dem Cover eine Collage von nackten Brüsten zu der Schlagzeile: FRAUEN SPRECHEN ÜBER IHRE BRÜSTE. Nun schickt das Blatt so eine Frau an die Bar, die den neuen Fraktionsvorsitzenden der FDP anmacht: „Na? Können Sie auch was dazu sagen, oder sind Sie schon zu alt dafür?“

Wie im Himmel, so auch auf Erden

Vielleicht war es auch anders. Ich war nicht dabei. Doch ich denke, dass sich Herr Brüderle angemessen verhalten hat und sich gegenüber einer anderen Frau mit einer anderen Interessenslage anders verhalten hätte. Dass er sich Frau Himmelreich gegenüber so verhalten hat, wie es uns beschrieben wurde, heißt ja noch lange nicht, dass er sich gegenüber allen anderen Frauen auf Erden genauso verhält. Warum sollte er auch? Er verhält sich bestimmt einer Striptease-Tänzerin gegenüber anders als gegenüber einer Nonne. Deshalb hat der Fall auch keine Bedeutung, die über das hinausgeht, was der ‚Stern’ daraus machen will.

Heiner Geissler war auch nicht dabei, er weiß aber mit der Selbstsicherheit eines Rambos, dass es sich bei dem Verhalten von Herrn Brüderle um eine „Sex Attacke“ gehandelt hätte. Gegen Frauen im Ganzen. Was der so alles weiß! Ich fürchte, dass ihm die Mitgliedschaft bei ATTAC nicht gut tut und dass er nun die Begriffe verwechselt. Wer greift hier wen an? Geissler attackiert Brüderle, der vorher vom ‚Stern’ attackiert wurde. So würde ich sagen. Zur Erinnerung an alle, die in einem simplen Schwarz-Weiß-Schema denken: Weiß fängt an.

Wodurch wurde Troja erobert? Durch die List des Odysseus. Im Unterschied zu anderen Erfindungen oder Entdeckungen wurde das „trojanische“ Pferd jedoch nicht nach seinem Erfinder benannt, sondern nach denen, die darunter zu leiden hatten. Bei dem „Trojaner“, den wir von unserem Computer kennen (oder eben gerade nicht kennen) wird es noch deutlicher: Der gefürchtete Virus müsste eigentlich „Grieche“ heißen.

So ein Vexierspiel finden wir auch hier: Das Opfer wird als Täter hingestellt. Männer sind nicht die Täter, sondern die Opfer von Sexismus. Auf denen kann rumgetreten werden. Sie haben es nicht besser verdient. Wir wissen ja, wie sie sind, und das wissen wir von den Männerwitzen. „Was ist der Unterscheid zwischen einer Fliese und einem Mann? Es gibt keinen: Wenn man ihn erstmal flachgelegt hat, kann man ein Leben lang auf ihm rumtrampeln.“ Die Männer sind die Dummen. Auch hier. Wenn jemand wegen „sexistischer Äußerungen“ zur Kasse gebeten wird, seinen Job verliert oder wenn ihm die Karriere ruiniert wird, dann ist es immer ein Mann. Die Männer sind alle aus Troja.

Die ‚Stern’-Journalistin zitiert ihr Opfer und macht es so geschickt, dass der Eindruck entsteht, der ältere Herr würde sich zwielichtig ausdrücken. Doch ich vermute, dass sie in Wirklichkeit selber eine Virtuosin der Doppeldeutigkeit ist; denn sie zitiert aus dem Gedächtnis und da wissen wir nicht, ob sie das auch korrekt tut. Sie schreibt es schließlich auf und hätte spätestens beim Korrekturlesen die Möglichkeit gehabt, sich über Subjekt und Objekt Klarheit zu verschaffen. Doch das wollte sie vielleicht gar nicht. Jedenfalls legt sie Herrn Brüderle folgende Worte in den Mund: „Politiker verfallen doch alle Journalistinnen.“

Es gibt zwei Möglichkeiten, daraus einen richtigen Satz zu machen. Es käme darauf an, an welcher Stelle ein „n“ hinzugefügt wird. Entweder heißt es: „„Politiker-n verfallen doch alle Journalistinnen“, dann sind es die Journalistinnen, die verfallen. In dem Fall wäre sie angesprochen. Oder es heißt: „Politiker verfallen doch alle-n Journalistinnen“, dann verfallen die Politiker, und er würde über sich reden. Wer verfällt? Wer ist das Opfer? Über wen wird pauschal geurteilt? Wohin gehört das Wörtchen „alle“? Zu den Politikern oder den Journalistinnen?

Der Zaubertrick mit dem Wort mit doppeltem Boden

Der größte Bluff besteht jedoch darin, dass die Kampagne unter der falschen Flagge „Herrenwitz“ segelt. Es geht nicht um Witze. Es hat allerdings dazu geführt, dass sich wohlmeinende Frauen und Männer auf einem bedeutungslosen Nebenschauplatz zu Wort gemeldet und Vorschläge gemacht haben, wie sich eine Frau „würdevoll“ oder angemessen mit Gegenwitzen oder Ohrfeigen „erwehren“ kann, als ginge es darum, Tipps für ein Flirtseminar für Fortgeschrittene zu geben oder für den Tanzkrus „Tango für Übergriffige“. Es geht in Wirklichkeit um die Herren. Besser gesagt: gegen die Herren. Martenstein erwähnt verwundert den Namen Loriot. Der ist doch ein „Herr“ mit guten „Witzen“. Wie passt das zusammen?

Was ist ein Herrenwitz? Wenn man im Internet nach Männerwitzen sucht, hat man Treffer en gros. Bei Herrenwitzen wird es mager, da finden wir einen müden „Klassiker des Herrenwitzes“ mit einem Krokodil und einer Oma aus der Harald-Schmidt-Show. Wie kommt’s? Der Unterschied zwischen einem Männerwitz und einem Herrenwitz ist derselbe wie zwischen dem Judenwitz und dem jüdischen Witz. Der jüdische Witz – wie auch der Herrenwitz – ist durch den Personenkreis gekennzeichnet. Es sind sehr unterschiedliche Witze, bei denen sich die Juden oder Herren mit sich selbst beschäftigen und in der Regel unter sich bleiben. Manche der Witze sind raffiniert, selbstironisch und eigentlich traurig. Manche nicht. Sie haben kein wirklich gemeinsames Thema (oder wenn, dann ist es weit gefasst), vor allem haben sie keine eindeutige Tendenz. Es sind echte Witze. Es ist nicht etwa plumpe, aggressive Propaganda, die versucht, sich als Witz zu tarnen.

Bei der Kampagne gegen den „Herren-Witz“ geht es gegen den ersten Teil des zusammengesetzten Wortes – gegen die „Herren“ – und es wird so getan, als wäre der zweite Teil des Wortes – der „Witz“ also – ein Beleg dafür, dass die Ablehnung berechtigt ist. Die Witzsorten werden vertauscht, man tut, als wäre der Herrenwitz per se sexistisch und dann wird der Männerwitz in den Zeugenstand gerufen, die Aussage ist eindeutig: Männer sind grundsätzlich minderwertig. Na also.

Hier liegt die Perversion: Die Boshaftigkeit, die einem selber zueigen ist, wird auf den anderen übertragen. Bitte, schreien Sie erst wenig später. Denken Sie noch kurz daran, wie sich der Männerwitz zum Herrenwitz und der Judenwitz zum jüdischen Witz verhält. Was passiert hier? Juden werden in Grund und Boden verdammt, und als Beweis für ihre Schlechtigkeit wird angeführt, dass die Judenwitze zutreffen und dass Juden rassistisch sind. Jetzt schreien!

Es ist ein Foulspiel. Die Sexismus-Debatte wird angezettelt von Leuten, die selber Sexisten sind, bei denen die geschlechtliche Zugehörigkeit im Mittelpunkt ihrer Selbst- und Fremdbilder steht und die ihr Geschlecht für das bessere halten. Sie können sich nicht vorstellen, dass andere Leute NICHT sexistisch denken. Deshalb wird uns die Debatte auch erhalten bleiben und noch weitere Blüten hervorbringen. Der Artikel von Frau Himmelreich ist selber ein einziger sexistischer Witz, über den man nicht lachen kann. Damit wird ein Mann – ein „Herr“ – pauschal mit der Wucht, wie wir sie von rassistischen und von sexistischen Witzen kennen, verdammt, ohne dass es dafür eine Berechtigung gibt. Es ist reine Hetze. So wie der Männerwitz keinen Grund braucht und auch keinen „wahren Kern“ haben muss (Männer haben in Wirklichkeit ein Gehirn), so braucht auch sie keinen Beleg.

Es ist ganz egal, was Herr Brüderle gemacht hat. Ob er gesagt hat, dass er ihr verfällt oder sie ihm verfallen solle. Egal. Ob der Handkuss – immerhin eine Demutsgeste – ironisch oder ernst gemeint war. Egal. Er hätte auch sagen können, dass ihr ein Dirndl vermutlich nicht stehen würde. Es kommt nicht darauf an. Vielleicht kann er nicht einmal tanzen. Er hätte auch sagen können: „Ich glaube, Sie könnten gut Wanderwege markieren.“ Er kann machen, was er will: Es ist immer falsch. Mehr noch: Es ist böse. Er wird nicht für sein Verhalten verurteilt, sondern dafür, dass er ein Mann ist. Das ist ja gerade der „Witz“ bei solchen „Witzen“. Neuerdings ist so eine kollektive Schuldzuweisung, wie wir sie aus dunklen Tagen in Erinnerung haben, wieder möglich. Männerwitze haben den Boden dafür bereitet.

Bettina Röhl, selber Journalistin, hat den Artikel von Frau Himmelreich als „Null-Nummer“ bezeichnet. Ich gehe noch einen Schritt weiter: Es ist eine „Minus-Nummer“. Nicht nur dass er keinen wahren Kern hat (und sei er noch so klein), er ist im Kern falsch.

Ob es uns lieb ist oder nicht: Brüderle ist ein gewinnender Typ. Es ist eben nicht so ein unglücklicher Fall wie beispielsweise Georg der VI., der zwar König war, aber einer, den man nicht gut vorzeigen konnte (er stotterte). Brüderle hat es zum Parteivorsitzenden gebracht (und zwar nicht durch Erbfolge), gerade weil man ihn bei jeder Gelegenheit gut vorzeigen konnte, weil er sich in unzähligen Diskussionen, in Talkshows und an Bars bewährt hat. Weil es in seiner Partei viel mehr Leute gibt, die ihn mögen als welche, die das nicht tun. So muss es sein. Sonst wäre er nicht da, wo er ist. Frau Himmelreich hätte, um ihr Urteil mit Substanz anzureichern, eine Umfrage machen können ... nein, das nehme ich zurück. Ich hatte einen Moment lang nicht daran gedacht, dass sie für den ‚Stern’ schreibt.

Ich hatte auch vergessen, dass sie selber zu den Sexisten gehört, die gerne die Waffe des Propagandawitzes nutzen und nichts daran finden, einen Menschen aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit zu diffamieren. Der Artikel verrät mehr über ihre Lust an der Denunziation als über das Verhalten von Herrn Brüderle. Nicht nur über ihre Lust. Auch über die einer aufschreienden Menge von Frauen aus dem Hinterhalt. Sie bezeichnen das Gespenst, das hier umgeht, als „Neuen Feminismus“ oder „Dritte Welle“ ... jetzt muss ich aufpassen. In Zeiten nach Guttenberg und Schavan kommt es verschärft auf die Anführungsstriche an. Ich betone daher sicherheitshalber, dass die folgenden Ausdrücke nicht mein geistiges Eigentum sind, sondern lediglich Zitate. Also: Sie nennen es zwar selber so, wie ich vorhin gesagt habe, von außen stehenden Beobachtern wiederum wird es „Verdammungsfeminismus“ genannt, „Geschlechterrassismus“ oder „Femi-Faschismus“. Quellenangaben erwünscht?

„Ich liebe alle Frauen“, sagte Nina Hagen. Ich bin da wählerischer

Das Heimtückische an dem „#Aufschrei“ ist, dass uns eine „bunte Mischung“ aus Banalitäten und strafbaren Handlungen aufgetischt wird und die aufschreienden Frauen nicht unterscheiden wollen – oder nicht können. Um ihr Vorgehen zu spiegeln, tue ich jetzt so, als würde ich auch mal schreien: „Verkehrsteilnehmerinnen sind eine Zumutung geworden und es wird Zeit, eine notwendige Debatte anzustoßen. Frauen nehmen einem die Vorfahrt, sie parken falsch und verursachen Unfälle mit Verletzten und Toten, man muss sich nur mal die Zahlen ansehen ...“

Hier habe ich zwei Fehler gleichzeitig gemacht: Ich habe Frauen und Männer getrennt betrachtet und dermaßen verallgemeinert, dass ich Alltägliches zu einer Ungeheuerlichkeit hochgejazzt habe. Das ist der „Doppelfehler“ – wie Boris Becker atemlos gesagt hätte –, der dem Rassismus zugrunde liegt: falsch trennen und falsch verallgemeinern. Das ist der Trick. So erklärt beispielsweise Albert Memmi das rassistische Muster und fügt hinzu, dass es auch für Sexisten gilt. Schlimm. Wer macht denn sowas?

Eine Zwischenbemerkung: Ich bin nicht gegen Frauen – im Gegenteil. Ich will aber auch nicht sagen, dass ich „die“ Frauen liebe; meine Liebe gilt nur wenigen, eine Verallgemeinerung würde meine Liebe sogleich ins Lächerliche kippen lassen. Ich bin auch nicht primär gegen den Feminismus, nehme ihm aber die Anmaßung übel, für „alle“ Frauen zu sprechen, und ich fürchte, dass dieser leidige Zwang zur Verallgemeinerung ein Geburtsfehler des Feminismus ist. Ich bin allerdings – wie so viele – gegen Rassismus. Deshalb will ich auch wissen, wie Rassismus „funktioniert“, was er für ein „Strickmuster“ hat. Als jemand, der Frauen wohlwollend sieht, sehe ich es nun besonders ungern, wenn sie rassistisch stricken. Da merke ich, dass ich doch gegen Feminismus bin. Oder kann mir jemand erklären, dass der Feminismus, wie er sich heute darstellt, etwas anderes ist als Rassismus im modischen Kostüm?

Natürlich habe ich mitgekriegt, dass sich der Feminismus entwickelt hat und dass Alice Schwarzer mega-out ist. Frauen von heute, heißt es, fühlen sich von ihr schon lange nicht mehr vertreten. Aber wohin hat er sich entwickelt? Die neue Generation – vertreten durch Schlampenparaden, Quotenfrauen, schreiende Frauen, oder barbusige ‚Femen’, die am Eingang der Herbertstr. in St. Pauli den Spruch „Arbeit macht frei“ hinterlassen – weist dummerweise denselben harten Kern auf, der schon bei ihrer Vorkämpferin zu erkennen war, als sie aus Judenwitzen Männerwitze machte. Sie machen denselben Doppelfehler. Vielleicht kann mir mal jemand, der sich für anti-rassistisch und pro-feministisch zugleich hält, erklären, ob man das auch anders sehen kann.

Non Stop Sexismus Show. Nur für Mitgliederinnen

Die ganze Nation diskutiert nun angeregt über Sexismus. Aber weiß die Nation überhaupt, wovon sie redet? Was ist denn Sexismus? Nach meiner Auffassung ist es die Anwendung des rassistischen Doppelfehlers bei angemaßter Überlegenheit aufgrund des Geschlechtes. Wer weiß es besser? Wenn wir bei Wikipedia nachschauen, werden wir nicht schlauer. Da müssen wir nicht nur genau hingucken, sondern immer wieder mal. Da ändert sich die Definition nämlich gelegentlich. Und nun? Hadmut Danisch ist Informatiker. Er sieht die Sache nüchtern, er meint, dass es Sexismus eigentlich gar nicht gibt. Er schreibt:

„Sexismus ist nicht das Belästigen oder Benachteiligen der Frau, Sexismus ist das MACHEN der Frau. Deshalb gilt es schon als ‚sexistisch’, wenn ein Mann einer Frau die Tür aufhält, in den Mantel hilft oder in den Ausschnitt schielt, weil das Verhaltensweisen seien, die Verhaltensweisen und Rollen ‚konstruieren’ und verfestigen, aus denen die Geschlechter erst hervorgehen. Sexismus ist damit jede beliebige Verhaltensweise, bei der man Männer und Frauen unterschiedlich behandeln würde ...“

Damit ist er nah an dem, was wir bei Wikipedia finden. So ist das also. Deshalb gilt auch der galante Handkuss als sexistisch. Mancher, der bisher gedacht hatte, eine Bemerkung vom Kaliber wie „Leck mich!“ wäre unanständig, anzüglich und ein fauxpas wundert sich: „Auch das noch! Die lassen einem aber auch gar nichts.“ Was Brüderle vorgeworfen wurde, war ja auch – wie man so schön sagt – „alles und nichts“. Und so geht es in dem Blog ‚Ansichten eines Informatikers’ weiter: „Ziel und selbsterklärte Aufgabe des Feminismus ist, die Erfindung der Frau rückabzuwickeln und Frauen wieder zu neutralisieren. In Gender-Sprache heißt das ‚Geschlechterrollen zu dekonstruieren’. Deshalb empfindet man alles, was sich auf diese Rollen bezieht, als kontraproduktiv, reaktionär, unterdrückungsverfestigend, weil es der Dekonstruktion im Wege steht und an den Rollen festhält. Das nennt man ‚sexistisch’. Das hört sich bescheuert an. Ist es auch. Es ist frei erfundener Blödsinn. Wie aus Trash-Science-Fiction.“

Leider ist der Blödsinn nicht harmlos. Denn mit der Erfindung des „Sexismus“ wurde ein neuer Straftatbestand für Männer geschaffen. Noch eine Zwischenbemerkung: Ich will Herrn Brüderle nicht verteidigen, meine Sympathie für die FDP hält sich in überschaubaren Grenzen, aber was hier für ein Beschuldigungswütigkeit abgeht, lässt mich frösteln. Kläger spielen sich mit der explosiven, „bunten Mischung“ zugleich als Richter auf, und die „Richter-Skala“ ihrer Vorwürfe ist „nach unten offen“.

Da sehe ich das Foto einer vorwurfsvoll dreinschauenden Frau mit der Parole RAPE IS CRIME auf ihren nackten Brüsten. Zu den Brüsten sage ich vorsichtshalber nichts, zu der Parole kann ich nur sagen: „Stimmt!“ Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Da sind wir uns einig. Warum können wir trotzdem nicht Freunde werden? Weil sie hinterhältig und gemein ist. Mit ihren nackten Brüsten unterstellt sie meinem Blick Lüsternheit – „Sein Blick wanderte auf meine Brüste“ – und damit bin ich schon einen Schritt in Richtung Vergewaltigung gegangen. Die wahre Perfidie ihrer Botschaft besteht jedoch darin, dass sie tut, als müsste sie mir überhaupt erstmal mitteilen, dass Vergewaltigung ein Verbrechen ist, als wüsste ich es nicht selber und würde es nicht genauso wie sie als Verbrechen ansehen.

Das tue ich aber. Und „die“ Männer tun es auch. Ihre Ächtung ist gnadenlos: Wer Kinder geschändet oder Frauen vergewaltigt hat, sollte die Gefängniszelle besser nicht verlassen. Ihm wird deutlich gemacht, dass er nicht nur aus der Gemeinschaft der Häftlinge ausgeschlossen ist, sondern auch aus der „Gemeinschaft der Männer, in der Männlichkeit noch etwas gilt“ – ein Ausnahmefall: normalerweise kann man „die“ Männer nicht so leicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen.

Die Ächtung spiegelt sich auch in den (von Männern gemachten – die machen ja sowieso alles) Gesetzen. Da sitzt ein Mann fünf Jahre im Gefängnis wegen einer Vergewaltigung, die keine war. Eine Frau dagegen sitzt vier Jahre für die Ermordung von zwei Kleinkindern, die tatsächlich tot sind. Was Alice Schwarzer dazu meint, ist bekannt. Sie meint, dass „alle“ Männer „Vergewaltiger“ sind und fordert Straffreiheit für Mütter, die in ihrer emotionalen Notlage ihre Kinder umbringen. Nach der Geburt wohlgemerkt.

Vor diesem Hintergrund leuchtet das Schlagwort „rape-culture“ erst so richtig auf. Was für ein Wort: Vergewaltigungs-Kultur. Es ist eine niederträchtige Unterstellung, zu behaupten, Männer würden Vergewaltigung als „Kultur“ angesehen. Sind es nicht vielmehr Frauen, die uns hier eine „Beschuldigungs-Unkultur“ präsentieren, was schon damit anfängt, dass sie Kultur nicht von Kulturlosigkeit unterscheiden? Wer ist denn hier die Kulturbanausin? Warum gibt es keinen Aufschrei gegen den Missbrauch des Wortes „Kultur“? Warum schreien jetzt nicht alle Künstler, alle „Kulturschaffenden“ und alle, die „Kulturwissenschaft“ studiert haben? Weil sie kultiviert sind und nicht bei jeder Gelegenheit schreien. Darum.

Auch bei „sexistischer “ oder „häuslicher Gewalt“ gibt es keinen Grund zu schreien. Wir müssen uns auch nicht streiten. Auch wenn immer wieder Kampagnen gegen „Gewalt gegen Frauen“ uns zu einer einseitigen Wahrnehmung verpflichten wollen, der Befund (den jeder selber googlen kann) ist eindeutig: Gewalt geht von Männern und Frauen gleichermaßen aus. Dazu ein Witz, der insofern als Herrenwitz gelten kann, weil darin die eigene Lage thematisiert wird: „Sagt ein Mann zu einem anderen: Hast du schon mal eine fliegende Untertasse gesehen? Nö, sagt der, seit meiner Scheidung nicht mehr.“

Häusliche Gewalt richtet sich genauso gegen Männer. Als prominentes Opfer hat sich jüngst ausgerechnet Roger Moore geoutet, der besonders unter seiner zweiten Ehefrau zu leiden hatte, die – als sie meinte, er würde ihr nicht richtig zuhören – ihm die Gitarre aus der Hand riss und auf ihm zertrümmerte. Sie hatte nichts zu befürchten. Er hätte unmöglich zur Polizei gehen und das anzeigen können: „Mein Name ist Bond, James Bond!“ Um die Gitarre tut es mir allerdings schon irgendwie leid.

Es wurde aber der Mythos des gewalttätigen Mannes geschaffen – ein konstruiertes Bild, das nicht aus der Wirklichkeit abgeleitet, sondern aus selektiver Wahrnehmung entstanden ist. Mit dem so genannten Gewaltschutzgesetz wurde dann eine Regelung geschaffen, die es Frauen ermöglicht, Männer des Hauses zu verweisen und mit Hausverbot zu betrafen (der Gesetzgeber empfiehlt ihm in dem Fall ein Obdachlosenasyl), allein schon wenn sie sich bedroht fühlt. Er muss nicht zuschlagen, es reicht, wenn sie den Eindruck hat, dass er es tun könnte. Damit wird die Möglichkeit geschaffen, dass Männer zu Unrecht bestraft werden. Das werden sie dann auch. Nun haben wir unschuldig bestrafte Männer. Die Dunkelziffer ist enorm. Damit hat sich auch die Zahl der Fälle von Männergewalt enorm vergrößert. Die Dunkelmänner lauern überall.

Die Unschuldsvermutung wurde bei der Gelegenheit aufgehoben. Alice Schwarzer hat dann auch das Wort „Unschuldsvermutung“ zum Unwort des Jahres vorgeschlagen. Es siegte dann aber das „Opfer-Abo“. Nun sind jedenfalls die Schleusen offen; wir haben eine Beschuldigungs-Inflation. Sexismus – wohin das Auge wandert. Die Vorwürfe sind wie in Männerwitzen im wahrsten Sinne des Wortes bodenlos. Und woher kommen sie? Vom Ölweib.

Gottfried Keller erzählt in der Geschichte ‚Das verlorene Lachen’ von einem Helden, dem übel mitgespielt wurde, der sich schließlich in auswegloser Lage sieht, sich rächen möchte und weiß nicht wie. Da wird ihm bei einem Umtrunk als letzte Möglichkeit das Ölweib empfohlen. Wer oder was ist das Ölweib?, will er wissen:

„Das sei eine alte Frau, wurde ihm erklärt, die man so nenne nach der biblischen Witwe mit dem unerschöpflichen Ölkrüglein, weil ihr der gute Ratschlag und die üble Nachrede so wenig ausgehe wie jener das Öl. Wenn man glaube, es sei gar nichts mehr über einen Menschen vorzubringen und nachzureden, so wisse diese Frau, die in einer entlegenen Hütte wohne, immer noch ein Tröpflein fetten Öles hervorzupressen, denselben zu beschmutzen, und sie verstehe es, in wenigen Tagen das Land mit einem Gerüchte anzufüllen.“

Zuerst erschienen auf Achse des Guten

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Wie Sexismus entsteht - und warum es dafür keine Entschuldigung gibt
1  Kommentare | Posted 01.02.2013 11:13

Ich fürchte jedoch, dass der Autor das selber gar nicht gemerkt hat. Nach einem gefälligen Vorspiel, in dem uns erklärt wird, dass es bei dem ganzen Wirbel nicht etwa um Fragen des guten Geschmacks und des schlechten Stils geht (erstaunlicherweise weiß aber fast jeder, der nicht dabei war, dass es sich mindestens um einen Stilbruch handelte), kommt Alexander Grau auf den Punkt:

„Nein, es geht um etwas ganz anderes, es geht um – Sexismus.“

Das ist gut zu wissen. Es geht also um mehr als nur um etwas, über das man nicht streiten kann – um etwas Wichtiges. Weiter:

„Der Begriff „Sexismus“ gewinnt seine anklagende Schlagkraft dadurch, dass er analog zum Begriff des Rassismus gebildet wurde und ähnlich funktioniert.“

Gut gesagt. Die Parallelen zwischen Sexismus und Rassismus sind auch schon von anderen – wie etwa vom tunesischen Soziologen Albert Memmi – bemerkt worden. Ich stimme ausdrücklich zu und werde noch darauf zurückkommen: Beide Ismen funktionieren, wenn ich es mal locker sagen darf, nach demselben „Strickmuster“. Deswegen sollten auch alle, die so stolz darauf sind, gegen Rassismus zu sein, den Sexismus gut im Auge behalten. Alexander Grau schreibt weiter dazu:

„So wie Rassisten Menschen anderer Hautfarbe oder anderer ethnischer und kultureller Herkunft diskriminieren und ihnen im schlimmsten Fall das Menschsein absprechen, so setzen Sexisten Menschen aufgrund ihres Geschlechtes herab.“

Alexander Grau macht es richtig: Er versucht erstmal zu klären, worüber wir überhaupt reden und was wir unter „Sexismus“ verstehen. Auch hier stimme ich ausdrücklich zu: Es geht nicht um eine bloße „Unterscheidung“ (die gar nicht zu vermeiden ist), sondern – viel wichtiger – um eine „Herabsetzung“. Das heißt in unserem Fall: Wenn Rainer Brüderle einen Busen bemerkt, ist das noch keine Herabsetzung (die könnte aber noch kommen). An dem Punkt ist es jedenfalls noch kein Sexismus. Noch nicht.

Doch bevor ich mich mit zustimmendem Lob für Alexander Grau überschlage, will ich gestehen, dass sich ab jetzt unsere Wege trennen und wir in verschiedene Richtungen abbiegen. Säßen jeder von uns in einem Auto mit Navi, dann müsste sich ab jetzt bei einem von uns die freundliche Stimme melden und sagen: „Bei der nächsten Gelegenheit bitte wenden!“

Wer von uns beiden fährt falsch? Ich sage: Der Sexismus, wie wir ihn heute erleben, geht von Frauen aus und richtet sich gegen den Mann. Sexismus ist weiblich. Das überrascht womöglich viele Leserinnen und bestimmt auch manchen Leser. Wie wir schon ahnten, ist es nicht das, was uns Alexander Grau sagen will. Ich drängele mich jetzt vor und begründe meine Richtungswahl mit einem Zitat:

„Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“

Ein überzeugendes Beispiel, wie ich finde. Hier haben wir alles, was ein Sexist braucht: Es wird aufgrund des Geschlechtes (etwas anderes ist nicht in Sicht) unterschieden, dem Männlichen wird das „Menschliche“ abgesprochen, weshalb es nicht nur „herabgesetzt“ wird, sondern obendrein noch „überwunden“ werden soll. Also, liebe Freunde von der antirassistischen und antisexistischen Front: Hierhin solltet ihr mal eure Blicke wandern lassen.

Alexander Grau fährt – wie schon angekündigt – in die entgegensetzte Richtung. Er ist anderer Meinung. Doch bevor ich seine Begründung zitiere, möchte ich darauf hinweisen, dass mein Beispiel keineswegs aus der Luft gegriffen oder eine bloße Vermutung ist, sondern so im Parteiprogramm der SPD geschrieben steht – in Marmor gemeißelt. Die Parole stammt aus dem Jahre 2008. Noch ein Hinweis: Wir schreiben inzwischen das Jahr 2013 und wir leben in der Bundesrepublik Deutschland (nicht etwa in Saudi Arabien). Doch nun weiter mit dem O-Ton von Alexander Grau:

„Und in der Tat: Sexismus ist keine Einbildung wild gewordener Feministinnen. Wenn Frauen aufgrund ihres Geschlechtes Schuldbildung verweigert wird, wenn sie kein Auto fahren und nur die hintere Hälfte eines öffentlichen Verkehrsmittels nutzen dürfen, wenn ihnen der Zugang zu Berufen versperrt ist, die sie genau so gut ausüben könnten wie Männer, dann handelt es sich schlicht um Sexismus: um Diskriminierung aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit, fast immer verteidigt im Namen der Kultur und der Tradition.“

Ich gebe es zu: Beim ersten Lesen fand ich das etwas „schlicht“. Wie sollte ich das verstehen? Mit Frauen, die „kein Auto fahren“, meinte er vermutlich Margot Käßmann. Aber ist das nicht ein Einzelfall? Doch dann blinzelte mir Sigmund Freud nicht nur beinahe unmerklich zu, er fiel mir mit seiner berühmten Vorstellung von einer freundschen Fehlleistung geradezu mit der Tür ins Haus. Ich hatte es beim ersten Lesen gar nicht bemerkt. Es heißt nämlich: „Wenn Frauen aufgrund ihres Geschlechtes ... Achtung, nun kommt es ... Schuldbildung verweigert wird ...“ Richtig. Nur so ergibt es überhaupt einen Sinn; denn „Schulbildung“, wie ich zuerst gelesen hatte, wird Frauen heutzutage keineswegs verweigert, „Schuldbildung“ schon.

Das Schuldprinzip wurde bekanntlich durch die Scheidungsreform aus dem Jahre 1977 abgeschafft, die seinerzeit von der SPD-FDP-Regierung durchgebracht wurde. Herr Brüderle erinnert sich sicher. Doch das Schuldprinzip wurde in Wirklichkeit nicht abgeschafft, vielmehr wurde der Mann aus Prinzip zum Schuldigen. Ein Mann wird heute so geschieden, wie früher nur Männer geschieden wurden, die tatsächlich schuldig waren. Das ist das Neue an der Reform. Sie brachte es mit sich, dass für den Mann eine Scheidung gar keine ist, er muss in jedem Fall weiterhin zahlen, auch wenn die Frau „schuldig“ ist, mit einem neuen Liebhaber durchbrennt.

Aus der Frage „Wer hat die Schuld?“ wurde die Frage „Wer hat das Geld?“. Der Jurist Georg Friedenberger hat die Fehlentwicklung beschrieben und benennt in seinem Buch ‚Die Rechte der Frauen. Narrenfreiheit für das weibliche Geschlecht?’ zwei Bruchstellen, an denen durch Druck von feministischer Seite das Rechtssystem ausgehebelt und Frauen grundsätzlich straffrei gestellt und damit für „unschuldig“ erklärt wurden: nämlich bei der Frage der Abtreibung und der Scheidung. Das Schuldprinzip wurde nur für Frauen abgeschafft.

Nun haben wir schuldige Männer und unschuldige Frauen. Überall. Was stellen wir uns unter einer Alleinerziehenden vor? Eine moderne Kriegerwitwe, die vom Schicksal gezeichnet ist und ohne Mann nicht mehr weiß, wie sie über die Runden kommt? Oder eine, die keine Antwort gibt auf die Frage, von wem sie ihre drei Kinder hat? Es kommt nicht darauf an. Beide werden so gesehen, als wären sie völlig unbeteiligt am Zustandekommen der Situation, in der sie stecken. Wir unterscheiden auch bei einer Vergewaltigung nicht mehr, ob eine Frau „Nein! Nein! Nein!“ gesagt hat oder „Ja! Ja! Nein! Ja!“, obwohl das ein großer Unterschied ist für alle, die sich ernsthaft für die Gefühle von Frauen interessieren und ihnen zuhören. Egal. Opfer sind immer unschuldig. Immer. Doch wenn wir nicht mehr unterscheiden, dann werten wir die echten (die wirklich unschuldigen) Opfer ab und die falschen (die verdeckt schuldigen) auf. Deshalb haben wir auch so inflationär viele Opfer, und niemand wagt es mehr, einem Pseudo-Opfer zu sagen: „Selber schuld!“ Damit sind aber die vielen Opfer nur noch lästig. Wir sollen Mitleid mit ihnen haben, doch die Opfer sind uns in Wirklichkeit „gleichgültig“ geworden, sie sind alle gleichermaßen gültig, wir werden ja auch vom Gesetzgeber angehalten, sie alle gleich zu behandeln.

Die Gleichbehandlung ermöglicht den Sexismusvorwurf. Wenn ich sage, dass „Frauen keinen Zugang zur höheren Bildung haben sollen“, dann ist das in der Tat eine sexistische Bemerkung; denn bei der Menge von „Frauen“ über die ich dabei rede, ist die Geschlechtszugehörigkeit der einzige gemeinsame Nenner, da kann man schon sagen, dass eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes vorliegt. Wenn ich dagegen sage, dass „alle, die nicht lesen und schreiben können, keinen Zugang zur höheren Bildung haben sollen“, wird die Sache schwieriger, dann werden nicht mehr alle gleich behandelt, es kommt ein weiteres Kriterium ins Spiel und außerdem werden Männer in die Betrachtung mit einbezogen. Ein Sexismusvorwurf entsteht aber erst dadurch, dass ich die Männerseite unberücksichtigt und alle anderen Bewertungsmaßstäbe unter den Tisch fallen lasse.

Bei einer einzelnen Frau wird die Sache deutlich: Verweigerte ihr jemand den Zugang zum Studium aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit, dann verstieße er damit gegen geltendes Recht, sie könnte einen Studienplatz im Sinne der Gleichberechtigung einfordern. Sollte es jedoch an anderen Faktoren scheitern (etwa an ihrem Zeugnis), dann hätten wir weder einen Fall von Diskriminierung noch von Sexismus. Oder um noch einmal auf das Beispiel aus dem ‚Cicero’-Online-Text zurückzukommen: Wenn Frau Käßmann „kein Auto“ fährt, liegt es am Alkohol. Nicht an den Männern. Deshalb sind Einzelfälle so interessant. Da kann man der Sache auf den Grund gehen, man kann unberechtigte Vorwürfe ausschalten und möglicherweise Abhilfe schaffen.

Ganz anders sieht es beim Einzelfall der Affäre Himmelreich aus, mit dem eine Lawine losgetreten wurde, die ein grelles Schlaglicht auf unsere „Qualitätsmedien“ wirft und auf die Möglichkeiten – und vor allem die Grenzen! – der so genannten sozialen Medien. Wir haben es mit unberechtigten Vorwürfen zu tun. Es soll keine Abhilfe geschaffen werden. Und man kann der Sache nicht auf den Grund gehen, weil es keinen Grund gibt. Es gibt nur ein verjährtes, rein subjektives Gefühl. Erzählt wird lediglich von einem (nachträglich) gefühlten Versuch einer Grenzüberschreitung in einem Kontext, der gerade für solche Möglichkeiten vorgesehen ist. Das ist kein Sexismus. Wenn uns die Klägerin das als „Sexismus“ verkaufen will, dann „schuldet“ sie uns einen diskutierwürdigen Maßstab, dann „schuldet“ sie uns einen von allen geteilten Begriff von dem, was wir unter „Sexismus“ verstehen sollen, dann „schuldet“ sie uns zumindest den Versuch einer Objektivierung.

Der Artikel von Alexander Grau hatte gut angefangen und ging flott in die richtige Richtung. Bis zu der erwähnten Kreuzung, an der er meiner Meinung nach falsch abgebogen ist, bin ich ihm gerne gefolgt. Er hatte immerhin versucht, Klarheit darüber zu schaffen, worüber wir eigentlich reden, wenn wir „Sexismus“ sagen. Damit hatte er den ‚Stern’-Artikel und den darauf folgenden „#Aufschrei“ weit hinter sich gelassen. Die waren gar nicht bis zur Alexander-Grau-Kreuzung vorgedrungen. Doch erst an der Stelle könnte ein Gespräch beginnen. Aber will denn überhaupt jemand ein Gespräch?

Eben nicht. Es ist Heuchelei, wenn (wie in der Talkshow mit Anne Will), vollmundig verkündet wird, dass nun endlich eine „überfällige Diskussion“ anfangen kann – und sogar anfangen muss – und dass es doch gut ist, „dass wir darüber reden“. Nichts da. Man kann gar nicht darüber reden. Das wird schon im Ansatz unmöglich gemacht. Es ist ein „Aufschrei“. Da muss man sowieso erst mal warten, bis die aufgehört haben zu schreien. Und wenn Renate Künast von einer „Debatte“ spricht, meint sie einen Endlos-Monolog ihrerseits.

Wenn die Äußerungen nicht aus dem Mustopf des Gefühlten und Subjektiven herauskommen, sind sie sowieso wertlos. Eine Frau sagt so. Eine andere etwas anderes. Ein Mann sagt vielleicht auch was. Ein anderer nicht. Alle sagen „Ich, Ich, Ich“. Mehr nicht. Es sind 60.000 Puzzleteile aus 60.000 verschiedenen Puzzlen. Sie ergeben kein Gesamtbild. Gerade die große Masse, die Beliebigkeit und Alltäglichkeit erweisen sich als Schwächen. Man kann einen Mückenschwarm nicht in ein Stück Fleisch umwandeln, und man kann aus der Schwarm-Dummheit nichts herausfiltern, das einen Ansatzpunkt für ein Gespräch bietet. Es ist kein Gesprächsangebot, es ist Kommunikationsverweigerung.

Eine der Opfer-Frauen schreibt beispielsweise: „Oral- und Analsex sind frauenfeindlich“. So, so. Als persönlich gemeinte Bemerkung geht das niemanden etwas an, als allgemeines Urteil ist es eine schamlose Anmaßung, so über alle Frauen zu bestimmen. Na ja: Gut, dass mir mal drüber geredet haben. Soll ich die anderen 59.999 Tweeds auch noch lesen und besprechen?

Es fehlt zwar ein verbindlicher Begriff von dem, was Sexismus sein soll, dafür haben sie etwas anderes gemeinsam, das sich da deutlich abzeichnet: Sie sind allesamt geil auf das Häppchen Aufmerksamkeit, das sie sich von einem Auftritt auf der zwielichtigen Bühne der Twitter-Welt erhoffen, und sie spielen gerne Femen-Gericht – eine Plage aus dem Mittelalter, bei der die anonyme Anklage zugleich ein Schuldspruch war. Ihre eigene Schuldunfähigkeit gibt ihnen die Lizenz zur pauschalen Schuldzuweisung an andere. Als Mann kann man sich da nur noch ein Abzeichen ans Revers heften mit der Aufschrift: SCHULD ABLADEN VERBOTEN.

Noch etwas. Alexander Grau hat uns mit dem Schlüsselwort von der mangelnden „Schuldbildung“ einen Kombi-Schlüssel an die Hand gegeben. Wir können damit zwei Räume aufschließen. Nicht nur dass es diesen Frauen an „Schuld“ fehlt, es fehlt ihnen auch an „Bildung“. Was ist Bildung? Es ist ...

„ ... die harte Arbeit gegen die bloße Subjektivität des Benehmens, gegen die Unmittelbarkeit der Begierde, sowie gegen die subjektive Eitelkeit der Empfindung und die Willkür des Beliebens.“ Diese Beschreibung stammt nicht aus einem Parteiprogramm oder aus dem ‚Stern’, so schreibt Hegel in seinen Betrachtungen zu ‚Bildung und Erziehung’. Da sagt er weiter: „Der gebildete Mensch kennt an den Gegenständen die verschiedenen Seiten“. So ein gebildeter Mensch hat seine „Partikularität“ aufgegeben und handelt nach „allgemeinen Grundsätzen“. Und weiter: „Je gebildeter ein Mensch ist, desto weniger tritt in seinem Betragen etwas nur ihm Eigentümliches, daher Zufälliges hervor.“

Da wir gerade von „Bildung“ reden, möchte ich noch ein Beispiel bringen, das nicht eigentümlich oder zufällig ist. Diesmal aus Österreich. Da wurde der Aufnahmetest im Fach Medizin „geschlechtersensibel“ angepasst. Bisher lag der Anteil der weiblichen Bewerber bei über fünfzig Prozent, der Anteil derer, die den Test bestanden, lag darunter. Also hat man eingegriffen, und nun werden Männer, die den Test eigentlich bestanden hatten, wieder rausgeschmissen zugunsten von Frauen mit weniger guten Noten. Ein klarer Fall von Sexismus. Darüber sollte man mal reden. Hier ist es auch gut möglich. Den Vorfall kann man belegen. Es handelt sich nicht um eine bloße Ansammlung von Einzelfällen, die keinen richtigen gemeinsamen Nenner haben: Alle betroffenen Studenten werden von derselben Art der Diskriminierung getroffen. Hier greift auch die Definition von der Alexander-Grau-Kreuzung: Es liegt eine Herabsetzung aufgrund des Geschlechtes vor. Man kann auch gut die „Strukturen“ aufzeichnen, und die Namen der Täter und der Opfer nennen. Wer von den „mutigen“ Frauen, die so gerne über Sexismus reden, möchte etwas dazu sagen?

Hegel hatte davon gesprochen, dass der gebildete Mensch die „verschiedenen Seiten“ kennt. Wie viele gibt es denn? Vier. Das klingt anspruchsvoll, aber so unübersichtlich ist es auch wieder nicht. Es stimmt ja: Im alltäglichen Macht- und Konkurrenzkampf erleben wir mehr oder weniger alle große und kleine Herabsetzungen und Demütigen mit allerlei Schlägen, die unter die Gürtellinie gehen, wir werden angemacht und abgelöscht und werden dabei oft genug auf unangenehme Art auf unsere Geschlechtszugehörigkeit hingewiesen. Es gibt vier solcher Kleinkriege:

Männer gegen Frauen
Frauen gegen Frauen
Frauen gegen Männer
Männer gegen Männer

Man müsste vier Fässer aufmachen. Es wird aber nur eins aufgemacht. Wo ist der Aufschrei gegen Zickenkrieg, gegen Intrige und Stutenbissigkeit? Gegen die tötenden Blicke von älteren Frauen, die sie jüngeren zuwerfen? Wo ist die Klagemauer, an der sich eine Frau ausweinen kann, weil die ehemals beste Freundin etwas Abfälliges über ihren Busen gesagt hat? Gerade unter lesbischen Paaren ist „häusliche Gewalt“ bemerkenswert weit verbreitet – was die Opferzahlen noch weiter in die Höhe treibt.

Das Zauberwort heißt „Tunnelblick“ oder etwas feiner ausgedrückt: „Definitionshoheit“. Das Strickmuster wird deutlich, wenn wir es auf den Rassismus anwenden. Denken wir uns eine Initiative „#Kreischen gegen Ausländer“, bei der sich jeder über alltägliche Herabsetzungen ausheulen kann, die ihm widerfahren sind: Wie er von Ausländern geduzt, angestarrt und angebettelt wurde, wie ihm Wechselgeld nicht richtig rausgegeben und ihm eine Parklücke oder eine Arbeitsstelle vor der Nase weggeschnappt wurde. Dass einem so etwas ebenso von „Bio-Deutschen“ angetan werden kann und dass die Ausländer (ich meine natürlich Mitbürger mit Migrationshintergrund) ihrerseits auch unzählige Kommentarspalten füllen könnten, wird dabei ausgeblendet.

Es gibt eine gute Nachricht. Wer sich hier und heute um einen möglichen Rassismus Sorgen macht, kann aufatmen: So einen Rassismus, wie ich mir hier vorgestellt habe, „hamwer“ nicht. Aber so einen Sexismus. Er wird uns von schuldunfähigen, bildungsfernen Schreienden aufgedrängt, die in ihrer aufgesetzten Halbblindheit nicht vom Einzelfall wegkommen.

Das müssten sie aber, wenn man mit ihnen reden soll. Sexismus gibt es im Plural. Nicht im Singular. Wenn sich zwei zusammentun und sich „vereinen“, ist es Sex, ohne Ismus. Das „Geschlecht“ kann etwas Intimes oder etwas Allgemeines sein. Es kommt auf die Menge der Personen an, die an der Sache beteiligt sind. Über ein Liebespaar sagt man: „Sie hatten Sex“ (das ist intim), nicht aber: „Sie hatten Sexismus“ (das ist allgemein). So etwas könnten höchstens die Teilnehmer an einer Massen-Orgie von sich sagen. Falls die überhaupt noch was sagen.

Sex findet (meistens) im Bett und im Dunklen statt, Sexismus dagegen im öffentlichen Raum bei guter Beleuchtung. Eine Nachtbar ist kein öffentlicher Raum, nur ein halböffentlicher. Da gelten eigene Gesetze. Gerade in einer Mondscheinkneipe, einem Speakeasy, herrscht Redefreiheit, da kann ich sagen, was ich will; da kann ich fluchen, schimpfen, säuseln und Witze erzählen, solange mir welche einfallen. Wer die nicht hören will, kann gehen, bevor die Pointe kommt. An solchen Orten gibt es keinen Sex und keinen Sexismus, es kommt schlimmstenfalls – aber eher selten – zu persönlichen Beleidigungen. Die klärt man dann vor Ort. Duelle sind allerdings seit der Einführung des bürgerlichen Rechts verboten. Wo ist das Problem?

Brüderles Ehefrau kann beruhigt sein: Ihr Mann hatte keinen „Sex“ mit Frau Himmelreich. Ich spreche ihn auch von dem Vorwurf, alltäglichen „Sexismus“ praktiziert zu haben, frei. Ich bin allerdings bereit, meinen Freispruch zu überdenken, stelle jedoch Mindestanforderungen an eine mögliche Anklage. Sie müsste sich auf eine Äußerung von Brüderle stützen, die er öffentlichen gemacht hat. Sie müsste beweisbar und nicht nur gegenüber einer einzelnen Person gemacht worden sein. Man könnte vielleicht im „Gesamtwerk“ seiner Reden und Erklärungen einen Satz finden in der Art wie „Frauen sollte der Zugang zur Bildung verweigert werden“. Das würde mich überzeugen. Ich bezweifele aber, dass sich etwas Belastbares findet, das einer keineswegs wohlwollenden Aufmerksamkeit von Journalisten bisher verborgen geblieben wäre.

Das soll aber nicht heißt, dass die FDP frei von Sexismus ist. Rainer Brüderle schon. Das behaupte ich jedenfalls – bis zum Beweis des Gegenteils. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand in so eine Position wie Brüderle kommt, wenn Frauenleichen seinen Weg pflastern und er bei Frauen nicht deutlich mehr Zuspruch als Ablehnung findet. Als Mann steht er rund um die Uhr unter missgünstiger Beobachtung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich im gegenwärtigen Meinungsklima irgendein Mann eine auch nur andeutungsweise sexistische Bemerkung leisten kann. Eine Frau kann das. Sexismus ist weiblich, wie gesagt. Rainer Brüderle könnte sich in der Frage von Cornelia Pieper, der ehemaligen stellvertretenden Bundesvorsitzenden seiner Partei, beraten lassen, die im Jahre 2007 gegenüber der ‚Bunten’ sagte:

„Während die Frau sich ständig weiterentwickelt, heute alle Wesenszüge und Rollen in sich vereint, männliche und weibliche, und sich in allen Bereichen selbst verwirklichen kann, blieb der Mann auf seiner Entwicklungsstufe stehen. Als halbes Wesen. (...) Er ist weiterhin nur männlich und verschließt sich den weiblichen Eigenschaften wie Toleranz, Sensibilität, Emotionalität. Das heißt, er ist – streng genommen – unfertig und wurde von der Evolution und dem weiblichen Geschlecht überholt.“

Frau Pieper hat sich, wie es heißt, „entschuldigt“, sie hat sich distanziert, sie hat ihre Äußerung relativiert. Ich weiß es nicht genau. Es ist auch egal. Wenn ein Mann eine sexistische Bemerkung macht und daraufhin seinen Job verliert, wird ihm die Möglichkeit einer Entschuldigung gar nicht erst eingeräumt. Das Urteil gegen den Mann ist zugleich eine Verdammnis. Bei einer Frau ist es folgenlos. Sie ist nicht schuldfähig. Cornelia Pieper muss nicht fürchten, dass man von ihr erwartet, dass sie nun einen Teil ihres Gehaltes in eine „Stiftung zur Förderung halber Wesen“ stecken muss.

Rainer Brüderle kann sich nicht entschuldigen. Er kann es schon deshalb nicht, weil es nichts zu entschuldigen gibt (was soll er denn sagen: „Entschuldigung, ich habe das Wort ‚Autobahn’ gesagt ... äh, ich meine‚Tanzkarte’?“. Es ist schon so: Ein Mann muss heute aufpassen und sich auf die Zunge beißen. Einen hat es just erwischt. Er wurde für den Gebrauch des Wortes „Muselmann“ mit der Zahlung von 1.200 Euro bestraft. Das Gemeine ist, dass man nicht vorher weiß, wie viel es kostet, man kennt auch die Laufzeiten nicht. Heinz Erhard durfte es noch sagen. Er ist tot. Sein Glück. Sonst könnte es ihm passieren, dass ein M***mann kommt und sagt: Es ist zwar schon ein paar Jahre her, aber ...).

Rainer Brüderle kann sich auch deshalb nicht entschuldigen, weil eine Entschuldigung keine Entschuldigung wäre, sondern ein Schuldeingeständnis. Es ist eine Falle. Dann hieße es nämlich: Aha, da war also doch etwas, das nach einer Entschuldigung verlangt hat. Damit hätte er selber bestätigt, dass eine Schuld tatsächlich vorliegt. Die wird er dann nie wieder los.

Zuerst erscheinen bei achgut.com

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Sexismus ist weiblich - oder: Das Märchen vom bösen Buschmann (3. Teil)
0  Kommentare | Posted 04.09.2012 09:29

Das Geheimnis ist nicht süß

Der Nebel um die „eigenen Potentiale“, von denen schon im ersten Teil die Rede war, erinnert mich an einen Schlager, den wahrscheinlich nur Leser kennen, die noch älter sind als ich: „Jede Frau hat ein süßes Geheimnis“. Was mag das sein? Das fragt man sich auch, wenn die Befürworter der Quote heute so tun, als hätten ALLE Frauen ungehobene Schätze an „eigenen Erfahrungen“, an wundersamen „Softskills“, an „soziale Kompetenz“, und überlegener Menschlichkeit. Deshalb ist auch Birgit Schrowange für die Frauenquote: „ ... weil Frauen eine größere emotionale Intelligenz haben und deshalb einfach die besseren Führungspersönlichkeiten sind.“ So einfach. So verkünden es alle, die nicht wissen, wovon sie reden, wenn sie den Komparativ benutzen. Die Spatzenhirne pfeifen es von den Dächern.

Take away! 
April, April. Es gibt keine „eigenen Potentiale“ der Frauen. Es gibt nur sexistische Propaganda, die Männern Defizite anhängen will.

Man muss sich ständig die Nase zuhalten. Was da verbreitet wird, ist stinkendes Eigenlob; es ist die etwas andere Unanständigkeit, sich Federn an den Hut zu stecken, die unlauter erworben sind. Und jedes Mal wird so getan, als wären das exklusive Fähigkeiten, die Männer grundsätzlich nicht haben. Da gibt es immer wieder ein verdecktes Foul, eine Prise Falschbeschuldigung und eine raffinierte Form von Demütigung. 
‚NEUE WEGE FÜR JUNGS’ - So heißt ein Programm für Jungs, das sie für soziale Berufe erwärmen will. Gut so – oder? Nach zehn Jahren ‚Girls’ Days’ wird endlich mal was für Jungs getan. Das ist doch ein Schritt in die richtige Richtung - oder?

Nein! Es fällt gar nicht mehr auf, was für eine Boshaftigkeit in dem unscheinbaren „neu“ steckt. Was - bitteschön - ist neu daran, dass sich Jungs sozial engagieren? Hier wird weggedacht wie in Afrika; es wird weggedacht, dass Männer Rettungsdienste, Hilfsorganisationen und soziale Einrichtungen aufgebaut haben und dass Jungs von Feuerwehrautos schwärmen - nicht nur wegen dem Tatü Tata, sondern weil Bilder von Helfern und Rettern in ihren Träumen aufscheinen. Was ist daran „neu“?

Neu ist die Unterstellung, dass Jungs mit einem Geburtsfehler auf die Welt gekommen sind, dass sie ALLE ein soziales Defizit haben. Wie wäre es eigentlich mit ‚NEUE WEGE FÜR POLITIKER’, einem Programm, das ihnen die Möglichkeit gibt, intelligente und ehrliche Politik zu machen?

Männerverachtung gibt es in allen Preislagen, kaum erkennbar oder schrill. So werden Männer schon mal als „halbe Wesen“ beschrieben. Ich wiederhole: als „halbe Wesen“. So spricht nicht etwa eine Sklavenhalterin Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, sondern Cornelia Pieper, stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP im Jahre 2007: „Während die Frau sich ständig weiterentwickelt, heute alle Wesenszüge und Rollen in sich vereint, männliche und weibliche, und sich in allen Bereichen selbst verwirklichen kann, blieb der Mann auf seiner Entwicklungsstufe stehen. Als halbes Wesen.“

Nun könnte man auf den Gedanken kommen, dass sich Menschen, die sich viel auf ihre soziale Kompetenz zugute halten, den halben Wesen zur Hilfe eilen. Pustekuchen. Frau Pieper badet lieber im Triumph der Frau: „Er (der Mann) ist weiterhin nur männlich und verschließt sich den weiblichen Eigenschaften wie Toleranz, Sensibilität, Emotionalität. Das heißt, er ist – streng genommen – unfertig und wurde von der Evolution und dem weiblichen Geschlecht überholt.“

Take away! 
Das „neue Bewusstsein der Frauen“ hat einen Namen: Sexismus

Das verwundert. Dachten wir doch bisher, Sexismus ginge ausschließlich von Männern aus. Einen Fall von Sexismus haben wir beispielsweise, wenn ein Mann meint, dass Madonna für ihre Erotik-Show zu alt ist. So hat es Sibylle Berg erklärt, die sich inzwischen ihrerseits als Sexistin geoutet hat. Ich erwähne das mit Bedauern, weil ich die Autorin mögen wollte, ich verzichte auch auf Zitate von ihr, ich habe genügend Belege aufgetischt. Ich kann aber nachlegen, falls jemand bezweifelt, dass in Sachen Sexismus Frauen die Männer längst abgehängt haben. 
Falls sie jemals im Hintertreffen waren. Man spricht inzwischen von einem ‚Second Sexism’ (so etwa David Benatar: ‚Discrimination Against Men and Boys’). Man kann sich allerdings fragen, ob es nicht der erste ist – und immer schon war. Die Unterstellung, dass Männer angefangen hätten, ist Buschmänner-Beleidigung, die Feministen benutzen, um ihre Attacken als Revanche-Fouls hinzustellen. 
Wer auch immer Erster war, es stellt sich die Frage: Was ist Sexismus überhaupt? Manche halten es für eine Art negativen Wunschzettel für Frauen, auf dem sie alles, was sie sich gerade NICHT wünschen, auflisten können, das gilt dann als sexistisch und wird abgeschafft. Doch so einfach ist es nicht. Es ist aber auch nicht schwer. Sexismus ist die angemaßte Überlegenheit gegenüber dem anderen Geschlecht. 

Take away 
Wenn Frauen sich für was Besseres halten, dann ist das Sexismus, wenn sie es allein aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit tun. Wenn Männer sich für was Besseres halten, dann ist das kein Sexismus, wenn sie dafür andere Gründe haben.

Das haben sie oft genug. Sie sind in ihre Führungspositionen geraten in Konkurrenz zu Mitbewerbern, die dasselbe Geschlecht haben. Da muss also noch was gewesen sein. Wenn wir das berücksichtigen, dann erscheint auch die leidige „Vorherrschaft der Männer“ in unterschiedlicher Beleuchtung, je nach dem, ob wie sie vor oder nach „dem großen Verdienst der Frauenbewegung“ betrachten.

Vorher: 
Die Vorherrschaft ist gerechtfertigt, sie beruht auf Leistung und echter Überlegenheit. In der Vorherrschaft stecken Fürsorge, Liebe und Verantwortung. 
Nachher
Die Vorherrschaft ist keineswegs gerechtfertigt, sie beruht auf dem Geschlechtsunterschied und einer lediglich angemaßten Überlegenheit. In der Vorherrschaft stecken hegemonialer Machtanspruch, Unterdrückung und strukturelle Gewalt gegenüber dem anderen Geschlecht.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Hässlichkeit liegt im Auge der Betrachterin. Der Sexismus macht den Unterschied. Für Sexisten ist das Geschlecht das ein und alles, das muss auch so sein, weil Sexisten ihre Überlegenheit einzig daraus ableiten. Man kann sie leicht erkennen. Sie hinterlassen Spuren. Sie verraten sich durch ihre Ausdrucksweise. Sie verwenden gerne den Komparativ und schieben den bei jeder Gelegenheit zwischen die Geschlechter, um sich selbst zu den Besseren zu zählen. 

Und sie reden gerne in grandioser Verallgemeinerung von „den“ Frauen und „den“ Männern, und „alle“ sind immer „gleich“, denn alle individuellen Merkmale sind für den Sexisten dem Geschlecht untergeordnet. Sexisten haben eine Hymne, von der nur die erste Strophe gesungen wird: „Sex, Sex, über alles, über alles in der Welt ...“ 
Der Sexismus ist nicht als plötzlich aufbrausender Sturm über uns gekommen, sondern als schleichende Verunreinigung des Bewusstseins. Die Zitate, die ich hier mit spitzen Fingern präsentiert habe, sind nicht neu. Die sind nach und nach durch die Maschen unserer Aufmerksamkeit geschlüpft und wurden nicht so ernst genommen, wie sie es verdient hätten. Mancher hat sich vielleicht gedacht: Nun ja, so reden Frauen, die beißen nicht, die wollen nur spielen. So wurde das Grundrauschen langsam lauter und wurde zu einem „anschwellender Ziegengesang“ (um ein Zitat von Botho Strauss, an das sich womöglich noch jemand erinnert, abzuwandeln). 
Dabei war es nicht nur das Bewusstsein, das seine Kraft entfaltete. Mit einem System von Fehlanreizen wurde ein Schutzwall aufgeschüttet, der sexistische Anwandlungen von Frauen schützte. Unzählige Frauen und Männer haben ihr Steinchen dazu beigetragen. Jede Quotenfrau tat es; denn das ist ihre Rolle, über die stillschweigende Übereinstimmung herrscht: Sie sind aus sexistischem Geist geschaffen und sollen den sexistischen Geist (der ein Ungeist ist) verbreiten. Inzwischen hat sich eine gewaltige Steinlawine angestaut.

Die Süßspeise 
Ich hatte einen Trost angekündigt, eine Süßspeise als Nachttisch, um den dicken Happen, dass Männer körperlich und geistig überlegen sind, etwas verträglicher zu machen. Ich sprach vom „Extrem“ und vom „statistischen Mittel“. Das ist so: Da dominieren Männer. 

Na und? Das ist doch nur Statistik. Das sind tote Zahlen. Das hat mit lebendigen Menschen nichts zu tun. Das stimmt in der Verallgemeinerung, nicht aber im Besonderen. Es ist durchaus möglich, dass mir eine Frau wie etwa Ingelore Welpe sowohl geistig als auch körperlich überlegen ist und dass sie mich im Zweikampf aus Blitzschach und Armdrücken besiegt. Dass Männer im allgemeinen statistisch gesehen überlegen sind, hat für unseren kleinen Wettkampf keine Bedeutung. Weder hilft es ihr, noch behindert es sie.

Es könnte aber sein, dass sie gar nicht erst antritt, weil ihr die Statistik sagt, dass hier Ungerechtigkeit vorliegt. Deshalb fürchte ich auch, dass ihr die Süßspeise nicht schmeckt. Wer auf eigene Leistung vertraut, dem sind Statistiken egal, und wer ein Glückslos gezogen hat, dem ist egal, wie gering die Chance war.

In der Welt der Sexisten gibt es keine eigene Leistung und kein Glück. Aber Nummern.

Literatur: 
Ingelore Welpe, Isabell Welpe: ‚Frauen sind besser. Männer auch. Das Gender-Mangement’, Signum Wirtschaftsverlag, Wien 2003

David Benatar: ‚Discrimination Against Men and Boys’ (Blackwell Public Philosophy), John Wiley & Sons, 2012

Fela Anikulapo Kuti: ‚Why Black Men Carry Shit’ – da würde ich gerne genaue Angaben machen, aber ich fürchte, dass es nichts nützt. Ich habe das Buch in Lagos gekauft, erfolgreich verliehen und kriege es hier nicht. 

Zuerst erschienen bei Achgut.de

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Sexismus ist weiblich - oder: Das Märchen vom bösen Buschmann (1. Teil)
1  Kommentare | Posted 22.08.2012 10:56



Das sind vielleicht Fragen. Die haben sich nach und nach ergeben, als ich die Überschrift las: „Viele Frauen haben kein Bewusstsein für die eigene Aggression“. Es war die Überschrift zu einem Interview mit Dr. Barbara Kiesling (auf ‚Cuncti’). Sie sprach mir aus dem Herzen.
Dann sagt sie an einer Stelle: „Männer haben in den vergangenen Jahrhunderten die Welt regiert, sie haben Kriege geführt und die Frauen unterdrückt ...“
Nun ja, das sagt man so. Als da ausnahmsweise ein kritischer Einwand kommt, ein zaghaftes „Äh ...“, gerät sie kurz aus der Spur, läuft sich aber schnell wieder warm, erklärt was sie eigentlich sagen wollte und offenbart eine Schwachstelle:
„Wir können uns wohl darauf einigen, dass es das große Verdienst der Frauenbewegung ist, bei den Frauen ein Bewusstsein dafür geschaffen zu haben, dass die Vorherrschaft des Mannes nicht naturgegeben ist. Durch die Kraft, die mit der feministischen Bewegung einherging, haben Frauen ein bisher nicht vorhandenes Selbstbewusstsein entwickelt und sich auf ihre eigenen Potenziale besinnen können.“
Wohl ist mir dabei nicht. Ich möchte mich lieber nicht so schnell mit ihr in diesem Sinne einigen. Es ist vielleicht unfair, wenn ich nun ausgerechnet eine Textstelle genauer angucke, die nur so dahergeredet ist, aber ich habe kein schlechtes Gewissen: Gerade Stolpersteine regen zum Nachdenken an. Außerdem habe ich das Gefühl, dass es nicht „ihre eigenen“ Worte sind, die sie da von sich gibt, ich vermute, dass Barbara Kiesling an der Stelle als anonymes Sprachrohr dient und etwas sagt, das eine andere Frauenstimme genauso gut hätte sagen könnte. Oder genauso schlecht.
Warum so schwammig? In den Filmbüchern von Federico Fellini finden wir gelegentlich eine Regieanweisung, die auch hier passt: „Nebel hier. Nebel dort!“ Es ist ziemlich undurchsichtig, was da ausgebreitet wird. Sie spricht von den „Potenzialen der Frauen“. Was meint sie damit? Die Gebärfähigkeit? Wenn ja: was noch? (Wir haben einen Plural); wenn nein: wieso nicht? Gehört das etwa nicht zum neuen Selbstbewusstsein der Frau? Wieso bezeichnet sie die als „eigene“ Potenziale? Sind das welche, die nur Frauen ihr eigen nennen dürfen (also doch Gebärfähigkeit) oder sind es welche, die Frauen für sich alleine haben wollen?
Nebelig ist es auch bei einem Begriff, bei dem man Klarheit erwarten sollte: „Bewusstsein“. Sie spricht vom Bewusstsein, das durch die Frauenbewegung geschaffen wurde. Darf man gratulieren? Hat die Frauenbewegung etwas geleistet, was die Philosophen der Aufklärung und die politischen Agitatoren immer nur in Ansätzen geschafft haben? Oder kommt der großartige Erfolg im Schaffen von Bewusstsein nur deshalb so flott zustande, weil dermaßen plump vereinfacht wird, dass es nicht mehr so recht zu einem Begriff wie „Bewusstsein“ passt? Jedenfalls nicht, wenn man bewusst damit umgeht.
Zweimal kommt es in dem Zitat vor (einmal als „Selbstbewusstsein“) – und wir hatten es schon in der Überschrift. Da drängt sich eine Pointe auf, wie sie Kabarettisten gefallen würde: „Viele Frauen haben kein Bewusstsein für die eigenen Aggression ...“ so geht es los, und weiter: „ ... und außerdem kein Bewusstsein von den komplexen Vorgängen, die zur Bewusstseinsbildung beitragen.“
Gegenvorschlag: Vielleicht können wir uns so einigen: Im Zuge der Frauenbewegung haben sich verschiedene Frauen zu Wort gemeldet und ihren Bewusstseinsstand über die „naturgegebene Vorherrschaft“ der Männer zum Ausdruck gebracht. Und? Was haben sie gesagt?
Spulen wir also zurück und nehmen uns den Satz noch mal zur Brust: „Wir können uns wohl darauf einigen, dass es das große Verdienst der Frauenbewegung ist, bei den Frauen ein Bewusstsein dafür geschaffen zu haben, dass die Vorherrschaft des Mannes nicht naturgegeben ist ...“
Wie ist das gemeint? Worauf bezieht sich die Negation, die in dem „nicht“ steckt? Auf die „Vorherrschaft des Mannes“ oder auf das Wort „naturgegeben“? Wenn sie sich auf die „Vorherrschaft des Mannes“ bezieht (was ich vermute), dann soll mit dem Satz soviel gesagt werden wie: Es gibt keine Vorherrschaft des Mannes, das hat man früher fälschlicherweise so gesehen und hat es als naturgegeben hingenommen. Wenn sich die Negation jedoch auf „naturgegeben“ bezieht (und so klingt der Satz), dann wird damit gesagt: Es gibt schon eine Vorherrschaft des Mannes, doch die ist nicht naturgegeben.
Sondern? Wie dann? Kulturell? Sozial konstruiert? Mühevoll erworben? Wenn das so ist, dann ist die Vorherrschaft rechtmäßig - und alles ist gut; dann gab es keine von Natur aus besseren Bedingungen für Männer. Wollte sie das sagen?
Wahrscheinlich nicht. Ich habe den Satz nicht ausgesucht, um ihr eine Ungenauigkeit nachzuweisen, sondern weil ich in dem unglücklich formulierten Satz ein echtes Unglück vermute. Sie wollte wahrscheinlich ein zweifaches Nein aussprechen. Den Eindruck habe ich. Aus dem Nebel leuchten mir zwei Lichter entgegen: das eine rote Licht ist das Nein zur Vorherrschaft des Mannes und das andere ist das Nein zur Natur.
Ich will versuchen, den Nebel zu lichten und verabschiede mich bei der Gelegenheit von Barbara Kiesling, deren Zitat ich für den Einstieg verwendet habe - und ich tue es nicht, ohne mich für die Teile in ihrem Interview, die ich nicht zitiert habe, zu bedanken.
Ich wende mich stattdessen Ingelore Welpe und Isabell Welpe zu, die in dem Buch ‚Frauen sind besser. Männer auch. Das Gender-Management’ von sechs „Irrtümern“ über die Natur von Mann und Frau berichten.

Die sechs Irrtümer

Achtung! Wir werfen nun einen Blick in die Hausapotheke des neuen Selbstbewusstseins der Frauen. Ob sich es just das Selbstbewusstsein ist, das Barbara Kiesling gemeint hat, weiß ich nicht. Sie sprach von EINEM neuen Selbstbewusstsein, nicht von verschiedenen, die womöglich in Konkurrenz zueinander stehen. Außerdem treten Ingelore und Isabell Welpe ebenfalls als Sprachrohre feministischer Errungenschaften auf und beanspruchen, im Namen ALLER Frauen zu sprechen und nun etwas ans Licht zu zerren, was bisher im Dunkel lag.
Die Autorinnen schicken eine Warnung voraus; denn die sechs Irrtümer „dienten“ bisher „den Männern“, und deshalb vermuten die beiden, dass „sehr viele Männer“, wenn sie mit diesen „Wahrheiten“ konfrontiert werden, „beunruhigt“ reagieren oder sogar „Widerstand leisten“. Das klingt spannend.

Wahrheit Nr. 1

Zuerst entsteht die Frau, aus ihr entsteht der Mann
„Nach der Zeugung ist jeder Mensch zuerst weiblich. Ein Mann ist eine Sonderform und muss daher zuerst als Ableger aus einem weiblichen Organismus entwickelt werden ... Wenn man so will, sind Frauen das primäre, Männer das sekundäre Geschlecht ... so zeigt es uns die Natur und kluge weibliche und männliche Manager wissen, dass diese Grundtatsache zu weiteren erheblichen Glaubensrevisionen über die Rolle von Frauen und Männern führen muss und dass sich daraus weit reichende Konsequenzen für die Bewertung und den Einsatz von Männern und Frauen in den Unternehmen ergeben.“

Wahrheit Nr. 2

Weder Mann noch Frau sind vollkommen. Sie sind spezialisiert
Die Frau ist jedoch näher an der Vollkommenheit. Der Zauber um den Begriff „Penisneid“, womit der Frau eingeredet werden sollte, dass ihr was fehlt, erweist sich als Propaganda; denn so ein Penis ist auch nur eine „Klitoris am Stiel“. „Um den Irrtum vollständig zurückzuweisen, muss noch gesagt werden, dass nur dem Mann etwas fehlt, nämlich Gebärmutter und Brüste.“

Wahrheit Nr. 3

Männer sind das größere Geschlecht. Frauen sind das vitalere und schnellere Geschlecht
„Der erste Blick, der natürlich auf die Körperhöhe, auf den Körperbau, die Muskulatur und die Knochen fallen muss, verführt zur Meinung, dass Männer stärker als Frauen seien. Das gilt im Detail, jedoch nicht für das Ganze. Mehr Blut, größere Lungen und ein größeres Herz der Männer machen diese keineswegs während der gesamten Lebensspanne stärker und verschaffen ihnen auch keineswegs eine bessere Vitalität. Die meisten Männer haben eine kürzere Lebenserwartung als die meisten Frauen. Überall auf der Welt leben Frauen im Durchschnitt sechs Jahre länger, trotz der oft schwereren körperlichen Arbeit, die sie im Vergleich zu Männern verrichten ... Frauen übertreffen Männer nicht nur an Vitalität, sondern auch beim Entwicklungstempo.“

Wahrheit Nr. 4

Frauen haben größere Gehirne, und es besteht kein Unterschied in der Intelligenzleistung
Das unterschiedliche Gehirngewicht spielt keine Rolle. Vielmehr müssen zunächst die Unterschiede richtig verstanden werden – und zwar die, auf die es ankommt: „Frauen haben zum Teil um 70 Prozent mehr und dickere Nervenverbindungen als Männer, so wie dies etwa für Musiker im Unterschied zu Nichtmusikern gilt. Zudem sind bei Frauen Gehirnaktivität, Durchblutung und Zuckerstoffwechsel insgesamt besser. Im Verlauf des Lebensalters verlieren Frauen auch weniger Nervenzellen als Männer.“ Da stellt sich schon die Frage: „Und welches Unternehmen kann eigentlich auf spezifische biologische Leistungspotentiale verzichten?“

Wahrheit Nr. 5

Frauen sind das Zukunftsmodell der Evolution, Männer das frühe Modell unserer Stammesgeschichte
„Für Entwicklungsbiologen sind die jungen Formen zukunftsweisend, da Kinder die Merkmale der Zukunft tragen ... (sie) enthalten das Veränderungspotential. Die weicheren Gesichtszüge der Frauen ... sind den Proportionen junger Menschen ähnlicher. Dagegen sind gestandene Männer alte Männer. Sie sehen im Vergleich mit den Frauen auch alt aus. Auch im übertragenen Sinn gilt das, denn stammesgeschichtlich betrachtet sind typische männliche Formen älter und ‚tierischer’. Die männliche Form ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern eine frühe Form und, leidenschaftslos betrachtet, eher ein Auslaufmodell.“

Wahrheit Nr. 6

Frauen leisteten den erheblicheren Beitrag zum Überleben der Menschheit durch Sammeln, Kommunikation und Kooperation
„Da uns bis vor kurzem die Geschichte der Menschheit ausschließlich von männlichen Wissenschaftlern und Historikern erklärt wurden, ist es nachvollziehbar, dass der Mann an sich der bevorzugte Gegenstand der Lehrbücher ist und seine Leistungen als die Bausteine unserer Kultur bewertet wurden.“ Doch nun haben wir Nancy Tanner. „Nancy Tanner hat die Leistungen von Frauen unter Vorlage von überprüfbaren Modellen als erfolgskritisch für die Entstehung der Menschheit identifiziert. Um den Schritt vom Vormenschen zum Menschen zu tun, waren nicht Jagen und Werkzeuggebrauch entscheidend - das tun Affen auch -, sondern das systematische Sammeln von Nahrung auf zwei Beinen, anstelle von Futtersuche und Futterjagd ... Wer, wenn nicht Frauen und Mütter, waren gezwungen, erfolgreiche Sammlerinnen zu sein? ... Was und wie viel immer unsere männlichen Vorfahren auch gesammelt haben mögen, sie konnten es allein für sich tun und für sich behalten. Anders als das Jagen verlangen Sammeln, Lagern und Teilen in Gruppen eine kontinuierliche und effektive Kommunikation und Koordination und flexible Organisationsstrukturen.

An dieser Stelle will ich erstmal eine Verschnaufpause einlegen. Ich werde im zweiten Teil sagen, woran mich das erinnert.

 

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Bild: Podium beim Forum Familie
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Die familienpolitischen Diskussionen in Medien, Politik und Verwaltung laufen immer stärker auf eine Zerschlagung und Vergesellschaftung der Familien hinaus. Oft wird beispielsweise auch in der Union angenommen, dass für die Aufzucht von Kindern nicht die Familie der beste Ort sei, sondern eine staatliche Kinderbetreuungseinrichtung.

Gegen diesen Trend hat sich die Initiative Familienschutz mit der Sprecherin Hedwig von Beverfoerde kurz vor der Wahl zum Bundestag 2009 gegründet mit dem Ziel, Familien in der Politik eine Stimme zu geben. Sie sollten nicht mehr nur Objekt von mehr oder (meist) weniger wohlwollendem politischem Handeln sein, sondern selber mitmischen und ihre Interessen zur Geltung bringen.

Am 14. Mai veranstaltete die Initiative vor zahlreich erschienenem Publikum in Berlin-Mitte das erste Forum Familie, auf dem vor allem eines sehr deutlich wurde: Die Zeit ist reif für eine echte Familienrevolution!

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