Bonbons von Fräulein Rottenmeier
9 Kommentare | Posted 19.04.2013 10:17
Jetzt werden wir also alle Quotenfrauen. Toll. Herzlichen Dank Frau von der Leyen und Kolleginnen, dass Sie sich so aufgeopfert haben. Spätestens 2020 dürfen wir uns jetzt alle den Stempel „Quotenfrau“ auf die Stirn kleben, sollten wir einen Top-Posten ergattern und können anschließend dann den mühsamen Beweis antreten, dass wir es eventuell auch ohne geschafft hätten.
Intrige, Machtkampf, Erpressung. Nein, es waren keine schönen Worte, die rund um den Machtkampf innerhalb der CDU – Frauen gegen den Rest ihrer Partei – in den vergangenen Tagen fielen. Angeführt von Ursula von der Leyen, haben sie im Kampf um die gesetzliche Frauenquote ein Schlachtfeld hinterlassen in Fraktion und Koalition, dessen Folgen sich erst noch zeigen werden. Gerade für die Frauen der Fraktion. Gleichzeitig haben sie uns aber auch einen herrlichen Anschauungsunterricht zu der Frage geboten, was sich ändert, wenn ab sofort mehr Frauen in Entscheidungspositionen sitzen. Sozusagen an den Schalthebeln der Macht: Nämlich gar nichts. Eiskalt, risikoreich, machtbewusst und mit dem Kopf durch die Wand, koste es, was es wolle. So hat sich Frau von der Leyen in der Frauenquoten-Frage durchgesetzt. Damit erfüllt sie so ziemlich jedes Klischee, das einem männlichen Kollegen den Stempel typisch aggressives männliches Potenzgebaren aufgedrückt hätte.
Führungsetagen sind kein Ponyhof, sondern Haifischbecken
Darf Sie das, so als Frau? Ja sicher, immer raus mit dem eigenen Ego. Zeigen Sie uns, was Sie drauf haben. Warum auch nicht? Das machen die Männer doch auch so, nicht wahr? Aber bitte, bitte verschonen Sie und Ihre Genossinnen uns in Zukunft mit diesem Mantra von den angeblich typisch weiblichen Eigenschaften, von Softskills über Empathie und Teamfähigkeiten. Die werden immer dann gerne aufgezählt, wenn begründet werden soll, warum Frauen jetzt dringend die Vorstandsetagen bereichern müssen. Dieses Plus an Weiblichkeit, das die Welt schöner, runder, weicher, sympathischer und erfolgreicher machen soll. Weil nur wir Frauen dies angeblich bewerkstelligen können, oder allerhöchstens sonst noch Barack Obama. Lassen wir außen vor, dass es Sexismus in Reinkultur ist, dass man im Umkehrschluss diese Eigenschaften einem Mann im gleichen Atemzug abspricht. Außer natürlich Barack Obama. Es ist einfach falsch. Denn Führungskompetenz ist keine Frage von Geschlecht, sondern von Zielstrebigkeit, eisernem Willen, Charakter und auch Stärke. Unzählige Frauen haben bereits bewiesen, dass sie es können. Man kommt nicht nach oben, weil man gut Tee kochen und zuhören kann. Führungsetagen sind kein Ponyhof, sondern Haifischbecken. Dort schwimmt nur der mit, der sich über Wasser halten kann.
Oder glauben Sie, Angela Merkel ist immer noch Kanzlerin und Parteichefin, wegen ihrer Softskills? Sie ist es, weil sie die Regeln der Macht beherrscht, strategisch oft genial denkt und keine Angst hat, alle Männer gnadenlos über die Klinge springen zu lassen, die ihr gefährlich werden könnten. Mein Gott, diese Frau steht echt ihren Mann!
Und dazu diese besondere Ironie, die man vermutlich nur nach mehreren Semestern Gender Studies in Logik umwandeln kann. Dass die Armada der Berufs-Feministinnen ausgerechnet mit den weiblichen Eigenschaften argumentiert, die man uns gerade flächendeckend abzutrainieren bemüht ist. Man will uns doch dieses Weibchen-Schema endlich austreiben. Weil doch Geschlecht nur ein Konstrukt sei, und nur anerzogen, um den Männern die Macht zu sichern, wie uns schon die gute Simone de Beauvoir erklärte, die damit aber völlig auf dem Holzweg war. Denn wenn wir doch alle gleich sind und die Unterschiede gerade gendersensibel ausgemerzt werden sollen – bis hin in die letzte sprachliche kleinkarierte Formulierung – wozu brauchen wir dann noch explizit weibliche Eigenschaften, dieses Produkt falscher Erziehung?
Respekt durch Leistung
Mit dem neuen urbanen Erfolgsmodell CDU läuft es in absehbarer Zeit auf eine sympathisch klingende „Flexi-Quote“ hinaus. Gewinnt im Herbst die rot-grüne Opposition, wird die gesetzliche Quote noch viel früher kommen als der erpresste Deal von der Leyens für das Jahr 2020. Wie auch immer, es wird eine Zeit vor der Quote und eine nach der Quote für alle Frauen in Führungspositionen geben. Glücklich sind die Frauen, die es jetzt schon zu einer guten Karriere gebracht haben. Der Rest muss sich beeilen. Sie können heute zumindest darauf verweisen, dass sie auch vor der Quote ganz ohne Hilfe schon etwas geleistet haben. Sie haben sich Respekt durch Leistung verdient. Alle anderen werden ab sofort doppelt kämpfen müssen gegen das Stigma, eine Quotenfrau zu sein. Genau wird nämlich dann niemand mehr wissen, wer es wie auf welchen Stuhl geschafft hat. Hätte sie das auch alleine hinbekommen? Ist ja nur wegen der Quote hier. Die hatte es einfach.
Und man nimmt uns den Spaß am Wettbewerb. Ja, auch Frauen haben Freude daran. Man nimmt uns das Erfolgserlebnis aber vor allem auch den Respekt, den man sich hart erarbeiten muss, dessen man sich dann aber auch sicher sein kann.
Bonbons für einen kleinen Girls-Club
Ich will kein Mitleid und auch keine Frauenparkplätze in den Vorstandsetagen, ich will diesen Respekt. Ich will nicht, dass das Gruppenbild im Vorstand bunter wird, sondern dass man die Frau dort achtet. Dass die Herren wissen, die Frauen in ihrer Runde sind genauso gut. Vielleicht sogar besser. Das wäre Gleichberechtigung, dass man(n) sie als ernsthaften Mitkonkurrenten betrachtet. Und ich bin mit dieser Position ja auch offensichtlich nicht alleine. Laut ARD-Deutschlandtrend befürworten selbst unter den Frauen nicht einmal ein Drittel eine gesetzliche Quote für unser Geschlecht. Zwang durch Quote ist Minderheitenpolitik. Was insofern konsequent ist, weil es ja auch nur einer Minderheit nutzen wird. Sie ist das Bonbon für eine kleine Frauen-Elite in Wirtschaft und Politik. Ein kleiner Girls-Club wird davon profitieren. Frauen, die sich nach oben gekämpft haben ganz ohne Quote und bewiesen haben, dass man auch so sehr weit kommen kann, wenn man sich anstrengt. Gerade diese Frauen brauchen überhaupt keine Hilfe von uns und nein, sie werden auch nicht automatisch mehr Frauen nachziehen. Niemand konnte dies bislang nachweisen. Die 200 oder 300 Plätze, die in den Aufsichtsräten zu vergeben sind, bringen Millionen Frauen in Deutschland nichts. Die Politik kann sich selbst auf die Schulter klopfen: Mein Gott, haben wir gerade viel für die Frau getan. Wir haben sogar eine Quote eingeführt. Und jetzt ist aber mal gut, jetzt gehen wir über zum Tagesgeschäft.
Soll ich mich jetzt auch noch bedanken? Ich nehme an, das wird jetzt von mir erwartet. So als Frau. Wir sind doch Schwestern, nicht wahr? Hat man ja gesehen. Wie Schwester von der Leyen ihre Mitschwester Schröder in diesem Machtkampf abserviert hat. Frauen-Soli! Ja, wir halten zusammen, wir ziehen an einem Strang. Da passt kein Blatt dazwischen. Ein echtes Frauenkollektiv.
Wir sollen also dankbar sein, dass uns die alte Riege, sozusagen die Golden Girls des deutschen Feminismus, ihre eigene Vorstellung von Frauenleben aufzwingen will. Sie meinen es ja gut mit uns. Sie haben doch für uns gekämpft. Du sollst es doch mal besser haben, Mädchen! Ich kann’s nicht mehr hören, diese Fräulein Rottenmeier-Attitüde. Die besser wissen, was für die jungen Frauen gut ist. Weil wir das ja selbst nicht wissen. Warum könnt ihr uns nicht einfach machen lassen? Ihr habt uns doch den Weg bereitet und ja, ihr hattet es schwer. Ihr habt die Töchtergeneration ja gerade deswegen selbstbewusst großgezogen. Und nun traut ihr uns weniger zu als euch selbst? Wie anmaßend. Dürfen wir unseren Weg nicht allein finden? Was soll ich jetzt unseren beiden Töchtern sagen: Ihr seid zwar klug und schön, werdet es aber ohne Quote nicht schaffen? Ist es ernsthaft das, was die junge Generation an Mädchen und Frauen lernen soll? Opfer-Abo bis zum Lebensende?
Unheilige Allianz
Zumal hier auch kein Platz mehr für Frauen ist, die das alles sowieso nicht wollen. Die gar nicht die große Karriere anstreben. Die zufrieden sind, dass sie eine gute Balance zwischen Familie und Beruf gefunden haben. Die, wie alle Umfragen beweisen, gerne Teilzeit arbeiten, wenn sie Kinder haben. Sie sind jetzt die Karriere-Verweigerer. Da bereitet man ihnen den Weg, und sie nutzen ihn nicht. Verräterinnen, Abtrünnige, die ihr Potenzial sträflich unausgeschöpft lassen. Unnütz in einer Gesellschaft, in der nur noch jemand zählt, der an der Produktionskette teilnimmt. Wozu haben wir denn die teure Uni bezahlt, wenn du jetzt am Herd stehen willst?
Männer! Wo seid ihr? War das bisschen offene Rebellion neulich bei Daimler in Stuttgart schon alles, oder nehmt ihr nur Anlauf? Was bereitet ihr euren Söhnen für eine Zukunft, in der nicht mehr Leistung, sondern nur Geschlecht zählt? Und nein, Frau Schwarzer, um Ihre Frage zu beantworten: Ich bin keine Männerbeauftragte, und ich werde auch nicht vom Patriarchat dafür bezahlt, dass ich Männerbedürfnisse berücksichtige. Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, gerade für das Geschlecht, das sich gerne mit der besonders ausgeprägten Empathie schmückt. Weil wir alle nicht nur Frauen sind, sondern auch Ehefrauen, Töchter, Schwestern, Freundinnen, Gefährtinnen und die meisten sogar noch Mütter. Mein Ehemann ist nicht der Feind in meinem Bett, mein Bruder ist kein Sexist, und mein Vater ist kein Patriarch. Und vor allem bin ich nicht nur Mutter von zwei Töchtern, die ich mit einem Übermaß an Selbstbewusstsein ins Leben schicken will, ich bin auch Mutter zweier Söhne. Sie haben das gleiche Engagement ihrer Eltern für eine gute Zukunft verdient, in der sie gerechte Chancen haben, wie unsere Töchter. Oder wollen Sie das meinen Jungs erklären, warum die männliche Sippenhaft für ihre Generation wieder eingeführt wurde? Ich bin sicher, selbst unser Siebenjähriger hätte darauf schon eine deutliche Antwort.
Vielleicht ist die Quote aber sogar der perfideste Plan des Patriarchats, um uns Frauen für immer eine Stufe tiefer zu zementieren. Man gibt sich gönnerhaft, schmeißt ein paar Brocken in Form von Prozenten hin und kann uns im Umkehrschluss nun tagtäglich vor Augen führen: Ihr könnt es doch nicht alleine, ihr braucht die Quote für das, was wir alleine schaffen. Aber kein Problem Schätzchen, da helfen wir dir doch gerne. Und in unheiliger Allianz spielen Frauen bei diesem Plan auch noch den Steigbügelhalter.
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Was kommt, wenn Familie geht?
11 Kommentare | Posted 30.03.2013 11:12
An einer Bremer Oberschule werden in einem neuen Projekt seit vergangenem November Babys als Empathie-Trainer eingesetzt. Einmal im Monat kommt ein Säugling mit seiner Mutter in die Schulklasse auf Besuch. Es sind Schulen in sozialen Brennpunkten. Die Kinder haben es oft nicht einfach. Sie spielen mit dem Baby, beobachten, wie es von Monat zu Monat wächst, wie es sich entwickelt, was es Neues dazugelernt hat.
Beobachten Stimmungsschwankungen, lernen zu deuten, was das Kind will, Gesichter lesen, was ihm gefällt, was es nicht mag. Die Klassen freuen sich auf den Besuch, die Lehrer berichten über große soziale Erfolge. Selbst die größten Rabauken der Klassen schmelzen demnach wie Butter in der Sonne, sobald ein Baby sie anlacht. Initiiert hat das Projekt die Organisation „Roots of Empathy“ aus Kanada, die das Projekt inzwischen in zahlreiche Länder weitergetragen hat. Kostenfaktor allein für das Bremer Projekt: 100.000 Euro.
Familienersatzstücke überall
Nein, ich will das nicht schlechtreden. Wenn es hilft, Kinder verstehen zu lassen, wie ihre Mitmenschen denken, wie sie fühlen, was sie brauchen, wie man am nettesten miteinander umgeht, dann ist das gut. Es gibt aber zu denken, dass wir so etwas überhaupt brauchen an unseren Schulen, in unserer Gesellschaft. Offenbar schreitet die Zerstörung der Familie schneller voran, als man glaubt. Nun bringen wir Familienersatzstücke in die Schule, um den Kindern Erfahrungen zu vermitteln, die sie früher ganz nebenbei in den eigenen Familien gehabt hätten. Heute nicht mehr.
Und man könnte einwenden, es sei ein bisschen übertrieben, sich so viele Gedanken über ein paar Babys in ein paar 5. Klassen zu machen. Leider ist es aber nur ein weiteres Stück in einem großen Puzzle, das sich als Konzept inzwischen durch unsere gesamte Familien- und Gesellschaftspolitik zieht. Dass wir Familie schlechtreden, ihre Mitglieder als austauschbar bezeichnen und dann mühsam Ersatz schaffen – mit in der Regel hohem finanziellen Aufwand – um das Verlorengegangene künstlich wieder aufzubauen.
Wir arbeiten also nicht daran, das Bewährte zu stärken, sondern schaffen lieber Ersatzstrukturen, die aber doch immer nur das sein werden, wie der Name es schon sagt: Ersatz für das fehlende Original. Doch was kommt, wenn Familie geht?
Wir lagern Familie aus
Die Mutter soll heute nicht mehr zu Hause sein, sondern berufstätig, dafür haben wir jetzt Tagesmütter, die wir bezahlen. Die Väter fehlen zunehmend in den Familien, es gibt immer weniger männliche Vorbilder, dafür haben wir jetzt das Programm „Mehr Männer in die Kitas“. Die Kinder haben keine Geschwister mehr, dafür sollen sie jetzt Sozialkompetenzen in der Krippe und in Spielgruppen aller Art lernen. Familien essen immer weniger gemeinsam an einem Tisch, dafür wird das jetzt in kleinen Tischgruppen in der Ganztagsschule vollbracht. Kinder lernen nichts mehr über Lebensmittel und ihre Zubereitung, weil zu Hause keiner mehr Zeit zum Kochen hat, dafür machen wir jetzt Ernährungs- und Kochkurse in der Schule. Die Kinder kennen immer weniger die Großfamilie, dafür bauen wir jetzt Mehrgenerationenhäuser. Die Kinder kennen keine Großeltern mehr, dafür gibt es jetzt Leihopas und Leihomas, die man engagieren kann. Die Kinder haben zu Hause keine Vorbilder mehr bei berufstätigen Eltern, dafür gibt es jetzt Benimm-Unterricht in der Schule.
So lagern wir Stück für Stück bisherige familiäre Erziehung und soziales Lernen und damit eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit in die Kindergärten und Schulen und somit an den Staat aus.
Mit Schuldzuweisungen ist es dabei wie mit dem Huhn und dem Ei. Sind die Eltern schuld, wie manche meinen und wie man von inzwischen zu Recht überforderten Lehrern immer wieder hört? Weil sie weniger erziehen, weniger Kinder bekommen und somit ihren Kindern etwas vorenthalten, was die Schule nun nachholen und nachbessern muss? Oder ist der Staat schuld, der die Eltern immer früher und immer länger in die Berufstätigkeit drängt, sodass die Eltern, selbst wenn sie wollen, gar keine Zeit mehr für die Erziehung haben und es somit oft gänzlich unterbleibt? Wir haben ja nicht so sehr das Problem mit schlecht erzogenen Kindern, sondern eher mit nicht erzogenen Kindern. Kann man es den Eltern überhaupt übel nehmen, wenn man gesellschaftlich ständig erklärt bekommt, man mache alles falsch und Erziehung und Bildung funktioniere am besten in „professionellen Händen“, dass sie teilweise selbst nicht mehr daran glauben, dass es gut oder gar richtig ist, was sie selbst tun? Ist es nicht irre, dass wir den heimischen Herd verteufeln und schlechtreden, um dann auf allen Sendern in TV-Shows zu kochen und in Schulen Lebensmittel zu verkosten?
Autorität als Mutter zu Hause
Gerade soziale Kompetenzen können jedoch nur schwer als Unterricht vermittelt werden. Anständiges Benehmen bei Kindern, Rücksichtnahme, Pünktlichkeit, Geduld, Hilfsbereitschaft, Verlässlichkeit, Empathie, Toleranz – so etwas lässt sich nicht theoretisch vermitteln, es muss praktisch und in ständiger Wiederholung mühsam erlernt werden. Das ist anstrengend, zeitaufwendig und nervenaufreibend. Für Eltern und Kinder. Denn diese Werte leben vom Vorbild und nicht vom Frontalunterricht. Kinder lernen durch Nachahmung, durch Authentizität. Nichts untergräbt meine Autorität als Mutter zu Hause mehr, als dass ich mich selbst nicht an Regeln halte, die ich meinen Kindern aufzwinge. Sie müssen es erfahren, dass wir alle freundlich miteinander umgehen. Sie müssen das Streiten und wieder Versöhnen üben, ohne dass deswegen gleich ein zäher Stuhlkreis beim Direktor droht.
Sie müssen lernen, Kompromisse zu machen, mit denen alle irgendwie zufrieden sind, auch wenn man nicht alles bekommt, was man wollte. Kernkompetenz jedes politischen Handelns. Sie müssen sehen, dass auch Mama und Papa aufräumen, um zu verstehen, dass es unhöflich ist, seine Sachen liegen zu lassen. Man muss auch zu ihnen bitte und danke sagen, damit sie im gleichen Tenor antworten. Sie müssen erfahren, dass man auch etwas falsch machen kann und dass einem verziehen werden kann, dann können sie auch verzeihen. Sie müssen lernen, zu teilen, damit genug für alle da ist und niemand außen vor steht. Kernkompetenz Fairness. Sie müssen lernen, dass jüngere Geschwister manchmal länger brauchen und dass man ihnen helfen muss, beim Schuheanziehen, dann können alle gemeinsam pünktlich los. Sie müssen Rücksicht nehmen, Geduld aufbringen, sich zurücknehmen, wenn es in einer Familie funktionieren soll. Und ganz nebenbei lernen sie, dass jeder Mensch unterschiedlich ist, aber dennoch gleich viel Wert. Kernkompetenz Toleranz.
Kernkompetenz Mitmenschlichkeit
Ich erinnere mich noch an das Entsetzen meiner ältesten Tochter, als ich ihr auf Nachfrage mit elf Jahren erklärt habe, was Abtreibung bedeutet. Sie hatte zwei ihrer drei Geschwister bewusst bereits in meinem Bauch aufwachsen sehen. Zu Hause, nicht in der Schule. Sie hat sich über kleine Finger auf dem Ultraschallbild gefreut. Sie hat es strampeln gefühlt durch den Bauch. Es hat sie entsetzt, dass wir ihre beiden Brüder, ihre Schwester und auch sie selbst hätten töten dürfen, wenn wir sie nicht gewollt hätten. Auch das lernt man mit Geschwistern. Dass alle willkommen sind, auch wenn der Platz langsam eng wird. Kernkompetenz Mitmenschlichkeit.
Ich sehe, wie die großen Brüder im Angesicht ihrer kleinen Schwester genauso wie Butter in der Sonne schmelzen, wie es die Rabauken in der Bremer Oberschule tun. Wie sie automatisch langsamer und deutlicher mit ihr sprechen, damit sie es gut versteht. Wie sie sie heimlich gewinnen lassen beim Kartenspielen, weil sie wissen, dass sie sonst traurig ist, aber auch nicht will, dass man sie offensichtlich gewinnen lässt. Kernkompetenz Einfühlungsvermögen.
Ich sehe, wie sich die Kinder gemeinsam verschwören, wenn sie etwas haben wollen, wovon wir Eltern nicht begeistert sind. Wie jeder mit seinen individuellen Waffen für die Sache kämpft und sie am Schluss gemeinsam gewinnen. Kernkompetenz Teamfähigkeit.
Unsere Gesellschaft wird ärmer werden
Ich sehe, wie sie sich manchmal in den Ferien alle in einem Zimmer zum Schlafen auf Matratzen zusammenrotten, obwohl sonst ständig die Diskussion über eigene Zimmer im Raum steht. Und dabei schmelze ich dann wie Butter in der Sonne. Kernkompetenz Liebe.
Was kommt, wenn Familie geht? Die Einheits-Erziehung in Kindergärten und Schulen? Und nach welchem Wertekanon wird dort vorgegangen? Unsere Gesellschaft wird ärmer werden. Und während wir doch so unglaublich viel Wert legen auf Toleranz auf Vielfalt, auf Multikulti, fragt man sich, wo denn die Vielfalt noch herkommen soll, wenn alle einheitlich groß werden. Wie und wo Vielfalt noch gelernt und gelebt werden kann.
Ohne Familie wird unsere Gesellschaft ärmer werden. Ärmer an Zuwendung, ärmer an Mitgefühl, ärmer an Toleranz, ärmer an Liebe.
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Nie wieder weibliche Furore
4 Kommentare | Posted 11.03.2013 10:09
Alljährlich dient der Weltfrauentag dazu, Frauenthemen in den Vordergrund zu rücken. Frauenthemen, das ist ungefähr so sexy wie Steuerdebatten oder die Frage nach Regenwasseraufbereitung. „Frauen und Gedöns“ nannte Kanzler Schröder einst das Ministerium für Familie, Frauen, Kinder und Senioren und handelte sich damals gleich einen Aufschrei ein, obwohl es den Fachbegriff für sexistisches Verhalten in den sozialen Netzwerken noch gar nicht gab.
Frauenthemen brauchen dringend einen Imagewechsel
Nur die Reaktionen waren ähnlich. Frauenthemen, das klingt anstrengend, zäh und unerbittlich. Das ist spaßfreie Zone, denn immer ist es noch nicht genug, immer ist noch viel zu tun, Unterdrückung, Opfer, das volle Programm. Schade eigentlich und vielleicht auch der Grund, warum viele mit dem Tag nichts anfangen können oder sich fragen, was das heute noch soll? Das Gesicht zur Faust geballt, wird über Lohnungerechtigkeiten gesprochen, verwehrte Frauenrechte oder Vorstandsstühle. Unausgeschöpfte Potenziale und Unterdrückung. Nein wirklich, sexy geht anders.
Ganz im Gegenteil zu Männerthemen. Wenn die zur Sprache kommen, dann fallen mir als Frau immer erst einmal die üblichen Spaßthemen ein: Autos, Baumarkt, Playboy und natürlich Fußball. Also Männlichkeit in Höchstform. Männliche Enklaven. Reinstes Testosteron. Auch dann noch, wenn zunehmend Frauen in Baumärkten und Fußballstadien herumtollen, bleiben es letztlich Männerthemen.
Was lernen wir daraus: Frauenthemen brauchen dringend einen Imagewechsel. Wie aber schafft man das, wenn Frau selbst nie auf die Sonnenseiten des Frauseins hinweist, sondern immer nur auf defizitäre Bereiche? Dabei hätten wir doch viel zu feiern. Erfolge vorzuweisen. Wäre da nicht immer wieder diese Noch-nicht-genug-Fraktion. Diese schmallippigen Kriegerinnen, die Spaß nun mal kontraproduktiv finden für das Abgreifen weiterer Fördermittel, für das spezifisch weibliche Opfer-Lebensgefühl.
Aufreger machen sich medial besser, sie bringen Schlagzeilen. Sie werden gebraucht, um die Frauenfrage voranzutreiben. Die Sexismusdebatte hat die Nation ermüdet. Die Tagesordnung wechselte umstandslos zum Pferdefleisch-Skandal. Pony in der Lasagne anstatt ellenlanges Lamento über die richtige Annäherung zwischen Mann und Frau.
Gleich bei Begriffen wie „Hysterie“
Rechtzeitig zum Weltfrauentag braucht es also dringend wieder erhitzte Gemüter, um die Fronten neu aufzureißen. In Ermanglung neuer Themen bleibt man beim bewährten Dirndlgate – der Weltfrauentag als willkommener Anlass, um das laue Süppchen wieder auf den eigentlich verpönten Herd zu stellen. Und nein, wie gut, dass Bundespräsident Gauck, sonst ein Garant für Ausgewogenheit, Ruhe und Differenziertheit, sich dazu hat hinreißen lassen, die Sexismusdebatte im Nachhinein zu kommentieren.
„Verblüfft“, „erschüttert“, „irritiert“ und „bestürzt“ sind sie nun. Was hat er also Skandalöses gesagt, der Herr Bundespräsident, sodass der Aufschrei in die zweite Runde startet und sich immerhin ganze sieben junge Frauen genötigt sahen, einen offenen Brief zu schreiben und diesen auch noch persönlich auf Schloss Bellevue abzugeben? Nicht dass da etwas unter den Tisch oder neben den Postkorb fällt. Der gute Pastor Gauck hatte lediglich angemerkt, dass er eine „gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen […] hierzulande nicht erkennen“ könne und „Wenn so ein Tugendfuror herrscht“, sei er weniger moralisch, als man es von ihm als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde.
Ja, das geht natürlich zu weit. Da nimmt jemand die Debatte einfach nicht ernst genug. Verharmlost die Zustände. Aber Verharmloser verdienen die Höchststrafe. Und dann auch noch diese Wortwahl. „Tugendfuror“. Wo doch jeder weiß, dass das Wort „Furie“ im Zusammenhang mit Frauen völlig unangebracht und immer unpassend ist. Weiß doch jeder, dass wir Frauen immer ausgeglichene Wesen sind, teamfähig, fair, emotional stabil und hormonell ausgeglichen.
Durch die Verwendung des Wortes „Tugendfuror“ bringe der Bundespräsident die traumatischen Erlebnisse von Frauen in Verbindung mit dem Wort „Furie“, damit ist man dann bei #aufschrei gleich bei Begriffen wie „Hysterie“ – was der Bundespräsident übrigens nicht benutzt hat, macht sich aber in einer Reihe ganz gut, um die Ernsthaftigkeit der Lage zu verdeutlichen. Und voilà: Damit bedient er angeblich „jahrhundertealte Stereotype über Frauen – Stereotype, die sexistische Strukturen aufrechterhalten und Geschlechtergerechtigkeit im Weg stehen.“
Beschneiden wir uns doch unseren Wortschatz
Der Bundespräsident als Struktursexist. Als Verweigerer der Geschlechtergerechtigkeit – genau wie jeder andere, also auch ich, der oder die sich einfach nicht genug aufregt und in dem unstrukturierten Gefühl verhaftet bleibt, dass in dieser Debatte ein bisschen viel aufgebauscht wurde. Fehlt nur noch eine Rücktrittsforderung! Wo bleibt Claudia Roth, wenn man sie mal braucht?
Das wusste der Bundespräsident wohl vorher auch nicht, wie schlimm es um ihn steht.
Ein Vorschlag meine Damen, helfen Sie ihm. So als Mann und Präsident: Machen Sie ihm doch einfach eine Liste der Wörter, die er noch benutzen darf im deutschen Sprachgebrauch, im präsidialen Speech, ohne gleich ins sexistische Fettnäpfchen zu schlittern. Vielleicht kommt er demnächst dann ein bisschen wortkarg daher, aber wenigstens sagt er dann nichts Falsches mehr. Das bringt die Frauenfrage sicher ein ganzes Stück voran, bestätigt allerdings auch nebenbei das subtile Vorurteil, dass wir Frauen eben doch „hysterisch” sind, was nebenbei vom griechischen Wort „Gebärmutter” abstammt.
Somit sollte man die alten Griechen am besten auch gleich und komplett mit auf den Index setzen. Wir wissen doch alle: Vorbeugen ist besser als Nachsorgen. Beschneiden wir uns doch einfach selbst in vorauseilendem Gehorsam unseren Wortschatz. Dann möchte ich allerdings bitte nie wieder irgendwo lesen, dass eine Frau für „Furore“ gesorgt hat. Das ist dann sexistisch, Frauen können so was nicht.
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Zieht euch schon mal warm an!
2 Kommentare | Posted 21.02.2013 10:55
Eine Zahl wird nicht richtiger, indem man sie häufig genug wiederholt. 200 Milliarden sollen es also angeblich sein, die der Staat in seiner Großzügigkeit jährlich in deutsche Familien investiert. So ist es überall zu lesen, so haben es die Fachleute der Prognos AG aufgelistet, die im Auftrag des Familien- und des Finanzministeriums die Wirksamkeit der familienpolitischen Leistungen überprüfen sollen. Wen interessiert da noch im Kleingedruckten, dass selbst das Familienministerium in seinem eigenen Familienreport aus dem Januar 2013 zugibt, dass die Zahl 200 zu hoch gegriffen ist, und man eigentlich nur 55 Milliarden als originäre Familienleistungen bezeichnen kann. 200 Milliarden klingt einfach besser. Pompös, gewaltig. Man kann glänzen. Frei nach dem Motto: Seht her, so viel tun wir doch für die Familien. Macht sich auch viel besser im internationalen Vergleich und im OECD-Ranking, während wir mit den 55 Milliarden auf den unteren Rängen Platz nehmen müssten.
„Rückgabe von Diebesgut“
200 Milliarden. Darin ist zum Beispiel das Kindergeld dann enthalten, das mit 40 Milliarden zu Buche schlägt. Dabei lässt man in ausdauernder Regelmäßigkeit unter den Tisch fallen, dass diese 40 Milliarden zu nahezu zwei Dritteln aus nichts anderem bestehen, als aus unrechtmäßig zu viel eingezogenen Steuern, mit denen man das Existenzminimum von Kindern besteuert und das Geld anschließend wieder an die Eltern zurückgeben muss. „Rückgabe von Diebesgut“ nennt der Sozialrichter Jürgen Borchert dies folgerichtig.
Oder die kostenlose Mitversicherung von Familienmitgliedern. Eine Leistung, die gar nicht durch den Staat, sondern durch die Versicherten selbst erbracht wird und die auch noch unterm Strich eine gute Rechnung ist. Denn das, was die beitragsfreien Kinder ein paar Jahre lang kosten, zahlen sie anschließend lebenslang und fast fünffach für die Gesundheitsversorgung der älteren Generation. Ein guter Deal, vor allem für Kinderlose.
Nur 55 Milliarden also unterm Strich. Das ist nur ein Viertel dessen, was nun von den Gutachtern bewertet wird und im Übrigen weit realistischer.
Familie als optimierter Produktionsprozess
Viel interessanter ist jedoch die definierte Zielführung dieser Nützlichkeitsüberprüfung aller Familienleistungen. Die Prognos AG berät in der Regel Unternehmen bei der Optimierung ihrer Gewinne. Möglichst wenig investieren, bei maximalem Profit. Mit Sozialstaat oder Nachhaltigkeit hat das nichts zu tun. Erstaunlich also allein schon der Ansatz, dass Familie als Produktionsprozess behandelt wird, den es zu optimieren gilt. Familienpolitik soll also nicht mehr der Familie selbst nützen, sondern dem Staat. Nicht mehr der Familie selbst, sondern der Wirtschaft. Familie soll sich rechnen. Wer also in seiner grenzenlosen Naivität bislang davon ausgegangen ist, dass der Staat Familien um der Familie willen unterstützt, weil wir seine Bürger sind, und wie man so schön sagt „die Zukunft unseres Landes“ groß ziehen, dürfte spätestens jetzt eines Besseren belehrt sein.
Schön ist an dieser Offenheit, dass wir als Familien uns dann wenigsten nicht mehr bedanken müssen für diese großmütigen Almosen. Man erwartet schließlich Leistung im Gegenzug von uns. Und zwar die richtige. Nachwuchsproduktion und Arbeitsleistung. Und das bitte schön gleichzeitig.
Völlig außen vor bleibt bei all diesen Rechenbeispielen der Gewinn, den der Staat durch unsere Kinder erzielt. Denn auch hier gilt: Der Staat will nicht deswegen die Geburtenrate erhöhen, damit wir glücklicher werden und uns an unseren Kindern freuen – sondern weil er sie braucht, um den Wohlstand und die Sozialversicherungssysteme unseres Landes zu sichern. Weil bereits verschiedene Institute ausgerechnet haben, dass der Staat nach Abzug aller Investitionskosten aus jedem Kind einen Gewinn von rund 70.000 Euro im Laufe seines Lebens erzielt. Kein Wort davon in dem Gutachten der Prognos AG, das nur die Kosten bewertet, nicht aber, was Familie und sogar Kinder leisten. Unredlich ist demnach noch das freundlichste Wort, das man zu dieser Studie finden kann.
Prinzip „Brutkasten“
Ob staatliche Gelder wirken, weiß man nur, wenn man dafür ein Ziel definiert hat. Denn ob eine familienpolitische Maßnahme zielführend ist, hängt davon ab, was man sich und vor allem für wen davon verspricht. Es ist reine Definitionssache. Genauso gut könnte man etwa den Etat des Verteidigungsministeriums auf seine Wirksamkeit in der Familienpolitik hin untersuchen. Wäre sinnlos und hätte verheerende Ergebnisse. Denn der Verteidigungsetat soll der Verteidigung unseres Landes dienen und nicht das Bruttosozialprodukt erhöhen. Auch soll es die Geburtenrate nicht erhöhen, es dezimiert allerhöchstens im Kriegsfall die Zahl unserer Söhne und inzwischen auch Töchter. Also völlig kontraproduktiv für die Familie. Es erscheint also aberwitzig, den Verteidigungsetat nicht einzig und allein auf seine Verteidigungsleistung hin zu überprüfen. Warum also überprüft man jetzt neuerdings den Familienetat auf seine Wirtschaftstauglichkeit, anstatt auf seine Familienfreundlichkeit hin?
Vielleicht, weil man die Ergebnisse gar nicht hören will und sich manche Zielsetzungen der Familienpolitik auch noch widersprechen. So soll laut Gutachten einerseits die Geburtenrate erhöht werden, aber auch die Erwerbstätigkeit der Mütter. Gleichzeitig versteht sich. Das eine steht dem anderen natürlicherweise im Weg und läuft auf das Prinzip „Brutkasten“ hinaus. Der Mutterbauch als erste kurze Station im Optimierungsprozess des Lebens. Die Mütter anschließend so schnell wie möglich in die Produktion, die Kinder in die Krippe. Nur so kann Gleichzeitigkeit realisiert werden. Es wundert also nicht, dass auch die Wirtschaftsexperten in ihrem vorläufigen Bericht jedes direkte Geld an Eltern für schlecht, aber jeden Cent, der in Institutionen und Sachleistungen fließt, als gut bewerten. Fragt man jedoch die Eltern, was sie wollen, schätzen sie vor allem direktes, bares Geld und weniger die Institutionen. Aber wer will das schon hören?
Wer keine Steuern zahlt, ist unnütz
Ist das Tor jedoch einmal offen, Sozialleistungen nur noch mit erbrachter Gegenleistung aufgerechnet werden, sollten noch viele Menschen mehr in unserem Land schon einmal in Hab-Acht-Stellung gehen. Wenn also in diesem Gutachten die kostenlose Mitversicherung von erziehenden Müttern als „besonders unwirksam“ in Bezug auf Familie bewertet wird, mit der Begründung, die Mütter wären dann ja nicht erwerbstätig, zeigt sich sehr eindeutig, dass der Mensch hier nur noch mit seiner Leistungsfähigkeit für den Staat bewertet wird. Wer keine Steuern zahlt, ist unnütz.
Wenn man es genauer betrachtet, pressen wir ja bereits Kinder in diese optimierten Lebensläufe, die nur dazu dienen, sie möglichst schnell zur steuerzahlenden Klasse zu machen. Bildung schon ab 12 Monaten, spielen war gestern. Anschließend des Turbo-Abi und ein verkürzter Bachelor-Studiengang. Schnell, schnell, es eilt! Ich hätte nie gedacht, dass mir Waldorfschulen einmal sympathisch erscheinen. Doch inzwischen ist man schon fast dankbar, wenn ein Kind mit sechs Jahren noch seinen Namen tanzt, anstatt Chinesisch zu üben.
Folgt man einmal diesen Nützlichkeitsüberlegungen im sozialstaatlichen Bereich, müssten wir konsequenter Weise auch andere Sozialleistungen darauf hin überprüfen, ob sie der Wirtschaft und nicht etwa dem Menschen nützen. Was ist mit der Unterstützung von Arbeitslosen? Wofür noch? Man müsste sie sofort und komplett abschaffen, denn sie nützt der Wirtschaft nicht, ganz im Gegenteil, sie verfestigt ja die Arbeitslosigkeit. Dabei könnte man doch all diese Menschen so wunderbar im Niedriglohnsektor ausbeuten. In der Begutachtung der Familienleistungen wird aber genau so argumentiert. Da steht, dass Dinge wie das Betreuungsgeld oder die kostenlose Mitversicherung von Ehefrauen schädlich sind, weil die Frauen dann keinen Anreiz haben, sich gefälligst dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen.
Was ist mit kranken Menschen? Unnütz? Sie kosten nur Geld und leisten nichts. Was ist mit älteren Menschen? Auch unnütz? Was ist mit behinderten Menschen. Brauchen wir sie noch? Sie alle verursachen nur Kosten im Optimierungsprozess ohne Aussicht auf finanzielle Einnahmen. Sie alle können sich schon mal warm anziehen, wenn sich dieses Prinzip einmal flächendeckend durchsetzt.
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Dirndlgate und was Voltaire dazu sagt
13 Kommentare | Posted 08.02.2013 08:30
Der gewaltige Zuspruch ist das eine. Das andere dürfte die Erkenntnis sein, dass es in Deutschland die viel zitierte schweigende Mehrheit immer noch gibt.
Ja, Autoren sind eitel, sie wollen gelesen werden, sie wollen Aufmerksamkeit, sie verbreiten Meinung, und sie setzen sich auch mal richtig in die Nesseln. Worst Case bleibt allerdings: nicht gelesen zu werden.
Es ist nicht planbar, nicht kalkulierbar und schon gar nicht beeinflussbar, ob die eigene Meinung ankommt. Entweder man trifft den Nerv oder nicht. Wenn man ihn überhaupt treffen will! Es war also nicht abzusehen, dass sich dieser Artikel zu einem Phänomen entwickeln würde, das mich – das dürfen Sie glauben – am meisten überrascht hat.
Das Frauenkollektiv ist tot
Geschrieben in der Nacht, wütend, aufgebracht. Die Schreibfeder platzte nach der Gruppentherapie-Sendung von Günther Jauch. Diese klammheimliche Freude von Alice Schwarzer. Dies Beharren auf dem ewigen Opfer-Status der Frau, gepaart mit einer Ich-hab’s-schon-immer-gesagt-Attitüde. Als Frau fühlte ich mich da nicht vertreten. Auch nicht von der #Aufschrei-Urheberin Anne Wizorek, die mit in der Sendung saß. Angeblich die moderne Frau von heute, die mit mir aber nichts zu tun hat, genauso wenig wie mit den Frauen, mit denen ich eine Woche lang über das Thema Sexismus diskutiert hatte. Es war genug Frauen-Happening. Das Frauenkollektiv ist tot. Diese Debatte ist der beste Beweis. Frau Schwarzer konnte kaum noch an sich halten. Ist irgendjemandem außer mir noch aufgefallen, dass Sie Frau Wizorek ständig beim Vornamen anredete und den auch noch verhaspelte? Wir, die Anne und ich, wir wissen, was Sache ist. Das sollte wohl die Botschaft sein. Eine Anmaßung, die mich in Rage bringt.
Seit „mach die Bluse …“ online ist, strömten Hunderte, Tausende von Reaktionen durch das Netz. Die Seite explodierte hier beim European und brach bei freiewelt.net, die den Text nachdruckten, sogar zusammen. Ich bekam Post von Männern und Frauen. Letzteres freut mich besonders. Ja doch, ich bin wenig zimperlich ins Gericht gegangen mit meinem eigenen Geschlecht. Der Schuss hätte auch nach hinten losgehen können. Selbst oder gerade, weil es die Wahrheit ist, dass wir Frauen unsere weiblichen Waffen sehr wohl oft und gezielt einsetzen. Doch weiblicher und männlicher Zuspruch halten sich die Waage, auch wenn mir manche Damen gerne unterstellen, ich bediente nur die Macho-Fraktion. Tut mir leid, ich bleibe dabei, die Fakten sprechen eine andere Sprache. Es sind selbstbewusste Frauen, die mit ihrem Frausein glücklich sind und sich nicht als hilfsbedürftige Mäuschen betrachten lassen wollen.
„Das konnte nur eine Frau schreiben“
Männer schreiben anders. Die häufigsten E-Mails und Briefe enthalten Formulierungen wie „Das konnte nur eine Frau schreiben, ein Mann wäre anschließend erledigt“. Mindestens jedes zweite Schreiben enthält den Hinweis, ich möge doch bitte das Lob für den Artikel nicht falsch verstehen. Dies sei ein ehrliches Kompliment, einfach so, ohne Hintergedanken. Männer fühlen sich also neuerdings genötigt, dies extra anzumerken. Keine Frage also, die Debatte hat Wirkung hinterlassen. Ob das wünschenswert ist, steht auf einem anderen Blatt.
Wüste Beschimpfungen und Beleidigungen von der Toleranzfraktion waren natürlich auch im Postfach, so in der Art:
„This is the most sexist, fucked up, slut-shaming, victim-blaming, feminism-unaware, and uninformed piece of trash that I have read all year. And I am following Fox News.“
Wirklich ganz großes Kino. Ach ja, ein paar Heiratsanträge und Liebeserklärungen sind ebenfalls eingegangen. Sehr höflich formuliert, aber ich muss leider absagen meine Herren, ich bin schon lange in festen Händen.
Männer schreiben mir auch ihre Wut – danke für das Vertrauen an dieser Stelle – und sie erzählen von eigenen Begegnungen der besonderen Art. Alle Berufe, alle Altersklassen. Anwälte, Lehrer, Pfarrer, Kneipenwirte, Handwerksmeister und Journalisten-Kollegen. Von Frauen, die sich danebenbenehmen, die sie offen anmachten, was sie als Mann nicht als angenehm empfanden. Von wegen, „die Männer“ stehen auf so etwas. Sie sind peinlich berührt, wissen oft auch nicht, wie man damit richtig umgehen soll.
- Der angehende Pastor, der von einem jungen Mädchen belästigt wird, „Kanzelschwalben“ nennt man so etwas unter seinen Kollegen, der Begriff war mir neu …
- Die Sekretärin, die sich ungefragt bei der Weihnachtsfeier auf den Schoß des verheirateten Chefs setzt …
- Die Studentin, die halb ausgezogen zum Gespräch über die zu scheiternde Promotion kommt …
- Die Schülerinnen, die im Sommer „fast in Unterwäsche“ im Unterricht sitzen …
Vielleicht stelle ich mal eine anonymisierte Liste zusammen, was Mann mir so aus dem Alltag berichtet hat. Dies alles soll den tatsächlich existierenden Sexismus gegen Frauen in diesem Land keineswegs relativieren. Aber es zeigt deutlich, dass auch diese Medaille eine Kehrseite hat.
Da steht selbst Brüderle als Kavalier da
Festzuhalten bleibt: Sexismus ist nicht allein Geschäft irgendwelcher notgeiler Männer, Frauen beherrschen es auch. Die einen kämpfen mit Herrenwitz, die anderen mit dem, was sich schon immer bewährt hat. Wer Erfahrungsaustausch braucht, kann ja heute an Weiberfastnacht einmal durch die Kölner Südstadt und andere jecke Hochburgen laufen und darüber berichten, wie es so ist, als Mann in ein Rudel betrunkener Frauen zu geraten. Witzig geht anders. Da steht selbst Brüderle am Ende noch als Kavalier da.
Wenn wir also über Sexismus reden wollen, dann müssen bitte alle einmal abrüsten und im Gegenzug alle Aspekte auf den Tisch bringen. Auch diejenigen, die wir Frauen nur ungern hören.
Dann müssen wir auch darüber reden, warum Jungs in Schulen nur aufgrund ihres Geschlechtes im Durchschnitt schlechter benotet werden. Dann müssen wir darüber reden, warum bei Sorgerechts-Streitigkeiten in 90 Prozent die Mütter das Sorgerecht bekommen. Dann müssen wir darüber reden, warum es in Stadträten aufgeregte Sondersitzungen gibt, wenn H&M halbnackte Frauen an die Bushaltestellen plakatiert, die Sitzungen aber nicht stattfinden, wenn uns an gleicher Stelle David Beckham in Unterwäsche anlächelt. Dann müssen wir darüber reden, wieso Männer Signale nie falsch verstehen dürfen, Frauen aber die alleinige Deutungshoheit halten, wie ihre Signale bitte schön zu verstehen seien. Dann müssen wir darüber reden, warum es lustig ist, wenn Männer in der Werbung als dämlich dargestellt werden, es aber als sexistisch gilt, wenn wir Gleiches mit Frauen tun. Wenn wir also das Fass aufmachen, dann bitte ganz.
Die Schweigespirale lebt
Warum hat es bei diesem Thema eigentlich erst so einen Anstoß-Artikel gebraucht, damit sich die Gegenmeinung zum Aufschrei wie ein Dammbruch im Netz artikuliert? Es ist diese Frage, die mich noch viel mehr beschäftigt. Belegt sie doch offensichtlich das Problem, dass es in Deutschlands politischem Alltags-Diskurs Meinungen gibt, die als Tabu gelten. Die in den Mainstream-Medien nicht zu Wort kommen, selbst wenn ein ganzes Land gerade diskutiert. Aus Angst. Aus Unsicherheit. Weil es schlecht für die Karriere sein kann, sich gegen den Mainstream zu stellen.
Die Political Correctness hat sich wie Mehltau über den normalen demokratischen Austausch gelegt. Mann muss ja nicht jede Meinung teilen, geschweige denn gutheißen. Aber man muss doch darüber reden dürfen. Wer Toleranz fordert, muss sie auch selber aufbringen. Im besten Sinne nach Voltaire: „Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, dass Sie Ihre Meinung frei äußern können.“ Was für ein großartiger Satz! Ja, ich begreife gerade seit vergangener Woche, wie recht Elisabeth Noelle-Neumann mit ihrer Theorie von der Schweigespirale hatte. Wer glaubt, auf der Verliererseite zu stehen, hält lieber den Mund.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich selbst diese Erfahrung mache, öffentlich angegriffen zu werden, im Hintergrund aber massenhaft Unterstützung erfahre. Oft reicht ein Reizwort, und die Berufsempörten sind zur Stelle. Zweifeln Sie mal am menschgemachten Klimawandel. Argumentieren Sie mal sehr sachlich gegen ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. Oder zitieren Sie in einer Talkshow mal ganz wertfrei Thilo Sarrazin.
Dann lernen Sie die Medienmaschinerie und auch viele ihrer Mitmenschen mal ganz anders kennen.
Und wo bleibt die Politik bei all diesen brisanten Themen, die die Menschen bewegen? Wer greift das auf? Es ist das Drama der etablierten Parteien der Mitte, dass sie offensichtlich nicht in der Lage sind, die Sorgen und Nöte der Mehrheit der Bevölkerung aufzufangen. In direkter Folge verstummen zu viele in allgemeiner Politikverdrossenheit nebst Wahlenthaltung und driften vormals normale Wählergruppen zu den politisch linken und rechten Idioten ab, weil sie sich in der Mitte nicht mehr verstanden und vertreten fühlen.
Doch wer andere Meinungen und Lebenserfahrungen als die eigenen verteufelt oder totzuschweigen versucht, leistet der freien, offenen und, wie man so schön sagt, bunten Gesellschaft einen Bärendienst.
Lesen Sie hier auch "Dann mach doch die Bluse zu" von Birgit Kelle.
Zuerst erschienen auf TheEuropean.de.
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