Wer hat über seine Verhältnisse gelebt?
0 Kommentare | Posted 17.05.2013 11:57
Der Leiter des SWR-Hörfunkstudios im Haupstadtstudio des SWR, Stephan Ueberbach, gehört, man muss es leider so sagen, zu den raren Journalisten in diesem Land. Er spricht Klartext, wo uns die Verschwender und Umverteiler doch so gern in Mithaftung nehmen möchten. Im folgenden sein offener Brief an die Kanzlerin:
"Liebe Bundesregierung, sehr geehrte Frau Merkel, wen meinen Sie eigentlich, wenn Sie sagen, wir hätten jahrelang über unsere Verhältnisse gelebt? Ich jedenfalls habe das nämlich ganz sicher nicht getan. Ich gebe nur das Geld aus, das ich habe.
Ich zahle Steuern, bin gesetzlich krankenversichert und sorge privat für das Alter vor. Ich habe mich durch Ihre Abwrackprämie nicht dazu verlocken lassen, einen überflüssigen Neuwagen zu kaufen, ich bin kein Hotelier und kein Milchbauer. Und “Freibier für alle” habe ich auch noch nie verlangt.
Wer war wirklich maßlos?
Meinen Sie vielleicht die Arbeitslosen und Hartz IV-Bezieher, bei denen jetzt gekürzt werden soll? Meinen Sie die Zeit- und Leiharbeiter, die nicht wissen, wie lange sie ihren Job noch haben? Oder meinen Sie die Normalverdiener, denen immer weniger netto vom brutto übrig bleibt? Haben die etwa alle “über ihre Verhältnisse” gelebt?
Nein, maßlos waren und sind ganz andere: Zum Beispiel die Banken, die erst mit hochriskanten Geschäften Kasse machen, dann Milliarden in den Sand setzen, sich vom Steuerzahler retten lassen und nun einfach weiterzocken, als ob nichts gewesen wäre.
Mehr Beispiele gefällig?
Zum Beispiel ein beleidigter Bundespräsident, der es sich leisten kann, Knall auf Fall seinen Posten einfach hinzuwerfen – sein Gehalt läuft ja bis zum Lebensende weiter, Dienstwagen, Büro und Sekretärin inklusive.
Zum Beispiel die Politik, die unfassbare Schuldenberge aufhäuft und dann in Sonntagsreden über “Generationengerechtigkeit” schwadroniert. Die von millionen-teuren Stadtschlössern träumt und zulässt, dass es in Schulen und Kindergärten reinregnet. Die in guten Zeiten Geld verpulvert und in der Krise dann den Gürtel plötzlich enger schnallen will, aber immer nur bei den anderen und nie bei sich selbst.
Liebe Frau Bundeskanzlerin, nicht die Menschen, sondern der Staat hat dank Ihrer tätigen Mithilfe möglicherweise über seine Verhältnisse gelebt. Ganz sicher aber wird er unter seinen Möglichkeiten regiert.
Mit – verhältnismäßig – freundlichen Grüßen,
Ihr Stephan Ueberbach
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Die Republik der Scheinheiligen
2 Kommentare | Posted 02.05.2013 13:41
Also gut, dann doch noch einmal das Thema Steuern. Eigentlich möchte man sich ja damit nicht mehr die Finger verbrennen. Wer tritt noch ungestraft für einen Stopp der permanenten, offenen oder verdeckten Steuererhöhungen ein oder, noch ärger, gar für Steuersenkungen? Nur ein uneinsichtiger Wiederholungstäter. Aber es muss sein, hat doch ein allgemeines Jagen und Wüten eingesetzt, wie Raubritter ziehen die Politiker durch die Lande, längst hat sich Leistung von (Netto)Lohn entkoppelt, weil die Gier nach dem Geld der Bürger den Blick verstellt hat.
In Deutschland vollzieht sich seit einiger Zeit ein unguter Wandel: weg vom wohl bestellten Acker des gesunden Menschenverstands hin zu einer verkommenen Brache der selbstgerechten Empörungskultur. Und da lässt sich zunächst trefflich auf die Medien schimpfen. Denn wer eine Sau durchs Dorf treiben möchte, braucht Treiber, braucht Multiplikatoren, die ausrufen, „seht da, was für eine Sau!“ Und dazu ist jedes Mittel, jede Form der journalistischen Auseinandersetzung recht. Und wenn es die wievielte Talkshow ist, mit den immer gleichen Berufsempörern, wenn es Sonderseiten sind, die nichts Neues wissen, aber den alten Quark in immer anderen Geschmacksrichtungen neu anrühren: die Journalisten merken nicht, dass sie sich zu willfährigen Handlangern einer anderen, größeren Sache machen. In diesem Land soll dem letzten Rest von Privatheit, von Eigentum und Eigenverantwortung der Garaus gemacht werden. Wer den starken Staat propagiert, will ihn auch üppig ausstatten, will über das Geld seiner Bürger verfügen und richten, will ihnen vorschreiben, was sie zu tun und lassen haben, wen sie bitteschön zu unterstützen haben und wen nicht.
Wer dies für übertrieben hält, der möge ein geneigtes Auge auf die Pläne zu einer wahren Steuererhöhungsorgie werfen, die die Grünen auf ihrem jüngsten Parteitag verabschiedet haben. Demnach soll zunächst die Einkommensteuer kräftig erhöht werden. Bei 60.000 Euro soll ein Besteuerungssatz von 45 Prozent gelten. Dieser Steuersatz greift bisher erst von 250.000 Euro an, ansonsten endet der Anstieg der Belastung mit 42 Prozent (bei knapp 53.000 Euro). Der von den Grünen geplante neue Spitzensteuersatz von 49 Prozent soll von 80.000 Euro an gelten. Zudem will die Partei der Zwangsbeglücker das Aufkommen der Erbschaftsteuer verdoppeln. Und zu schlechter Letzt: sie befürworten eine Vermögensabgabe, die über zehn Jahre 100 Milliarden Euro einbringen soll. Die Stimmung gegen die Reichen muss genutzt werden, jetzt oder nie! So liest sich das. Es ist der Regierung Merkel anzurechnen, dass sie Steuererhöhungen zumindest bis jetzt ausschließt. Aber welche erfolgversprechenden Maßnahmen unternimmt die christlich-liberale Regierung der Angela Merkel, dieser zur Treibjagd ausartenden Stimmung Einhalt zu gebieten? Wo sind die Ansätze zu mehr Steuergerechtigkeit, die der Finanzminister uns seit der vergangenen Bundestagswahl verspricht? Warum musste der richtige, aber zu mantraartig vorgetragene Anlauf der FDP nach Steuersenkungen nahezu mit dem politischen Exitus dieser Partei einhergehen?
Die Antwort ist eindeutig: weil das Klima der Scheinheiligkeit, die bedauerlich zunehmende Absenz von gesundem Menschenverstand und das Heer von Selbstgerechten eine sachliche Auseinandersetzung mit diesem Thema nicht mehr zulassen. Es hilft nichts: wir müssen uns deshalb an diesem Punkt mit der Causa des Herrn Hoeneß beschäftigen. Nicht weil es das Klima der Scheinheiligkeit verlangt, sei an dieser Stelle zunächst sachlich erwähnt, dass der Präsident des Fußballclubs Bayern, Uli Hoeneß, eingestanden hat, fällige Steuern nicht entrichtet zu haben. Nichts anderes nämlich sagt (und will) der im deutschen Steuerstrafrecht, § 371 Abgabenordnung (AO), festgeschriebene Begriff der Selbstanzeige. Wer wirksam eine Selbstanzeige erstattet, kann gemäß (§ 371 AO) nicht bestraft werden, obwohl er eine Steuerhinterziehung (§ 370 AO) vollendet hat. Mit dem Instrument der Selbstanzeige wird „tätige Reue“ auch nach einem bereits beendeten Delikt mit Straffreiheit honoriert. Die strafbefreiende Selbstanzeige ist ein sogenannter persönlicher Strafaufhebungsgrund; sie soll nur jenen zugute kommen, die von ihr Gebrauch machen.
Nun muss man (als Nicht-FC-Bayern-Fan schon gleich nicht) den guten Herrn Hoeneß in seiner ganzen Selbstüberschätzung und seiner so brachial nach außen gekehrten bajuwarischen Kraftmeierei nicht mögen, aber es müssen doch für ihn wie für jeden, der sich gesetzliche Regelungen zunutze macht, eben diese auch gelten. Es muss auch für einen Uli Hoeneß das Steuergeheimnis gelten. Sollte die Anzeige des Präsidenten zu spät gekommen sein, wofür es durchaus Anzeichen gibt, weil die Finanzbehörden bereits in diese Richtung und gegen diese Person ermittelten, dann ist es Aufgabe der deutschen Gerichtsbarkeit, dieses entsprechend zu würdigen. Aber da ist das Herr der Scheinheiligen vor. Denn das Beispiel dieses Mannes ist ja ein Himmelsgeschenk für die amtlich bestellten Neidschürer und eifersüchtigen Kleingeister: haben wir es Euch nicht immer gesagt, die wahren Betrüger sind die Reichen, die Großen, die Berühmten, denen müssen wir endlich an den Kragen im Namen der Gerechtigkeit, sie vergehen sich an der Solidarität einer Gesellschaft, haben wir die und führen sie vor, wird die Welt besser und gerechter.
Und so wenden sich sogleich die Herrschaften, die sich vor dem Sündenfall des Herrn H. nicht schnell genug in seinem Glanze sonnen konnten (und speichelleckend die schönen VIP-Plätze des FC Bayern besetzten) vom Gefallenen, vom plötzlich Aussätzigen ab. Und die selbstgerechten Schlaumeier, die sich in den Grünen gleich eine ganze Partei gegönnt haben, zeigen mit langen Fingern auf die, die sich nicht schnell genug aus dem Staub gemacht haben (ein Musterbeispiel für ihre Heuchelei: der Hoeneß-Spezl Seehofer gerät sofort ins Visier, der grünen Dauersirene Claudia Roth, die ein Buch mit dem Fußballpräsidenten herausgegeben hat, wird natürlich sogleich vorauseilende Absolution erteilt). Das Ganze hat zunächst eine leicht zu durchschauende Methode: seht, wer sich mit solchen Menschen umgibt, wes politischen Geistes Kind diese Betrüger sind, die stecken mit den Befürwortern einer Steueramnestie aus CDU und FDP unter einer Decke, auf sie mit Gebrüll. Diese Wahltaktik aus der Klippschule sei ihnen gegönnt, wenn sie es denn nötig haben.
Aber diese stetig wiederkehrenden und in ihrer Laustärke anschwellenden Empörungsrituale haben eine andere, gar nicht mehr so harmlose Funktion: sie sollen ablenken. Zunächst einmal wollen die Regierenden von damals aus SPD und Grünen, die sich heute so inbrünstig empören, davon ablenken, dass sie unter der Regierung Schröder/Fischer mitnichten den Versuch unternommen haben, diese Regelung zu kippen. Scheinheilige Rufer „Haltet den Dieb“ sind da am Werk. Wichtigster Grund der strafbefreienden Selbstanzeige ist nämlich die Erschließung von Steuerquellen, die dem Staat bis zu dieser nicht bekannt waren, vulgo: dadurch füllt sich der Staatssäckel! Nun aber, da sich die unappetitliche Praxis ausgebreitet hat, von Bankmitarbeitern entwendete sogenannte „Steuer-CD’s“ für ordentliches Hehlergeld zu erwerben, braucht’s die Selbstanzeige nicht mehr so nötig. Da kann man dann doch jetzt mal ordentlich dagegen sein und diejenigen als unmoralisch zeihen, die auf Einsicht und „tätige Reue“ eher setzen wollen als auf Polycarbonat gepressten Verrat von zwielichtiger Herkunft. Nein, nein, das stört die sich epidemisch ausbreitenden Selbstgerechten nicht: egal, Hauptsache, wir haben das Geld und können die Reichen und Berühmten als das vorführen, wofür wir sie schon immer gehalten haben: als ordinäre Hühnerdiebe.
Der zweite Grund zur Ablenkung ist fundamentaler: der Bürger soll nicht merken, wie unendlich die Gier von verteilungsbesessenen Politkern in einem Wahljahr ist. Zur Erinnerung: noch nie waren die Steuereinnahmen so hoch in diesem Land wie 2012 mit 603 Milliarden Euro, ausweislich der letzten Steuerschätzung werden sie in diesem Jahr auf 619 und 2014 auf 643 Milliarden Euro steigen – bis sie im Jahr 2017 dann 706 Milliarden Euro erreichen sollen. Da können auch die begabtesten Wahltaktiker nicht ausschließen, dass der eine oder andere Bürger auf die Idee kommen könnte, mal nachzufragen, wofür denn das ganze viele Geld eigentlich verwandt wird.
Zugegeben, es klingt wie die Binse aus dem Proseminar der Politikwissenschaft, muss wohl aber gelegentlich niedergeschrieben werden: dieses viele Geld bleibt das viele Geld der Bürger dieses Landes, sie geben einen Teil davon treuhänderisch an den Staat, auf das dieser seine Aufgaben wahrnehmen kann. Der Bürger dieses Landes setzt durch Abgaben an die Gemeinschaft die von ihm gewählten Politiker in Stand, das Gemeinwesen ausreichend auszustatten und den Gedanken der Solidarität Geltung zu verschaffen. Und wer gibt, hat nicht nur das Recht, er hat auch die Pflicht zu fragen, was damit geschehen soll oder ist. Also: ist unser Gemeinwesen ausreichend ausgestattet, in welchem Zustand sind öffentliche Einrichtungen, die Infrastruktur, Straßen und Schiene? Wie stehen die Investitionen in diese Bereiche im Verhältnis zu denen in Maßnahmen der gesellschaftlichen Solidarität?
Als der Deutschlandfunk sich im April der verdienstvollen Aufgabe unterzog, eine Hörersendung zum Zustand der bundesrepublikanischen Straßen zu machen, brach sich der ganze Unmut des Bürgers Bahn. Weit entfernt von Stammtischgehabe wurden die Experten im Studio mit Beschwerden über den Zustand deutscher Autobahnen, dazugehöriger Brücken und den immer schleppenderen Baustellenverlauf überhäuft. Diese wehrten sich zaghaft mit immer neuen Ausreden wie dem nicht absehbar zugenommenen Autoverkehr und mangelnden Finanzmitteln. Die meisten Kommunen seien schlicht außer Stande, auch nur die anstehenden Erhaltungsmaßnahmen zu tragen. Es dümpelte, bis sich der Vizepräsident des ADAC ein Herz fasste und den Finger in die schwärende Wunde legte: alle diese Gründe seien doch vorgeschoben, in Wahrheit sei der Zustand der Straßen politisch gewollt, weil man, alles ökologische zum einzigen Maßstab nehmend, den Menschen in seiner Mobilität einschränken möchte, weil die Politik weniger Autos wolle, und dieses werde durch den schlechten Zustand von Straßen eben eher erreicht.
Und das führt unmittelbar wieder zu der Frage, wofür denn unsere Steuergelder ausgegeben werden, wenn nicht für augenfällig dringend notwendige Dinge. Die Antwort, zumindest für einige Bundesländer (und einiges, was in Wahlprogrammen enthalten ist) ist so einfach wie traurig: reine Symbolpolitik. Ganze Heerscharen von Sozialarbeitern haben sich zu Gleichstellungs- und Genderbeauftragten erhoben, Baden-Württemberg hat sich nach dem Wahlsieg von Grün-Rot ein Integrationsministerium geleistet, das außer grünen Soziologen kein Mensch braucht und einen Satz in den Koalitionsvertrag geschrieben, wonach sich das Land eine eigene elektrisch betriebene Fahrzeugflotte zulegen solle. Dazu gab es noch eine reichlich absurde Vereinbarung über ein „geschlechtergerechtes“ Wahlrecht. So was muss ja einer machen, so was kostet Geld. Wem das nicht reicht und wer sich nicht so leicht gruselt, dem sei das jährliche Schwarzbuch „Die öffentliche Verschwendung“ des Bundes der Steuerzahler zur Lektüre empfohlen. Schwärzer geht es wahrlich kaum noch, ein Horrormärchenbuch aus Verschwendung und Verdummung.
Zur Klarstellung: Herr Hoeneß hat Steuern hinterzogen, und nun möge es ihm ergehen, wie jedem, der solchermaßen schuldig wird. Aber das rechtfertigt nicht eine öffentliche Treibjagd aus derart niedrigen Motiven. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht ausrutschen auf der fauligen Bananenschale der Scheinheiligen und selbstgerechten Ablenker.
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Die Wiederkehr der wahren Caritas
7 Kommentare | Posted 03.04.2013 19:04
Treffen sich zwei Päpste… Was bis vor einem Monat wie der Beginn eines schlechten Pennälerwitzes geklungen hatte, ist an historischem Beispiel nicht zu übertreffende Wirklichkeit geworden. Die Bilder vom Zusammentreffen des neuen Papstes Franziskus und seines emeritierten Vorgängers Benedikt XVI. ließen den Betrachter ob der Einzigartigkeit fassungslos werden. Zwei Männer auf der gleichen Kniebank im gleichen Habit des Brückenbauers. Erst langsam wird deutlich, dass entgegen des nun allenthalben anschwellenden journalistischen Jubelgesanges auf den argentinischen Pontifex es zuerst der deutsche Benedikt mit seinem spektakulären Amtsverzicht war, der für das gesorgt hat, was seine vor allem deutschen Belehrer und Berufskritiker ihm niemals zugetraut hätten: den Aufbruch zu wagen, das Erscheinungsbild der katholischen Kirche radikal zu verändern, Eingefahrenes zu erneuern und den Kern wieder in den Vordergrund zu rücken. Die Wahl seines beeindruckenden Nachfolgers ist vor allem eines: ein sehr markantes Zeichen der Kontinuität!
Es hätte die Bilder nicht gebraucht, um genau jene Botschaft nach draußen zu senden. Vielleicht war es im Überschwang des neuen Pontifikats ein bisschen zu viel des Guten, dieses Treffen zu filmen und zu fotografieren. Es kann durchaus heilsam sein, der Vorstellungskraft nicht allzu sehr nachzuhelfen, es dem Gottesvolk selbst zu überlassen, sich von historischen Ereignissen im wahrsten Sinn des Wortes ein Bild zu machen. Aber die Verantwortlichen im Vatikan konnten sich schon bei Benedikts Amtsverzicht kaum einkriegen vor geschichtlicher Entrückung. Noch der letzte Hubschrauberflug wurde nach allen Regeln der Kunst höchst ambitioniert ins Bild gesetzt, alles ganz nah dran und doch von der Wahrheit so weit weg. Bilder sind Brot und Spiele der Neuzeit, Ablenkung der Massen, Zerstreuung der Zweifelnden. Und so erklärt es sich, dass die journalistischen Einlassungen im Umfeld des Konklaves an Unbedarftheit und Unwissen, an Niveaulosigkeit und vordergründigem Tand kaum zu unterbieten waren. Brot und Spiele auch hier: die immer gleichen Namen der Papabile (manche von diesen Papstkandidaten waren in Wahrheit schon wieder Kardinäle, bevor sich die Tür der Sixtina überhaupt geschlossen hatte), die immer gleichen „Experten“, die sich selber nicht satt hören konnten an ihren immer gleichen Floskeln von den „Reformen“, die nun aber doch endlich sein müssten, das ganze garniert mit belanglosen Filmchen und pseudoaktuellem Gehabe. Wo blieb die eigentliche Botschaft, der Kern der katholischen Kirche? Wo blieben die Aussagen des großartigen Theologen Ratzinger, der durch seine acht Jahre als Papst diesen neuen Papst erst möglich gemacht hat? Wo der durchaus zutreffende Befund, dass wahre Demut nichts zu tun hat mit Goldkreuz oder Monzetta?
Wenn die Kardinäle des Konklaves die „Werkzeuge des Heiligen Geistes“ (der Kölner Kardinal Meisner) sind, so hat dieser durch sie ganze Arbeit geleistet. Er hat sie einen Mann wählen lassen, der sich nicht verstellt, wie sich die Kirche nicht verstellen sollte. Er hat sie einen Mann wählen lassen, der sich in seinem Erzbistum in Buenos Aires um die zu kurz Gekommenen gekümmert hat, wie sich die Kirche vor allem um die zu kurz Gekommenen kümmern sollte. Er hat sie einen Mann wählen lassen, für den Bescheidenheit keine Attitüde ist, wie sie es für die Kirche auch nicht sein sollte. Er hat sie einen Mann wählen lassen, dessen erste Einlassungen und Gesten das fortführen, was Benedikt XVI. in seiner grandiosen Enzyklika „Deus Caritas est“ begonnen hat, da er von der „Liebestätigkeit“ schreibt, die „nie überflüssig wird, es wird nie eine Situation geben, in der man der praktischen Nächstenliebe jedes einzelnen Christen nicht bedürfte, weil der Mensch über die Gerechtigkeit hinaus immer Liebe braucht und brauchen wird.“
Der Heilige Geist hat durch die Kardinäle einen Mann wählen lassen, der schon beim Konklave vor acht Jahren eine beachtliche Stimmenzahl auf sich vereinigen konnte und der, wie sein Vorgänger, die Blicke der Kardinäle im Vorkonklave auf sich zog. Er sprach Klartext in reinster jesuitischer Form: „Evangelisierung setzt apostolischen Eifer voraus. Sie setzt in der Kirche kühne Redefreiheit voraus, damit sie aus sich selbst herausgeht. Sie ist aufgerufen, aus sich selbst herauszugehen und an die Ränder zu gehen. Nicht nur an die geografischen Ränder, sondern an die Grenzen der menschlichen Existenz: die des Mysteriums der Sünde, die des Schmerzes, die der Ungerechtigkeit, die der Ignoranz, die der fehlenden religiösen Praxis, die des Denkens, die jeglichen Elends. Wenn die Kirche nicht aus sich selbst herausgeht, um das Evangelium zu verkünden, kreist sie um sich selbst. Dann wird sie krank (vgl. die gekrümmte Frau im Evangelium). Die Übel, die sich im Laufe der Zeit in den kirchlichen Institutionen entwickeln, haben ihre Wurzel in dieser Selbstbezogenheit. Es ist ein Geist des theologischen Narzissmus. In der Offenbarung sagt Jesus, dass er an der Tür steht und anklopft. In dem Bibeltext geht es offensichtlich darum, dass er von außen klopft, um hereinzukommen ... Aber ich denke an die Male, wenn Jesus von innen klopft, damit wir ihn herauskommen lassen. Die egozentrische Kirche beansprucht Jesus für sich drinnen und lässt ihn nicht nach außen treten. Die um sich selbst kreisende Kirche glaubt - ohne dass es ihr bewusst wäre - dass sie eigenes Licht hat. Sie hört auf, das ‚Geheimnis des Lichts‘ zu sein, und dann gibt sie jenem schrecklichen Übel der ‚geistlichen Weltlichkeit‘ Raum ... Diese (Kirche) lebt, damit die einen die anderen beweihräuchern. Vereinfacht gesagt: Es gibt zwei Kirchenbilder: die verkündende Kirche, die aus sich selbst hinausgeht, die das ‚Wort Gottes ehrfürchtig vernimmt und getreu verkündet‘; und die mondäne Kirche, die in sich, von sich und für sich lebt.“
Kardinal Bergoglio sprach aus und führte fort, was sein Vorgänger in dessen berühmter Freiburger Rede mit dem Stichwort der „Entweltlichung der Kirche“ angedeutet hatte: die Kirche muss raus, sie muss an „die Ränder“ oder sie bleibt eine „um sich selbst kreisende Kirche“. Benedikt XVI. verkämpfte sich gegen die „geistliche Weltlichkeit" vor allem in seinem direkten Umfeld, es fehlte ihm letztlich die Kraft, Zeichen zu setzen. Papst Franziskus hat die Kraft und gibt die entsprechenden Signale. Der Heilige Geist hat im Konklave für Kontinuität gesorgt, für Kontinuität einer Botschaft der Liebe Christi, die sich vor allem den Armen und Kranken, den Vergessenen und Verzweifelten, den Trost- und Hoffnungslosen zuwendet. Vielleicht ist das manchem zu einfach oder zu focussiert (den deutschen Journalisten ist es wohl schlicht zu langweilig), um es als das zu erkennen, was es ist, der Kern. Und so heben in schönster Kirchentradition absurde Stellvertreterdiskussionen und oberflächliche Ablenkungsmanöver an. Zunächst wird jedes auch nur erdenkliche Zeichen der „Bescheidenheit“ (dafür reicht schon die Tatsache, dass der neu gewählte Papst mit einem Passat durch Rom fährt) gierig aufgesogen, hin und her gewendet und natürlich sogleich gegen den Vorgänger instrumentalisiert. Schwarze statt roter Schuhe, Metall- statt Goldkreuz, Bus statt Staatskarosse, Gästehaus Santa Marta statt päpstlichem Apartamento, Monzetta ja oder nein: oh Herr, schmeiß Hirn herab!
Und die, die es etwas feiner gestrickt mögen, sich in ihrer Treue zu Benedikt XVI. als etwas besonderes dünken (und sich in ihrer Trauer über dessen plötzlichen Amtsverzicht, der zudem noch ohne ihre Konsultation geschah, ungetröstet verlassen fühlen), begeben sich schon mal auf einen neuen Kreuzzug, sehen in alldem eine nicht statthafte Absetzbewegung des neuen Papstes von seinem Vorgänger, weil doch Franziskus angeblich den Ausspruch tat, „der Karneval“ sei vorbei. Diese Gruppe Traditionalisten zu nennen verbietet sich, gehört es doch zur guten Glaubenstradition, in jedem Papst einen vom Heiligen Geist Auserwählten und Gesandten zu sehen. Es ist Gottes Wille, dass dieser argentinische Armenpriester an der Spitze der Kirche steht, da möge es doch so manch strammer Besitzstandswahrer einfach auch mal mit der Glaubensübung der Demut versuchen.
Eine Übung, die die progressiven, die alles-immer-schon-gewusst-Habenden, die Erfinder der Selbsterfahrungs- und Stuhlkreise, schon lange beiseite geschoben haben. Selbstbewusst bis selbstgerecht straften sie Papst Benedikt mit Missachtung, jaulten wie getroffene Hunde, als er ihnen in Freiburg das Wort der „Entweltlichung“ entgegen hielt und feierten angesichts seines Amtsverzichtes billige Triumphe, die mit Vokabeln wie „Respekt“ camoufliert wurden. Den neuen Papst empfingen sie zunächst mit distanzierter Neugier, mit Gesten wie schwarze Schuhe und fehlende Monzetta kann man solch intellektuell Entschwebte nicht wirklich beeindrucken. Sie warteten auf geistige Beute, die sich ordentlich ausschlachten lässt im Kampf für ihre immer gleichen, so engstirnig Weltkirche verweigernden Themen. Und so geschah es in der Karwoche: die Veröffentlichung der Vorkonklave-Rede des Kardinals Bergoglio war ihnen Anlass genug, mit Verve in die Falle zu tappen. Angeführt von ihren Gesinnungspostillen „Spiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“ tönten sie: „eine Abrechnung mit Benedikt, Papst setzt sich von seinem Vorgänger ab“ etc. Herrschaften, nur zur Erinnerung: „Wenn die Kirche nicht aus sich selbst herausgeht, um das Evangelium zu verkünden, kreist sie um sich selbst. Dann wird sie krank… Die Übel, die sich im Laufe der Zeit in den kirchlichen Institutionen entwickeln, haben ihre Wurzel in dieser Selbstbezogenheit“. Wen hat der neue Pontifex hiermit denn wohl gemeint, seinen Vorgänger oder die selbstbezogene Rätekirche deutscher Provenienz, die ständige Fixierung auf Randthemen, den nicht zu stillenden Durst nach Diskussionspapieren, die außer Arbeitsbeschaffung doch nichts bewirken? Die europäischen Katholiken, voran die Deutschen, haben die soziale Frage, die diesem Papst so am Herzen liegt, schon lange an den Staat delegiert, man hat es sich bequem gemacht mit allen möglichen Versorgungspaketen, mit deren Umsetzung man doch gleichzeitig seine wirkliche Freiheit eingebüßt hat. Der vermeintliche Kronzeuge der sich erhaben Dünkenden, Papst Franziskus, gibt die Antwort: „Es ist eben gerade nicht in den Selbsterfahrungen oder den wiederholten Introspektionen, dass wir dem Herrn begegnen”, sagte er an Gründonnerstag im Petersdom, bevor er, wie zum Beweis, in einem Jugendgefängnis den dortigen Insassen die Füße wusch.
Die katholische Kirche befindet sich an einem ganz wunderbaren Abschnitt ihrer Geschichte: mit diesem jesuitischen Papst bekommt die Hoffnung, die sein Vorgänger in großartiger Weise in uns wachgerufen hat, einen neuen Schub. Die Hoffnung auf eine Wiederkehr einer der größten „Erfolgsgeschichten“ der Kirche: die wahre „Caritas“. Die Liebe, die Hingabe und Fürsorge für den Nächsten, für den „Nähe“ ein Fremdwort geworden ist, der staatlich alimentiert sich selbst überlassen, und also verlassen war, der so die Gegenwart eines Anderen, eines Größeren, nicht mehr spüren konnte und wollte. Es ist die Hoffnung, dass durch die Hinwendung zu den Bedürftigen auch und gerade für diese die unendliche Liebe Gottes erleb- und erfahrbar wird und so ein vielleicht verschütteter Glaube zurückkehrt.Das wäre das Werk von Franziskus und Benedikt! Treffen sich zwei Päpste…
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Ein großer Intellektueller, ein großer Papst!
0 Kommentare | Posted 13.02.2013 08:57
Ein letzter Blick. Und der Gedanke: Du wirst ihn nicht wiedersehen. Es ist Samstag, der 9. Februar, 4500 Malteser aus aller Welt haben mit ihrem Pontifex ein Jubiläum gefeiert. Der Papst verschwindet mit seiner Entourage im gleichen Moment hinter einem gnädigen Vorhang im hintersten rechten Teil des Petersdoms. Beim Verlassen dieser „Weltkirche“ will der Verstand rebellieren gegen das Gesehene: ein greiser gebückter Mann mit maskenhaften Zügen, den die tonnenschwere Last seines Amtes immer kleiner zu machen scheint. Er, der die Öffentlichkeit nicht liebt, ist ihr gnadenlos ausgesetzt, Hände und Kameras, immer wieder Smartphone-Kameras, die sich ihm krakenhaft entgegen recken. Ein Papst, der krank und unendlich müde ist, kann aber doch nicht einfach zurücktreten, ein Kirchenfürst und absoluter Herrscher stirbt oder bleibt.
Der erste Gedanke war richtig: wir werden ihn nicht wiedersehen, er wird als erster Papst seit mehr als 700 Jahren ein papa emeritus. Was so unvorstellbar schien, ist doch vor allem eine beispiellose Geste eines Mannes, der sich immer als der Arbeiter im Weinberg Gottes verhielt, als den er sich am Tag seiner Wahl bezeichnete. Nun werden sie anheben, die Historiker, Zeitgeschichtler, Apologeten und journalistischen Handwerker: sie werden sich an diesem Pontifikat abarbeiten, es zerlegen und bewerten und werden doch nicht zum Kern vordringen.
Dieser Papst hat uns wie keiner vor ihm die besondere Tugend der Demut geleert: nehmt Euch zurück, die Sache Gottes steht im Zentrum. Wer dieser nicht mehr dienen kann oder will, trete in den Hintergrund, andere werden es für Dich tun und sie werden es nicht schlechter tun. Welches Beispiel für so manchen anderen irdischen Machthaber, welches Beispiel aber vor allem für uns!
Wir haben diesem Papst, dem größten Intelektuellen unserer Zeit, sehr zu danken! Nehmen wir seine letzte Botschaft in aller Demut entgegen.
Bild: Daniel Maurer/dapd
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Wer nicht hören will, muss fühlen!
3 Kommentare | Posted 21.05.2012 12:19
Man fragt sich, wie diese Herrschaften eigentlich Niederlagen verarbeiten, welche Konsequenzen sie aus ihnen ziehen, wenn sie denn überhaupt welche ziehen.
Es gibt einen zweiten Fall Sarrazin, tönt es uns nun wieder von den üblichen Verdächtigen entgegen. Ja, es gibt ein zweites Buch des Herrn, das aber noch gar nicht auf dem Markt ist. Aber er ist schon mal wieder der böse Bube, weil er sich am Euro vergriffen hat, weil er Fragen stellt, Zahlen auflistet, Schlüsse zieht. Und weil er mal wieder, Gottseibeiuns, einen Holocaust-Vergleich gebracht hat. Und dann wird der Mann auch noch in eine Talkshow eingeladen, ohne das die lärmenden Gutmenschen vorher gefragt wurden. Das reicht denn schon, Pawlow lässt die Hunde los wie Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast: "Nationalistischer Unsinn von Sarrazin passt nicht zum Bildungsauftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders." Aber Urteile über ein Buch, dass sie noch gar gelesen haben kann, die passen in das öffentlich-rechtliche Medium, gell Frau Kühnast?
FDP-Generalsekretär Patrick Döring beklagte gar: „Sarrazin verknüpft die Frage der historischen Verantwortung Deutschlands unzulässig mit der aktuellen währungspolitischen Debatte. Das hat im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nichts zu suchen." Aber Politiker, die sich liberal nennen und per Ordre de Mufti darüber bestimmen, welche Diskussion „unzulässig“ ist, die haben dort natürlich immer wieder was zu suchen, nicht wahr Herr Döring?
Der SPD-Politiker und Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe, sagte: „Mit Sarrazin sollte sich niemand mehr in eine Talkshow setzen." Aber sicher mit Ihnen, verehrter Herr Robbe, weil Sie so schön politisch korrekt daher schwadronieren können!
Es ist aber doch auch zum Verzweifeln, dass der gemeine Bürger nicht auf diese tollen Politiker hört, da kauft der einfach Bücher, schaut ungefragt Talkshows, kann sich in dem ein oder anderen Argument sogar noch wiederfinden und das Schlimmste: er hat aus dem ersten Fall Sarrazin einfach nicht lernen wollen.
Das könnte dann vielleicht einfach daran liegen, dass es keinen zweiten Fall Sarrazin gibt, weil es schon keinen ersten gab. Liebe Frau Kühnast, tun Sie uns doch bitte den Gefallen und bereiten schon mal den dritten vor, denn wer nicht hören will, muss fühlen!
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