Antwort an SWR-Intendant zu Beitrag "Aggressiv durch Antidepressiva"
0 Kommentare | Posted 06.05.2013 10:53
Ich möchte zunächst festhalten, dass ich mich recht empört darüber zeige, wie vehement Sie die Eingabe eines Betroffenen, der für viele andere Patienten in seinen Selbsthilfegruppe spricht, zurückweisen und Ihre Sichtweise ohne jede Form der Selbstkritik zu rechtfertigen versuchen. Dass Sie meine vorgebrachte Kritik nicht „ganz nachvollziehen“ können, nehme ich zur Kenntnis. Gleichermaßen attestiere ich Ihrem Schreiben unzureichende Antworten auf die von mir angeführten Beschwerdepunkte. Ich erhebe deshalb entsprechend Einwand gegen Ihren Bescheid und beantrage nach § 11 SWR-Staatsvertrag, den zuständigen Ausschuss beziehungsweise den Rundfunk-/Landesrundfunkrat über den Vorgang zu informieren.
Ich begründe wie folgt:
1.) Sie formulieren: „Leider ist es gängige Praxis und keineswegs ein extremer Einzelfall, dass Antidepressiva (und andere Psychopharmaka) von Hausärzten leichtfertig verschrieben werden, vor allem ohne die Patienten auf mögliche gravierende Nebenwirkungen hinzuweisen“. Können Sie für diese Darstellung entsprechende Belege anführen – insbesondere für die Wortwahl der „gängigen Praxis“? Ich erinnere an § 6.3 SWR-Staatsvertrag, wonach Magazine Ihres Senders sachlich und nicht überzogen zu berichten haben.
2.) Weiterhin schreiben Sie: „Denn SSRI Antidepressiva können – und das ist in der Fachwelt seit Jahren unumstritten – nach innen oder außen gerichtete Aggressivität auslösen“. Ebenso fehlen mir auch zu dieser Aussage wiederum Belege. Darüber hinaus vermag ich zu bezweifeln, in wie weit in der Darstellung das „können“ ausreichend vermittelt wurde. Nahezu jedes Medikament – und da spreche ich nicht nur von Psychopharmaka – ist mit Nebenwirkungen versehen. Hier kommt es ganz besonders darauf an, ob wir von seltenen oder häufigen Erscheinungen sprechen. Eine dieser Nebenwirkungen dann besonders exemplarisch und charakteristisch herauszugreifen und den weiteren Gesamtzusammenhang des Medikaments auszublenden, spricht nicht für eine umsichtige Herangehensweise an die Thematik.
3.) Sie meinen abschließend: „Der Moderator hat den Beitrag des Weiteren mit dem Hinweis abmoderiert, Medikamente auf keinen Fall nach Ausstrahlung des Beitrags abzusetzen, ohne Rücksprache mit dem Arzt zu halten“. Das ist richtig, nur scheint das offenkundig viele Betroffene nach dem Beitrag nicht mehr erreicht zu haben. Denn eine solche Abmoderation in sich und deren Notwendigkeit zeigen ja offenkundig, dass Sie Aufruhr erregt haben, „Panikmache“, wie ich geschrieben habe. Wäre denn ansonsten solch ein abschließender Hinweis nötig gewesen? Oder belegt er nicht viel mehr auch, dass sich die Redaktion der Schwierigkeit bewusst war, die sie mit dem Beitrag erzeugen wird? Bei mir meldeten sich in jedem Fall mehrere Betroffene nach Ausstrahlung in großer Unsicherheit; das Konzept der Abkündigung scheint somit nicht aufgegangen zu sein. Es ist auch die Aufgabe einer jeden Redaktion, sich der Klientel bewusst zu sein, die als Empfänger eines Beitrags gilt – und entsprechend ist die Form der Darstellung mit Bedacht zu wählen.
4.) Laut § 6.4 SWR-Staatsvertrag hat der Sender „verschiedene Auffassungen“ in seinem Programm „ausgewogen und angemessen zu berücksichtigen“. Weder „einseitig“ noch im Interesse einer „einzelnen Partei oder Gruppe“ oder „Sonderinteresse“ darf berichtet werden. Wie in meiner Beschwerde angeführt, haben Sie keine Antwort darauf geliefert, weshalb Sie den großen Fokus allein auf Fachpersonen gelegt haben, die Ihre These unterstützen. Auch in ihrem Antwortschreiben zitieren Sie wiederum nur eine einzige Stimme aus der Fachwelt, die Sie unterstützt. Wäre es im Sinne des Programmauftrages nicht notwendig gewesen, auch andere Einschätzungen einzuholen? Ich bin mir sicher, dass es ausreichend Mediziner gibt, die Ihre Darstellungen aus ihrer täglichen Arbeit und Erfahrung entschärft betrachten würden. Und wie ist es mit Patienten gewesen, die von SSRI profitiert haben? Warum kamen sie nicht zu Wort? Ich bin seit Jahren in der Selbsthilfe aktiv, habe mit hunderten Patienten Kontakt gehabt, die mit SSRI versorgt werden. Merkwürdigerweise ist mir die Dramatik an Nebenwirkungen, wie sie Ihr Bericht vermittelt hat, bisher nicht untergekommen. Dass jedes Medikament Nebenwirkungen besitzt, ist bekannt. Dennoch gilt stets die Abwägung zu treffen zwischen einer Wirkung und einer Nebenwirkung. Ich persönlich bin unter anderem dank der Medikation mit SSRI heute in einem psychischen Zustand, in dem ich Ihnen beispielsweise diesen Brief schreiben kann. Das war ohne derartige Behandlung nicht möglich. Und die angesprochenen Nebenwirkungen habe ich durch SSRI nicht erfahren (schon eher durch andere Psychopharmaka). Zusammenfassend fehlte mir in Ihrem Beitrag vollends eine ausgewogene Darstellung über Nebenwirkungen und Wirkungen; letztere sind für viele Patienten segensreich und eine neue Chance zu Stabilität. Niemand versagt Ihnen, kritisch Nebenwirkungen zu betrachten, einen teilweise auch fahrlässigen Umgang damit anzuprangern – doch die Verhältnismäßigkeit muss gewahrt bleiben. Dazu gehört unter anderem, nicht zu übertreiben und Aussagen mit Belegen zu untermauern. Einzelne Stimmen zu pauschalisieren, das reicht hier sicher nicht. Und gleichzeitig gehört zu einer verantwortungsvollen Darstellung auch, andere Wertungen und Meinungen zu Wort kommen zu lassen und die reflektiert betrachtete Aspekte nicht auszusparen. Ich bin kein Anhänger oder Freund der Pharmafirmen – und doch ist es für mich als Interessenvertreter von Betroffenen erschütternd, wenn hier ganz bewusst mit Angst gespielt wird.
Ich beklage darüber hinaus die in Ihrem Brief fehlende Sensibilität für Empfindungen und Wahrnehmungen Ihrer Zuschauer. Gerade, wenn ein Intendant hier den Faden zu einer Gruppe des Publikums verliert, die auf besondere Sachlichkeit vertrauen muss, ist das ein überaus schlechtes Zeichen. Somit lässt Ihr Brief viele Unklarheiten, die ich durch die Behandlung im entsprechenden Gremium aufgeklärt zu wissen erhoffe.
Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen,
Dennis Riehle
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Offizielle Stellungnahme zu GBS-Forderung
3 Kommentare | Posted 15.04.2013 11:39
„Einer der Regionalgruppenkoordinatoren der GBS hat von mir eine Stellungnahme eingefordert, mich von meinen früheren christlichen Tätigkeiten und Aktivitäten eindeutig zu distanzieren. Ich habe bereits im Jahr 2012 meine ehrenamtliche Tätigkeit als 1. Vorsitzender der Christlichen Lebensberatung e.V. aufgegeben und bin aus dem Verein ausgetreten. Darüber hinaus habe ich auch meine Aktivität für das ‚Weiße Kreuz e.V.‘ eingestellt und auch andere lose Kooperationen mit christlichen Beratungsverbänden beendet. Anfang Dezember 2012 habe ich vor dem hiesigen Standesamt meinen Austritt aus der Evangelischen Kirche erklärt. Davor war ich schon aus kirchlichen Fördervereinen ausgetreten und hatte mein Ehrenamt in der kirchlichen Jugend- und Gemeindearbeit schon vor Jahren abgebrochen. Mein Buch ‚Wenn wir mit Gott sprechen…‘ ist ebenso bereits seit langem auf dem Markt und gibt keine aktuellen Bezüge wieder.
Vorhaltungen über Äußerungen von mir zum ‚Seelen-Glauben‘ kann ich ebenso in keinem gegenwärtigen Zusammenhang erkennen, der für die Frage nach meiner religiösen Einstellung oder gar Position zur Kirche von Bedeutung wäre. Es bleibt im Zeitalter eines immer mehr speichernden Internets eine unumgängliche Problematik, wonach das Netz zu einem Archiv wird, über das der Einzelne keine Kontrolle mehr hat. Aussagen aus der Vergangenheit bleiben in Artikeln, Texten, Äußerungen dauerhaft archiviert – und spiegeln damit natürlich auch meine Historie ab, zu der ich stehe. Gleichermaßen betone ich auch gern mehrfach meinen Bruch und meinen Wandel in der Überzeugung gegenüber der Kirche und dem Glauben.
Ich bleibe deshalb bei Feststellungen, wonach ich nach langen Jahren in evangelikalen Kreisen und schmerzhaften Erfahrungen in der eigenen Kirchengemeinde mit vollem Ernst die evangelische Kirche verlassen habe. Nicht nur die das konservative Denken teils übersteigende unmenschliche Art des pauschalen Urteilens über Lebenseinstellungen, sexuelle Verhaltensweisen oder gar politische Meinungen haben mich zutiefst entrüstet. Der misstrauende Umgang und eine vehemente Distanz im schlichten Miteinander waren enttäuschend. Teils radikale Positionen, die auch mit Verbindungen bis hinein in rechte Parteien gekoppelt waren, haben ein Bild der Institution Kirche gefestigt, das mit meinem Verständnis von Toleranz, Liebe des Nächsten oder gegenseitigem Respekt nichts mehr zu tun hatte.
Durch diskriminierendes Mobbing in der Kirche, aber auch durch mehrfache Erkrankungen immer wieder neuen Herausforderungen gegenüber gestellt, habe ich auf die Theodizée-Frage letztlich nur mit meinem Abfall von christlichen Überlieferungen antworten können und zunächst den Glauben an einen theistischen Gott, einen in das Weltgeschehen eingreifenden, verloren. Die ungerechte Verteilung des Leids, aber auch meine persönliche Erfahrung, keinen schützenden oder stützenden Herrn erlebt zu haben, untermauerten ein Bild, das nur noch für die Anerkennung Jesu als eine historische Person ausreichte. Die verbundene Trinitätslehre, die Befreiungstheologie aber auch die Sühnefragen wurden für mich irrelevant, konnte ich doch der Existenz eines Gottes kein Vertrauen mehr schenken. Tod und Auferstehung bleiben für mich – wie die gesamte biblische Schrift – ein Buch aus lehrreichen und parabelartigen Geschichten, die oftmals auch zeigen, wie man Gesellschaft und Gemeinschaft eben nicht gestalten kann. Und schlussendlich kann und will ich all die Errungenschaften und Erkenntnisse aus der Wissenschaft nicht leugnen, die selbst einen deistischen, pantheistischen Gott überflüssig machen.
Zwar mag dieses Träumen vom Schöpferischen und Gestaltenden wohltuend sein und mich aus vielerlei Verantwortung entlassen. Doch wer sich dauerhaft schützt, stumpft für das Tatsächliche ab. Und er wird damit empfänglicher für eine Religion als Mittel zur zwanghaften Bindung an einen Glauben, dessen Suggestion zwar in schwierigen Zeiten temporären Halt vorgeben mag, bedeutet letztlich auch Entmündigung von einem freiheitsliebenden Denken, das durch ein Korsett des Dogmas ersetzt wird. Wer religiöse Gefühle an die Stelle sozialen oder humanistischen Wirkens platziert, der zweckentfremdet Menschlichkeit für die Belange von Missionierung und machterhaschendem Einfluss. Für mich persönlich kann ich daher nur bestätigen, dass mir durch einen eigenen Prozess der Aufklärung jegliche Verbindungspunkte zur Kirche verloren gegangen sind – und dass mir der andauernde Versuch von Religionen, sich in das öffentliche Leben einzumischen, durch meine Auffassung über eine klare und strikte Trennung zum Staat zuwider läuft. Glaube braucht seinen individuellen Freiraum im privaten, intimen Bereich – ob nun der an einen Gott und Schöpfer, an Evolution oder das Geheimnis der Natur glaubende Zweifler.
Die wichtigste Errungenschaft ist in diesem Zusammenhang eine Aufklärung, die die freie Überzeugung jedes Einzelnen in den Mittelpunkt stellt. Dazu gehört der Anstand, der religiösen Praxis des Gegenüber respektierend entgegen zu treten, solange weder Recht noch Gesetz drohen, von diesem Glauben beeinflusst zu werden. Doch gleichzeitig fordert Religion, die sich viel mehr mit Jenseitigem beschäftigt und sich damit aus der Mitwirkung im Hier und Jetzt stiehlt, zu einem Gegenpol auf, der sich mit Greifbarem, Verlässlichem und tatsächlich Drängendem auseinander setzt. Wer auf die Ewigkeit vertröstet, der kann sich gelassen zurücklehnen, weil er nichts beweisen muss – und kann. Glaube an die Gegenwart ist damit eine weitaus größere Aufgabe.
Für mich ist eine humanistische Überzeugung untrennbar mit dem sozialen Einsatz für Menschen- und Grundrechte verknüpft, mit dem Angebot, sich in Eigenverantwortung und Solidarität für Gestaltung einer Welt einzusetzen, die sich über Konflikten zwischen visionären und theoretischen Ansprüchen von Konfessionen und Religionen hinwegsetzt. Mein Denken und Handeln hat sich deshalb durch mein Abwenden von Kirche und religiösem Glaube verstärkt einem Einsatz für das Verändern von Missständen in der diesseitigen Gesellschaft gewidmet – anstelle eines verklemmten Hoffens auf etwas, was zumindest mir nicht zuteilwurde: dieser Gott der Gnade und Barmherzigkeit. Ihn schuf ich mir einst selbst, menschlich kann ich auch ohne ihn sein. Diesen Weg möchte ich mit verschiedenen Organisationen gehen, auch mit der GBS. Von ihr erwarte ich weiterhin, dass sie zu ihrem Misstrauen mir gegenüber, welches sie durch einen ihrer Regionalgruppenkoordinatoren hat vermitteln lassen, Stellung bezieht.“
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Nähe zwischen TV und Kirche: Die Antwort
0 Kommentare | Posted 09.04.2013 11:20
Gerade die besonders positiven Kommentare auf dem Gemeinschaftssender „PHOENIX“ waren kritisiert worden.
In der Antwort der Programmleitung des Ersten Deutschen Fernsehens lautet es demnach, dass man „dieses historisch einmalige Ereignis großflächig abgebildet [habe], um dem Informationsbedürfnis unserer Zuschauerinnen und Zuschauer zu entsprechen“. Nun, diese Aussage mag man bereits als einseitig belastet einschätzen, weiß doch niemand genau, was DAS Informationsbedürfnis DER Zuschauer ist. Haben die Menschen wirklich ein Verlangen danach zu erfahren, welche Schuhe der neue Papst trägt? Ist es von Bedeutung, ob Benedikt XVI. seine letzten Schritte als Pontifex zwischen Hubschrauberlandung und Balkon mit oder ohne Stütze läuft? Und ist das Schließen von zwei Türen eine Sondersendung wert?
Die ARD scheint ihre Zuseher besonders gut zu kennen und zu wissen, was ihnen wichtig ist. Die angesprochene Einseitigkeit in der Bewertung der Vorgänge im Vatikan widerlegt „Das Erste“ mit einer Vielzahl an exemplarischen Diskussionsteilnehmern in ihren Talksendungen. Ein Kritiker hier und ein leises Wort des Zweifelns über die katholische Kirche dort – bei vier bis sechs Debattengästen im Durschnitt ist das eine eher vernichtende Ausgewogenheit und schlicht ein völlig verzerrtes Abbild für ein repräsentatives Deutschland, in dem mehr als jeder dritte keiner Kirche angehört.
Die Programmleitung meint dennoch: „Grundsätzlich bemühen sich die Reporter und Redakteure der ARD immer, möglichst gute journalistische Arbeit zu leisten und alle Aspekte des behandelten Themas angemessen zu beleuchten. Dazu gehört auch, Betroffene beider Seiten ausreichend zu Wort kommen zu lassen“.Grundsätzlich mag das so sein – dann war es dieses Mal wieder eine der Ausnahmen, für die der Nicht-Gläubige an diesem, man erinnere sich, „historisch einmaligen Ereignis“ Verständnis haben muss…
Insgesamt pocht die ARD wie bei jeder Antwort auf ihre journalistische Fachkompetenz und die differenzierte Auswahl an nachrichtlichten Themen:„Bei ihrer Arbeit verfolgen die Journalisten der ARD als oberstes Ziel, gründlich zu recherchieren, Fakten zu erhärten und sie verständlich darzustellen. Bei der Auswahl der Themen orientieren sich die Redaktionen an journalistischen Nachrichtenkriterien“. Gründlich recherchieren brauchte man bei der Wahl des neuen Papstes wohl erst, als die Anschuldigungen gegen Jorge Bergoglio aus Zeiten der Militärdiktatur aufkamen. Bis dahin schienen die zahlreichen Rom-Reporter geblendet von Prunk und Glanz, Lobhudelei und dem innigen Respekt vor Joseph Ratzinger, der ihnen Abstand versagte.
Und so mag man auch der abschließenden Versicherung des „Ersten“ nur wenig Glaubwürdigkeit schenken, haben doch die öffentlich-rechtlichen Sender bislang oft genug bewiesen, dass auch sie sich von Bildern und Storys mehr beeindrucken lassen als von Differenzierung und dem Wagnis, mächtigen Institutionen die Stirn zu bieten: „Keinesfalls ist das Erste Deutsche Fernsehen einer politischen Instanz, Partei oder sonstigen Interessengruppen wie der katholischen Kirche in besonderer Weise verpflichtet. Das öffentlich-rechtliche ARD-Gemeinschaftsprogramm wird aus Haushaltsbeiträgen finanziert und arbeitet frei von staatlicher Einflussnahme. In den Kontrollgremien der Landesrundfunkanstalten achten Vertreter aller gesellschaftlichen Gruppen darauf, dass journalistische und ethische Standards eingehalten werden“.
Man muss sich nicht beeinflussen lassen, wenn man bereits geprägt ist. Und blickt man in die Biografien derjenigen, die in den Tagen rund um das Jahrtausend-Highlight berichtet haben, braucht es auch keine Erklärung mehr dafür, weshalb es an Reflektion mangelte. Wie schwer ist es für den CDU-nahen Redakteur, mit Abstand von einem „grünen“ Parteitag zu berichten? Dabei ist genau das diese Herausforderung an ein öffentlich-rechtliches, von Interessengruppen losgelöstes Fernsehen. Erst, wenn der Atheist die Osterfeierlichkeiten kommentiert, und der liberale Korrespondent den linken Spitzenkandidaten porträtiert, hat Distanz wirklich eine Chance. Und erst, wenn tatsächliche alle gesellschaftlichen Gruppen im Kontrollgremium sitzen, also auch knapp 40% der Konfessionslosen ihre Vertretung bekommen, werden auch die Standards eingehalten, die in keinem Staatsvertrag so deutlich geschrieben sind, wie in Artikel 2 (3) Grundgesetz: „Niemand darf bevorzugt oder benachteiligt werden“.
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Genießt ein Papst Immunität? - Die beschmutzte Soutane von Franziskus
10 Kommentare | Posted 14.03.2013 11:51
„Die hochwürdige Exzellenz“, so kündigte Kardinal Tauran den neuen Bischof von Rom auf der Loggia am Petersplatz an, nachdem weißer Rauch aufgestiegen war. Karl Kardinal Lehmann, einer der deutschen Teilnehmer am Konklave, beschrieb den neuen Papst Franziskus als einen „humorvollen Menschen“, weltweit wurde Jorge Bergoglio als Vertreter der Armen mit Begeisterung als neuer Vertreter der 1,2 Milliarden Katholiken aufgenommen. Bescheidenheit und Zurückhaltung wurden ihm bestätigt. Nur während der Zeit der argentinischen Militärdiktatur, da war der Jesuit offenbar etwas gesprächiger.
Genau aus diesem Grund wurde nur drei Tage vor dem Beginn der Papstwahl 2005 gegen den heutigen Franziskus Strafanzeige erstattet. Ein argentinischer Anwalt hatte den Vorwurf erhoben, dass sich Bergoglio vor rund 35 Jahren als Verräter ausgezeichnet hat. Kollegen aus seiner eigenen Zunft soll er dem Regime überlassen haben – sein „offenes Herz“, das ihm Erzbischof Zollitsch gestern Abend konstatierte, hatte wohl damals einige Rhythmusstörungen.
Ein Papst, dem noch immer eine Anzeige nachhängt (so berichtet es das ARD-”Morgenmagazin”, Korrespondent in Buenos Aires, 14.03.2013)? Wäre das das einzige Problem, könnte sich die katholische Kirche vielleicht gar noch glücklich schätzen. Doch wie steht nun solch ein Mann zu Krieg und Frieden, wenn er in Krisenzeiten offenkundig Probleme hat, sich für die Verfolgten einzusetzen? Wie glaubwürdig ist derjenige, der die Armen fördert, die Schwulen und Lesben aber dem Teufel überlassen will? Demut hin oder her – Franziskus soll kein Medienmensch sein; und doch versteht er es schon heute, seine Beobachter an der Nase herumzuführen.
Wieder einmal werden die Gläubigen dieser Welt mit einer Inszenierung blind gemacht vor der Wahrheit, die hinter dem 266. Nachfolger Petri zu stecken scheint. Natürlich kann sich jeder ändern und auch seine Fehler bereuen. „Urbi et orbi“ gestern Abend galt dann wohl ganz besonders ihm selbst, denn so weiß wie sein karges Gewand ist die Weste nicht, die er zu tragen scheint. Vergebung für jemanden, der an seiner erzkonservativen Einstellung keinen Zweifel lässt – und diese mit gekonnt dargestellter Menschlichkeit zu überspielen vermag.
Von Abtreibung und Verhütung möchte er genauso wenig wissen wie von dem Respekt gegenüber Wiedererheirateten. Er galt als Favorit der Liberalen – schon beim letzten Konklave. Wenn Witz und äußerlicher Charme, die tägliche Busfahrt zur Arbeit anstelle der Großlimousine vor der Tür oder der Spaziergang inmitten der Stadt heute bereits ausreichender Grund zur Annahme und Merkmal von Liberalismus, Reformwille und Veränderung ist, dann ist es um die Römische Kirche wohl noch deutlich schlechter bestellt, als das eine „Vatileaks“-Offenbarung je verraten kann.
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Kommentar zu Benedikts Rücktritt: Die Weltlichkeit holt ihn ein
1 Kommentare | Posted 14.02.2013 11:06
Seit dem Mittelalter hat es diesen Schritt nicht mehr gegeben: Die ARD-Korrespondentin in Rom sprach davon, dass es „nicht die Regel“ sei, dass Päpste von ihrem Amt zurücktreten. Bisher gab es solche Entscheidungen tatsächlich erst zwei Mal in der Geschichte; jetzt hat sie ein Papst wieder getroffen: Benedikt XVI. zieht sich aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt zurück. Mit Ende Februar beendet der deutsche Joseph Ratzinger damit seinen Dienst auf dem „Stuhl Petri“ – und zeigt damit deutlich mehr Verantwortung als manch einer seiner Vorgänger.
Während sich ein über Jahre dahin schleifender Papst Johannes Paul II. nur noch mühselig am Fenster seiner römischen Wohnung zeigen konnte, möchte Benedikt offenbar seinen körperlichen und vor allem, wie er in lateinischer Sprache im Konsistorium verlauten ließ, geistigen Verfall nicht in der Öffentlichkeit preisgeben. Man darf getrost spekulieren, dass den Pontifex altersmäßige Gebrechen heimsuchen. Aufgrund der letzten Auftritte in den vergangenen Monaten lässt viel auf eine Form der Demenz schließen. Darüber hinaus zeigte sich Joseph Ratzinger aber auch körperlich zunehmend schwach. Nicht nur auf den bereits extra für seinen Gesundheitszustand vorgezogenen Weihnachtsfeierlichkeiten in der Christnacht wurde deutlich, dass Konzentration und Sprache nachließen.
Genau diese Fähigkeiten prägten ihn aber: Er wurde bei seiner Wahl als „Papst des Wortes“ gefeiert. Er überzeugte durch Schriften und klare Mahnungen, verschaffte sich damit Gehör und wurde auch gerade deshalb zu einem anstößigen Kirchenoberhaupt, das provozierte und sich in seiner Gangart nicht beirren ließ. Dass Benedikt die Verantwortung erkennt, die er mit den eingetretenen gesundheitlichen Einschränkungen tragen muss, ist bemerkenswert. Er schätzt die Fähigkeit eines Papstes, mit voller Kraft und geistiger Anwesenheit das Amt ausüben zu können, offenkundig derart hoch ein, dass er seinen Zustand mit dieser selbst gesetzten Anforderung nicht mehr in Einklang bringen kann.
Er musste nach eigenen Angaben sein „Unvermögen“ erkennen, letztlich haben ihn die ganz weltlichen Dinge zurück auf den Boden der Tatsachen geholt. Auch ein Papst bleibt – wie man schon oft in der Vergangenheit gesehen hat – nicht von dem Leid und den Tiefen verschont, die jeder von uns gehen muss. Gleichwohl nimmt Benedikt diese Hürden nicht in der Form an, als dass er sie in seinem Amt als Prüfung durchstehen will. Das ist einerseits ein ganz menschliches Ansinnen, die Vergänglichkeit nicht zur Schau zu stellen. Gleichermaßen bricht damit aber auch ein Stück des Vertrauens, wonach Gott – mit dem Joseph Ratzinger nach seinen persönlichen Worten „Zwiesprache“ über seinen Schritt gehalten habe – ihn auch durch diese schwere Zeit tragen möge. Ein so konservativer Papst, der nun die Ebenerdigkeit und Grenzen von Leben und göttlicher Macht erkennen muss, ist ein bedeutsames und prägendes Zeichen.
Erst sein Vorgänger hatte die Option eines geordneten Rücktritt tatsächlich als Möglichkeit zur Diskussion gestellt, nun macht bereits Benedikt davon Gebrauch. Die fehlenden Kräfte sind nach einhelliger Meinung aber auch darauf zurückzuführen, dass Joseph Ratzinger in seinem Amt zunehmend gefordert wurde: Ein untreuer Diener, der Geheimnisse aus dem engsten Umfeld des Pontifex verbreitete, war ebenso ein persönlicher Rückschlag wie die immer stärker aufkommenden Basisbewegungen in der katholischen Kirche, die ein Stück weit außer Kontrolle zu geraten schienen. Möglicherweise hat Benedikt erkannt, dass er diesem Gegenwind nicht mehr standhalten kann – gerade mit dem Nachlassen seiner Fähigkeit des strengen Diskurses.
Ob es Kapitulation, Einsicht oder Zweifel war: Joseph Ratzinger hat überaus umsichtig entschieden, die Qualität der Kirchenführung über sein eigenes Wohlwollen der Macht zu stellen. Gleichzeitig bringt er die katholische Kirche nun aber nicht nur vor organisatorische Herausforderungen: Nach dem 28. Februar ist ein Konklave einzuberufen – und aufgrund des überaus plötzlichen Rücktritts gibt es noch keine wirklichen Favoriten für seine Nachfolge. Schon lange wird ein Papst der Milde gefordert, der die Reformbewegungen anerkennt und unterstützt. Gerade auf südamerikanische oder afrikanische Vertreter setzt man hier. Gleichsam arbeiten italienische Kreise daran, endlich wieder einen Repräsentanten aus ihren Reihen auf den päpstlichen Stuhl zu bringen.
Ob das Eingeständnis des Papstes ob seiner Schwäche den Übergang zu einem liberaleren Nachfolger einfacher oder schwieriger machen wird, bleibt noch abzuwarten. Schneller als erwartet stellt sich aber die Möglichkeit ein, die neue Chance für einen tatsächlichen Wandel zu nutzen. Daran glaubt zwar auch ob der Erklärung des Papstes zu seinem Rücktritt, die er ausgerechnet in lateinischer Sprache – und damit als deutliches Zeichen der Rückwärtsgewandtheit – hielt, zunächst niemand, aber das Kirchenvolk hat nunmehr die Gelegenheit für einhelligen Protest. Die Skandale der Jahre, die Papst Benedikts Amtszeit mit großem Schatten belegt haben, könnten Mahnung sein. Doch wie selten hat die katholische Kirche bislang darauf gehört. Mut macht lediglich eine Faustregel, die man in Rom anlässlich der Wahlen des Neuen pflegt: Meist kommt aus der Sixtinischen Kapelle nicht der Kardinal als neuer Pontifex heraus, den man beim Hineingehen erwartet hätte…
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