Die Welt ist so, wie sie sie sehen.
Und je enger das profane Denkkorsett geschnürt ist, desto einfacher lassen sich alle erdenklichen Weltlagen erklären. Das beruhigt und bringt eine vermeintliche Logik ins Chaos.
Selbstverständlich ist es so, dass man in jungen Jahren für seine (politischen) Ideale kämpft, ja kämpfen muss. Irgendwie muss dieser Alltag ja einen Sinn ergeben.
Doch wenn man seine Schlachten mit Siegen und Niederlagen geschlagen hat, dann wäre man eigentlich frei, wieder dort anzuknüpfen, wo man staunend und auch unsicher versucht hat, Sinn und Gesetzmässigkeiten im Durcheinander zu erkennen.
Also dort, wo man sich noch nicht der Illusion hingab, man könne den Gang der Dinge schon irgendwie kontrollieren.
1930, in einem Gespräch mit dem indischen Philosophen Tagore, meinte Einstein:
There are two different conceptions about the nature of the universe: (1) The world as a unity dependent on humanity. (2) The world as a reality independent of the human factor.
Ich verstehe allerdings, dass sich die allermeisten nicht von ihrem Korsett trennen wollen.
Sie halten daran fest nicht mehr aus religiöser Gewissheit oder wegen ihren politischen Idealen. Nein, sie fürchten sich davor, erkennen zu müssen, dass ihre Gewissheiten zur Welterklärung auf einem leicht durchschaubaren Grundlagenirrtum beruhen.
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Eingedenk dessen, dass für Männer die weiblichen Brüste eine etwas andere Bedeutung haben als für Frauen, kann ich die Beweggründe von Frau Jolie nur halbwegs nachvollziehen.
Wir konzentrieren uns ja mehr auf die Prostata.
Hingegen sind es zwei Dinge, die mich stören. Zum einen ist es da die Deutsche Sprache, respektive der wenig sensible Umgang in der Causa Jolie. (Disclaimer: Die Frau geht mir schon seit Jahren gehörig auf den Wecker.)
Da onlined mir frühmorgens die Überschrift entgegen: “Jolie hat sich die Brüste amputieren lassen“. Selbst in Qualitätsmedien wurde diese Überschrift der Agentur übernommen. Womit die grösstmögliche Aufmerksamkeit garantiert ist. Ist schon das Wort “Amputation”, das ja zumeist mit Kriegsverletzungen in Verbindung gebracht wird, ein wenig erbauliches Wort, elektrisiert es geradezu im Zusammenhang mit “Brüsten”.
Das englische “double mastectomy” scheint mir nicht nur angebrachter sondern auch taktvoller. Doch die Semantik ist die eine Sache.
Die andere ist die gesellschaftspolitische Bedeutung von Angelina Jolies doppelter Mastektomie.
Wie wir erfahren haben, hat sie sich nach einem Gentest zur Operation entschlossen. Weil dieser “ein 87-prozentiges Risiko für Brustkrebs und ein 50-prozentiges Risiko für Eierstockkrebs” ergeben hat.
Damit ist von einem bislang vor allem als modische Trendsetterin (und durch schlechte Schauspielerei – siehe oben) aufgefallenen Hollywoodstar ein Thema auf die Tagesordnung gesetzt worden, das uns alle angeht: Wird es zur Pflicht, sich einem Gentest zu unterziehen, um Erbkrankheiten frühzeitig zu erkennen und sich entsprechend behandeln zu lassen?
Und was tut man, wenn man die drohende Erbkrankheit nicht so radikal wie Frau Jolie aus der Welt schaffen kann?
Das Problem ist nicht, dass Frau Jolie sich in ihrem individuellen Fall für sich persönlich eine Entscheidung getroffen hat, die uns im Prinzip nichts angeht.
Das Problem ist, dass die von Frau Jolie aufgrund eines (fragwürdig negativen) Gentests getroffene Entscheidung einen gesamtgesellschaftlichen Massstab setzt. Ich meine, die Frau war noch nicht erkrankt, sondern sie nahm an, dass sie dereinst erkranken KÖNNTE.
Der Hollywoodstar, dessen Beine vor paar Wochen die Aufmerksamkeit der Weltpresse erlangten, liefert nun mit einer angeblich rationale Entscheidung neue Schlagzeilen. Zuvor waren es adoptierte Kinder und die Ehe mit einem anderen Hollywoodstar.
Alterszynisch wie ich nun mal bin, frage ich mich, wer eigentlich von diesem Operationscoup der Frau Jolie profitiert.
Neben der Spezialklinik und den behandelnden Ärzten könnten dies beispielsweise die Versicherungsgesellschaften sein. Es wird ja schon seit Jahren darüber diskutiert, ob man bei Lebensversicherungen nicht einen Gentest vorlegen muss.
Die Versicherungsgesellschaften argumentierten gegenüber den Ärzten schon 2003 so:
[...] Erkennt man solche Veranlagungen rechtzeitig, und lässt sich dagegen auch präventiv etwas unternehmen, so bekommen die Gentests eine ganz andere Bedeutung. Sie helfen mit, rechtzeitig etwas gegen gesundheitliche Bedrohungen zu unternehmen. Sobald Gentests deshalb verbreiteter zum Einsatz gelangen, ist es für die Lebensversicherer wichtig, dass die Ergebnisse eines freiwillig unternommenen Tests in die Beurteilung des Risikos einfliessen kann. Nur so wird es möglich, allen Kunden faire Tarife zu verlangen.
Wollen wir das? Ist Frau Jolie ein Vorbild?
Nein.
Weil Frau Jolie schon in der Vergangenheit einen etwas eigenartige Beziehung zu ihrem Körper öffentlich zelibriert hat: Auf ihrem Rücken hat sie sich die Inschrift “Know Your Rights” tätowieren zu lassen und in diesem Stil geht es den Körper rauf und runter.
Um es auf den Punkt zu bringen: Möglicherweise hätte Frau Jolie ihr Problem auch mit einem guten Psychiater lösen können.
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Der Rest dreht sich um den australischen Journalisten Gerard Ryle, dem ursprünglich die Datensammlung zugespielt worden war. Der Informationsgehalt des Sonntagszeitung-Beitrag ist gewaltig:
Ryle arbeitet mit einem alten Macintosh, der laufend abstürzte. Eine einzige Suchabfrage auf der 260 Gigabyte grossen Festplatte dauerte drei Stunden.
Ist doch rührend, der Journalist, the lonely hero.
Doch halt, da ist noch ein Satz. Ebenfalls allein gelassen, ohne Zusammenhang mit dem Rest des Textes: Herr Ryle war nicht der erste und einzige, dem die gestohlenen Daten zugespielt wurden:
Die Daten sind seit längerem in fremden Händen, unter anderem auch bei Steuerbehörden.
Liegt in diesem Zusatz “unter anderem auch bei Steuerbehörden” die eigentliche Offshoreleaks-Geschichte begraben?
Kann nicht sein, deshalb wird das auch nicht weiter ausgeführt, weil, passt doch nicht ins heroische Konzept der Möchtegernrechercheure. Er wirft nämlich neue Fragen auf zur Rolle der Journalisten in Sachen Offshoreleaks und die bisher unbeantwortete Frage, von wem Journalist Ryle seine Speicherplatte zugestellt bekam, wird zur eigentlichen Schlüsselfrage.
Man ist ja heutzutage zum Glück nicht mehr aufs heimische Journalistenschaffen angewiesen. Bereits am Freitag konnte man in der Süddeutschen Überraschendes lesen:
Erst jetzt ist zu erfahren, dass die Quelle die Daten 2009 den dortigen Behörden angeboten und 2010 auch übergeben hat. Erst danach gelangte die Festplatte in die Hände des Internationalen Konsortiums für investigative Journalisten (ICIJ) in Washington.
“Erst jetzt ist zu erfahren” – schwingt da etwa die Befürchtung mit, man sei hinters Licht geführt worden, von wem auch immer?
Auf dem unabhängigen Medienblog Carta liest sich die Ryle-Geschichte so:
Eine ominöse Quelle hat 2011 eine Festplatte mit Daten an den investigativen Journalisten Gerard Ryle geschickt. Und zwar in Australien. Die australische Regierung gehörte – wie die britische und die US-amerikanische – zu jenen drei Glücklichen, die die Daten schon besaßen. Ryle wurde im September 2011 – als erster Nichtamerikaner – Direktor des Journalisten-Konsortiums ICIJ in Washington. Das ICIJplante fortan den „Medienscoop“.
Erfahren Sonntagszeitungs-Leser etwas darüber, dass die australische Regierung die Offshoreleaks-Daten bereits besass als Herr Ryle den Datensatz aus unbekannter Quelle erhielt?
Nein.
Denn es könnte ja ziemlich peinlich werden, wenn sich am Schluss herausstellt, dass Regierungsstellen Journalisten für ihre Interessen manipuliert haben. Ich habe anfangs April, zwei Tage nach Offshoreleaks in diese Richtung spekuliert: #OffshoreLeaks: Journalisten als Handlanger amerikanischer Behörden?
Wolfgang Michal,ein freischaffender Journalist, schreibt auf Carta:
Es ging bei Offshore Leaks – so mein Eindruck von Anfang an – um PR für dringende Regierungs-Angelegenheiten. Man wollte Druck aufbauen und Aufmerksamkeit für ein handfestes Problem erzeugen. Das ist auch gut so. Denn zwischen der Steuerhinterziehung der Reichen und den zur Verarmung führenden Austeritäts-Programmen besteht ein direkter Zusammenhang. [...] Am 8. Februar 2012 haben die USA mit anderen Staaten (u.a. mit Deutschland) eine Gemeinsame Erklärung über eine zwischenstaatliche Vorgehensweise zur Verbesserung derSteuerehrlichkeit im grenzüberschreitenden Bereich und zur Umsetzung von FATCA herausgegeben. Da passt es doch gut, wenn etwas öffentlicher Druck aufgebaut werden kann.
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Warum können die Parteien nicht mal gutaussehende Frauen in den Wahlkampf schicken?
Doch nicht genug damit. Gleichzeitig muss man auch noch im Stundentakt hochgepuschten Nachrichten ausweichen. Das ist so, als ob man auf einer Autobahn auf die falsche Spur geraten wäre.
Dabei kommt erschwerend hinzu, dass so eine Aufschreiempörungungsabscheudragikmitdemfingerzeigmeldung, einmal von der Leine gelassen, auf allen Kanälen läuft.
Zwar hat man in der Tat gewisse Vorteile, wenn man keine Zeitungen mehr abnonniert hat. Zum Beispiel muss man für diesen Müll nicht auch noch bezahlen (und wird auch von nichtssagenden Interviews mit den beiden Plakattypen verschont).
Jedoch: Vor zwei Wochen bin ich in diese Hoeness-Dreck getrampt. Blöderweise. Und wie das ist mit Hundedreck, man läuft etliche hundert Meter, bis man den wieder von den Sohlen hat.
Deshalb gilt: der Zschäpe-Prozess wird ohne mich stattfinden. And guess what: Ist allen egal.
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Am Samstag ist der Jüngste ausgezogen.
Was bedeutet: Nach 33 Jahren leben wir wieder in einer nachwuchsfreien Zone, haben wir die Oberhoheit über den Kühlschrank zurückgewonnen.
Natürlich könnte man jetzt noch “einerseits” und “andererseits” episch breit zu einem Gefühlsbrei auswalzen. Doch um es kurz zu machen: “andererseits” überwiegt bei weitem “einerseits”.
Morgen kommen die Maler.
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