In einem früheren Beitrag hatte ich darauf hingewiesen, dass der Begriff "Kapitalflucht" für einen Bankrun ein missverständlicher Begriff ist, weil entweder die Banken nach wenigen Abhebungen zahlungsunfähig sind oder, wenn die Notenbank zur Hilfe kommt, Inflation stattfindet oder, wenn es direkte Hilfszahlungen aus dem Ausland gibt, der Kapitalexport der Inländer durch einen Kapitalimport von Ausländern kompensiert wird. Jedenfalls ist es unmöglich, dass in kurzer Zeit reale Kapitalgüter, die ja in Gebäuden, Fabriken, Materialien etc. stecken, in großem Umfang "fliehen". Dementsprechend wird mit Kapitalkontrollen auch keine "Kapitalflucht" verhindert, sondern das Eingeständnis der wichtigsten zyprischen Banken, zahlungsunfähig zu sein.
Wenn es sich aber so verhält, dann lösen Kapitalkontrollen kein einziges Problem, ganz im Gegenteil. Wie bei jeder Insolvenzverschleppung verschlimmern sie die Lage weiter, weil sie Zeit und damit Geld kosten. Nur wenn das Problem, die Überschuldung der Banken und des Staates, gelöst werden, können normale Handels- und Kreditbeziehungen wieder aufgenommen werden. Nur dann wird sich die Lage zumindest mittelfristig wieder bessern können. Je länger man durch Kapitalkontrollen versucht, "Kapitalflucht" zu verhindern, desto mehr wird man das reale Kapital auf Zypern aufzehren, desto ärmer werden die Menschen am Ende sein.
Zuerst sollte man sich überlegen, ob es zwischen den beiden Maßnahmen einen großen Unterschied gibt. Bei der einmaligen Vermögensabgabe gibt es offenbar kein Rückzahlungsversprechen. Man darf sie deshalb zumindest als die ehrlichere Maßnahme kennzeichnen. Die versprochene Rückzahlung von Zwangsanleihen wurde meistens in der Geschichte entweder nicht geleistet oder durch Inflation ad absurdum geführt.
Nun was können diese Maßnahmen anscheinend nicht leisten? Sie können nicht auf Dauer das Missverhältnis von Ausgaben und Einnahmen lösen. Solange die Staaten Wohlfahrtspolitik betreiben, solange der Staat für einen Großteil der Bürger eine Einkommensquelle darstellt und nicht als ein Ausgabenpunkt im persönlichen Budget angesehen wird, ist es illusorisch zu hoffen, die Regierungen würden sich dauerhaft mit einem ausgeglichenen Haushalt zufrieden geben. Eine Regierung könnte nicht lange an der Regierung bleiben, wenn sie bei ihren Ausgaben äußerst knauserig vorginge, obwohl die Bevölkerung nach größeren sozialen Wohltaten schreit.
Aber ist eine solche Maßnahme nicht wenigstens "sozial gerecht"? Dazu muss man verstehen, was sie bedeutet. Der allergrößte Teil des privaten Vermögens ist nicht flüssig, d. h. "daß der Staat durch die einmalige Vermögensabgabe Kapital aus den Händen der Unternehmer in die der Kapitalisten und der Darlehensgeber überführen wird. Wenn der Unternehmer seinen Betrieb nach der Vermögensabgabe in demselben Umfange weiterführen soll, in dem er ihn vor der Vermögensabgabe betrieben hat, dann muß er sich den fehlenden Betrag durch Kreditaufnahme beschaffen, und er wird als Privater mehr an Zinsen zu zahlen haben als der Staat zu zahlen gehabt hätte. Die Folge der Vermögensabgabe wird daher eine stärkere Verschuldung der unternehmenden Schichten der Bevölkerung an die nicht unternehmenden Kapitalisten sein, die als Ergebnis der Abbürdung der [Staatsschuld] einen Teil ihrer Forderung an den Staat gegen Privatforderungen eingetauscht haben werden." (Mises, Staat, Nation und Wirtschaft, S. 139)
Lässt sich etwas Ungerechteres denken? Kann man sich eine andere Maßnahme vorstellen, die ähnlich negative Anreize gegen das Sparen und die Bildung von Produktivkapital setzt? Diejenigen, die mit ihrer Ersparnis das Bilden von Produktivkapital finanziert haben, würden nicht nur einen Teil der Verluste derjenigen tragen, die ihr Geld dem Staat zum Staatskonsum gegeben haben, sondern auch noch ein Teil ihres Vermögens diesen abtreten. Sie müssten sich bei denjenigen verschulden, die sie selbst gerettet hätten. Selbst der unbeirrteste Sozialdemokrat dürfte an einer solchen Maßnahme keine Freude haben.
Immer häufiger wird man mit dem Problem der "Kapitalflucht" konfrontiert. Aus Misstrauen gegen einzelne Euro-Länder wie Griechenland oder Spanien oder sogar gegenüber der gesamten Eurozone zögen die Investoren und Anleger Kapital ab. Diese "Kapitalflucht" mache den Krisenländern die Krisenbewältigung unmöglich und bezogen auf die gesamte Eurozone gefährde sie den Außenwert des Euros. Aber macht es wirklich Sinn, das Geschehen als Kapitalflucht zu bezeichnen?
Kapital in Form von Maschinen, Werkzeugen, aber auch zu bearbeitendem Material kann nicht einfach fliehen. Neue Investitionen kann man im Ausland tätigen und in einem gewissen Umfang mag es auch möglich sein, Ersatzinvestitionen im Ausland zu tätigen, aber dieser Prozess ist nur im Zuge der normalen Kapitalbildung und -erhaltung möglich. Aber auch davon wird in der Realität nur ein Bruchteil tatsächlich im Ausland gebildet werden können. Beachtliche Größenordnungen kann dieses Geschehen in kurzer Zeit nicht annehmen.
Wenn Anleger und Investoren ihre Einlagen und Kredite von griechischen und spanischen Banken in großem Umfang abziehen und bei deutschen Banken anlegen wollen, so gehen die Banken Pleite. Wenn aber die EZB die Abhebung durch ihre größere Kreditvergabe an die bankrotten Banken ermöglicht, so übernimmt die EZB die riskanten Forderungen. Kapitalgüter sind durch diesen Vorgang keineswegs aus den Krisenländern abgezogen. Die EZB hat nur die riskanten Forderungen der Einleger übernommen und bei gegebener Geldpolitik im restlichen Euroland bessere Forderungen (z. B. gegen deutsche Banken) freigemacht, die nun die ausbezahlten Einleger direkt oder indirekt halten. Ein normaler Vermögenstausch hat somit stattgefunden.
Wie steht es nun mit der "Kapitalflucht" aus dem Euroraum? Ist sie die direkte Ursache einer möglichen Abwertung? Keineswegs. Wollen viele Einleger ihre Guthaben abziehen, so kann eine größere Abwertung nur dann erfolgen, wenn die Notenbank die Abhebungen durch Kreditausweitung ermöglicht. Dies ist Inflation und sie wäre dann der Grund, dass die Devisenkurse steigen (wenn nicht das Ausland noch stärker inflationiert). Die Vermögenswerte, die die Einleger dann im Ausland erwerben könnten, würden ökonomisch von denen getragen werden, die durch das Steigen der Devisenkurse und der Preise leiden müssten. Auch hier wäre kein Kapital "geflohen".
Vor dem Phantom der Kapitalflucht braucht kein Land Angst zu haben. Um den Kapitalstock und damit den Lebensstandard in einem Land zu erhöhen, muss man keine Maßnahmen ergreifen, um eine Kapitalflucht zu verhindern, sondern man muss aufhören, die Bildung und Erhaltung von Kapital zu bestrafen. Die einzelnen Staaten müssen aufhören, durch immer größere Schulden den Konsumstandard der Bevölkerung künstlich hoch zu halten und damit Kapitalaufzehrung zu betreiben. Würde dann noch die EZB aufhören, bankrotte Banken durch Kreditausweitung zu retten, könnte es gar nicht zu einem großen Misstrauen gegen die Währung kommen. Denn zum Misstrauen gegen eine Währung braucht man Geld!