Wenn eine starke Willenskraft positiv auf unsere Entscheidungsfähigkeit wirkt, dann – so schlussfolgern sie – erschöpfen Entscheidungen umgekehrt auch unsere Willenskraft.
Willenskraft und Entscheidungsfähig bedingen einander
Jede Entscheidung kostet Energie, und mit jeder Entscheidung sinkt unsere Entscheidungsfreudigkeit. Dafür nennen sie zahlreiche Beispiele: Spitzenpolitiker und Wirtschaftsführer, die ihre Karriere durch Sexskandale ruinieren, weil sie nach den vielen Entscheidungen des Tages die Kontrolle verlieren; Richter, deren Bereitschaft Begnadigungen auszusprechen, statistisch vor allem von der Tageszeit bestimmt wird, Anlageentscheidungen, die davon abhängen, ob die Probanden vorher shoppen waren oder nicht und bereits durch die Summe der Einkaufsentscheidungen ihre Entscheidungsreserven aufgezehrt hatten. Um nicht entscheidungsschwach zu werden, ist die Einhaltung selbstgesteckter Regeln, Routinen und vorab festgelegter Pläner und Ziele von zentraler Bedeutung. Kurz: Die Selbstdisziplin
Selbstdisziplin ist eine Grundlage für Eigenverantwortung und Freiheit
Selbstdisziplin ist so etwas wie der Schlüssel für das Funktionieren einer freien Gesellschaft. Dies zeigt folgender Umstand: Einerseits wünschen sich viele Menschen Entscheidungen abzugeben, um sich psychologisch zu entlasten. Auf der anderen Seite treffen Menschen Entscheidungen für andere wesentlich bereitwilliger und unbedachter als für sich selbst. Beide Tendenzen zusammen genommen unterstützen den Trend zur Abtretung der individuellen Verantwortung an den Staat. Bürger, die gerne Entscheidungen abgeben wollen, und Politiker, die gerne Entscheidungen für andere treffen, ergänzen einander. Dies ebnet den Weg zum allzuständigen Wohlfahrts- und Bevormundungsstaat. Selbstdisziplin stärkt hingegen die Fähigkeit des Einzelnen, Entscheidungen zu treffen und für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.
Kleine Regeln haben große Wirkungen
Baumeister und Tierney beschreiben diesen Zusammenhang sehr anschaulich und zeigen, wie man Willenskraft und Selbstdisziplin trainieren kann. Willenskraft sei wie ein Muskel, der durch Übung immer stärker wird, aber auch bei Nichtgebrauch verkümmern kann. Es sind die vielen kleinen Regeln und Rituale und die selbst auferlegten Grenzen und Ziele, die die Selbstdisziplin ausmachen. So hatte etwa der Entdecker und Afrikareisende Henry Morton Stanley ( 1841-1904) Selbstdisziplin zu einer hohen Kunst erhoben. So hat dieser niemals auf die morgendliche Rasur verzichtet, selbst dann nicht, wenn er und sein Trupp kurz vor dem Verhungern standen. Was auf den ersten Blick wie eine Marotte wirkt, war nach Baumeister in Wahrheit das Geheimnis, warum Stanleys Expeditionen nicht wie so viele andere in Chaos und Selbstaufgabe endeten, sondern ihre Ziele erreichten. Darum empfehlen die Autoren Willenskraft und Selbstdisziplin von Kindheit an durch Regeln, Rituale und Beschränkungen zu trainieren. Kaum etwas trage so sehr zur Lebenszufriedenheit und Erfolg bei wie die Erziehung zur Selbstdisziplin.
Literatur: Roy Baumeister; John Tierney: Die Macht der Disziplin. Wie wir unseren Willen trainieren können, Campus Verlag 2012.
Ohne Staatsinsolvenz bleibt sie ein zahnloser Tiger
In dieser Woche soll die Entscheidung über die sogenannte Fiskalunion fallen. Dies bedeutet, dass durch Änderung der Europäischen Verträge zentrale Auflagen eingeführt werden sollen, um die Verschuldung der Eurostaaten und damit die Beanspruchung der Geberstaaten wie Deutschland zu begrenzen.
Fangen wir mit eine ganz einfachen Frage an, was ist eigentlich Europa? Geographisch gesehen ist das der Kontinent zwischen Atlantik und Ural. Also ist die Frage einfach zu beantworten. Politisch ist das aber nicht so einfach zu beantworten.
Ein häufig zu lesendes Argument für die Griechenlandhilfe und die sogenannten Rettungsschirme ist, dass ohne die Rettungsschirme und die Finanztransfers in die von steigenden Zinsen betroffenen Staaten die Kernschmelze des Finanzsystems bevorstehe und der totale ökonomische Kollaps.
Die absolute Höhe der Staatsverschuldung hat wenig damit zu tun, ob ein Land kreditwürdig ist oder nicht. So hatte England in den napoleonischen Kriegen eine Staatsverschuldung von über 220 Prozent seiner Wirtschaftsleistung aufgetürmt. Dennoch blieb das Land Kreditwürdig.