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“Nicht die beste Idee der Welt.” Über Medienwächter

01. Juni 2012, 06:25 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: ,

Was wurde eigentlich aus… dem „Bildblog“? Dessen Mitgründer und langjähriger Hauptdarsteller, der Medienjournalist Stefan Niggemeier, ist ja zum „Spiegel“ gegangen. Er verfasst dort u.a. eine Kolumne, die es auf „Spiegel online“ nur schaffen würde, hielte man den dort diensttuenden Redakteuren eine Pistole an die Schläfe.

Immerhin, seit Niggemeier das Magazin bereichert, weiß man erst so richtig, was man an Thomas Tuma und Jan Fleischhauer hat. Um sein Opus magnum, den Bildblog, kann er sich leider nur noch gelegentlich kümmern. Ist das verdienstvolle „Bild“-Autodafé deshalb zusammengekracht?

Mitnichten.

Ich war kürzlich mal wieder auf der Seite. Konnte beruhigt feststellen: der Bildblog sendet weiterhin Bild-Erbsen, die ihm eine nimmermüde Schwarmintelligenzija ins Töpfchen wirft. Irgendwas stimmte da wieder nicht bei der Bild oder ihren Ablegern! So was aber auch! Ein Foto wurde verwechselt, ein Name falsch geschrieben, angeblich Exklusives war bereits anderswo zu lesen, Bild musste sich im Kleingedruckten korrigieren (wie auch der Spiegel, regelmäßig) – kurz, der Blog ist, was er immer war. Eine digitale Wärmestube für Korinthenkacker, die nichts Gescheiteres mit ihrer Zeit auf Erden anzufangen wissen, als einem deutschen Krawallblatt nachzuweisen, dass es nicht die „New York Times“ ist.

Da sich der Bildblog seit einigen Jahren auch als genereller „Watchblog für deutsche Medien“ geriert, war ich gespannt, wie er auf einen weithin beachteten Fall aus der Qualitätsschurnallje reagieren würde. Es ging um eine Kolumnistin von Blättern, die bei Bildblog-Lesern vermutlich druckfeucht auf den Frühstückstischen liegen. Die Dame hatte darin einen Menschen namens Thilo Sarrazin auf wirklich bemerkenswerte Weise charakterisiert. Nun ja, was heißt hier Mensch – diese „Menschen-Karikatur“ Sarrazin eben.

Ihrer lässlichen Sünde erteilt der Blog federleicht Absolution:

„…die kurdischstämmige Journalistin Mely Kiyak, die in einer ihrer häufig sehr streitbaren Kolumnen (erschienen in “Berliner Zeitung”, “Frankfurter Rundschau” sowie in den Online-Ausgaben beider Zeitungen) den Buchautor Thilo Sarrazin eine “lispelnde, stotternde, zuckende Menschen-Karikatur” genannt hatte – was (angesichts der Tatsache, dass Sarrazins rechte Gesichtshälfte seit einer Tumor-OP 2004 teilweise gelähmt ist); nun ja, womöglich nicht die beste Idee der Welt war…“

Folgt entschuldigendes Geschwafel von der Sorte, dass die Dame für ihre publizistischen Ergüsse schwer im Internet beschimpft wurde, usw. Ein Schicksal, das sie übrigens mit anderen „sehr streitbaren“ Kolumnisten teilt, ohne dass diese deshalb gleich heulen würden. Ferner stellt der Bildblog klar, dass Frau Kiyak, entgegen dem Eindruck, den Bild erzeugen wollte, sich gar nicht wirklich bei Sarrazin entschuldigt habe. Der Blog zitiert sie u.a. so:

„In den letzten Tagen erreichte mich allerdings auch eine gesteuerte und organisierte Beschwerdewelle, die die Grenzen der Empörung weit überschritt und sich nur noch in blankem Hass äußerte.“

Also, nicht Frau Kiyak hasst Sarrazin, wie fälschlich berichtet. Sondern sie selber wird gehasst. Help, shitstorm! Obschon sie dem Thilo doch eigentlich nur eine Watsche verpassen wollte. Was aber irgendwie als total menschenfeindliches, widerwärtiges Drecksgeschreibsel missverstanden wurde.

Mal angenommen, ich würde Stefan Niggemeier, das Idol aller Bildblogwarte, so umschreiben: „…ein fetter, froschgesichtiger Freak im linken Medienzirkus, eine groteske Medienmenschen-Karikatur, die immerzu das tut, was sie am besten kann: die niederträchtigsten, plattesten Vorurteile ideologisch verblendeter Vollidioten bedienen…“

…würde dann der Bildblog auch mir (zugegeben, nicht kurdischstämmig) Bewährung geben? Mit der augenzwinkernden Bemerkung, meine Formulierung sei, nun ja, „womöglich nicht die beste Idee der Welt“?

Nun ja, eh wurscht. Ich würde niemals solche Gemeinheiten über einen Menschen ausgießen, der sich mit Marietta Slomka, der Königin der Teleprompter, schon mal einen Preis für Verdienste „um die deutsche Sprache“ teilen musste. Mehr Beleidigung geht ja nun nicht.

http://www.bildblog.de/

Beitrag erschien zuerst auf achgut.com

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