Gastbeitrag von Romano di Pietro

Warum nur konservativ zu sein auf Dauer wenig bringt

Konservatismus hat sein Recht, solange von der alten Ordnung noch genügend übrig ist, um vorübergehend weiter damit arbeiten zu können. Denn: The show must go on und wir können das Leben nicht aussetzen, bis ein neuer, hoffentlich glänzender Rahmen dafür geschaffen worden ist. Konservatismus wird aber sinnlos, wenn die alte Ordnung endgültig in Trümmern liegt. Dann gilt es umzuschalten vom Bewahren des Alten zum Gestalten des Neuen. Sind wir soweit?

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Konservativ sein macht immer weniger Spaß, je länger man dabei ist. Gewiss, am Anfang ist es aufregend und prickelnd. Man betritt elitäre Kreise, trifft auf Menschen, deren tiefes Wissen um die Zusammenhänge der Geschichte, deren Kultiviertheit und Esprit den Durchschnittsliberalen oder Sozialisten, eben den Normalfall unserer Gesellschaft, grau, banal und langweilig aussehen lässt. Endlich, so meint man, ist man auf jenen Schlag Menschen gestoßen, dessen überlegenen Qualitäten einfach die Zukunft und der Sieg gehören muss. Was man von diesem Gipfelerlebnis an schmerzlich lernen muss ist, dass dies nicht der Fall ist. Von da an geht’s bergab. Denn was sich der Jungkonservative an diesem Punkt noch nicht klar gemacht hat ist das Wesen des Konservatismus. Dieses Wesen liegt in seinem Namen beschlossen. Und der Konservative weiß: Nomen est omen! Umberto Eco mochte das nominalistische "Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus" bevorzugen. Aber wir wissen natürlich, dass dies Häresie ist und Eco ein Linker.

Nein, die Crux des Konservatismus liegt eben im Conservare - bewahren, erhalten, retten, schonen. Besonders dieses Retten sollte uns zu denken geben. Denn immer geht es im Konservatismus um ein etwas, das nicht zu retten ist. Immer geht es um einen Zustand, der seine besten Zeiten gesehen hat, nun aber dabei ist, sich zu überleben und deswegen in Bedrängnis geraten ist. "Der Konservatismus soll ja seinem Wesen nach eine Bremse sein", sagt Fontane im Stechlin und trifft damit den Nagel auf dem Kopf. Genau darum geht es: Der Konservatismus ist darauf ausgerichtet, einen natürlichen Zerfallsprozess aufzuhalten. Er bezieht sich auf eine im Niedergang befindliche Ordnung, in deren Werte sich der Wertekonservative, in deren Strukturen sich der Strukturkonservative verliebt hat. Das ist das relative Moment im Konservatismus, denn was konserviert werden soll, kann ganz unterschiedlicher Natur sein. Der Konservative ist der Ritter seiner Dame und endet allzu häufig als Don Quichotte.

Und das ist sein Problem. Es zermürbt auf Dauer, immer nur Amboss und nicht Hammer zu sein, auch wenn uns der Graf von Galen versichert hat, dass der Amboss länger hält als der Hammer. Das mag richtig sein für den Amboss aus Stahl. Auf den menschlichen Amboss trifft es nicht zu. Hammer sein, das macht Freude! Da wächst die Energie mit jedem Schlag. Aktiv zerstören, statt passiv erhalten. Aber ist das nicht unmoralisch? Ja. Jedenfalls, wenn es nur um das Zerstören geht. Und wenn man sich den Zustand von Kirche und Gesellschaft anschaut, dann gewinnt man schnell den Eindruck, dass es den bisher aktivsten Elementen in ihnen eigentlich nur um diese Seite der Gleichung geht. Wenn das aber nicht der Fall ist, so gilt: Nein, das Zerstören ist nicht unmoralisch, wenn es darum geht, an die Stelle eines unhaltbar gewordenen Zustandes einen besseren zu setzen, wenn es darum geht, etwas Neues aufzubauen, eine neue, eine wirkliche Ordnung zu errichten. Wer an diesem Punkt angelangt ist, hat seinen Konservatismus glücklich hinter sich gelassen. Er verjüngt sich indem er - unabhängig vom Geburtsjahr - seine geistige Greisenhaftigkeit ablegt.

Konservatismus hat sein Recht, solange von der alten Ordnung noch genügend übrig ist, um vorübergehend weiter damit arbeiten zu können. Denn: The show must go on und wir können das Leben nicht aussetzen, bis ein neuer, hoffentlich glänzender Rahmen dafür geschaffen worden ist. Konservatismus wird aber sinnlos, wenn die alte Ordnung endgültig in Trümmern liegt. Dann gilt es umzuschalten vom Bewahren des Alten zum Gestalten des Neuen. Sind wir soweit?

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Gernot Radtke

Platitüdengewäsch. – Nehmen wir nur den freiheitlichen Rechtsstaat, der von den linken ‚Neuerern‘ und Vielfalts-‚Hämmerern‘ Stück um Stück zertrümmert wird, bis nur noch Chaos da ist. Hier bedarf es nicht der Neuerung, sondern der Wiederherstellung des ‚alten‘ Zustandes, in dem das Freiheitsrecht schon einmal durchgesetzt (staatlich erzwungen) war. Die sog. ‚Progressiven‘, z.B. die früheren Sowjetunion-Appeaser und Deutschland-Aufgeber, haben sich historisch oft genug als die wahren Reaktionäre erwiesen. So wäre in heutigen Zeiten z.B. auch ein in sich gesammelter benediktanischer Katholizismus gegenüber dem naiv herumpolitisierenden franziskanischen der für die Welt entschieden heilsamere.

Gravatar: karlheinz gampe

Auf einer römische Münze steht fel temp reparatio

Was bedeutet die glücklichen Zeiten wieder herstellen.
Viele wollen nun ihr altes Land zurück, welches von einer verlogenen Stasitante verunstaltet wurde.

Heracles musste weiland auch einen Augiasstall ausmisten.

Gravatar: Catilina

Ganz einfach ausgedrückt: uns sind die Koordinaten verloren gegangen, und zwar schon vor einer ganzen Weile.
Die Generation der um 1930 Geborenen war die letzte, die noch den alten Kanon beherrschte und sie haben versäumt, ihn an ihren Nachwuchs weiterzugeben. Zugegeben, der Zeitgeist plärrte zu laut dazwischen (Frankfurter Schule). Aber wer hat diese Generation daran gehindert, ihren Kindern Grimms Märchen und griechische Sagen vorzulesen? Wer hat sie daran gehindert, mit ihnen zu singen und zu basteln, Museen zu besuchen und ihnen den Goldenen Schnitt zu erklären? Wer hat heutzutage noch ein Klavier und einen Märklin-Baukasten im Haus? Die Liste des vergessenen Wissens und der verschwundenen handwerklichen Fähigkeiten ist lang. Aber schon Albrecht Dürer sagte: "Schnell geht ein Können verloren, aber lange dauert, es wieder zu erwerben."
"Lange" bedeutet hier ein paar Jahrhunderte Zunftwesen.

Gravatar: Unmensch

Angesichts dessen, was die "Progressiven" so alles schaffen, ist die konservative Langeweile eine grosse Versprechung. Für den jetztigen Zeitpunkt - die Verhältnisse ändern sich ja von Zeit zu Zeit. Ausserdem wurde dermassen viel "progressiv verwandelt", dass es sowieso eine Erneuerung braucht. Das ist die erforderliche Neugestaltung.

Gravatar: Werner N.

Der Beitrag von Romano di Pietro weist richtig auf eine Schwäche der „Konservativen“: Sie neigen zukunftsblind zur Tradition, hängen überwiegend am Bewahren der Vergangenheit. Der Blick in die Zukunft, das Progressive, Neue, Jugendliche fehlt. Überhaupt sollte man nicht ständig das „Konservative“ betonen, sondern die „Neue Rechte“. Man bietet damit dem linken politischen Gegner nur Angriffsfläche, auf die er flugs den Stempel „Spießer“, „Biedermann“ oder „Nazi“ drückt.

Unausgesprochen offenbart der Artikel ein zweites Handicap der „Rechten“ Europas: Sie verharren im Bereich der Z i v i l i s a t i o n, wollen dort die allseitige Dekadenz sanieren. Das fundamentalere, eigentlich erste Standbein einer Gesellschaft, die K u l t u r, bleibt weitgehend außen vor oder eben nicht mehr zeitgemäß. Ein schlüssiges ideologisches Gegen–Konzept zum „Neo–Marxismus“ oder „cultural marxism“ fehlt; gegenüber "Multikulti" und "Diversity" der „68iger“ besteht eine gewisse Hilflosigkeit und „postmodernes Wissen“ wird abgelehnt. Dabei hätte man vom Bolschewismus lernen können, wie dieser die proletarische Kultur von Anfang an als Zugpferd benutzte. Mit der marxistischen Droge der Ein-fachheit vervielfältigen abendländische Intellektuelle aller Couleur jene bis heute, meist unwissend. Kein Wunder, dass kleine Geister, die fehlenden Leitbilder im Nationalsozialismus oder Antisemitismus suchen, statt die Unterschiede zur „Neuen Rechten“ aufzuzeigen. So verkleistert man nur Risse in der Fassade und übersieht deren Ursache – die nicht mehr tragfähigen Fundamente des Gebäudes. Und selbst bei den Fundamenten sind noch die Eigenschaften des Untergrundes zu beachten.

Als einer der Wenigen bemüht sich der durchaus „AfD“–freundliche „Juergen Fritz–Blog“ z.Bsp. um die philosophische, metaphysische Seite. Der Autor R. Strässer (21.01.2018) sagt dort richtig, die „westlichen Werte“ oder Ideale beruhen auf a) dem Christentum, b) der Aufklärung, c) dem Patriotismus. Diese Kräfte müssten sich wieder verbünden. Das dürfte kaum so einfach funktionieren. Nach dieser Meinung brechen alle diese Säulen derzeit weg; denn deren hehre Prämissen wurden derart missbraucht, dass Reformen wohl nicht mehr ausreichen. ..“Der Mensch der Aufklärung (...) hat uns heute in den entscheidenden Fragen des Überlebens in lauter Sackgassen geführt“.. (J. Hoffmann in »Die Welt für Morgen« 1986). Und das Christentum wollen selbst die „Hochwürden“ mit dem Islam „aufpäppeln“. Es geht um mehr. Die sog. „ewige Moderne“ erreichte ihre Spätphase. Deren „mündige Vernunft“ (besser: irrationaler Rationalismus) hat selbstzerstörerischen Effekt. Die Epoche verfolgt(e) nicht das „Wahre, Gute und Schöne“, sondern das (scheinbar) Nützliche, Opportunistische, Einfältige und Totalitäre. Der Zeitgeist deutet auf die Alternative einer demokratischen rechten Revolution mit entsprechender Kultur und Zivilisation.

Gravatar: Duffy

@ Werner N: leider muß ich gestehen, daß ich Ihre Ausführungen beim ersten Lesen nicht nachvollziehen konnte. Habe sie dann ein zweites Mal gelesen und jetzt gerade ein drittes Mal, bin eben ein Spätzünder.
Besonders den letzten Absatz kann ich nunmehr voll unterschreiben: wir brauchen einen neuen quasi-religiösen Rahmen, in dem wir uns geistig und kulturell definieren und identifizieren können. Alle bisherigen Begriffe wurden so oft ideologisch mißbraucht, daß sie leider vergiftet sind.

Gravatar: Werner N.

@ Duffy – Ja, es ist schwierig, solch umfassende Themen in wenigen Zeilen zu behandeln. Selbst Kant benötigte für seine „Aufklärung“ 29 voluminöse Bände und einige Schriften. Was ich sagen wollte: Die rechte Intelligenz bearbeitet das Thema Kultur nicht oder mangelhaft. Die „Linke“ erkannte diese Schwäche und füllte die Lücke seit über 15 Jahren zielstrebig mit ihrem „Multikulti“ und „cultural marxism“. Wie sehr sie ihr Weltbild der mono–ethnischen und mono–kulturellen Einebnung in einer Welt ohne Grenzen verfolgt, zeigt sich gerade heute wieder (s. freiewelt.net, „Politologe beschreibt es in der ARD“, 22.02.18). M. E. erkannte man noch nicht einmal, dass dieser uniforme Egalitarismus eine Folge aufklärerischen Denkens ist. Nicht zuletzt deshalb können bekennende „Aufklärer“ (wie etwa die Kanzlerin) ihr totalitäres Treiben in der EU ungerührt fortsetzen. Warum ließ sich die „Neue Rechte“ 1989 in die Defensive drängen? Sie sollte ihre Vorstellung einer nationalen Multikultur nunmehr selbstbewusster vortragen und besser kundtun, wie viel Individualität, Kollektivität, Vielfalt, Relativität, „Post–Strukturelles“, Offenheit und Geschlossenheit usw. sie wo will.

Sie haben Recht, die meisten Begriffe wurden inhaltlich verfälscht und deshalb auch die damit vorgetragenen Ideologien. Zwar erklärte Peter Sloterdijk die Kultur–Problematik in seiner »Kritik der zynischen Vernunft« auch nicht gerade erschöpfend und verständlich, aber immerhin beschreibt er viele Ursachen der (geistigen) Dekadenz und zieht das richtige Fazit einer „De–Proletarisierung“. Interessant ist auch das Buch von Norbert Borrmann »Warum rechts? / Vom Wagnis rechts zu sein« 2011.

Gravatar: Vetterli

Wohin hat uns der Konservatismus geführt? Dorthin, wo wir heute sind! Zu was diente er in Wirklichkeit? Möglichst vielen Zunickern, Schweigern, Zustimmern und Zuschauern, eine Art politisches Haus zu geben, in denen sie nur einer politischen Richtung zustimmen mussten. Jeder, aus einer anderen Sicht. Man gehörte halt dazu. ein herrlicher Populistenstadel. Es war für alle eine Meinung vorhanden, die sie sich aneignen konnten. Mit deren tapfren Verhalten, mit deren Stimmen, sind wir heute dort, wo es kaum noch ein Entrinnen gibt. Jeden Tag kommt ein Polithansel, auf eine neue Idee, sich möglichst viel Zustimmung, für das sinnloseste Thema zu holen. Ein Schwachsinn folgt dem anderen. Und, so verkommt das Land, im Erfinden von Themen, die nicht notwendig, sogar überflüssig und gefährlich sind. Es geht nun darum, die Menschen zur ständigen Zustimmung zu zwingen.

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