Russland und die Finanzkrise

23. Juni 2009, 04:34 | Kategorien: Wirtschaft | Schlagworte: , | von
Redaktion FreieWelt.net

Auch Russland befindet sich in der Finanzkrise. Nach jahrelangem Haushaltsüberschuss muss Russland nun doch auf seine Reserven zurückgreifen. Die Auswirkungen  sind jedoch stärker spürbar als in anderen Industrieländern.

Lesen Sie hier einen ausführlichen Bericht unserer Redaktion über die Wirtschaftslage in Rußland.

Nachdem Russland in letzten Jahren stetig einen Haushaltüberschuss vorzuweisen hatte – allein im vorigen Jahr ist Russlands BIP nach Angaben der Statistikbehörde Rosstat um 5,6 % gestiegen – muss der Staat in diesem Jahr mit enormen Verlusten rechnen. Arkadi Dworkowitsch, der Wirtschaftsberater des russischen Präsidenten, rechnet mit einem Defizit von 8 bis 10 % in der Haushaltskasse. Ein Minus von über 10 % wären nach Dworkowitschs Angaben kaum zu verkraften. Hatte der Haushaltsentwurf für 2009 doch ursprünglich ein weiteres Profizit vorgesehen.

12 Millionen Arbeitslose möglich

Fatale Auswirkungen hat die Krise bereits seit dem letzten Quartal des vergangenen Jahres auf den russischen Arbeitsmarkt. Nach Angaben des Ministeriums für Gesundheitswesen und Soziale Entwicklung (Ministerstwo sdrawoochranenija i sozialnowo raswitija) könnte die Zahl der Arbeitslosen in diesem Jahr dramatisch ansteigen. Derzeit gebe es in Russland etwa 1,548 Millionen registrierte und 5,8 Millionen unregistrierte Arbeitssuchende. Ende 2009 könnten es insgesamt bereits 12 Millionen sein.

Drastischer Anstieg der Kriminalitätsrate erwartet

Letztendlich bedeutet hohe Arbeitslosigkeit auch immer einen Anstieg der sozialen Probleme. Sprich: die Kriminalitätsrate wird vor allem in den Industriegebieten, wo die Entlassungswellen am stärksten sind, spürbar ansteigen, da die Menschen aufgrund fehlender Einkünfte regelrecht zu Straftaten gezwungen sein werden. Doch auch diejenigen, welche Ihren Job behalten können, werden vom Ausfall der Löhne nicht verschont bleiben.

Flucht aus dem Rubel  in Dollar und Euro

Die Krise hat das Vertrauen der Russen in die finanzielle Sicherheit erschüttert. Die Russische Statistikbehörde Rosstat errechnete mit Daten aus Meinungserhebungen den Index der finanziellen Sicherheit und stellte überwiegend vorherrschenden Pessimismus fest. So ist es nicht verwunderlich, dass angesichts der stetigen Abwertung des Rubels die Nachfrage der russischen Bevölkerung nach Valuta im Dezember 2008 gegenüber dem Vormonat um 47% auf ein Rekordhoch von 18,9 Milliarden US-Dollar gestiegen war. Vor allem die Nachfrage nach Dollar und Euro nahm signifikant zu.

Inflation trifft auch den reichen und armen Teil der Bevölkerung

Die Finanzkrise und die damit verbundene drastische Inflation machen auch vor der reichen Bevölkerung Russlands nicht halt. Konstantin Simonow, der Präsident des Zentrums für politische Konjunktur, rechnet mit einem starken Rückgang der Zahl der Reichen und  – logischerweise – mit einem hohen Anstieg der Armut.
In Russland wird gespart. Wie die Zeitung „Wedomosti“ am 04. Februar berichtete, lagen die Ausgaben der russischen Bevölkerung im Jahr 2008 zum ersten Mal über ihren Einkünften, und zwar um 4,1 Milliarden Rubel. Noch im Jahr 2007 lagen die Einkünfte um 819 Milliarden Rubel über den Ausgaben.  Doch nun reicht vielerorts auch das Ersparte nicht mehr.

Russen halten ihr Geld zusammen

Nun beginnt man, an Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs zu sparen. Auch die Reichen halten ihr Geld zusammen. So schrieb die Internetzeitung „Gazeta.ru“ am 4. Februar, dass die Russischen Parteien derzeit mit hohen Sponsoreneinbußen konfrontiert werden. Dmitri Badowski, der stellvertretende Direktor des Instituts für Sozialsysteme in Moskau hält es für eine logische Konsequenz der Krise, dass Unternehmer, die bisher die Parteien aber auch andere Einrichtungen wie die Russisch-Orthodoxe Kirche finanziell unterstützten, sich nun mehr und mehr zurückziehen. Eine Distanzierung der großen Sponsoren ist aber auch ein Schritt in die Unabhängigkeit der Parteien von Politik und Wirtschaft, so Badowski. 

Voraussichtlich erst ab 2011 wieder Anstieg der Konjunktur

Russland war auf die Krise wohl kaum vorbereitet. Die Wirtschaft orientiert sich vor allem auf den Rohstoffexport. In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur RIA-Novosti prognostizierte der namhafte Wirtschaftsprofessor Wladimir Kwint, dass Russland länger als andere Industrieländer die Auswirkungen der Krise spüren wird. Erst 2011 sei wieder mit einem Anstieg der Konjunktur zu rechnen. Dagegen, so Kwint, könnte die US-Wirtschaft schon Ende diesen Jahres die Krise überwunden haben. Russland habe es verpasst, in guten Zeiten in Bildung und Forschung zu investieren und überhaupt eine dauerhafte Wirtschaftsstrategie zu entwickeln, wie es beispielsweise China schon längst getan hat.

Rußland muß seine Reserven angreifen

Nun muss Russland seine Reserven angreifen. Und die sind auch vorhanden. Dank der hohen Ölpreise haben sich in Russlands Stabilitätsfonds Milliarden angesammelt. Geht man von Dworkowitschs Prognose aus, wird sich Russlands Defizit auf knapp 100 Milliarden Euro belaufen. Eine Kürzung des Sozialen Budgets plant die Regierung nicht. Dworkowitsch spricht der sozialen Fürsorge absolute Priorität zu. Auch die Finanzierung der staatlichen Banken kann nicht eingeschränkt werden, denn dies würde zwangsläufig eine weitere Pleitewelle verbunden mit Massenarbeitslosigkeit und Armut auslösen. Es bleibt die Frage, wo letztendlich gespart werden soll.

 

Foto: Lothar Wandtner/pixelio

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