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23.05.2013
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Krippenbetreuung ist Belastung für das Kind
Weitere Themen: Bildung, Familie


Foto: Dr. Hans-Joachim Maaz/privat

Der Psychiater, Psychoanalytiker und Autor Dr. Hans-Joachim Maaz hat als einer von 24 Fachexperten einen Appell gegen die massive staatliche Krippensubvention unterzeichnet, der vor den negativen Auswirkungen von Krippenbetreuung eindringlich warnt. Im Interview mit FreieWelt.net sprach der Vorsitzende des Choriner Instituts für Tiefenpsychologie und psychosoziale Prävention über die Gefahren früher Fremdbetreuung, die Bedeutung fester Bindung für die spätere Entwicklung des Kindes und fordert, Mütter und Familien stärker zu unterstützen.

FreieWelt.net: Dr. Maaz, Sie sind einer von 24 Fachexperten, die den Appell „Krippensubvention ist „Fernhalteprämie“ von der Elternliebe“ unterzeichnet haben. Die Bundesregierung unternimmt derzeit alles dafür, so viele Krippenplätze wie möglich zu schaffen. Warum halten Sie das für falsch?

Dr. Maaz: Die psychotherapeutische Forschung und Erfahrung, die Säuglings- und Kleinkindforschung und die Hirnforschung haben die Entwicklungsbedingungen des Kindes wissenschaftlich gesichert. Dabei ist vor allem die Qualität der ersten Beziehungserfahrungen für die Entwicklung des Kindes von zentraler Bedeutung. Die Mutter hat deshalb eine herausragende Wichtigkeit, weil sie durch Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit die ersten Erfahrungen des Kindes nachhaltig prägt – bis zur Entwicklung des Gehirnes. Diese Bedeutung der Mutter kann in den ersten 3 Lebensjahren nicht ohne wesentliche Wirkung auf das Kind delegiert werden (z.B. auf den Vater, Geschwister, Großeltern, Tagesmutter, Krippenerzieherinnen). Jede Trennung des Säuglings von der Mutter bedeutet Stress für das Kind, der nur durch die Erfahrung, dass die Mutter sicher wiederkommt und zur Verfügung steht, gemildert werden kann. Deshalb ist eine Krippenbetreuung – je früher umso mehr – immer eine schwere Belastung für das Kind.

FreieWelt.net: Den Appell haben auffallend viele ostdeutsche Psychologen und Psychotherapeuten unterzeichnet. Inwiefern spielen Ihre Erfahrungen mit den Auswirkungen flächendeckender Kleinkind-Betreuung in der ehemaligen DDR hier eine Rolle?

Dr. Maaz: Es gibt in der Psychotherapie keinen erwachsenen Patienten, dessen Erkrankung nicht ihre Wurzeln in der frühen Kindheit hätte. In der DDR war Krippenbetreuung eine wesentliche Ursache für akute und spätere psychische und psychosomatische Erkrankungen. Krippenerziehung war schon wie eine „Diagnose“.

FreieWelt.net: Aber haben sich Kindertagesstätten in den letzten über 20 Jahren nicht entschieden weiterentwickelt? Die Kitas von heute sind doch mit Einrichtungen in der DDR nicht wirklich vergleichbar?

Dr. Maaz: Das ist sicher richtig, dass sich die Kitas und die Betreuungsqualität weiterentwickelt haben, aber auch nicht in jedem Fall. Dennoch kann Krippenbetreuung niemals ausreichend gute Mütterlichkeit bieten, da der individuelle Kontakt, der Körperkontakt, die Empathie für das einzelne Kind niemals optimal sein können (der Wechsel von der Mutter zu einer Fremdperson ist immer traumatisch für den Säugling). Die Qualität einer Krippe hängt ab vom Personalschlüssel, den emotionalen Fähigkeiten des Personals, der Stimmung, der Atmosphäre, dem Leitungsstil, der Betreuungsideologie – wie viel konkrete Liebe bleibt für ein Kind?

FreieWelt.net: Heute wird im Zusammenhang mit Kinderkrippen und Kindergärten immer von Bildungseinrichtungen gesprochen. Eltern, die ihre Kinder nicht in eine Kita geben, würden deshalb ihre Kinder von frühkindlicher Bildung fernhalten. Was halten Sie insbesondere bei der U-3-Betreuung davon?

Dr. Maaz: Ich halte „frühkindliche Bildung“ für ein tragisches Missverständnis. Säuglinge und Kleinstkinder brauchen keine Bildung, sondern Bindung. Sicher emotional gebundene und geliebte Kinder gewinnen damit die wichtigste Voraussetzung für ihre Bildungsfähigkeit. Der entscheidende Unterschied liegt zwischen „aufgezwungener“ Bildung und einem inneren Bildungsbedürfnis bei emotional gesicherten und bestätigten Kindern.

FreieWelt.net: Ein weiteres Argument der Unterstützer des Krippenausbaus ist die Notwendigkeit sozialer Kontakte für die Kinder. Brauchen nicht auch schon kleine Kinder die Nähe zu Gleichaltrigen?

Dr. Maaz: Der entscheidende Unterschied liegt in der Entwicklungspsychologie. Grob gesagt brauchen Kinder in den ersten 3 Jahren eine zuverlässig anwesende, empathische und liebende Bezugsperson (idealerweise die Mutter), ab dem 3. Lebensjahr beginnt eine natürliche Ablösung von der Mutter und das Bedürfnis nach erweiterten Sozialkontakten. Deshalb sind Kinderkrippen meistens schädlich für die Entwicklung des Kindes, aber Kindergärten sehr hilfreich.

FreieWelt.net: Sie sagen „in den ersten drei Jahren werden die Weichen gestellt, wie seelisch gesund oder in welchem Ausmaß gestört“ Kinder im späteren Leben sein werden. Wie wirkt sich diesbezüglich der Besuch einer Kinderkrippe auf die Entwicklung des Kleinkindes aus?

Dr. Maaz: Krippenbetreuung bedeutet zu frühe Trennung von der Mutter, ungenügend individuelle Bestätigung des Kindes, begrenzte Empathie durch eine Fremdperson bzw. wechselnde Betreuungspersonen. Das Kind erlebt Angst, Bedrohung, Verlassenheit, Hilflosigkeit, mangelnde narzisstische Bestätigung als Ursachen für spätere Angst- und Panikzustände, Depressionen, Bindungsstörungen und vielfältige psychosomatische Störungen. Die Haupt-Erkrankungsbilder sind: Borderline-Störungen, narzisstische Persönlichkeitsstörungen und Neurosen.

FreieWelt.net: Im Appell ist sogar von „kollektiver Kindesmisshandlung“ die Rede. Gehen Sie da nicht doch ein wenig zu weit? Immerhin werden laut Berechnungen der Bundesregierung künftig ca. 40 % der Kleinst- und Kleinkinder in staatlichen Kinderkrippen betreut werden.

Dr. Maaz: Wenn die wissenschaftlichen Belege für die frühe Entwicklungspsychologie nicht zur Kenntnis genommen werden, verleugnet werden, diskreditiert („Herdprämie“) werden, wird damit gegen alle gesicherte Erkenntnis eine staatlich geförderte, kollektive Kindesvernachlässigung und Misshandlung propagiert und real umgesetzt.

FreieWelt.net: Das würde dann ja aber heißen, dass jeder, der eine Krippe besucht bzw. besucht hat, mit schwerwiegenden Folgeschäden zu rechnen hat?

Dr. Maaz: Im Prinzip ja! Aber entscheidend ist die Qualität der Frühbetreuung, die Qualität der ersten Beziehungserfahrungen. Es gibt natürlich (leider) auch schlechte, böse, kranke Mütter, die ihr Kind misshandeln, vernachlässigen, kränken, bedrohen, sogar töten. In diesen Fällen wäre eine Fremdbetreuung dringend geboten. Andererseits geht es um die Qualität einer Fremdbetreuung, die vor allem durch die emotionale Bindungs- und Empathiefähigkeit der Betreuungsperson bestimmt wird. Deshalb gibt es natürlich auch viele Menschen, die durch eine mangelhafte und traumatisierende Mütterlichkeit geschädigt sind, und Menschen, die durch eine gute Fremdbetreuung (Vater, Großeltern, Geschwister, Krippe) in den Folgen mütterlichen Versagens Hilfe, Unterstützung, „Therapie“ erfahren haben.

Es müsste keinen Streit um Mutter- oder Fremdbetreuung geben, wenn aus der Perspektive des Kindes gedacht und entschieden wird – was ist für das Kind das Beste?

FreieWelt.net: Fremdbetreute Kinder sind doch nur für einen Teil des Tages nicht bei ihren Eltern, in den restlichen Stunden des Tages und am Wochenende bleibt doch noch ausreichend Zeit, fehlende Zuneigung zu kompensieren oder nicht?

Dr. Maaz: Das Kleinkind versteht nicht, denkt nicht in systemischen Zusammenhängen. Dass die Mutter – aus welchen Gründen auch immer – nicht zur Verfügung steht oder nicht liebevoll und empathisch ist – kann vom Säugling und Kleinstkind nicht verstehend, intellektuell, rationalisierend verarbeitet werden – das geschieht erst wesentlich später, wenn schwerste Entbehrungen und Verletzungen aus den ehemaligen Bedingungen „verstanden“ werden. Frühe Bedürfnisse sind spontan, unmittelbar, vertragen keinen Aufschub. Was unmittelbar nicht befriedigt wird, kann nicht nachträglich erfüllt werden. Kompensation ist oft notwendig und schützt vor dem Erleiden schlimmster (lebensbedrohlicher!) Mangelerfahrungen, aber heilt nicht. Der ständige Wechsel zwischen Familie und Krippe ist sogar oft belastender als nur Fremdbetreuung. Es geht um die sichernde Erfahrung von Kontinuität der Beziehung, so dass das Kind lernen kann, mit den guten wie schlechten Beziehungsaspekten klar zu kommen und nicht durch Wechsel ständig labilisiert und verunsichert wird.

FreieWelt.net: Ab wann sollten Kinder Ihrer Meinung nach frühestens außerhalb des Elternhauses betreut werden und in welchem Umfang?

Dr. Maaz: Wie gesagt – keine Kinderkrippe (bis 3. Lebensjahr), wenn nicht dringend erforderlich, aber auf jeden Fall soziale Kontakte außerhalb der Familie ab 3. Lebensjahr, z.B. im Kindergarten. Die Zeit der Fremdbetreuung sollte sich nach den Möglichkeiten und Bedürfnissen des Kindes richten.

FreieWelt.net: Sie fordern, die finanzielle Förderung der Kleinkindbetreuung zu stoppen. Was sollten Politik und Gesellschaft Ihrer Meinung stattdessen tun, um Familien besser zu unterstützen?

Dr. Maaz: In erster Linie sollten Mütter und Familien unterstützt werden. Wenn ein Krippenplatz etwa 1.000- 1.500 €/Monat kostet, warum wird diese Summe nicht der Mutter gegeben, damit sie für ihre Mutter-Funktion gute materielle Voraussetzungen hätte.

Zu fordern sind:

- Information und Wissen zur Entwicklungspsychologie, zur Bedeutung von Mütterlichkeit und Väterlichkeit breit öffentlich zu vermitteln
- Elternschulen
- nicht nur körperliche Geburtsvorbereitung, sondern auch emotionale (für gute Mütterlichkeit)
- natürliche Entbindungen favorisieren und nicht Kliniksentbindung oder Kaiserschnitt
- individuelle Hilfen für Eltern für die Kinderbetreuung (soziale, psychologische, medizinische, therapeutische Beratung und Unterstützung)
- differenzierte Betreuungsformen nach den Bedürfnissen des Kindes finden.

Dabei muss Familienbetreuung und Krippenbetreuung entsprechend analysiert und bewertet werden, um entsprechende Optimierung finanzieren zu können.
Am allerwichtigsten ist, die Bedeutung der Frühbetreuung aus der Fehleinschätzung in der öffentlichen Diskussion zu befreien und zu vermitteln, was gute Mütterlichkeit und gute Väterlichkeit sind und wie sie entwickelt werden können.

Das größte Problem sehe ich darin, dass Menschen, die selbst Folgen von frühen Betreuungsstörungen in sich tragen, in der Politik, in der Meinungsbildung, in der realen Betreuung von Kindern immer in Gefahr sind, bessere Verhältnisse unbewusst zu verhindern, um nicht an eigene Defizite erinnert zu werden.

FreieWelt.net: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Kerstin Schneider.

Lesen Sie hier den Appell.

(ks)

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Redaktion FreieWelt.net, 13.12.2012 11:26 | Kommentare (17)




 
  Kommentare (17)

kri, 19.12.2012 17:48
@Mum

aber findet doch Anerkennung...drei Jahre. Ich stimme ihnen aber natürlich zu, dass man das im Vergleich zu Leuten, die gar keine Kinder kriegen besser stellen sollte. Viellicht nicht ganz so gut wie bei Doppelverdienern mit Kindern.


Christine, 19.12.2012 13:59
Bravo! Ein ausgezeichneter Artikel!

Y.Y., 19.12.2012 13:10
@Mum
Schließe mich Ihnen an!


Mum, 18.12.2012 20:55
Abgesehen von emotionalen und psychosozialen Spätfolgen durch zu frühe Krippenbetreuung (und daraus im Erwachsenenalter resultiereden Behandlungskosten) würde ich mich freuen, wenn der gesamtgesellschaftliche Wert der daheim mit dem Kind/den Kindern verbrachten Zeit (mitunter viele Jahre)Anerkennung in den Renten der Mütter finden würde. Dafür würde ich gerne auf die sog. "Herdprämie" verzichten!

Yussuf K., 18.12.2012 11:22
@ Friedemann

Ein Kind brauch Mutter UND Vater, aber erzählen Sie das mal einem Familienrichter.

www.vaeterentsorgung.de.vu


Stefan Neudorfer, 15.12.2012 12:36
Eines passt mir an dem Artikel nicht, die einseitige Betonung auf die Mutter. Als Vater weiß ich das die Mutter wichtig ist, genauso wie der Vater. Ein Vater kann - außer dem Stillen - eine Mutter ersetzen, so das es auch gut für das Kind sein kann wenn sich Eltern auf anderer Modelle einigen.
Ein Vater kann ohne Probleme einen Hauptanteil an der frühkindlichen Erziehung übernehmen, Vaterliebe und Mutterliebe unterscheiden sich nicht in der Innigkeit.
Und das kann für Vater und Kind(er) total spannend sein. Väter sind anders als Mütter, oftmals nicht so ängstlich, was für ein kleines Kind durchaus positiv ist. Ein Papa-Kind traut sich meistens mehr als Mama-Kinder.
Aber eines sollte nicht sein und das kann man sehr gut in Kindergärten beobachten: Kinder die weitestgehend ohne Vater oder ohne Mutter aufwachsen. Diesen Kindern fehlt etwas, ein Kind braucht Mama und Papa.


Ulli B., 14.12.2012 10:03
@A.C.
Frau Weber hat vollkommen Recht mit der Einschätzung Ihrer Person und Ihrem widerlichen Versuch, an der Kompetenz von Prof. Dr. Maaz zu rütteln und unwahre Behauptungen in die Welt zu setzen.
Lohnt sich diese Auftragsarbeit eigentlich? Was springt dabei raus?




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