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11.02.2012
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Interview mit Parag Khanna
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Parag Khanna ist Politikwissenschaftler, hat an der Georgetown University und an der Freien Universität Berlin studiert und schreibt seine Doktorarbeit an der Londoner School of Economics and Political Science. Er ist Director der Global Governance Initiative und Senior Research Fellow bei der New America Foundation. Sein Buch "Der Kampf um die zweite Welt. Imperien und Einfluss in der neuen Weltordnung" ist in über zwölf Sprachen übersetzt worden.

FreieWelt.Net sprach mit ihm über sein Buch und die Weltordnung des 21. Jahrhunderts.

FreieWelt.Net: Ihr Buch legt die Schwerpunkte auf Geopolitik und Globalisierung. Was ist unter diesen Begriffen genau zu verstehen und wie stellt sich aus Ihrer Sicht das Verhältnis dieser beiden Kräfte zueinander dar?

Parag Khanna: Geopolitik bedeutet genau das Verhältnis zwischen Raum und Macht, was alles vom All bis Meer und sogar der CyberWelt abdecken kann. Aber die Andeutung ist sicherlich die unmittelbare Konkurrenz der Akteuere. Dahingegen denkt man mit der Globalisierung eher auf Verflechtung, Interdependenz, und Kooperation. Wie ich das heutige Verhältnis der zwei Begriffe sehe, ist die Globalisierung zu einem blossen Mittel der Geopolitik geworden, indem Supermächte sowie Terroristengruppen die Globalisierungsmöglichkeiten zu eigenen Zwecken ausbeuten.



FreieWelt.Net: Aus Ihrer Sicht gibt es auf absehbare Zeit drei Imperien in der Welt, die USA, China und die Europäische Union. Was spricht dafür diese drei Staaten als Imperien zu bezeichnen und was spricht aus Ihrer Sicht dagegen, dass Staaten wie Rußland, Japan oder Indien in diese Riege aufsteigen?

Parag Khanna: Die "grossen Drei" sind nicht nur Imperien im Sinne wachsender politischen Gebiete, sondern auch, dass sie jeweils ein eigenständiges Vorbild darstellen und weltweiten Einfluss anstreben, bzw. sie sind auch Supermächte. Zu Russland behauptet keiner das wie im Kalten Krieg, und für Indien noch nicht, und Japan steht schon im Schatten von China trotz seines Aufstiegs im 70er und 80er Jahre.

FreieWelt.Net: Kann die EU wirklich als Imperium gelten, obwohl sie nicht über eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik verfügt?

Parag Khanna: Auf jeden Fall. Nur hinsichtlich alter Kriterien der Einheitlichkeit der Entscheidungsfaehigkeit ist die EU nicht als Supermacht zu sehen. Die Vergrösserung der EU ist übrigens an sich ein Beispiel gemeinsamer Außenpolitik, und zwar die erfolgreichste der gegenwärtigen Welt. Das Netzwerk-Handeln der EU mag kompliziert sein, aber es gelingt der EU gleichzeitig auf mehrere Regionen und Strategien gleichzeitig zu denken wie die Nahost, Russland, Indien, China, usw.

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FreieWelt.Net: Sie betonen, dass die EU auf weitere territoriale Ausdehnung angelegt ist. Gibt es aus Ihrer Sicht einen Punkt, an dem eine weitere Ausdehnung der EU nicht mehr möglich oder wünschbar ist und welche Konsequenz hätte das, für das europäische Projekt?

Parag Khanna: Jedes Imperium hat Grenzen, auch wenn die weich und ungenau sind, wo Mitgliedschaft und Zugehoerigkeit in gemässigten Einfluss ausschweifen. Die EU ist aber längst noch nicht da. Es bleiben fünf grosse Projekte für die kommenden zwei Jahrzenten. Die Eingliederung und Verwestlichung von Russland, die Integration des gesamten Balkans, eine permanente Partnership mit der Türkei, um die Erstreckung bis zum kaspischen Meer (bzw. Aserbaidschan) zu vollenden, und den Ausbau der von Sarkozy vorgelegten "Mediterranean Union" inklusiv der arabischen Länder Nordafrikas. Diese Gebiete sehe ich als der Grossraum in dem eine gewisse Europäisierung notwendig ist.



FreieWelt.Net: Die Perspektiven Russlands beurteilen Sie eher düster und machen auf das große demographische Ungleichgewicht zwischen Russland und China aufmerksam. Halten Sie es für möglich, dass Russland das dünn besiedelte Sibirien oder Teile davon an China verliert und kann das geschehen, ohne dass es zu einem gewaltsamen Konflikt kommt?

Parag Khanna: Es geschieht schon auf der Ebene der Globalisierung indem so viele Waelder und andere Naturresourcen des fernen russischen Ostens in den Händen von Chinesen (und Koreaner) gefallen sind. Das nennt man aber in diesem Zeitalter "Leasing" statt Eroberung. Die Chinesen können sich dieses Territorium aufkaufen sowie immer weiter besiedeln. Das ist wohl der Trend, und der Kreml hat schon riesen Angst. Ob es zum Krieg kommt, das weiss man nicht, aber es ist durchaus möglich, dass eine Wiederholdung von der Sino-Russischen "Scheidung" wie 1969 stattfindet.



FreieWelt.Net: Nach dem 11. September wurde der Islamismus als Hauptfeind der westlichen Welt angesehen. Welche Rolle wird diese Bewegung in der Weltpolitik in der Zukunft spielen. Kann der Westen den Kampf gegen den Terrorismus gewinnen?

Parag Khanna: Islamismus und Terrorismus muss man natuerlich voneinander ganz deutlich unterscheiden. Es gibt Islamisten, die den Terror anwenden, aber nur ganz wenige. Islamisten kann man zum grossen Teil sogar noch mit der Demokratie im politischen Rahmen der jeweiligen muslimischen Staaten versöhnen. Ich halte die Demokratie und den Aufbau legitimer Staatswesen als das beste Mittel, den Terrorismus zu bekämpfen.

FreieWelt.Net: Sie sagen voraus, dass die USA im Vergleich zu den zwei anderen Imperien, der EU und China, relativ an Einfluss verlieren wird. Was sind die Gründe für diese Entwicklung? Ist diese Entwicklung zwangsläufig oder handelt es sich um Schwächemomente, die aus dem Irakkrieg und der aktuellen Finanzkrise resultieren?

Parag Khanna: Es ist nicht ein unmittelbar Nullsummenspiel, aber doch folgt dem Verlust militarischer und ökonomischer Einfluss der Wachstum vom Einfluss der Anderen. Der Irakkrieg und die Finanzkrise sind nur Meilensteine auf dem Weg einer viel längeren Prozess des Aufstiegs von der EU, China, Indien, Brasilien, Saudi-Arabien usw., Länder, die direkt mit den USA in Konkurrenz stehen fuer Einfluss in den wichtigsten Weltregionen.

FreieWelt.Net: Wer wird in der Auseinandersetzung um Einfluss in Lateinamerika die Oberhand behalten? Die USA oder China? Welche Rolle wird Brasilien spielen?

Parag Khanna: Brasilien hat in den letzten Jahren eine sogennante "strategische Partnerschaft" mit China beschlossen, sieht aber natürlich beide die USA und China als diplomatische Konkurrenten auf seinem Kontinent. Die USA wird aber auf Dauer immer noch viel mehr in Lateinamerika investieren als China, aber es werden viel mehr Spieler sein in der westlichen Hemisphäre als je zuvor.

FreieWelt.Net: Kann die Entwicklung von drei imperialen Mächten dazu führen, dass sich die Blöcke protektionistisch voneinander abschließen und die Freiheit von Handel und Kommunikation dadurch einen Rückschlag erfährt?

Parag Khanna: Blöcke bauen sich schon langsam auf wenn man sich die regionale diplomatische Kreise und Institutionen anschaut, und deren Freihandelszonen und die Vernetzung der Versorgungsketten innerhalb der Regionen. Aber natürlich wird es immer aufgrund des globalen Bedarfs von zerstreuten Naturresourcen immer gegenseitige Einmischung geben.

FreieWelt.Net: Sehen Sie alles in allem eher optimistisch oder eher pessimistisch in die Zukunft?

Parag Khanna: Ich war mir noch nie so unsicher über die Zukunft wie heute. Ich stehe taeglich auf, und frage mich, welche Katastrophe passiert sei, während ich geschlafen bin. Wir betreten ein neues Mittelalter indem man nur auf sich verlassen kann.

Das Interview führte Gerard Bökenkamp

Zur Website von Parag Khanna paragkhanna.com

Foto: Parag Khanna



Redaktion FreieWelt.net, 23.06.2009 11:36 | Kommentare (0)




 
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