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23.05.2013
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Von Wahlzwang kann keine Rede sein
Weitere Themen: Allgemein, Bildung, Reformen



Interview mit Dr. Christoph Lehmann (Pro Reli)

Die Initiative "Pro Reli" will, dass Schüler an Berliner Schulen in Zukunft - so wie in anderen Bundesländern üblich - zwischen den Fächern Ethik und Religion wählen dürfen.  Der Arbeit von Pro Reli ist es zu verdanken, dass die Berliner Bürger am Sonntag, dem 26. April über diese Frage abstimmen können.  FreieWelt.net sprach mit Dr. Christoph Lehmann, dem Vorsitzenden der Initiative.

Freie Welt.Net: Sehr geehrter Herr Dr. Lehmann, Pro Reli setzt sich dafür ein, Schülern an Berliner Schulen die Möglichkeit zu geben, zwischen den Schulfächern Ethik und Religion frei zu wählen. Warum ist Ihnen diese freie Wahl so wichtig?

Dr. Christoph Lehmann: Nur beim Wahlpflichtbereich Ethik/Religion hat jeder Schüler und jede Schülerin eine wirkliche Wahlfreiheit. Nur wenn der Religionsunterricht dem Ethikunterricht gleichgestellt ist, können sie sich entsprechend ihrer weltanschaulichen Grundüberzeugung wirklich frei für das Eine oder das Andere entscheiden. Ein staatliches Fach Zwangsethik zeigt einen Mangel an Toleranz gegenüber anderen.

Freie Welt.Net: Gegner Ihres Anliegens machen Stimmung gegen “Pro Reli” mit Plakaten auf denen steht “Religion ist freiwillig” und “Nein zum Wahlzwang”.  Was ist Ihre Antwort auf diese Aussagen?

Dr. Christoph Lehmann: Religion ist freiwillig – das stimmt und das wird es auch mit unserem Gesetzentwurf bleiben. Verschwiegen jedoch wird, dass Ethik Pflicht ist. Mit dem von uns vorgeschlagenen Modell haben die Schüler die Wahl, eines der Fächer der Gruppe zu belegen, übrigens ungeachtet der eigenen Religionszugehörigkeit. Von Wahlzwang kann also keine Rede sein, oder empfinden Sie es etwa im Restaurant auch einen Wahlzwang, wenn Sie die Speisekarte studieren und hätten statt dessen lieber nur ein Gericht im Angebot, damit Sie sich nicht entscheiden müssen? Uns geht es einfach darum, dass Religion und Ethik gleichberechtigt bereits ab der 1. Klasse angeboten werden.

Freie Welt.Net: Welche Rolle spielt Religionsunterricht in Ihren Augen für die Vermittlung von Werten und Moral und worin besteht dabei der Unterschied zum Ethikunterricht?

Dr. Christoph Lehmann: Ethikunterricht ist ein wertneutrales Fach, dass ausschliesslich die Sicht auf Religionsgemeinschaften und Weltanschauungen von außen bietet. Auch ist generell das Thema Religion und Weltanschauung nur ein kleiner Teil im Curriculum des Ethikunterrichtes. Dagegen hat der Religionsunterricht in erster Linie die Vermittlung von Wissen über z.B. das Christentum aus authentischer Sicht im Blick, d.h. der Lehrer darf seine eigenen Wertvorstellungen anhand der Lehrinhalte zum Ausdruck bringen und kann damit den Kindern eine Orientierung sein, die durchaus auch zu einer kritischen Haltung gegenüber der jeweiligen Religionsgemeinschaft führen kann. Mit dem Religionsunterricht werden die Kinder in ihrer Zugehörigkeit sprachfähig gemacht und sind so viel besser in der Lage,  sich mit Menschen anderer Konfessionen und Weltanschauungen auseinander zu setzen und sie zu respektieren.

Freie Welt.Net: Ist Religionsunterricht mit dem Prinzip einer Trennung von Kirche und Staat vereinbar?

Dr. Christoph Lehmann: Wir leben in einem Land, in dem Kirche und Staat getrennt sind, allerdings miteinander kooperieren. Auch in den anderen Bundesländern wird das von uns vorgeschlagene Modell praktiziert und deshalb noch lange nicht die Trennung von Kirche und Staat in Frage gestellt. Der Staat nimmt hier die Aufgabe wahr, den Religionsgemeinschaften die Möglichkeit zu geben, unter staatlicher Aufsicht Religionsunterricht an Schulen anbieten zu können. Der Staat erkennt mit dem Gesetzesvorschlag vor allem an, dass wir in einer multikulturellen, multireligiösen Gesellschaft leben, in der alle einen Platz haben. Wie sagt der Berliner so schön: “Jeder soll nach seiner Facon selig werden.”

Freie Welt.Net: Die Mehrheit der Ethikbefürworter steht für einen bekenntnisfreien Unterricht. Wie ist die Vermittlung von Werten in einem ausdrücklich „bekenntnisfreien“ Unterricht nach Ihrer Meinung möglich?

Dr. Christoph Lehmann: In einem neutralen Fach kann zunächst einmal nur über Werte informiert werden. Die Vermittlung von Wertvorstellungen ist jedoch etwas anderes als Mathematikformeln, die sich beweisen lassen, oder Englischvokabeln, die man lernen kann. Im Wesentlichen geht es um Haltungen, die auch erlernt werden müssen. Das lässt sich in einem Bekenntnisfach deutlich leichter machen als in einem neutralen Fach.

Freie Welt.Net: Wie beurteilen Sie Ihre Erfolgsaussichten?

Dr. Christoph Lehmann: Wir denken, dass wir gute Chancen haben, eine Mehrheit für unser Anliegen zu bekommen. Auch sind wir zuversichtlich, dass wir das Quorum von 25% schaffen können.

zum Internetauftritt von Pro Reli

(Foto: Victoria Bonn-Meuser/ddp)

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Redaktion, 22.06.2009 01:47 | Kommentare (1)




 
  Kommentare (1)

Beatrix Herzogin von Oldenburg, 24.04.2009 19:09
Und ich hoffe, sie stimmen mit Ja, denn die Ethik der Unterstützer von Pro-Reli ist es, dass niemandem eine Weltanschauung aufgezwungen werden soll. Es gibt Menschen, die glauben, dass es einen Gott gibt. Und es gibt Menschen, die glauben, dass es keinen Gott gibt. Beide Gruppen haben also irgendwie einen Glauben. Und die, die nicht an Gott glauben - was ihr gutes Recht ist! - wollen die andersgläubigen in ihren Unterricht zwingen. Wie wenig tolerant!


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