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04.02.2012
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Liebe und Achtung sind die Grundlage für freie Menschen
Weitere Themen: Bildung, Familie



Immer mehr Eltern zeigen sich unzufrieden mit dem einseitigen Kurs der Politik in Richtung Ausbau der staatlichen Fremdbetreuung. Kinder brauchen differenziertere Angebote. FreieWelt.net sprach mit Almut Rosebrock, die in diesem Jahr das Aktionsbündnis "Gerne leben mit Kindern" gegründet hat.

FreieWelt.net: Frau Rosebrock, Sie haben in diesem Jahr das Aktionsbündnis „Gerne leben mit Kindern“ gegründet. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen und welchen Zielen fühlt sich das Aktionsbündnis verbunden?

Almut Rosebrock: Familien sind unterschiedlich und vielfältig in ihrer Lebensgestaltung und Lebensentwürfen. Sie stehen damit auch unter besonderem Schutz des Grundgesetzes. Die derzeitige "Familienpolitik" der Bundesregierung konzentriert sich darauf, die außerhäusliche Betreuung von Kindern (Krippe, Ganztag) extrem zu fördern und zu forcieren. Die vom Bund (Ministerium für Bildung und Wissenschaft) ausgelobten Mittel für Ganztagsbauten haben bei uns in der Gemeinde dazu geführt, dass die bewährte Grundschulkinderbetreuung bis mittags (6. Stunde), die bis Sommer 2007 neben einer Betreuung bis nachmittags existierte, ersatzlos gestrichen wurde. Ganz oder gar nicht, ist die Devise.

Meine Bedarfsumfrage unter Kindergarteneltern ergab jedoch ein ganz anderes Bild: 380 befragte Familien, 120 Rückläufe, 50 % sich eindeutig für Mittagsbetreuung aussprechend, 30 % bis nachmittags, der Rest benötigt keine zusätzliche Betreuung. Dieses Ergebnis zeigt, dass der forcierte Ganztag grundsätzlich nicht den differenzierten Elterninteressen gerecht wird. Es gibt Eltern, die bewusst mit ihren Kindern zusammen am Mittagstisch sitzen und die Nachmittagsgestaltung selbst in die Hand nehmen möchten. Das ist mit dem Ganztag nicht vereinbar!

Deshalb habe ich in meiner Petition vom 7.5.2007 den Landtag NRW dazu aufgefordert, eine Wahl zwischen verschiedenen Angeboten (Halbtag und Ganztag) zu garantieren. Diesem wurde nicht stattgegeben - mit Verweis auf die "besondere Qualität" der Ganztagsschule.

Familien werden hier Grundsätze für ihre persönliche Lebensgestaltung aus der Hand genommen.
Ich kenne viele Familien und Organisationen, die das ebenso empfinden. Unser Beispiel vor Ort belegt das eindrücklich. Familien wollen gerne, fröhlich und nach ihrem Geschmack das Leben mit ihren Kindern gestalten. Dazu brauchen sie Angebote, die ihnen sensibel an bestimmten Stellen unter die Arme greifen –  denn Erziehung ist eine anspruchsvolle und fordernde Aufgabe.

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Es muss jedoch eine Angebotspalette erstellt werden, die nach den individuellen Bedarfen der Familien ausgerichtet ist. Grundlegend ist dafür auch eine Aus- und Fortbildungsmöglichkeit für Eltern in Erziehungsfragen. Politiker sagen jedoch zunehmend: Eltern werden ihren Erziehungsaufgaben nicht gerecht - also müssen das Professionelle übernehmen.  Das sehe ich nicht so - jedenfalls nicht allgemein. Eltern sollten dazu befähigt und ermutigt werden, sich möglichst gut und weitgehend in der Erziehung und Bildung der Kinder zu engagieren. Wie weit daneben eine Berufstätigkeit gewünscht und vereinbar ist, liegt im Ermessen der betroffenen Eltern - es darf nicht dazu gedrängt werden. Wahlfreiheit für Familien - das ist mein Grundsatz.

FreieWelt.net: Sie haben zusammen mit vielen anderen am Wochenende an der Demonstration gegen die von der Hamburger Schulsenatorin geplante Schulreform teilgenommen. Wie beurteilen Sie den Verlauf und die Ergebnisse der Veranstaltung?


Almut Rosebrock: Es waren 5000 Menschen, Alt und Jung, auf der Straße. Für einige war es die erste Demonstration ihres Lebens. Ein Schüler, ein Rektor, Eltern und Politiker brachten sehr sachlich ihre Bedenken gegen diese Reform hervor, die in der Hauptsache organisatorisch ist.
Die 6-jährige Primarschule nähme, wenn sie eingeführt würde, den weiterbildenden Schulen 2 wichtige Jahre für ihre differenzierte Arbeit, Jahre, in denen die Kinder mit 10-12 Jahren sehr leistungsfähig und leistungsbereit sind. Danach beginnt die Pubertät...  Zudem stünden keine passenden Räumlichkeiten zur Verfügung und Lehrer und Schüler müssten pendeln und in Provisorien leben und lernen. Die Stimmen waren sehr stark dafür, das Bestehende positiv weiterzuentwickeln und zu verbessern, in puncto individuelle Förderung, kleinere Klassenstärken, bessere Ausstattung der Schulen. Ein Schauspieler, Vater zweier Kinder, sagte: "Die Politik sollte den Menschen dienen - nicht umgekehrt."

Ich finde es toll, dass so viele Familien auf die Straße gegangen sind und hoffe sehr, dass es gelingen wird, diese von oben aufgezwungene Reform zu kippen. Familien sollten insgesamt selbstbewusster werden – und Politiker sollten mal sehen, dass vieles, was sie hierzulande tun und entscheiden, im Grundsatz nicht mehr von der Masse der Bevölkerung mitgetragen wird. Meiner Ansicht nach stellt das auch eine Gefahr für die Demokratie dar – man weiß zunehmend nicht mehr, was man wählen soll, da eigentlich alle Parteien sich im Grundsatz gleich verhalten und die Meinung der Bevölkerung „verdrängen“, nicht ausreichend danach fragen. Herr von Beust täte gut daran, sich mit dieser Thematik aktiv auseinanderzusetzen – und im Sinne der Schulen und Schüler und der Qualität der Bildung zu entscheiden.

FreieWelt.net: Erziehung und Bildung werden immer wichtigere Themen in Deutschland. Was läuft falsch in der bisherigen Politik und wie sollten Ihrer Meinung nach die Grundprinzipien für die Bildung und Erziehung unserer Kinder aussehen?

Almut Rosebrock: Liebe und Achtung sind die Grundsätze für ein positives Zusammenleben zwischen Menschen und in Familien. Achtung auch vor überlieferten Werten, anderen Meinungen, der ganzen Individualität der Geschöpfe, die mit uns durchs Leben gehen. Aber auch Offenheit für neue Gedanken und Ideen gehört dazu; und vor allem die junge Generation bringt diese mit sich.

Jeder Mensch braucht das grundsätzliche Gefühl, bedingungslos geliebt und angenommen zu sein. Das gilt für Babies und kleine Kinder ganz besonders, ist aber auch in jedem anderen Menschenalter die bedeutende Sehnsucht eines jeden Menschen. Die Gesellschaft, das Arbeitsleben definiert Menschen immer mehr fast ausschließlich durch Leistung und "Funktionieren". Der eigentlichen Sehnsucht der Menschen wird man so nicht gerecht. Bildung reinschaufeln, Arbeiten, für die Rentenkasse... War es das? Nein, das ist es nicht allein. Die Krise zeigt es wieder mal deutlich.

Liebe und Achtung sind die Grundlage für die Entwicklung zu einem freien Menschen, der offen den Herausforderungen des Lebens gegenübersteht, damit auch bereit ist zu Lernen und Leistung. Die Individualität muss gesehen, ihr muss Rechnung getragen werden. Aus Individualität, Spontaneität, Lebensfreude, Kreativität erwächst lohnendes und gelingendes Leben. Und dieses strahlt auch aus in die nächsten Generationen.

 

 

Almut Rosebrock ist Apothekerin und Mutter von zwei Kindern. Sie hat die Initiative Schulkinderbetreuung und das Aktionsbündnis "Gerne leben mit Kindern" gegründet.

 

www.glmk.de/ganztag

www.glmk.de



Christoph Kramer, 22.06.2009 20:02 | Kommentare (1)




 
  Kommentare (1)

Regina Zell, 14.06.2009 15:11
Ich kann Ihnen nur zustimmen. Bei uns hier in Berlin ist der Zugzwang zur Ganztagsbetreuung aber tatsächlich so groß (v.a. durch Scheidungen Alleinerziehende etc. ), dass es schon
deshalb schwierig ist , einen Halbtagsplatz für sein Kind zu bekommen.
Da haben die "Dringlichkeits-älle immer Vorrang und man bekommt als ganz normale Familie oft noch nicht einmal einen Kita-Platz(also ganztags, den man ja nur halbtags in Anspruch nehmen könnte).
Alles Gute für Ihr Anliegen. Bleiben Sie dran!
Herzliche Grüße
R. Zell



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