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26.05.2013
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Interview mit Dr. Albert Wunsch
Weitere Themen: Allgemein, Bildung, Familie



Dr. Albert Wunsch ist Diplom Sozialpädagoge, Kunst- und Werklehrer, Diplom-Pädagoge, Psychologe und promovierter Erziehungswissenschaftler. Er lehrt seit 2004 Konzepte der Eltern-Qualifizierung, Pädagogik der Kindheit, Methoden der Gesprächsführung, Konflikt-Management und Supervision an der Katholischen Hochschule NRW in Köln. Außerdem hat er Lehraufträge an der Philosophischen Fakultät der Uni-Düsseldorf und an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar. Zuvor leitete er über viele Jahre das Katholische Jugendamt in Neuss.

FreieWelt.net sprach mit Dr. Albert Wunsch über Erziehung, Familienbildung und Fehlentwicklungen in der derzeitigen Bundespolitik

FreieWelt.net: Dr. Wunsch, in letzer Zeit konnte in den deutschen Feulletons eine Debatte zwischen zwei Ihrer Kollegen verfolgt werden. Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff vertritt die These, daß die Suche nach Anerkennung durch Erwachsene bei ihren Kindern zu „tyrannischem Verhalten“ bei den Kindern führe. Eltern sollten besser eine konsequente Erziehung verfolgen. Der Diplompädagoge Wolfgang Bergmann vertritt demgegenüber die Position, dass Gelassenheit, Geduld und Liebe mehr bewirken als eine strenge Erziehung. An welcher Auffassung sollten sich Eltern Ihrer Meinung nach eher orientieren?

Dr. Albert Wunsch: Man sollte die künstliche Gegenüberstellung von „Strenge“ und „Liebe“ vermeiden. Da passen schon die Begriffe nicht richtig. „Liebe“ und „Strenge“ sind schillernde Begriffe. Ich rede lieber von wohlwollender „echter Zuwendung“ auf der einen Seite und von „Klarheit“ und „Eindeutigkeit“ in der Aussage auf der anderen Seite. Klarheit ist nicht gleichbedeutend mit Strenge, Zuwendung ist nicht gleichbedeutend mit „Liebesgedusel“, auch wenn das oft fälschlich gleichgesetzt wird.
Im Übrigen hatte ich den Eindruck, dass, wenn man beide Bücher, das von Winterhoff und das von Bergmann gründlich liest, dass sich eigentlich kaum so Gegensätzliches in den Aussagen der beiden finden lässt, das einen durch ‚Kampfansagen’ und ‚zum Teufel mit der Disziplin’ geprägten Schlagabtausch erklären könnte. Ich frage mich ernsthaft, was Wolfgang Bergmann veranlasst hat, sich so emotional gegenüber Michael Winterhoff zu positionieren.

FreieWelt.net: Weisen die Debatten um richtige Erziehung Ihrer Meinung nach über sich selbst hinaus auf tiefere gesamtgesellschaftliche Problemlagen?

Dr. Albert Wunsch: Ich sehe in den Nachwirkungen der sogenannten 68er Revolte eine wesentliche Ursache für die tiefe Verunsicherung, die heute in Bezug auf das Thema Erziehung herrscht. Ich will den „68ern“ keine üblen Absichten unterstellen, aber wenn man die Texte aus dieser Zeit liest, muss man sich schon über das Ausmaß an Unfachlichkeit oder Naivität wundern. Ein anderer Punkt ist das verbreitete Unvermögen, zwischen einer positiven Autoritätsansage und autoritärem Verhalten zu unterscheiden. Ich habe den Eindruck, dass hier Klarheit und Autorität im Auftreten aufgrund unserer braunen Vergangenheit als autoritäres Verhalten fehl-gedeutet werden. Dazwischen liegen aber Welten.
Dazu kommen die besonderen Konsumansprüche von Kindern an ihre Eltern in der Konsumgesellschaft mit breitem Wohlstand. In meiner Kindheit gerieten die meisten Konsumwünsche von Kindern an ihre Eltern an „objektive“ Grenzen, d.h. weil einfach nicht genügend Geld da war. Heute begreifen Kinder ein Nein schnell als Verweigerung oder als Zurücksetzung, weil sie spüren oder wissen, dass es den Eltern eigentlich nicht an Mitteln mangelt, die berühmte Bonbonpackung an der Supermarktkasse zu kaufen. Und dies halten zu viele Eltern nicht aus.

FreieWelt.net: Wie kommt man aus diesen Fallen heraus?

Dr. Albert Wunsch: Wir brauchen echte Autoritäten. Politiker, Lehrer, Pfarrer, Eltern natürlich, überhaupt: alle Erwachsenen sollten wieder mehr darum bemüht sein, sich Autorität zu erwerben. Denn Autorität hat man nicht einfach, sie muss erworben werden durch vorbildliches Handeln.
Im kommunikativen Umgang miteinander müssen wir weg von den Relativformen und zurück zur Klarheit finden. „Das geht nicht“ statt „Es wäre fein, wenn Du verstehen würdest, daß es heute einmal nicht gehen könnte.“
Schließlich müssen wir wieder begreifen, daß im Mangel auch große Chancen liegen. Das geht weit über den finanziellen Bereich hinaus. Wenn ein Kind von früh bis spät bei Mama auf dem Schoß sitzt, ist ihm diese Erfahrung weniger wert, als wenn es nur 10 Minuten sind. Eine meiner Seminarteilnehmerinnen hat mir einmal vorgehalten, daß es doch wichtig sei, „Oasen des Wohlbefindens“ zu haben. Daraufhin habe ich ihr geantwortet: „Ja, natürlich. Aber die Oase setzt die Wüste voraus.“ Alle großen Religionen kennen die selbst geschaffenen Mangel- und Fastenzeiten, um aus der Erfahrung des Nichts heraus in die der Fülle gelangen zu können.

FreieWelt.net: Sie referieren am 8. Mai in Gotha auf einer Tagung der thüringischen Stiftung FamilienSinn zum Thema Familienbildung. Kann Familienbildung zur Lösung der Erziehungsproblematik beitragen und wenn ja, wie?

Dr. Albert Wunsch: Ja, Familienbildung kann ein Beitrag sein, unter zwei Voraussetzungen. Erstens muss man sich darüber klar sein oder klar werden, was man überhaupt unter einer „guten Familie“, einer zu fördernden Familie versteht. Solange das nicht klar ist, kann Familienbildung nicht gut arbeiten. Das ist, als ob man eine Autoproduktionsstätte plant, ohne ein Konzept zu haben, was ein gutes Auto ist.
Zweitens müssten die Familienbildungsstätten viel offensiver die Nachfrage anregen. Ich denke zum Beispiel an Sonderangebote, die bspw. Schwangerschaftsvorbereitungskurse und Erziehungsqualifikationen fürs Kleinkind im Doppelpack zu günstigeren Konditionen anbieten. So ein Erziehungskurs für die ersten drei – fünf Lebensjahre kann eine Auswirkung bis in die nächste Generation hinein haben.
Zudem sollten die Familienbildungsstätten mit einem gesunden Selbstbewußtsein an die Arbeit gehen und sich nicht als Bittsteller, sondern sich als Dienstleister begreifen, die ein gutes und wichtiges Angebot unterbreiten, das dann natürlich auch Geld kostet.

FreieWelt.net: Die Themen Erziehung und Bildung haben gerade Hochkonjunktur. Brauchen wir eine neue bundespolitische Gesamtkonzeption zu Fragen von Bildung und Erziehung und wie könnten die Grundlinien einer solchen Konzeption aussehen?

Dr. Albert Wunsch: Die Bundespolitik muss sich verstärkt darauf einstellen, Erziehung zu qualifizieren, statt Fremdbetreuung in Ganztageseinrichtungen zu fördern. Bei der Qalifizierung wären die Eltern beteiligt und nicht ausgeschaltet. Damit wäre sie grundgesetzkonform. Im Augenblick herrscht leider eine sozialistische Denkweise vor. Man meint, der Staat kann es besser und setzt Ganztagsbetreuung als Allheilmittel ein. Leider entwickelt sich Frau von der Leyen immer mehr zur Obersozialistin. Aber der Staat hat laut Grundgesetz nicht diese Aufgabe, sondern die Eltern. Der Staat wird es am Ende auch nicht leisten können. Aus langjähriger Erfahrung aus der Jugendarbeit weiß ich, wie die Fallzahlen von Notinterventionen in den Bereich der Familie immer weiter nach oben schnellen. Dies alles auf den Staat zu übernehmen, wäre am Ende unbezahlbar.

--
 
Dr. Albert Wunsch spricht am 8. Mai 2009 auf der Fachtagung Familienbildung der thüringischen Stiftung FamilienSinn zum Thema „Familienbildung zwischen Qualitätsansprüchen und Instant-Konzepten“

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Christoph Kramer, 21.06.2009 16:47 | Kommentare (0)




 
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Zeit für eine Familienrevolution

Bild: Podium beim Forum Familie
Bild: Podium beim Forum Familie

Die familienpolitischen Diskussionen in Medien, Politik und Verwaltung laufen immer stärker auf eine Zerschlagung und Vergesellschaftung der Familien hinaus. Oft wird beispielsweise auch in der Union angenommen, dass für die Aufzucht von Kindern nicht die Familie der beste Ort sei, sondern eine staatliche Kinderbetreuungseinrichtung.

Gegen diesen Trend hat sich die Initiative Familienschutz mit der Sprecherin Hedwig von Beverfoerde kurz vor der Wahl zum Bundestag 2009 gegründet mit dem Ziel, Familien in der Politik eine Stimme zu geben. Sie sollten nicht mehr nur Objekt von mehr oder (meist) weniger wohlwollendem politischem Handeln sein, sondern selber mitmischen und ihre Interessen zur Geltung bringen.

Am 14. Mai veranstaltete die Initiative vor zahlreich erschienenem Publikum in Berlin-Mitte das erste Forum Familie, auf dem vor allem eines sehr deutlich wurde: Die Zeit ist reif für eine echte Familienrevolution!

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