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21.05.2013
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11. September: "Alle haben das Bild vor Augen: Den Flug ins Inferno"
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Foto: rainer Sturm/pixelio.de

Von Knut Teske

Der Flugverkehr Richtung USA läuft wieder - Frankfurt/Main-New York, in 24 Stunden - Und die Angst ist immer dabei.  Nach den Terroranschlägen wurden die Sicherheitsmaßnahmen im Flugverkehr drastisch verstärkt. Es herrscht Unsicherheit, verbunden mit Chaos und langen Wartezeiten. FreieWelt-Autor Knut Teske saß in einer der ersten Maschinen, die aus Frankfurt/Main wieder gen New York fliegen durften.

 
New York - Flughafen Washington. Gate T 10: Aufruf zum Inlandsflug UA 7694. Da wurde einem doch zum ersten Mal mulmig. Musste das sein? Hätte man sich diese Etappe Washington-New York nicht ersparen, nicht die Bahn nehmen können? Seit 17 Stunden war man bereits auf der Strecke. Berlin-Frankfurt; Frankfurt-Washington. Und nun das letzte Teilstück mit dem City-Express der American Airlines. Ausgerechnet American Airlines. Niemand unter den rund 20 Passagieren ist ruhig. Alle tun unbeteiligt. Spontane Verbrüderungen gibt es nicht mehr. Dazu liegt die Katastrophe zu weit zurück. Aber alle denken das Gleiche. Ein Penny für deine Gedanken - diesmal ist es nicht nötig.
 
Dass man in Berlin-Tegel überpünktlich erschien, ist Pflicht. Man wollte ja den Flug in die Staaten nicht durch Saumseligkeit gefährden. Und dass man in Frankfurt als einer von circa 2.500 Fluggästen in die USA die fast dreistündige Wartezeit schon wieder sportlich nimmt, ist Ehrensache. Man wird sich vor den Terroristen keine Blöße geben. Aber jetzt, im Warteraum von T 10, lassen sich die Bilder von New York nicht mehr unterdrücken. "Es ist nach dem Erwachen der erste Gedanke", hatte in der Frankfurter Schlange eine Frau namens Ruth erzählt. "Jedes Mal wird mir klar: Es ist kein Albtraum - es ist passiert." Und alle, die ihre Koffer zentimeterweise nach vorn schieben, nicken.
 
Später, im Flugzeug LH 416 nach Washington, wiederholt sich diese Szene fast aufs Komma genau bei einem Foto der Lufthansa-Werbung: Eine Maschine, elegant mit ihren Schwingen, verschwindet malerisch im Abendrot. Eine Frau kann diesen Anblick in Vollendung nicht mehr ertragen, wie sie ihrem Mann, jenseits des Ganges, gesteht. Und jeder in der Maschine, ob Amerikaner, Inder oder Deutscher, hat dasselbe Bild vor Augen: Diese letzte Sekunde vor dem zweiten Tower, der tödliche Schwenk ins Inferno. Ein schönes Bild hat seinen Sinn gewechselt, hat seine Unschuld verloren. So haben viele Menschen nach ihrem ersten KZ-Besuch bekundet, sie könnten diese schrecklichen Schornsteine nicht mehr ertragen. Diese hätten für sie seither all ihre Harmlosigkeit eingebüßt. Dafür gewinnen Banalitäten ganz andere Wirkungen. Etwa wenn Crocodile Dundee im gleichnamigen dritten Film, den es in das Lufthansa-Transatlantik-Kino verschlagen hat, vom mächtigen New York spricht. Mächtig? Oder wenn die Stewardess, ebenso honigsüß wie inhaltsleer, allen einen "schönen Flug" wünscht, als sei nun wirklich nichts geschehen. "Hope so", merkt ein weißhaariger Amerikaner dazu nur leise an.

Hope so - so auch die Gedanken vor unserem Start zur letzten Etappe eines New-York-Fluges, der alles in allem an die 24 Stunden dauern wird. Die Maschine ist bestenfalls halb voll. Die Stimmung an Bord, bei so kleinen Flugzeugen an sich eher gelöst, ist jetzt eher verkrampft. Kein Scherz, wie ihn die Amerikaner lieben. Mit ihrem unendlichen Redebedürfnis hatten sie in Frankfurt viele Situationen entschärft. Die Dame aus Los Angeles mit ihrem gewaltigen Blumenhut hatten sie als "Gärtnerin aus Texas" verulkt, die deutschen Herren in ihren Blazern, die vermeinten, Extraansprüche anmelden zu können, als "Bill Clinton" verspottet und dem stolpernden und hinfallenden jungen Mann unter brüllendem Gelächter zugerufen: "A hard way to sit down, eh?"
 
Die letzte Gepäckkontrolle vor diesem Flug war die härteste. Rigoros wurden sämtliche scharfen Gegenstände konfisziert: Rasierklingen, Scheren, sogar Nagelreiniger und unter einem "Sorry" auch ein Nasenspray. Alles verschwand in einer riesigen Tonne.

50 Minuten später wird der apokalyptische Grund nachgereicht. In 1.000 Meter Höhe überfliegen wir New York in Richtung La Guardia. Unter uns das glitzernde Manhattan. Dann ein nachtschwarzes Geviert, aus dem gewaltige Rauchschwaden aufsteigen, die immer noch alle Hochhäuser der Stadt dominieren. Gespenstisch erleuchtet das Ganze durch eilige Trucks und schwenkende Kräne.
 
Totenstille im Flugzeug.

Die Lähmung ist verschwunden

Eine Woche nach den Terroranschlägen beginnt in New York die Zeit "danach"

New York hat sich die Rückkehr zur Normalität verordnet wie eine Medizin. Autos fahren wieder, Banken und Börsen haben geöffnet, Kinder traben zur Schule. "Back to normalcy" heißt es überall, eine Woche "danach". In "davor" und "danach" zerfällt die neue Zeitrechnung dieser Stadt. Und so klingt das, was als Schlachtruf gemeint ist, allenfalls wie eine Beschwörung. Allein die nicht enden wollenden Durchsagen in Radio und Fernsehen für den Verkehr, verlagerte Krankenhäuser, Schulen und neue Behördenadressen widersprechen dem Versuch der Normalisierung. Es erinnert an Nachkriegszeiten. Nur der staatliche Suchdienst fehlt. Aber man weiß, wo man zu suchen hat, und fürchtet sich davor. Das südliche Manhattan ist für den Straßenverkehr immer noch tabu. Der Broadway ist hier "downtown" für Monate thrombotisch verstopft. Damit stirbt die ganze Zirkulation, die New York zu einem bestaunten Perpetuum mobile gemacht hat. Geschlossen auch die Subway; wie viele Tote in der Station unter dem World Trade Center liegen - niemand weiß es. Back to normalcy - welcher Normalität? Business as usual? Welches Business ohne das wichtigste Finanzviertel dieser Welt. Zeitenwende? Läuft in Zukunft einiges an New York vorbei? Normalcy? Und doch: Die Lähmung ist verschwunden, Selbstsuggestion an die Stelle der Verzweiflung getreten. Die Stadt, die sich buchstäblich unter den Terrorschlägen weggeduckt hat, quasi verhüllt in der gigantischen Staubwolke, beginnt, die Wunde einzukapseln, isoliert und umfährt sie. Solidarität hat sie genug geübt. Was jetzt kommt, ist Sache der Politik und wird kalt genossen - wenn da nicht immer noch die Trauer wäre, der Schock der fehlenden Türme, des "Immer noch nicht"-Begreifens. Wenn nicht überall an den Wänden die weißen Suchzettel hingen, wenn die Gesuchten auf den Fotos nicht alle so verdammt jung wären, so gut und glücklich aussehend, und der Gegensatz dazu nicht so krass wäre: Ihr Tod im 104. Stock, im 103., im 92., im 84. Zuletzt gesehen im 88. Viele sind gerade Väter geworden, 33 Jahre alt, 29, 41. Das Durchschnittsalter der annähernd 5000 Opfer liegt bei 34. Normalität? Wenn da nicht zwischen den Straßenschluchten des südlichen Manhattan wie ein Menetekel das hässlich-blässliche Weiß der Rauchwolken hinge.

Normal ist diese Woche schon deshalb nicht, weil sie einen Neubeginn markiert. Mit "back in the track" versucht der amerikanische Präsident die Stimmung der Wirtschaft zu heben - ein Versuch, der an das Bemühen Hoovers in den frühen dreißiger Jahren erinnert, als er den Wohlstand gleich um die Ecke wähnte. "Prosperity is just around the corner", hieß das Schlagwort damals. Es griff nur nicht. "Back in the track"? Am Montag stürzte einmal mehr die Börse ab. Dennoch spürt man einen Neubeginn - nur anders als früher, leiser. Entweder ist er zu früh oder aber es hat sich tatsächlich einiges geändert: New York erscheint weniger laut. Er zieht sich zeitungslesend zurück und hat sich (vorübergehend?) das Dozieren abgewöhnt. Auch die Bars sind stiller geworden. Die Menschen sind netter zueinander geworden, pfleglicher im Umgang. Mit geradezu zärtlicher Geste nimmt der Müllmann einer Dame den Abfall ab, um ihn in den neuen, unbenutzten Beutel zu werfen. Der Lkw-Fahrer tippt nur auf die Hupe, statt wie früher draufzuhauen. Bürgermeister Giuliani unterbricht seine lebensnotwendigen Aufgaben, um ein Versprechen aus der Zeit "davor" einzulösen und den Brautvater einer jungen Frau zu spielen, deren Bruder vor einem Monat bei der Bekämpfung eines Brandes in Staten Island ums Leben gekommen war. Nie sah man so viele Umarmungen in der Wall Street. New York ist durchgerüttelt worden wie nach einem Erdbeben, und es brennt noch immer in der Stadt. Eine Woche schon wehrt sich das Titanenfeuer gegen sämtliche Bemühungen der Feuerwehr.

An der Canalstreet endet heute die allgemein begehbare Welt. Keine Chance für Schaulustige. Der gesamt Finanzdistrikt ist in Mitleidenschaft gezogen. Aus den gläsernen, sich im Sonnenlicht reflektierenden Prachtbauten ist ein stumpfes Viertel geworden. Verstaubt, verdreckt und zum Teil mit eingeschlagenen Fenstern reflektiert hier nichts mehr. Vorbei der kaskadenhaft rauschhafte Wettbewerb unter den architektonischen Wunderbauten um dieses Licht. Glanzlos das grandiose Gebäude der Manhattan Chase Bank, stumpf der einst schwarz gelackte Riese der "Silverstein Properties", dem Verwaltungsgebäude der Twin Towers, selber fast 50 Stockwerke hoch.

Von einer heftig umrangelten Stelle aus lässt sich ein Blick auf das Innere des Infernos werfen. Es reicht aus, dem Wort "Chaos" eine neue, erweiterte, nie für möglich gehaltene Dimension zu geben. Dieser Blick in die heillos zerstörte Welt überwältigt; es ist, als ginge die Zerstörung weiter, als zerfresse sie nun auch die Seele des Betrachters. Reflektierte die Ästhetik dieser Hochhäuser bisher das Strahlende des Lebens, so reflektiert ihre Zerstörung nunmehr das Gegenteil, das Dunkle und Böse.

Einigermaßen fasslich wird das Unfassliche erst auf der Fähre nach Staten Island. Der Fall der Türme hat architektonisch die ganze Skyline von Manhattan mit in die Tiefe gerissen. Manhattan hängt durch. An Stelle der Türme quillt fader Rauch in den Himmel. Die meisten Menschen benutzen die Fähre an diesem Tag nur wegen dieses unverhüllten Anblicks, mit mahlenden Kaumuskeln die meisten Männer.

Die New Yorker bemühen sich um Normalität - soweit das möglich ist

Die Bürger kehren in die Parks und Stadien zurück, und zugleich halten sie immer wieder inne, um toter Feuerwehrleute zu gedenken

"Mayor, Mayor", rufen die New Yorker begeistert, als ein hagerer, ausgemergelt wirkender, aber sehr lebendiger Rudolph Giuliani einer dunklen Limousine entspringt, um mitten in der City dem toten Feuerwehrmann Dennis Maurike die letzte Ehre zu erweisen.

New York erlebte ein Wochenende der Extreme: auf der einen Seite wieder pralles Leben mit Picknick in Central Park, Miss-Wahlen, Baseball und Hunderttausenden auf der Wallfahrt zum Ort des Geschehens, die Stunde auch der Besserwisser und Propheten mit der Bibel in der Hand - auf der anderen Seite ganz große Emotionen in vollen Stadien. Liza Minelli singt vor 41 000 Baseball-Fans "inbrünstig wie nie zuvor" ihr Lied "New York, New York"; Diana Ross vor 60 000 im ausverkauften Yankee-Stadion "God Bless America".

Das Leben geht weiter, aber es blickt auch zurück. An diesem Wochenende wurden auch, verteilt über die ganze Stadt am East River, die "stillen Helden" zu Grabe getragen - mehr als 30 Feuerwehrleute. Dazu steigt beinahe im Stundentakt die Zahl der Opfer der Anschläge: 194 Tote wurden bislang identifiziert; 6333 Menschen gelten offiziell als vermisst.

Dennis Maurike, dem Giuliani die letzte Ehre erwies, war Leutnant bei der New Yorker Brandbekämpfung. Er gehörte zu den Verschütteten des ersten Turmes. Er wird in der berühmten St.-Patrick's-Kathedrale, einen Steinwurf weg von seiner Dienststelle, an der glanzvollen 5th Avenue, aufgebahrt. Hier, wo auch die Trauerfeier für Jacqueline Kennedy stattfand. Tausende von New Yorkern geben diesem Mann, der eine Frau und eine vierjährige Tochter hinterlässt, das letzte Geleit. Sie unterbrechen einfach für eine Stunde ihren normalen Tagesablauf.

Feuerwehrleute sind die Helden dieser Tage. Wo immer sie auftauchen, bilden sich Spaliere, werden sie beklatscht wie sonst nur noch in Stockholm die Nobelpreisträger. Jede Feuerwehrstation scheint komplett von Blumen verdeckt zu sein. An den Wänden hängen, mit kindlicher Hand geschrieben, Dankesgedichte an die Männer. Und dann, gleich daneben, die Bilder und Fotos der vermissten Kollegen. 353 von ihnen starben bei dem Überfall auf das World Trade Center in wenigen, unfassbaren Augenblicken.

Maurike ist einer der wenigen, die überhaupt geborgen wurden. Nicht mehr als 30 sind es bislang. Die übrigen todesmutigen Männer, die dieses Inferno verschluckt hat, verbrannt, im Orwellschen Sinne vaporisiert, werden vermutlich nie bestattet - eine weitere Hypothek für die Hinterbliebenen. Auch daher diese ungeheure Anteilnahme. Der New Yorker weiß, was Einsamkeit und Trauer in dieser Stadt bedeuten.

Endgültig vorbei mit ihrer Beherrschung ist es, als der Sarg, eingehüllt in das Banner der Stars and Stripes, an den salutierenden Kollegen vorbei auf den Pritschenwagen gehoben wird. Ströme von Tränen fließen, als der Trompeter wie in "Verdammt in alle Ewigkeit" zum letzten Gruß anhebt. Schwarze, Weiße, Reiche und Mittellose stehen Seite an Seite, die rechte Hand auf dem Herzen, und starren dem langsam davonrollenden Wagen mit dem Sarg nach.

Das Knattern der Hubschrauber holt sie in die Realität zurück. Wachsamkeit ist alles in diesen Tagen. Das Leben geht weiter, wenn auch in gewandelter Form. Fliegen steht momentan nicht auf dem Programm der reisefreudigen Amerikaner. La Guardia, der Inlandsflughafen, sah am Wochenende aus wie während eines Streikes, so leer gefegt.

"America fights back", heißt es in jeder Nachrichtensendung. Dabei hat der blutige Teil des amerikanischen Zurückschlagens noch gar nicht begonnen. "Es wird lange dauern", sagt ein Geschäftsmann zu seinem schwarzen Nachbarn, als er nach der Trauerfeier zu seinem Fahrer in den großräumigen Lincoln steigt. "Yeah, man", sagt der nur.

Es war der große Wunsch von Leutnant Dennis Maurike, einst in der St.-Patrick's-Kathedrale beerdigt zu werden. Aber nicht mit 26.



Zahl der Vermissten in New York auf 6453 gestiegen

Die Stimmung in der Stadt schwankt zwischen Aufbruch, Unverständnis und Resignation

Amerika ist hin- und hergerissen zwischen Trauer und Normalität. Auf Anordnung des Präsidenten werden die Flaggen wieder voll gehisst. Der Sport hatte das Wochenende wieder im Griff, und jeder, wirklich jeder Bürger führt das Bush-Wort "back to normality" im Munde. Das unbedingte Bemühen der Politiker, nach vorne zu blicken, machen indes längst nicht alle mit. Die Witwe eines toten Feuerwehrmannes klagte den Staat nach einer der vielen Benefiz-Veranstaltungen an: "Dieses mächtige Land hätte das voraussehen müssen." Die Gottesdienste sind überfüllt. Es drängt die Bürger in die solidarisierende Wärme des Miteinander. Sonntag pilgerten 120 000 nach Manhattan-Süd.

Je größer der Abstand zum Ereignis, desto weniger scheint es begriffen zu werden. "Die Materie ist zur Ruhe gekommen", sprach ein Pfarrer in seiner Predigt dieses Phänomen an, "die Seele des Menschen nicht". Sie verstehen nicht. Sie können mit der Katastrophe nicht umgehen. Weder mit der Plötzlichkeit, mit der sie geschah noch mit dem Schweigen danach. Dass ein Teil ihrer Stadt in Sekunden in Trümmern versinken konnte und keiner sich dazu bekennt, kein kriegerisches Ballyhoo danach folgte, macht viele mutlos statt aggressiv. Zumal sich jetzt die Zahl der Vermissten um 120 auf 6453 erhöhte.

Die Behörden haben die Katastrophe vom 11. September tatkräftig im Griff. Sie haben eine gigantische Maschinerie in Gang gesetzt. Jeden Tag verlassen zwischen 700 bis 900 Lkw-Ladungen, heftig beklatscht, "Ground Zero", das inzwischen so etwas wie ein zweites Gettysburg geworden ist. Die Abrissarbeiten allein werden nun schon auf astronomische 1,5 Milliarden Dollar geschätzt. Doch die Menschen, die jeden Tag im Fernsehen mit den tränenerstickten Berichten der Hinterbliebenen konfrontiert werden, bleiben allein, ohne richtige Erklärung. Sie erschreckt alles an diesem makabren Datum - sogar der Schrott auf den Lkws. Und tatsächlich: Es sieht Furcht erregend aus, wie aus der Hölle gekommen, so zerrissen, zerfetzt, deformiert und geschunden. Es erschreckt die Vorstellung von der Kraft der Zerstörung, die dahinter gesteckt haben muss, wenn sie das aus den einstigen wunderbar geformten, hocheffizienten Stahlträgern hat anrichten können.

Es erschreckt der Trümmerdom, dieses rachitisch und anklagend in den Himmel gereckte Stahlskelett, das zugleich die Ohnmacht Amerikas anzeigt. Keiner, den der Gang zu diesem Menetekel nicht verändert, auch wenn Camcorder Überstunden einlegen und Staubspechte (wie in Berlin die Mauerspechte) in leeren Zigarettenpackungen, Dosen und Flaschen die trostlosen, grau rieselnden Rückstände wie verrückt einsammeln.

Dieser Staub hat sich längst zu einer Art unheimlicher Nebenmacht entwickelt. Er hat alles, was er berührte, ruiniert: Computer, Büros, Wohnungen, Autos. Er hat die Turmuhr der Kirche um 9.55 Uhr lahm gelegt und die ins Trottoir vom Broadway eingelassene um 10.05 Uhr. In der schmalen Ann Street, durch die es die Horrorwelle getrieben hat, hängt der Staub immer noch zäh zwischen den Häusern und frisst sich in die Lungen. Auf dem Bordstein liegen noch die erstickten Vögel. Der Staat hat seine Aktionen, der Mensch nur seine tristen Gedanken.

Polizei, Militär, Nationalgarde, State Trooper, Ordnungsdienste - sie alle hatten ein aufwendiges Wochenende. Es galt drei Großveranstaltungen zu sichern. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft: die 120 000 Wall-Street-Besucher, die 60 000 im Yankee-Stadion und die 30 000 für die Totenfeier, die New Jersey seinen 2000 Opfern bereitete. Die Stadt im Ausnahmezustand. Doch das Zusammenspiel von Bürgern und Obrigkeit war vorbildlich. Kein Gemaule auf Bürgerseite und ausgesuchte Höflichkeit auf der anderen.

"We stand together" ist der zweite Spruch, der Amerika zur Zeit zusammenhält. Und über allem die Nationalhymne. Unter ihr versammelt sich das Land.



Downtown

Paralysierte Broker, verschreckte Unternehmer: Das Viertel rund um den Schutthaufen, der einmal das World Trade Center war, liegt auch wirtschaftlich am Boden

Die amerikanische Tragödie erreicht jeden Tag eine neue Dimension des Horrors. Es ist, als ob das Land aus dem Schock erwacht und in immer neue Ohnmachten fällt: Donnerstagnachmittag erhöhte sich die Zahl der Vermissten plötzlich um gut 900 auf nunmehr 6333, und auch dabei wird es nicht bleiben. Die Zahl der zum Teil schwer Verletzten liegt dagegen konstant bei 6200, was nur den makabren Rückschluss zulässt: Es gibt keine Überlebenden mehr.

Der Schaden hat sich längst auf mindestens 30 Milliarden Dollar verdreifacht und damit jetzt schon den bisher größten Versicherungsfall der Geschichte, den des Hurrikans "Andrew", erreicht. Aber auch hier ist ein Ende noch lange nicht abzusehen. Süd-Manhattan steht erst vor dem Beginn einer Abrisswelle. Mindestens ein Dutzend Hochhäuser wird der Spitzhacke noch zum Opfer fallen. Damit gerät der ganze Stadtteil endgültig in den Sog dieses Terrorüberfalls.

65.000 Menschen haben schon ihre Wohnung - wenigstens vorübergehend - verloren; 200.000 sind insgesamt betroffen. Wie viele sich davon jemals direkt wieder hier ansiedeln werden, ist eine offene Frage. Firmen, deren Präsenz nicht unbedingt an diesen Ort gebunden ist, haben sich bereits an die Peripherie New Yorks verabschiedet, andere sich in nahe gelegene Hotels einquartiert, was die negative New Yorker Hotel-Bilanz leicht schönt.

Der Stadtteil verfällt. Er liegt nicht nur unter einer hässlichen, fahlgrauen, klebrigen Staubschicht aus Erde, Sand und zermahlenem Beton - das gesamte Areal ist immer noch ohne Strom und Wasser, was die leer stehenden Privatwohnungen allmählich in chaotische Verhältnisse treibt. In den Kühlschränken vergammeln, zur Freude der Ratten, die Lebensmittel.

So weit die halbwegs bekannten Zahlen und Daten. Das Maß des Unbekannten erschrickt nicht weniger: Wie viele Menschen einen psychischen Knacks bekommen haben, ist absolut unklar, dürfte aber hoch liegen, denn selbst unter den knochenharten Arbeitern vor Ort, die wie die Feuerwehrleute als Helden gefeiert werden, steigt die Zahl der psychologische Hilfe Suchenden dramatisch. Die Zeitung "Newsday" zitiert einen Börsenmakler, der für viele spricht: "Ich sitze in meinem Büro und müsste arbeiten. Aber ich tue es nicht."

Die Begegnung mit Dennis Reasor in Greenwich Village war zufällig, das Gespräch, das sich daraus im Penny Feathers Café in der Barrobstreet ergab, allerdings nicht. Der 53-Jährige hat überhaupt kein anderes Thema mehr; er ist nämlich Augenzeuge des Unbegreiflichen geworden. Ihm zuzuhören ist fast schon gespenstisch. Reasor redet von einem "überirdischen Ereignis", dem er sich völlig unterworfen hat. Es hat ihn buchstäblich aus der Bahn gekippt; er fiel jedenfalls beim Zurückweichen hin und hat sich seither - in übertragenem Sinn - nicht wieder aufgerappelt. Er bleibt seiner Arbeit fern und sieht auch keinen tieferen Sinn mehr darin.

Auch damit steht der Versicherungsangestellte nicht allein. Dieser immaterielle Schaden, der an die Wurzeln des amerikanischen Selbstverständnisses rührt, schlägt unermesslich zu Buche und wird anhalten - mag auch Präsident Bush es mit seiner Rede an die Nation Donnerstagnacht auch ein gutes Stück wieder aufgerichtet haben.

Gestern nun kam der gefürchtete New Yorker Nieselregen dazu. Er verkleisterte die ohnehin kompress verdichtete Schutt- und Schrottmenge noch mehr und brachte die Arbeit nahezu zum Erliegen. Er verwandelte das einst supersaubere Finanzviertel in eine einzige, restlos verschmutzte Angelegenheit. Ältere Anwohner meiden schon lange Ausgänge nach draußen. Mit ihrem Gemütszustand vor allem haben die Krankenhäuser zu tun, die in erster Linie der direkten Terroropfer wegen großzügig aufgestockt worden waren.

Aufgeräumt wird Tag und Nacht. Im Einsatz sind 10.000 Menschen, Polizisten, Soldaten, Nationalgarde, Arbeiter. Freiwillige melden sich, (wie nach Pearl Harbor) in Massen. Die meisten werden abgelehnt. Ein neues Beschäftigungsprogramm hat die apokalyptische Baustelle noch nicht in Gang gesetzt - wohl aber eine Armada von 5200 Lkw, die bisher 70.000 Tonnen Schutt abgefahren haben, an guten Tagen bis zu 10.000; bei dem Regen jetzt allerdings kaum die Hälfte. Aber auch die bisherige Menge erscheint nicht viel im Angesicht der wahren Ausmaße dieses Trümmerberges, der ja noch einmal 50 Meter in die Tiefe langt. Der letzte Pfeiler muss ja von dort herausgerupft werden.

Donnerstagnacht, kurz vor der Rede des Präsidenten, meldete sich zum ersten Mal auch Larry Silverstein. Der unglückliche Makler, der erst vor zwei Monaten die beiden Türme für gut sieben Milliarden Mark auf 99 Jahre gemietet hatte, proklamierte bereits den Wiederaufbau, wenn auch in veränderter Form: mit 55 bis 60 Stockwerken nur noch halb so hoch, dafür mit vier Türmen doppelt so zahlreich. Es hätten sich schon genügend Interessenten gemeldet. Bei aller Unbeugsamkeit, die Amerika dabei an den Tag legt: Auch das wäre eine Einschränkung, vielleicht sogar eine Zeitenwende. Dass diese von außen kommt, schmerzt und gehört ebenfalls auf die Sollseite.

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Knut Teske, 12.09.2011 10:00 | Kommentare (1)




 
  Kommentare (1)

Axel Haedicke, 11.10.2011 21:44
Man mag ja Gefühle so beschreiben können, irgendwann muss man diese aber klären und auch der Wahrheit ins Auge blicke können. Ich möchte keinen verletzen: Im Sumpf will keiner bleiben. In allem steckt eine Lektion oder anders ausgedrückt das halb volle Glas. Das Leben geht immer weiter. Auch für die Toten und Verletzten. Trauer ist o.k.. Verantwortung ist o.k.. Grenzen setzen ist o.k.. Hoffnungslosigkeit, Wut und Schuldzuweisungen sind gefährlich. Die Frage ist mehr: Was habt Ihr nur gemacht und warum?
Axel Haedicke



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