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28.05.2012
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Die ethische Dimension der Euro-Krise
Weitere Themen: Finanzkrisen, Reformen, Wirtschaftspolitik


Prof. Dr. Wolfgang Ockenfels

Der Dominikaner und Wirtschafts-Ethiker Prof. Dr. Wolfgang Ockenfels von der Universität Trier geht im Interview auf die ethisch-moralischen Aspekte der Währungs- und Finanzkrise ein. Um ethische Regeln in der Wirtschaft durchzusetzen fehle der "nötige Ernst" - und die "Demoralisierung beginnt da, wo man auf Kosten anderer ein bequemes Leben führen kann."

FreieWelt.net: Herr Prof. Dr. Ockenfels, ist das Aufgeben eines so zentralen Rechts wie jenes der Budget- und Haushaltshoheit ethisch verantwortbar – v.a. gegenüber den Bürgern und haben diese aus moralischer Sicht ein Recht auf Widerstand?

Prof. Dr. Ockenfels: Das ist gewiß eine verfassungsrechtliche Frage ersten Ranges. Innerhalb der Demokratie bestimmt der Souverän, das Volk, über die Verwendung dessen, was es in den Staatshaushalt einbringt. Nach unserem Grundgesetz ist es das deutsche Volk, das über seine Repräsentanten darüber zu befinden hat.

Wer aber heute noch vom „deutschen Volk“ als dem Subjekt seiner Verfassung spricht, gilt schon fast als rechtsradikal. Dann muß man sich auch nicht mehr darüber wundern, daß sich die Repräsentanten dieses Volkes ziemlich weit von ihrem Souverän, den Bürgern, entfernt haben.

Aus sozialethischer Sicht spricht nichts gegen die parlamentarisch vermittelte Volkssouveränität. In dem Maße aber, in dem sich die Repräsentanten von den zu repräsentierenden Bürgern entfernen und ein feudales Eigenleben entfalten, wird bürgerlicher Widerstand notwendig. Nicht im Sinne des Rechtsbruchs, sondern als öffentliche Kritik und politische Opposition.

FreieWelt.net: Was sind ihrer Meinung nach die Folgen für die nationalen Volkswirtschaften und Parlamente?

Prof. Dr. Ockenfels: Infolge des eklatanten Rechtsbruchs, der sich gegenwärtig in der Europäischen Union ereignet, indem klare Bestimmungen der europäischen Verträge mißachtet werden, sehe ich einen gravierenden Vertrauensverlust auf unsere Europapolitik zukommen. Pacta sunt servanda, lautet ein alter Rechtsgrundsatz. Wenn der nicht mehr eingehalten wird, wird der EU die Geschäftsgrundlage entzogen. Der Legitimationsverslust trifft nicht nur die ökonomische, sondern vor allem die politische Ordnung Europas.

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Diese war von Anfang an vom Prinzip der Subsidiarität bestimmt. Leider haben unsere gegenwärtig herrschenden Politiker keine Ahnung mehr vom Subsidiaritätsprinzip, von dem Helmut Kohl noch eine klare Vorstellung hatte. Der wußte noch um die Bedeutung der Katholischen Soziallehre.

FreieWelt.net: Halten Sie es ethisch für vertretbar Staaten bei einer Finanz-Krise wie derzeit die Hilfe zu verweigern - wo kann bzw. muss sogar Hilfe enden?

Prof. Dr. Ockenfels: Es würde bedeuten, die europäische Solidarität zu überziehen, wenn man die Subsidiarität nicht beachten würde. Die nämlich besagt die „Hilfe zur Selbsthilfe“. Wer nicht bereit ist, sich selber durch einen kräftigen Eigenbeitrag zu helfen, hat die Berechtigung verloren, von anderen Hilfe zu erwarten. Realwirtschaftlich war etwa Griechenland überhaupt nicht in der Lage, sich an einer gemeinsamen Währung zu beteiligen. Es war und ist nicht wettbewerbsfähig in der Europäischen Union.

Es ist ein südliches Entwicklungsland, das Entwicklungshilfe braucht vor allem in Form des know-how. Die Einführung des Euro hat hier nur die Malaise sichtbar gemacht. Die künstliche Stabilisierung der Währung ändert noch nichts an der Kreditwürdigkeit dieses Landes. Finanzhilfen können hier die Defizite vergrößern und auch noch andere Länder in den Abgrund ziehen.

FreieWelt.net: Gibt es so etwas wie eine "Ethik der Finanzwirtschaft" – besonders aus Ihrer Sicht als Ökonom und Geistlicher?

Prof. Dr. Ockenfels: Ein wichtiger ethischer Imperativ wäre, die Finanzwirtschaft mit der Realwirtschaft in Übereinstimmung zu bringen. Alles andere ist fiktionale Konstruktion, die auf Dauer nicht hält. Ethisch besonders problematisch sind überzogene staatliche Schulden und die Versuchung der Staaten, die Schuldenlast durch Inflation zu verringern. All das mindert die Glaub- und Kreditwürdigkeit von Staaten und Staatengemeinschaften. Die hohen Schulden sind das Erzübel.

Für die fahrlässigen Schulden anderer einstehen zu müssen, unterminiert die Solidaritätsbereitschaft. Die allzu hohen Schulden, die wir auch in Deutschland angehäuft haben, untergräbt vor allem die Generationensolidarität. Sie laufen auf Diebstahl an kommenden Generationen hinaus. Wir leben auf Kosten von Leuten, die wohl gar nicht mehr geboren werden, jedenfalls nicht bei uns, und die nicht gefragt worden sind.

FreieWelt.net: Wie würden Sie die Euro-Krise bewältigen und wie können wir in Zukunft vorbeugen?

Prof. Dr. Ockenfels: Wir müssen auf Klarheit und Wahrheit der Politiker bestehen. Sie sind dem Bürger Rechenschaft schuldig, und zwar schon auf nationaler Ebene. Die europäischen Instanzen sind leider ziemlich abgehoben, zentralistisch und mithin machtbewußt arrogant. Sie treffen Entscheidungen, für die keiner zur Verantwortung gezogen werden kann. Das ist nicht nur ein Demokratiedefizit, sondern die Demokratie hat strukturell ein Moraldefizit.

FreieWelt.net: Die Finanzwelt scheint nicht erst seit der Euro-Krise ungezügelt - halten Sie einen ethischen Codex für möglich, durchsetzbar und wie sollte er aussehen?

Prof. Dr. Ockenfels: Leider werden schon die rechtlichen Verpflichtungen, auf die man sich geeinigt hatte, nicht eingehalten. Sondern sie werden systematisch unterlaufen. Wie sollte da ein ethischer Kodex Geltungskraft erlangen? Wie sollte er überhaupt zustande kommen, da die klassischen ethischen Autoritäten, nämlich die christlichen Kirchen, ziemlich abgetaucht sind und zunehmend verdrängt werden? Nicht einmal ein ethisches Minimum, das im europäischen Pluralismus noch die Einheit garantieren könnte, ist in Sicht.

Für ethische wie rechtliche Regeln gilt, daß ihre Einhaltung kontrolliert und sanktioniert werden muß. Dazu aber fehlt der nötige Ernst. Der wird sich wohl erst im äußersten Notfall einstellen. Wir müssen Europa wieder neu buchstabieren, und zwar nach dem Alphabet der Subsidiarität, also der Eigenverantwortung. Die Demoralisierung beginnt da, wo man auf Kosten anderer ein bequemes Leben führen kann.

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Ockenfels, vielen Dank für das Gespräch.



Redaktion, 11.07.2011 11:57 | Kommentare (4)




 
  Kommentare (4)

Willi, der Eroberer, 29.12.2011 21:13
Das ist nicht "Ethik", das ist unverstandenes Nachgeplapper der systemimmanenten neoliberalen Überzeugungen, die - nach den USA, vor ihnen in Südamerika und später in Russland und China - für einen Ausverkauf der staatlichen Vermögen und deren Überführung in die Privatwirtschaft gesorgt haben (Naomi Klein, Die Schock-Strategie). Und auch Griechenland und später Italien werden "saniert", wie es früher Argentinien, Chile und Bolivien ergangen ist: das Volksvermögen wird verscherbelt (Energie, Telekommunikation, Gesundheit, Infrastruktur, Renten, öffentlicher Wohnungsbau, Kultur), die Investoren zerschlagen anschliessend die Strukturen und filetieren sie zum Weiterverkauf. Die Politik hat, ganz nach Wunsch der Ganoven um den US-Ökonom Milton Friedman und seiner Chicagoer Schule, die Märkte dadurch "entfesselt". Spekulationen auf staatliche Vermögen und Zockerei an den Börsen, die Jagd nach Profiten in den Rohstoff- und Nahrungsmittelmärkten haben dazu beigetragen, dass Banken sich verzockt, Geschäftsgebiete bedient haben, die sie nicht beherrschen können, und die Politik mit dem Geld der Steuerzahler die Finanzmärkte ein ums andere Mal "rettet". Dieselben "Märkte", die zugleich gegen die Staaten wetten. Das hat alles mit persönlicher Verantwortung zu tun, aber nichts mit der pauschalen Schelte an diejenigen, die von ihren Politikern und Unternhemen in diese Systeme hineingejagt wurden: die Griechen, z.B. Natürlich muss jeder darauf achten, dass er nicht ausgibt, was er nicht (wieder)beschaffen kann.Gerade deshalb müssen die "Märkte" an die Kette gelegt werden. Friedhelm Hengsbach SJ hat das in einem Interview in überraschender und damit auch völlig einsichtiger und überzeugender Klarheit dargelegt: der "Märkte" - an sich schon eine schwachsinnige Formalbezeichnung für die Zocker-Casinos - haben keine Moral, sondern Interessen; "Märkte" sind nicht demokratisch (Angela Merkel ist völlig von der Rolle mit ihrer "marktkonformen Demokratie", die Frau ist ein Verfassungsbruch!), sondern Rendite-orientierte Geldbeschaffer; Deutschland ist Lohndumpingland geworden und lebt auf Kosten der Anrainer; erwirtschaftete Vermögen sind gerecht zu verteilen unter all denen, die den Wohlstand mit ihrer Arbeit erarbeitet haben und gehört nicht in die Hände weniger Gierhälse; das Finanzkapital lebt von Blasen und nicht von den Leistungen der Vermittlung von Geld in die Realwirtschaft. Erst wenn diese Regeln alle beachtet würden, kann man auch von einer in demokratischer Verfassung zu verankernden Ethik sprechen. Sie würde schon dann einsetzen, wenn Artikel 14 des Grundgesetzes beachtet würde ("Eigentum verpflichtet ...."). Solche Thesen, wie Prof. Ockenfels sie hier breit tritt, verschleiern nur das eigentliche Übel, das radikal (radix - von der Wurzel her) auszureißen wäre. Kardinal Marx, der Sozialwissenschaftler unter den deutschen Bischöfen, redet ähnlichen Unsinn: eine gerechtere Gesellschaft will er, in der die Rente mit 67 völlig korrekt sei (Impulspapier der dt. Bischofskonferenz vom 29.06.2011). Das klingt, als ob Gesellschaft "gerecht" sein könnte. Gerechtigkeit gibt es vor Gott oder - wenn man Glück hat und einen guten Anwalt - manchmal auch (Ge)Recht(igkeit) vor Gericht.

Rehwald, Willi Prof. Dr.-Ing., 23.11.2011 15:03
Die christlichen Kirchen haben während der Jahrhunderte ihres Bestehens weder einen Papst, einen Kardinal, Bischof, Geistlichen usw. hervorgebracht, der die
uraächlichen Probleme erkannt oder für die Durchsetzung entsprechender Erkenntnisse gesorgt hat. Mir ist nur ein Mensch bekannt, der gesagt hat: EIGENTUM EINES MENSCHEN DARF NUR SEIN; WAS JEDER ANDERE IN BELIEBIGER mENGE UND QUALITÄT HERSTELLEN KANN: MIT gLED MUSS EIN NACHFRAGEDRUCK VERBUNDEN SEIN, DER ETWAS GRÖSSER IST ALS DER MIT WAREN VERBUNDENE ANGEBOTSDDRUCK . Dieser Mann ist 1932 gestorben. Seine Mahnungen,Bitten, Eingaben und mündlichen wie schriftlichen Darstelungen haben alle Moralisten und Ethiker überhaupt nicht beachtet, sondern eher lächerlich gemacht. Nur wenn wir völlig unbefangen und unvoreingenommen in einer ganz anderen Richtung denken koomen wir weiter. Ich weis sogar wie.


Jochen Michels, 23.08.2011 11:10
Danke, Herr Gems, für Ihren Kommentar.
Zu Ihrem letzten Absatz:
ist, wer sich (wie die Griechen, so verstehe ich Sie) unschuldig in so etwas hineinverführen lässt, völlig ohne Schuld ? Nicht nur der Staat, sicher auch viele Einzelne haben mehr konsu-miert als sie erwirtschafteten. Und das haben sie alle nicht gemerkt ?
Gut wenn dem so ist, müsste man den einzelnen Menschen individuell, subsidiär helfen, wie man Kindern und Alten helfen muss, die sich nicht selbst helfen k ö n n e n.

Wem sollen / wollen Sie aber helfen ?
Vielleicht doch wieder dem Staat, den Banken, die ihr eigenes – „unschuldiges“ - Volk ver-führt haben ?
Glauben Sie, dass diese Verführer, jetzt mit dem Geld anderer Völker, besser umgehen, als mit dem ihres eigenen Bürger ?
Werden sie nicht durch das Vertrauen erneut bestärkt in ihrem Missverhalten ?
Macht sich der nicht mitschuldig, der diesem Staat, diesen Banken, diesen Verführern damit noch die Ehre antut sie mit weiteren Mitteln zu füttern, statt den wirklich Bedürftigen zu hel-fen?
Grüße Jochen Michels


Rudi Gems, 11.07.2011 17:02
Na ja, Herr Ockenfels, ob Sie soviel von Ethik verstehen, wenn Sie Ethik und Katholozismus, schon fast als Synonym verwenden? Gestatten Sie Zweifel?

Der Finanzmarkt, sitzt gegenüber den Regierungen, in jeder Beziehung am längeren Hebel. Selbst die Bundeskanzlerin, hat schon verlautbart, das sie von Banken erpresst worden ist.

Ihr hochgelobter Herr Kohl, hat damals in dem Trio, Herren Kohl und Reagan, sowie Frau Thatcher, geregelt, was für Rechte und Aufgaben, der Finanzmarkt erhalten soll. Damals sind diese Regeln, die später zu dem Bankencrash von 2007 bis 2009, geführt haben, gelegt worden. Bei diesen Dreien, muss man die Hauptverantwortung suchen.

Der Finanzmarkt, ist allen anderen Gesellschaftlichen Bereichen, eindeutig überlegen. Er kann aus dem Nichts, Kapital erzeugen, dann gegen Zinsen verleihen, das Kapital wieder einkassieren, und die Zinsen, abzüglich der Inflation als Reingewinn verbuchen. Damit hat er alle Fäden in der Hand und ist unangreifbar.

Bis zu diesem o.g. "Trio", war es üblich, das als Gegenpol zu den Zinsforderungen des Finanzmarktes, regelmäßig gemäßigte Inflationen zugelassen wurden, die dann als Gegengewicht, zu der Zinskassiererei des Finanzmarktes, fungieren konnten. Das wurde von dem Finanzmarkt unterbunden, indem man eine "Preisstabilität", propagierte. Diese "Preisstabilität“, ist aber nichts anderes, als eine Deflation. Dadurch, werden Zinsgewinne, auf "ewig" festgeschrieben.

Die Regierungen, haben offensichtlich, gegen den Finanzmarkt, nicht die geringste Chance. Die einzige Möglichkeit, die heute noch für die Regierungen besteht, ist das Provozieren des "Urknalls", der Implosion der Finanzmärkte. Diese Situation, scheint kurz bevorzustehen, auch wenn es noch möglich ist, sie 12 bis 15 Monate hinauszuzögern.

Wes Geistes Kind, solche Finanzmarktteilnehmer sind, kommt offen durch ihr Verhalten zu Tage. Ihnen ist es offensichtlich lieber, die gesamte Erde, in ein Chaos zu stürzen, als Vernunft anzunehmen, und mit den Regierungen gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.

Auch bei Ihnen, Herr Ockenfels, kann ich keine ethisch brauchbaren Kulturen erkennen. Wer so eitel, in das Horn der Griechenlandgegner stößt, hat nach meinem Empfinden, auch nicht ansatzweise verstanden, was Ethik, oder in Ihrer Sprache?, Nächstenliebe, (was dasselbe ist) überhaupt bedeutet. Die Mehrheit der Griechen, sind völlig unschuldig an dem Eurodilemma, was in Griechenland angerichtet worden ist. Sie haben sich von Sprüchen blenden lassen, die offensichtlich, noch nichtmal Sie, Herr Ockenfels, in ihrer vollen Tragweite verstehen. Menschen für sowas abzuurteilen, mag zwar "christlich" sein, mit Ethik oder Nächstenliebe, hat es aber gar nichts zu tun!

Grüße, Rudi Gems



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