Die marxistische Renaissance - Ein Erfahrungsbericht
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Allgemein

Die Krise als Katalysator?
Es geht wieder um, das vermoderte Gespenst des Kommunismus. Und gespenstisch sind seine Auftritte fürwahr. Die Feuilletons freuen sich über eine neue Debatte, ausgelöst durch ein vorgeblich rasant gestiegenes Interesse an Karl Marx und seinen "ökonomischen" Lösungen. Der Dietz-Verlag, eine Tochtergesellschaft der mehrfach umbenannten SED, freut sich über "enorm" gestiegene Verkaufszahlen des "Kapitals": Sagenhafte 3800 Exemplare im Jahr 2008. Von einem anderen eschatologischen Klassiker, der heiligen Schrift, werden weltweit 700 Millionen Exemplare gedruckt. Dennoch läuft die Agitprop-Mühle der „Linken" heiß. Der reanimierte SDS tingelt mit der Marx-Show „Kapital-Lesen" durch die Hörsäle des Landes. Sie funktioniert ähnlich wie ein Bibelkreis: Erfahrene Apostel eines „modernen" Marxismus wie die OSI-Professoren Elmar Altvater und Michael Heinrich bemühen sich mit Nachwuchsjüngern um die Exegese des heilsbringenden Textes. Dabei werden dann schon mal Plakate mit Aufschriften wie „Die letzte Schlacht gewinnen wir!" ausgerollt. Die Medien berichten über all das brav, abseits der Rotfront-Folklore ist aber kein wirklicher Fortschritt für den Glauben an die rote Heilslehre zu erkennen, die allmächtige Demoskopie macht es offenbar.
Kirchenfunktionäre als Möchtegern-Steigbügelhalter
Aber nicht nur die üblichen Verdächtigen widmen sich dem geistigen Kampf gegen das „System" und für eine neue Legitimation marxistischer Ideen. Auch einzelne Funktionsträger in der evangelischen Kirche haben sich ihm verschrieben. Das wackere und unermüdliche Einstehen der Erfurter „Regionalbischöfin" Elfriede Begrich für die SED-Nachfolgeorganisation ist ein Beispiel dafür. Ein weiteres war am 24. März in der Familienerholungs- und Begegnungsstätte der Evangelischen Landeskirche der Kirchenprovinz Sachsen auf der Burg Bodenstein zu bestaunen. Im Rahmen der „Bodensteiner Gespräche" stand das umständliche Thema Karl Marx heute gelesen – überraschend aktuell oder Schnee von gestern auf dem Programm. Obwohl als Koordinationspartner der Gesprächsreihe offiziell nur die sozialdemokratische Friedrich-Ebert-Stiftung, die unionsnahe Konrad-Adenauer-Stiftung und die grüne Heinrich-Böll-Stiftung angegeben werden, fand der Abend „in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung" statt. Die RLS dürfte sich als Think Tank der SED-Epigonen gleichsam als intellektuelle Keimzelle der herbeigeredeten marxistischen Renaissance betrachten.
Der Veranstaltungsflyer im Corporate Design der Burg Bodenstein, dessen Texte als Aussagen der einladenden Institution aufgefaßt werden mußten, hat es in sich. Dort heißt es: „Das Kapital bringt die [heutigen] gesellschaftlichen Verhältnisse als Klassenverhältnisse zum Vorschein, entblößt die herrschende Ideologie der klassenfreien „Dienstleistungs-" und „Informationsgesellschaft" […]. Dass die kapitalistische Marktwirtschaft als zum dem Wesen des Menschen gehörig hochstilisiert wird, ist als Ideologie zu durchschauen." Die grundgesetzliche Eigentumsgarantie wird in dieser kirchlichen Einladung als prägende Grundkonstante des Kapitalismus abgetan, die keine überhistorische Notwendigkeit beinhalte und damit entbehrlich sei.
Auftritt einer „modernen" Marx-Exegetin auf der Kirchenburg
Aufgrund familiärer Bindung an die Burg und ihren Träger habe ich beschlossen, mich dem zu erwartenden Vortrag einer dialektisch profund untermauerten, neomarxistischen Heilsgeschichte auszusetzen
Eingedenk des rhetorischen und polemischen Geschicks älterer Vertreter dieses Fachs rekapitulierte ich im Vorfeld Karl Poppers „Offene Gesellschaft", um deren Feinden argumentativ entgegenzutreten. Diese Rüstung erwies sich zwar als glänzend, blieb aber völlig jungfräulich. Denn statt des erwarteten dialektischen Feuerwerks bot sich im Rittersaal der Burg die folgende Szene:
Sabine Nuss, eine freundliche junge Dame und Referentin für Politische Bildung bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung, sitzt einer überschaubaren Gruppe von 19 Personen gegenüber. Ein Tisch ist mit den sprichwörtlichen Trägern grau-beiger Anoraks besetzt, an dem jener Teil der „Linken"-Anhängerschaft erkennbar ist, der aus Altfunktionären der SED besteht. Natürlich gibt es unter ihnen auch Einen, der jedes Wort mitschreibt, vielleicht, um es anschließend einem fiktiven Führungsoffizier hinterbringen zu können. Die grauen Herrschaften stellen treuherzige Fragen zur Marxschen Familie oder zur Handschrift des Meisters und zeigen artig auf, als das Publikum die Gelegenheit bekommt, seine ML-Kenntnisse unter Beweis zu stellen. Außerdem gibt es bärtige Globalisierungsgegner, die vergeblich darauf hoffen, den Kapitalismus durch Marx und die Referentin als unbelehrbaren Kriegstreiber entlarvt zu sehen. Der Rest des Publikums besteht aus vielleicht drei bis vier neutral oder ablehnend Interessierten und aus meiner Begleitung von vier Personen, die sich gleich mir ein Bild von dem dunkelroten Treiben auf der Burg machen wollen.
Proseminar über Marx und das „Kapital"
In ihrem lähmend langweiligen Referat berührt Dr. rer. pol. Nuss sodann auf dem Niveau eines Volkshochschulkurses die Biographie von Karl Marx sowie die Entstehungs-, Publikations- und Rezeptionsgeschichte seiner Werke. Deren konkreter Inhalt, vor allem aber die Anwendbarkeit ihrer Aussagen auf die Gegenwart, bleiben im Dunkeln. Stattdessen kleinteilige Power-Point-Folien, die für die meisten Teilnehmer unlesbar sind. Aufregend ist eigentlich nichts, abgesehen von der unverfrorenen Verwendung der Nomenklatur des historischen Materialismus. Während die „neoliberalen Knechte der Reaktion" der Unwissenschaftlichkeit bezichtigt werden, läßt sich die moderne Marxistin ohne jede Relativierung über Klasseninteressen, Bourgeoisie und Feudalismus aus. Als sie erklären soll, was Kapitalismus eigentlich definiere, beschreibt sie ihn so: Jeder Marktteilnehmer produziere irgendetwas, ohne zu wissen, ob es dafür Bedarf gibt und ohne sich mit den anderen Produzenten abzustimmen. Aha. Spätestens jetzt wähnt man sich im falschen Film.
Noch konnte man hoffen, wenigstens im Diskussionsteil auf seine Kosten zu kommen. In dessen erster Hälfte ließ der Moderator, ein pensionierter Pfarrer, jedoch nur „Sachfragen" zu Marx zu, die sich auf seine häuslichen Verhältnisse und ähnlich weltverändernde Probleme beschränkten. Definitionen werden selbst auf Nachfrage vermieden.
Dann endlich, es waren indessen 90 quälende Minuten vergangen, regt der Moderator Fragen mit Aktualitätsbezug an. Die beigen Anoraks lassen sich nicht lumpen: Sie fordern die sofortige Abschaffung des „Privateigentums an Produktionsmitteln". Denn Marx habe ja bewiesen, daß dies das Urübel aller ausbeuterischen Klassengesellschaften sei. Seine Beseitigung wäre für diese Herrschaften der erste Schritt auf dem Weg ins kommunistische Wolkenkuckucksheim. Für mich und alle anderen, die der Freiheit Vorzug vor der Gleichheit geben, wäre sie dagegen der wichtigste Schritt voran oder eigentlich zurück in eine geschlossene, totalitäre Gesellschaft. Ein anderer Teilnehmer möchte in möglichen Banken- und Konzernverstaatlichungen bereits Anzeichen für den bevorstehenden Sieg über das Kapital erkennen.
Dünnhäutiger Moderator, aalglatte Referentin
Nun sehe auch ich meine Stunde gekommen und bitte die Referentin, ihre eigene Position und die der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu den Enteignungsphantasien der anwesenden Altkommunisten zu benennen. Vom harmoniebedürftigen Moderator erhalte ich eine Rüge, weil ich es gewagt habe, die vorangegangene Aneinanderreihung bolschewistischer Parolen als Büttenreden zu bezeichnen. Entsprechend feindselig ist das Gemurmel von der Bank der pensionierten Staatsbürgerkundewächter. Innerlich danke ich meinem Schöpfer für die Gnade, nicht in einem muffigen Großraumgefängnis leben zu müssen, sondern als freier Bürger gelernt zu haben, freie Rede und offene Konfliktaustragung als Wert an sich zu begreifen.
Frau Nuss benennt ihre Position zum Privateigentum natürlich nicht, bemüht sich noch nicht einmal, eine intellektuell ansatzweise redliche Antwort zu geben. Sie weiß, daß sie die treuesten Wähler der Linken durch Widerspruch nicht verprellen darf, aber auch, daß sie die grundgesetzlich garantierte, freiheitlich-demokratische Grundordnung angreifen würde, stimmte sie ihnen einfach zu. Dem feindlichen Verfassungsschutz möchte man bei den SED-Nachfolgern möglichst keine Flanke bieten.
Nun dringt der Moderator darauf, Frau Nuss möge doch zum Abschluß vermitteln, wie man die „herrschende Ideologie", also die Soziale Marktwirtschaft, mit Hilfe des „Kapitals" von Marx besiegen könne. Die Ehrlichkeit ihrer Antwort ist verblüffend und bestätigt in Worten das, was der ganze Abend schon gezeigt hat: Momentan sei keine starke linke Bewegung vorhanden, mit deren Hilfe revolutionäre Ideen umgesetzt werden könnten. Im Rahmen der parlamentarischen Arbeit der Linken könne nur ein wenig an den Stellschrauben des Kapitalismus gedreht werden, mehr sei nicht drin.
Große Enttäuschung und ehrliche Irritation des Moderators: So sei es ja nun nicht, es gäbe doch großartige linksalternative Konzepte für die moderne Weltrevolution. Na dann.
Auf mich hatte dieser Abend eine beruhigende Wirkung. Dieses Gespenst spukt zwar recht lebhaft, aber es bleibt doch ein Gespenst. Und die sind bekanntlich tot. Wenn sich die Renaissance des Marxismus auf solches Schmierentheater beschränkt, dann braucht uns vor ihr nicht bange zu sein. Gefährlicher ist die Mittelmäßigkeit in den demokratischen Parteien. Viele Mandatsträger verteidigen unsere freiheitliche Wertordnung oft nicht mehr um ihrer selbst willen, sondern richten ihr Handeln und Beginnen vor allem danach, wie sich Ämter und Mandate am besten sichern lassen. Eine solche Haltung ermöglicht den Dünnbrettbohrern von links und rechts die Ausübung ihres Rattenfängergewerbes. Darüberhinaus entblöden sich Teile der Evangelischen Kirche nicht, totalitären Propheten ein Forum zu bieten. Eine solche Entwicklung läßt weniger um die Marktwirtschaft fürchten, als um die Zukunft einer Religionsgemeinschaft, deren Vertreter statt Seelsorge und Verkündigung ideologische Zündeleien betreiben. Durch ihre Unterstützung extremistischer Kräfte sägen sie an dem Ast, auf dem sie in der Regel sehr bequem sitzen. Auch die „Deutschen Christen" suchten seinerzeit das „Heil" in dieser Welt und liefen totalitären Demagogen nach.
Die Krise als Katalysator?
Es geht wieder um, das vermoderte Gespenst des Kommunismus. Und gespenstisch sind seine Auftritte fürwahr. Die Feuilletons freuen sich über eine neue Debatte, ausgelöst durch ein vorgeblich rasant gestiegenes Interesse an Karl Marx und seinen "ökonomischen" Lösungen. Der Dietz-Verlag, eine Tochtergesellschaft der mehrfach umbenannten SED, freut sich über "enorm" gestiegene Verkaufszahlen des "Kapitals": Sagenhafte 3800 Exemplare im Jahr 2008. Von einem anderen eschatologischen Klassiker, der heiligen Schrift, werden weltweit 700 Millionen Exemplare gedruckt. Dennoch läuft die Agitprop-Mühle der „Linken" heiß. Der reanimierte SDS tingelt mit der Marx-Show „Kapital-Lesen" durch die Hörsäle des Landes. Sie funktioniert ähnlich wie ein Bibelkreis: Erfahrene Apostel eines „modernen" Marxismus wie die OSI-Professoren Elmar Altvater und Michael Heinrich bemühen sich mit Nachwuchsjüngern um die Exegese des heilsbringenden Textes. Dabei werden dann schon mal Plakate mit Aufschriften wie „Die letzte Schlacht gewinnen wir!" ausgerollt. Die Medien berichten über all das brav, abseits der Rotfront-Folklore ist aber kein wirklicher Fortschritt für den Glauben an die rote Heilslehre zu erkennen, die allmächtige Demoskopie macht es offenbar.
Kirchenfunktionäre als Möchtegern-Steigbügelhalter
Aber nicht nur die üblichen Verdächtigen widmen sich dem geistigen Kampf gegen das „System" und für eine neue Legitimation marxistischer Ideen. Auch einzelne Funktionsträger in der evangelischen Kirche haben sich ihm verschrieben. Das wackere und unermüdliche Einstehen der Erfurter „Regionalbischöfin" Elfriede Begrich für die SED-Nachfolgeorganisation ist ein Beispiel dafür. Ein weiteres war am 24. März in der Familienerholungs- und Begegnungsstätte der Evangelischen Landeskirche der Kirchenprovinz Sachsen auf der Burg Bodenstein zu bestaunen. Im Rahmen der „Bodensteiner Gespräche" stand das umständliche Thema Karl Marx heute gelesen – überraschend aktuell oder Schnee von gestern auf dem Programm. Obwohl als Koordinationspartner der Gesprächsreihe offiziell nur die sozialdemokratische Friedrich-Ebert-Stiftung, die unionsnahe Konrad-Adenauer-Stiftung und die grüne Heinrich-Böll-Stiftung angegeben werden, fand der Abend „in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung" statt. Die RLS dürfte sich als Think Tank der SED-Epigonen gleichsam als intellektuelle Keimzelle der herbeigeredeten marxistischen Renaissance betrachten.
Der Veranstaltungsflyer im Corporate Design der Burg Bodenstein, dessen Texte als Aussagen der einladenden Institution aufgefaßt werden mußten, hat es in sich. Dort heißt es: „Das Kapital bringt die [heutigen] gesellschaftlichen Verhältnisse als Klassenverhältnisse zum Vorschein, entblößt die herrschende Ideologie der klassenfreien „Dienstleistungs-" und „Informationsgesellschaft" […]. Dass die kapitalistische Marktwirtschaft als zum dem Wesen des Menschen gehörig hochstilisiert wird, ist als Ideologie zu durchschauen." Die grundgesetzliche Eigentumsgarantie wird in dieser kirchlichen Einladung als prägende Grundkonstante des Kapitalismus abgetan, die keine überhistorische Notwendigkeit beinhalte und damit entbehrlich sei.
Auftritt einer „modernen" Marx-Exegetin auf der Kirchenburg
Aufgrund familiärer Bindung an die Burg und ihren Träger habe ich beschlossen, mich dem zu erwartenden Vortrag einer dialektisch profund untermauerten, neomarxistischen Heilsgeschichte auszusetzen
Eingedenk des rhetorischen und polemischen Geschicks älterer Vertreter dieses Fachs rekapitulierte ich im Vorfeld Karl Poppers „Offene Gesellschaft", um deren Feinden argumentativ entgegenzutreten. Diese Rüstung erwies sich zwar als glänzend, blieb aber völlig jungfräulich. Denn statt des erwarteten dialektischen Feuerwerks bot sich im Rittersaal der Burg die folgende Szene:
Sabine Nuss, eine freundliche junge Dame und Referentin für Politische Bildung bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung, sitzt einer überschaubaren Gruppe von 19 Personen gegenüber. Ein Tisch ist mit den sprichwörtlichen Trägern grau-beiger Anoraks besetzt, an dem jener Teil der „Linken"-Anhängerschaft erkennbar ist, der aus Altfunktionären der SED besteht. Natürlich gibt es unter ihnen auch Einen, der jedes Wort mitschreibt, vielleicht, um es anschließend einem fiktiven Führungsoffizier hinterbringen zu können. Die grauen Herrschaften stellen treuherzige Fragen zur Marxschen Familie oder zur Handschrift des Meisters und zeigen artig auf, als das Publikum die Gelegenheit bekommt, seine ML-Kenntnisse unter Beweis zu stellen. Außerdem gibt es bärtige Globalisierungsgegner, die vergeblich darauf hoffen, den Kapitalismus durch Marx und die Referentin als unbelehrbaren Kriegstreiber entlarvt zu sehen. Der Rest des Publikums besteht aus vielleicht drei bis vier neutral oder ablehnend Interessierten und aus meiner Begleitung von vier Personen, die sich gleich mir ein Bild von dem dunkelroten Treiben auf der Burg machen wollen.
Proseminar über Marx und das „Kapital"
In ihrem lähmend langweiligen Referat berührt Dr. rer. pol. Nuss sodann auf dem Niveau eines Volkshochschulkurses die Biographie von Karl Marx sowie die Entstehungs-, Publikations- und Rezeptionsgeschichte seiner Werke. Deren konkreter Inhalt, vor allem aber die Anwendbarkeit ihrer Aussagen auf die Gegenwart, bleiben im Dunkeln. Stattdessen kleinteilige Power-Point-Folien, die für die meisten Teilnehmer unlesbar sind. Aufregend ist eigentlich nichts, abgesehen von der unverfrorenen Verwendung der Nomenklatur des historischen Materialismus. Während die „neoliberalen Knechte der Reaktion" der Unwissenschaftlichkeit bezichtigt werden, läßt sich die moderne Marxistin ohne jede Relativierung über Klasseninteressen, Bourgeoisie und Feudalismus aus. Als sie erklären soll, was Kapitalismus eigentlich definiere, beschreibt sie ihn so: Jeder Marktteilnehmer produziere irgendetwas, ohne zu wissen, ob es dafür Bedarf gibt und ohne sich mit den anderen Produzenten abzustimmen. Aha. Spätestens jetzt wähnt man sich im falschen Film.
Noch konnte man hoffen, wenigstens im Diskussionsteil auf seine Kosten zu kommen. In dessen erster Hälfte ließ der Moderator, ein pensionierter Pfarrer, jedoch nur „Sachfragen" zu Marx zu, die sich auf seine häuslichen Verhältnisse und ähnlich weltverändernde Probleme beschränkten. Definitionen werden selbst auf Nachfrage vermieden.
Dann endlich, es waren indessen 90 quälende Minuten vergangen, regt der Moderator Fragen mit Aktualitätsbezug an. Die beigen Anoraks lassen sich nicht lumpen: Sie fordern die sofortige Abschaffung des „Privateigentums an Produktionsmitteln". Denn Marx habe ja bewiesen, daß dies das Urübel aller ausbeuterischen Klassengesellschaften sei. Seine Beseitigung wäre für diese Herrschaften der erste Schritt auf dem Weg ins kommunistische Wolkenkuckucksheim. Für mich und alle anderen, die der Freiheit Vorzug vor der Gleichheit geben, wäre sie dagegen der wichtigste Schritt voran oder eigentlich zurück in eine geschlossene, totalitäre Gesellschaft. Ein anderer Teilnehmer möchte in möglichen Banken- und Konzernverstaatlichungen bereits Anzeichen für den bevorstehenden Sieg über das Kapital erkennen.
Dünnhäutiger Moderator, aalglatte Referentin
Nun sehe auch ich meine Stunde gekommen und bitte die Referentin, ihre eigene Position und die der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu den Enteignungsphantasien der anwesenden Altkommunisten zu benennen. Vom harmoniebedürftigen Moderator erhalte ich eine Rüge, weil ich es gewagt habe, die vorangegangene Aneinanderreihung bolschewistischer Parolen als Büttenreden zu bezeichnen. Entsprechend feindselig ist das Gemurmel von der Bank der pensionierten Staatsbürgerkundewächter. Innerlich danke ich meinem Schöpfer für die Gnade, nicht in einem muffigen Großraumgefängnis leben zu müssen, sondern als freier Bürger gelernt zu haben, freie Rede und offene Konfliktaustragung als Wert an sich zu begreifen.
Frau Nuss benennt ihre Position zum Privateigentum natürlich nicht, bemüht sich noch nicht einmal, eine intellektuell ansatzweise redliche Antwort zu geben. Sie weiß, daß sie die treuesten Wähler der Linken durch Widerspruch nicht verprellen darf, aber auch, daß sie die grundgesetzlich garantierte, freiheitlich-demokratische Grundordnung angreifen würde, stimmte sie ihnen einfach zu. Dem feindlichen Verfassungsschutz möchte man bei den SED-Nachfolgern möglichst keine Flanke bieten.
Nun dringt der Moderator darauf, Frau Nuss möge doch zum Abschluß vermitteln, wie man die „herrschende Ideologie", also die Soziale Marktwirtschaft, mit Hilfe des „Kapitals" von Marx besiegen könne. Die Ehrlichkeit ihrer Antwort ist verblüffend und bestätigt in Worten das, was der ganze Abend schon gezeigt hat: Momentan sei keine starke linke Bewegung vorhanden, mit deren Hilfe revolutionäre Ideen umgesetzt werden könnten. Im Rahmen der parlamentarischen Arbeit der Linken könne nur ein wenig an den Stellschrauben des Kapitalismus gedreht werden, mehr sei nicht drin.
Große Enttäuschung und ehrliche Irritation des Moderators: So sei es ja nun nicht, es gäbe doch großartige linksalternative Konzepte für die moderne Weltrevolution. Na dann.
Auf mich hatte dieser Abend eine beruhigende Wirkung. Dieses Gespenst spukt zwar recht lebhaft, aber es bleibt doch ein Gespenst. Und die sind bekanntlich tot. Wenn sich die Renaissance des Marxismus auf solches Schmierentheater beschränkt, dann braucht uns vor ihr nicht bange zu sein. Gefährlicher ist die Mittelmäßigkeit in den demokratischen Parteien. Viele Mandatsträger verteidigen unsere freiheitliche Wertordnung oft nicht mehr um ihrer selbst willen, sondern richten ihr Handeln und Beginnen vor allem danach, wie sich Ämter und Mandate am besten sichern lassen. Eine solche Haltung ermöglicht den Dünnbrettbohrern von links und rechts die Ausübung ihres Rattenfängergewerbes. Darüberhinaus entblöden sich Teile der Evangelischen Kirche nicht, totalitären Propheten ein Forum zu bieten. Eine solche Entwicklung läßt weniger um die Marktwirtschaft fürchten, als um die Zukunft einer Religionsgemeinschaft, deren Vertreter statt Seelsorge und Verkündigung ideologische Zündeleien betreiben. Durch ihre Unterstützung extremistischer Kräfte sägen sie an dem Ast, auf dem sie in der Regel sehr bequem sitzen. Auch die „Deutschen Christen" suchten seinerzeit das „Heil" in dieser Welt und liefen totalitären Demagogen nach.
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