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Bei Zulassung der PID droht ein "Dammbruch" - Interview mit Andrea Nahles
Weitere Themen: Justiz, Familie


Foto: Andrea Nahles

Die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles hat zusammen mit weiteren knapp 200 Bundestagsabgeordneten den Gesetzesentwurf für ein vollständiges Verbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland unterschrieben. FreieWelt.net sprach mit Frau Nahles über die Auswirkungen einer PID-Zulassung auf unsere Gesellschaft, vor allem auf behinderte Menschen bzw. Familien mit behinderten Kindern und ihre ganz persönlichen Gründe, den PID-Verbots-Antrag zu unterstützen.

FreieWelt.net: Sie haben sich bei der von der Zivilen Koalition e.V. und Durchblick e.V. initiierten Abgeordnetenbefagung zur PID-Debatte für ein klares Verbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) ausgesprochen. Aus welchen Gründen unterstützen Sie den PID-Verbots-Antrag?

Andrea Nahles: Ich unterstütze den PID-Verbotsantrag zuallererst aus dem tiefen Glauben daran, dass jedes menschliche Leben gleich viel wert ist. Ich sehe es letztlich wie Erzbischof Robert Zollitsch. Bei Zulassung der PID droht ein "Dammbruch". Ein Dammbruch, den ich nur schwer erträglich finde. Denn letztlich steht hier die Frage im Raum: Welches Leben ist lebenswert? Wer entscheidet das?
Außerdem stellt sich das Problem, dass immer mehr Embryonen erzeugt werden müssen, als eingepflanzt werden können. Was passiert mit den überzähligen Embryonen? Die Frage ist vollkommen unbeantwortet, höre ich. Vielleicht will das aber auch niemand so genau wissen.
Derzeit können medizinisch 120 Erbkrankheiten unterschiedlichen Schweregrades nachgewiesen werden. Ob eine solche Erbkrankheit tatsächlich im späteren Leben ausbricht, ist in vielen Fällen völlig offen. Wir wissen es schlicht nicht, wenn im Labor darüber entscheiden wird. Derzeit reden wir nur über die wenigen Fälle von schweren Erbkrankheiten. Wer sagt aber, dass es dabei bleibt? Ich bin pessimistisch. Heute sind wir im deutschen Parlament weitgehend einig, dass es nur wenige Ausnahmen geben soll. Es ist jedoch ein zutiefst menschlicher Wunsch, ein Kind nach eigenen Vorstellungen zu haben. Ein gesundes Kind. Wenn etwas geht, dann wird es gemacht. Das lehrt uns die Geschichte der Menschheit. Sind wir uns also sicher, dass wir verantwortlich handeln und das auch in Zukunft, wenn wir jetzt Ausnahmen legitimieren? Bisher gibt es hier eine klare Grenze in Deutschland.

FreieWelt.net: Sollte es den betroffenen Eltern nicht selbst überlassen bleiben, bei dieser wichtigen Frage eine Entscheidung zu treffen?

Andrea Nahles: Wie gesagt, es ist ein zutiefst menschlicher Wunsch, ein Kind nach eigenen Vorstellungen zu haben. Dies geht aber im Falle von PID damit einher, dass wir ein Leben als lebenswerter ansehen als ein anderes. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der menschliche Defizite als etwas "anormales" angesehen werden.

FreieWelt.net: In vielen Ländern Europas ist die PID unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt und mittlerweile eine gängige Untersuchung bei der künstlichen Befruchtung. Steht bei einem PID-Verbot in Deutschland nicht zu befürchten, daß viele Paare sich im Ausland Hilfe holen?

Andrea Nahles: Wir sprechen hier über ein geringe Zahl von nur ca. 200 betroffenen Paaren in Deutschland. Natürlich kann man diese Art des Reproduktions-Tourismus nicht verhindern, aber dieses Argument trifft auch auf alle anderen Gesetze zu, die wir machen. Menschen lassen sich in Polen den Zahnersatz machen oder holen sich Spendersamen aus den USA. Das kann man nicht verhindern. Trotzdem ist es unsere Pflicht als Gesetzgeber, die Regeln für unser Land neu zu justieren.

FreieWelt.net: Eltern, die sich für eine künstliche Befruchtung entschieden haben, haben zumeist schon einen langen Leidensweg vieler enttäuschter Hoffnungen auf ein eigenes Kind zurückgelegt. Wie stehen Sie zu der Ansicht viele Unterstützer einer PID-Zulassung, daß die PID das Leiden dieser Eltern vermindern kann?

Andrea Nahles: International gibt es bislang noch keine Studie, die belegt, dass durch PID die Zahl der Fehlgeburten oder Schwangerschaftsabbrüche insgesamt gesenkt werden kann. Fehl- und Totgeburten können neben genetischen auch hormonelle oder organische Ursachen haben, denen durch die PID nicht abgeholfen werden kann. Zudem ist es bei vielen genetischen Störungen schwierig, die Überlebensfähigkeit eines Kindes bzw. seine Lebenserwartung exakt zu prognostizieren.
Viele Familien mit behinderten Kindern erhalten heute vom Staat und der Gesellschaft immer noch nicht die Unterstützung und Hilfe, die sie verdienen. Statt den Ausweg in einer Auswahl nach genetischen Qualitätsmerkmalen zu suchen, ist es unser Ziel, Menschen mit schweren Krankheiten und Behinderungen und ihren Angehörigen bestmöglich zu unterstützen und ein weitestgehend normales und gleichberechtigtes Leben zu ermöglichen. Hier ist noch viel zu tun. Es bedarf umfassender gesellschaftlicher Bemühungen im Bereich der Antidiskriminierung und Barrierefreiheit sowie angemessene Maßnahmen zur individuellen Unterstützung, um die Ziele der UN-Behindertenkonvention auch in Deutschland endlich umzusetzen.
Eine eben solche Unterstützung wollen wir auch den Paaren geben, die mehrfach Tot- oder Fehlgeburten erleiden müssen. Die Zulassung der PID ist in unseren Augen aus den o.g. Gründen allerdings keine Option, weil ihre negativen gesellschaftlichen Auswirkungen die positiven weit überwiegen würden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führten Sven von Storch und Kerstin Schneider

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Redaktion FreieWelt.net, 16.05.2011 14:53 | Kommentare (6)




 
  Kommentare (6)

Missy, 20.06.2011 15:50
ich finde es unmöglich so eine Aktion zu starten wo man nur PID stoppen kann und kein Button gibt für die Zustimmung der PID.

Unmöglich.

So lange die Menschen selber nicht von einem Gendefekt betroffen sind können sie alle gut mitreden.

Da verstehe ich nicht.

Das leben fängt in der Gebermutter der Frau an und nicht in der Petrischalle.

Die PID ist eine Chance für Familien mit Gendefekt überhaupt Kinder auf die Welt zu bringen.


Mir-platzt-der-Kragen!, 03.06.2011 13:03
"Statt den Ausweg in einer Auswahl nach genetischen Qualitätsmerkmalen zu suchen, ist es unser Ziel, Menschen mit schweren Krankheiten und Behinderungen und ihren Angehörigen bestmöglich zu unterstützen und ein weitestgehend normales und gleichberechtigtes Leben zu ermöglichen."

Soweit also Frau Nahles, die natürlich kein behindertes Kind geboren hat. Wie aber steht es wirklich um die sogenannte "Hilfe" für z.B. alleinerziehenden Müttern mit behinderten Kindern? Wie wird denen denn geholfen? Gar nicht! Als Mutter einer Tochter mit Asperger Autismus wurde uns das Pflegegeld gestrichen, auf eine normale Schule konnte meine Tochter nur gehen, weil ich den Peditionsausschuss in Berlin angerufen habe, Schulhelfer gab es nur in den letzten drei Schuljahren und dass sie jetzt die Fachhochschulreife geschafft hat, liegt sicherlich nicht an den tollen Hilfen, die so reich verteilt wurden! Eine weitere Schwangerschaft wurde von mir nicht ausgetragen, obwohl die "Rahmenbedingungen" zwar besser waren, aber was, wenn dieses Kind ebenfalls behindert wäre?? Und was wenn sich die "Rahmenbedingungen" geändert hätten und ich dann alleinerziehend mit zwei behinderten Kindern gewesen wäre? Denkt auch nur einer mal an die Mütter, die sich vor der Aufgabe sehen, ein behindertes Kind großzuziehen?? Jede, die sich das zutraut, wird es tun, ob mit oder ohne PID!
Jede, die sich das nicht zutraut, sollte vorher Bescheid wissen. Denn auch dann ist es immer noch die Entscheidung der Mutter/des Paares, ob man ein Kind letztlich will oder nicht, ob mit oder ohne Behinderung. Als ob sich irgendwer diese Entscheidung leicht machen würde! Entscheidungen am grünen Tisch finde ich sowas von bescheuert! Diese lebensfremden Politiker wissen doch nicht mal, was ein Joghurt im Supermarkt kostet!!


Günter Annen, 25.05.2011 09:02
Den Dammnruch hatten wir bereits vor einigen Jahrzehnten mit der Freigabe der vorgeburtlichen Kindstötung.

Die Wissenschaftler schreiten voran und nicht alles ist und wird zum Ser Menschheit.

Hätter die Nazis die Möglichkeit zur PID bereits gehabt, sie hätten diese natürlich angewendet.
Die Begründung wäre die gleiche gewesen wie heute:
Um die Mütter zu "beglücken" und um Leid zu vermeiden.
Im Gedankengut sind viele von damals stehen geblieben. Schade!!


Rudi Gems, 16.05.2011 23:06
Na, die SPD, scheint es nötig zu haben? Wenn ich mir nur ansehe, wie gleichgültig man auf Seiten der SPD, mit dem Problem der Abtreibungen umgeht, fällt einem nur noch der Begriff "Doppelmoral" ein.

Das Aussortieren von Erbgut, hat in der BRD, schon eine jahrzehntelange Tradition. Es ist schon seit Jahrzehnten möglich, Embrionen, vor Erbkrankheiten zu schützen, indem man sie vom Geschlecht her trennt, um damit Vererbungskrankheiten zu vermeiden, die nur ein Geschlecht treffen.

Christlich religiöse Argumente, lasse ich überhaupt nicht gelten. Der Schöpfer, hat selber eine Art von "PID", in den Menschen eingebaut, die man daran erkennt, das junge Frauen, verstärkt, Frühschwangerschaften verlieren, die offensichtlich, von der Vererbubg her, problematisch sind. Das wiederum erkennt man daran, das ältere Frauen, solche Problemvererbungen, statistisch, öfter austragen. Wobei bei den älteren Frauen, offensichtlich, die Körpereigene "PID", nicht mehr optimal, funktioniert.

Die Diskussion, um die PID, insbesondere hier im Blog, ist mir zu tendenziell. Für mich hat diese Diskussion, das "Computersyndrom". Genauso wie damals, als man uns mit den haarsträubendsten Argumenten, den Computer madig gemacht hat, was den "Erfolg" hatte, das ich heute die größten beruflichen Nachteile habe, will man uns nun offensichtlich weismachen, wie verwerflich die PID ist. Ich werde mich jedenfalls nicht davon anstecken lassen.

Natürlich muss man auch mit so einer Möglichkeit, wie PID, besonders verantwortungsvoll umgehen, aber eine völlige Verurteilung, lehne ich ab.

Grüße, Rudi Gems


Freigeist, 16.05.2011 22:42
Da haben wir mal wieder die "Verbots-Frau". Zum Glück gibt es Staaten, die es zulassen werden. In Asien wird es ausgebaut und ein Hit werden.

Karin, 16.05.2011 16:10
ein dammbruch?!! wenn überhaupt wird dieses verfahren nur unter sehr strengen rahmenbedingungen zugelassen werden. Es ist eine absichtliche fehlinformation die sie hier seit tagen verbreiten.


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